14. März 1942

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[Salo­ni­ki] Sonn­abend, den 14.3.42

Her­zens­schät­ze­lein! Gelieb­tes, teu­res Herz! Mei­ne lie­be [Hil­de]!

Sonn­abend­abend. Es ist eben 8 Uhr vor­bei. Warm ist’s in unser[e]m Stüb­chen. Kame­rad K. hat sich eben ins Nach­bar­zim­mer bege­ben zum Skat­a­bend. Dar­auf hat doch das Man­ner­li gewar­tet. Nun kann es ganz unge­stört mit Dir plau­dern, ganz lieb Zwie­spra­che hal­ten, gelieb­tes Herz!

“14. März 1942” wei­ter­le­sen

22. März 1942

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[Salo­ni­ki] Sonn­tag, den 22. März 1942

Her­zens­schät­ze­lein! Gelieb­tes, teu­res Weib!

Sonn­tag­abend ist. Viel­leicht sitzt Du um die­se Stun­de am ande­ren Ende und denkst mein, Gelieb­te! Ach Du! Du!!! Soviel Unge­duld und Unru­he habe ich doch über­haupt noch nicht in mir gespürt wie gera­de nach die­sem Urlaub. Wei­ter­le­sen!

19. März 1942

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[Salo­ni­ki] Don­ners­tag, den 19. März 1942

Herz­al­ler­liebs­te! Du! Mein lie­bes, teu­res Weib! Mei­ne [Hil­de]!

Her­ze­lein! In Dei­nem lie­ben Diens­tag­bo­ten sprichst Du mir noch ein­mal von den Mög­lich­kei­ten einer Dienst­ver­pflich­tung. Sie steht im Hin­ter­grund wie sei­ner­zeit das Gespenst mei­ner Ein­be­ru­fung. Ach Gelieb­te, ich kann noch gar nicht an die­ses Gespenst glau­ben. Wei­ter­le­sen!

15. März 1942

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37.

Sonn­tag, am 15. März 1942.

Her­zens­schät­ze­lein! Mein gelieb­ter guter [Roland]!

Es wird bald um 2 Uhr nach­mit­tags sein. Ich sit­ze wie­der bei mei­ner liebs­ten Beschäf­ti­gung des Tages. Eben habe ich das Radio aus­ge­schal­tet, der Vater will Mit­tags­ru­he hal­ten. Die Hel­den­ge­denk­fei­er, die aus dem Zeug­haus in Ber­lin über­tra­gen wur­de, wo der Füh­rer sprach, ist vor­bei. Du wirst sicher­lich auch vor dem Rund­funk geses­sen haben, Euer Sen­der war doch eben­falls mit ange­schlos­sen. Es war gewiß als Dienst ange­setzt gelt?, daß Ihr der Fei­er bei­wohn­tet. Ich war auch heu­te in der Kir­che zum Hel­den­ge­den­ken. Der Pfar­rer sprach ein­drucks­voll zur Gemein­de, und wir von der Kan­to­rei tru­gen dazu bei, der Fei­er­stun­de durch Gesangs­dar­bie­tun­gen ein nach­hal­ti­ges Geprä­ge zu geben. Sehr fei­er­lich ver­lief alles.

Die Par­tei ver­an­stal­te­te anschlie­ßend das ‘ihre’ im [Ver­eins­haus]. Ich ver­ste­he das nicht recht. Hel­den­ge­den­ken, das ist eine Ange­le­gen­heit des Inne­ren und fin­det ihren Rah­men mei­nes Erach­tens allein im Got­tes­haus. Die Kranz­nie­der­le­gung am Ehren­mal ist Sache für sich sowie­so.

Ach mein [Roland]! Ich glau­be, wer zu den Bedau­erns­wer­ten [sic] Men­schen gehört, die solch gro­ßes Opfer brin­gen muß­ten in die­ser Zeit, die gehen schon aus Her­zens­dran­ge dahin, wo man See­len­frie­den fin­det, wo man den Trost fin­det, den das Inne­re ver­langt. Das Leben und Ster­ben Chris­ti allein ver­mag uns, in sei­ner tie­fen Wahr­haf­tig­keit – mit dem eig[e]nen Schick­sal abzu­fin­den; es läßt uns stil­le wer­den und demü­tig. Der Glau­ben [sic] allein hält uns auf­recht. Gut­ge­mein­te Wor­te irgend eines [sic] Men­schen kön­nen nie­mals soviel Kraft aus­strö­men, als Wor­te ewi­ger Wahr­heit. Und der Mensch sucht nie inbrüns­ti­ger nach Gott, nach dem ewig Blei­ben­den, als in see­li­scher Not.

Ich habe so voll Dank­bar­keit dar­an gedacht heu­te wie­der, daß Gott uns in unse­rem Krei­se vor solch schwe­ren Schick­sals­schlag bewahr­te. O gebe er, daß das Blut­ver­gie­ßen bald für immer auf­hö­re! Daß Ihr Lie­ben alle gesund heim­keh­ren könnt! Gelieb­ter! Am aller­meis­ten bete ich für Dich – Du mein Aller­liebs­tes, Aller­bes­tes auf Erden! Ich lie­be Dich so von gan­zem Her­zen und ich mag nicht mehr leben, wenn Du mir genom­men wirst. Oh Her­ze­lein! So ein trau­ri­ger stil­ler Tag, der einem alles Her­ze­leid so nahe vor Augen [fü]hrt, der will uns doch auch mit trau­rig stim­men.

Und ich will doch nicht in Trau­er ver­sin­ken, trotz­dem ich den Schmerz der Mit­men­schen nach­füh­le. Her­ze­lein! Got­tes Lie­be hat sich so wun­der­bar an unser[e]m bis­he­ri­gen Lebens­weg bewie­sen, erfüllt. Lob und Dank und zutiefs­te Her­zens­freu­de will uns bewe­gen, wenn wir dar­an den­ken.

Dür­fen wir so glück­lich sein, wäh­rend and[e]re neben uns vor Schmerz ver­ge­hen wol­len?

Das Leben ist schon immer so gewe­sen mit sei­nen Gegen­sät­zen      hoch und tief. [sic]

Das Leben ist stär­ker als das Ver­ge­hen, es reißt uns mit – wir müs­sen wei­ter. Und wir müs­sen der Zukunft leben, alle, soll unser gan­zes Volk bestehen blei­ben. Gott will auch nicht, daß wir uns in Schmerz ver­gra­ben und vor der Welt ver­schlie­ßen. Das Gesetz des Lebens ist ein hei­li­ges. Und wir müs­sen dop­pel­ten Lebens­mut bewei­sen, wenn rings­um blü­hen­des Leben ver­geht – wir wol­len denen hel­fen, die übrig blie­ben, mit der Tat. Wenn sie einst auf­wa­chen aus ihrem Schmerz, aus ihrer Trau­er um ver­lo­re­nes Glück, dann sol­len sie nicht in eine trü­be, mit sich zer­fal­le­ne Umwelt zurück­fin­den – dann sol­len sie von Hel­lig­keit, von Schaf­fens­drang und star­kem Lebens­wil­len umfan­gen sein, der sie in sich auf­nimmt und mit fort­trägt. Wie vie­le gute, wert­vol­le Kräf­te lie­gen brach, unbrauch­bar, weil per­sön­li­ches Leid die Schaf­fens­kraft lähmt.

Gin­ge es uns nicht selbst so, wenn ein so har­ter Ver­lust zu bekla­gen wäre? Alles ist aus – vor­bei, es scheint alles sinn­los – wozu? Für wen? Und das darf nicht sein! Zuviel gute Kraft geht somit unser[e]m gan­zen Volk ver­lo­ren. Wir müs­sen uns hin­durch­rin­gen zu dem Sinn uns[e]res Daseins und Lebens. Und das kön­nen wir allein nur mit­hil­fe uns[e]res Glau­bens. Oh möge allen Schmerz­be­dräng­ten das tröst­li­che Licht uns[e]res Glau­bens auf­ge­hen! Möge der Herr­gott sein Volk zu sich zie­hen – dann kann alles, alles gut wer­den.

Mein Herz­lieb! Ich will doch ganz froh und glück­lich mit Dir sein! Ich möch­te Dir doch nur Freu­de und Son­nen­schein brin­gen! Ich möch­te Dich so ganz innig fest an mein Herz drü­cken, Dir immer wie­der zei­gen, wie sooo lieb ich Dich habe, mein [Roland]!! Dir recht zei­gen, daß Du der Ein­zi­ge, der Liebs­te mein bist! Oh mein Gelieb­ter! Mein gan­zes Sein gehört Dir. Du hast mein Herz – hast mich so ganz! Unver­rück­bar fest steht Dein Bild, das gelieb[te] in mei­nem Her­zen. Ich lie­be Dich aus tiefs­tem Her­zens­grun­de! Ich blei­be ewig Dein! Nichts kann mich von Dei­ner Sei­te rei­ßen, als der Tod.

Gelieb­ter! Ich habe heu­te zwei lie­be Brie­fe von Dir bekom­men, vom Sonn­tag, Mon­tag, dem 8.+ 9. März. Ich dan­ke Dir recht herz­lich dafür, Du! [Du] Bist sooo lieb zu mir gekom­men, mein Schät­ze­lein! Du!!! !!!!! !!!!! [Du] Bist mei­nes Her­zens gan­ze Freu­de, mein Glück! Du machst mich sooo glück­lich! Ich bin so froh! Nun ist rech­ter Son­nen­tag für mich! Drau­ßen scheint auch die Son­ne ganz warm heu­te, es taut, taut!! Die Wege strot­zen vor Schmutz. Ich den­ke: nun hat d[ie] Son­ne gesiegt. Mein lie­ber [Roland]! Eine Neu­ig­keit eben. Die jun­ge Frau M. war bei mir und sag­te mir einen Gruß von Frau B., der Bereit­schafts­füh­re­rin des Roten Kreu­zes, daß ich heu­te abend [… Uhr] am Bahn­hof zu O. mich ein­fin­den möch­te. Ein Trans­port Schwer­ver­wun­de­ter trifft ein. Sie hät­te schon bei U.s ange­ru­fen, es habe aber nie­mand gehört. So hat sie es in der Nach­bar­schaft noch[ein]mal ver­sucht. Was soll ich tun?

Du kannst mir nicht raten, Her­ze­lein! [Du] Bist zu weit. Ich habe mich bei der Auf­nah­me zu dem Kur­sus nicht zur Bereit­schaft gemel­det – dem­nach hat mich Frau B. auch nicht ein­zu­set­zen. War­um beach­tet sie das wohl nicht? Ent­we­der man­gelt es ihr an Hil­fen – weil Sonn­tag ist – oder über­haupt – oder hat sie nur bestimm­te Per­so­nen dazu her­aus­ge­zo­gen? Die kei­nen Beruf haben? Oder die sie eben nur tele­fo­nisch errei­chen konn­te, weil so ein Trans­port auch nicht lan­ge vor­her ange­mel­det wird. Oder berück­sich­tigt sie hier­bei das Talent als [He]lferin, sie hat ja den Übungs­stun­den immer bei­gewohnt und kann das beur­tei­len, wer sich eig­net. Ich ver­mu­te das nur, weil mir die jun­ge Frau M. auf­zähl­te, wer alles dabei ist heu­te abend und ich muß fest­stel­len, es sind nur alle die, die sich nicht dumm anstell­ten.

Also: viel nüt­zen wer­den wir in unser[e]m Fach spe­zi­ell nicht heu­te. Denn es kom­men bestimmt nur Hand­rei­chun­gen in Fra­ge – all­zu weit rei­chen ja die Kennt­nis­se uns[e]rer Leu­te noch nicht. Ver­pfle­gung her­zu­tra­gen, aus­tei­len u. so wei­ter. Das den­ke ich. Ich wer­de es so machen, Her­ze­lein. Ich gehe heu­te hin und sage Frau B., daß sie in Zukunft bit­te beach­ten möch­te, daß ich nicht in der Bereit­schaft bin. Mein Mann wünscht nicht, daß ich mich aktiv betä­ti­ge.

Ich muß ehr­lich sein: ich brin­ge es nicht übers Herz, daß ich mich der Bit­te wider­set­ze und den armen Ver­wun­de­ten nicht hel­fe, wo ich doch kann. Glaubst [Du] Her­ze­lein, es gibt mir über­haupt immer einen Stich ins Herz, wenn Frau B. um frei­wil­li­ge Mel­dung bit­tet zum Hilfs­dienst. Es sehen unwill­kür­lich alle zuerst nach denen, von denen sie wis­sen, sie ste­hen nicht in einem Beruf. Ich bin in die­ser Hin­sicht sehr emp­find­lich, mich trifft das – viel­leicht mehr als die ander[e]n. Wenn ich beden­ke: es ist so wenig, was ver­langt wird, aller paar Wochen [ein]mal einen hal­ben Tag Bahn­hofs­dienst, oder eini­ge Stun­den Hil­fe bei einem Ver­wun­de­ten­trans­port – was nicht oft vor­kommt. Ist es nicht erbärm­lich, wer da noch zögern kann? Was müs­sen die Sol­da­ten ein­set­zen? Nicht nur ihre Zeit, ihre Kraft, ihre Frei­heit, sogar ihr Leben. Und ich will gei­zen mit einem gerin­gen Teil nur mei­ner Zeit? Ach Du! Bin ich nicht ein eng­her­zi­ger Mensch? O Gelieb­ter! Hilf mir doch, ich bit­te Dich! Die­ser Zustand zwi­schen Lie­be und Pflicht­ge­fühl macht mir Her­zenspein. Was soll ich tun, Her­ze­lein? Es kränkt Dich, wenn ich mei­nem Pflicht­ge­fühl nach­ge­be, ich weiß es. Und ich will Dich nicht betrü­ben! Du!! Aber rich­tig froh kann ich auch nicht sein, wenn ich über alles nach­den­ke. Oh Du! Hilf mir Klar­heit schaf­fen, mein [Roland]! Bera­te mit mir ganz lieb dar­über, wie in allen Din­gen, bit­te!

Du! Muß nicht ein jeder von uns sich ein­set­zen mit sei­nen bes­ten Kräf­ten – müs­sen wir nicht ein Gan­zes sein in der Hei­mat? Wenn alle so zögern woll­ten wie ich – wohin kämen wir da? Oh Her­ze­lein! Wenn ich den­ke: Du wärest mit dabei, wenn ein Ver­wun­de­ten­zug in der Hei­mat ankommt und die, von denen man Hil­fe erwar­tet und so sehn­lich erwünscht nach allen Stra­pa­zen, die steht da zögernd und besinnt sich erst. O nein – so eine will ich nicht sein!

Mein gelieb­tes Her­ze­lein! Mein lie­ber [Roland]! Ich will Dir kei­nen Kum­mer machen, ich will Dich auch nicht betrü­ben, Du! Dazu habe ich Dich viel zu lieb! Weißt Du das? Oh fühlst Du das? Du! Ich möch­te immer ganz eins sein mit Dir! Gelieb­ter! Sag – ver­traust Du mir? Weißt Du, daß ich aus kei­ner­lei unlau­te­ren Regun­gen sol­che Gedan­ken habe, Gelieb­ter! Daß ich nur das schrei­be, was ich wirk­lich emp­fin­de dazu?

Her­ze­lein! Du sollst ent­schei­den über mich. Du bist mein Man­ner­li, mein lie­ber guter Beschüt­zer, dem ich mich in Lie­be erge­be. In tiefs­ter Lie­be, Du! Wie Du willst, so soll es sein.

Ich muß Dich so lieb­ha­ben ––––– ich tue Dir alles zulie­be, Du!

Nun sei für heu­te von Her­zen gegrüßt und her­zin­nig geküßt von

Dei­ner glück­li­chen [Hil­de].

Gott behü­te Dich, mein Son­nen­schein!

Ich bin sooo glück­lich Dei­ner Lie­be!!

23. Dezember 1941

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Diens­tag,  den 23. Dez. 1941

Her­zens­schät­ze­lein! Herz­al­ler­liebs­te! Mein lie­bes, teu­res Weib!

Nun ist doch schon der ers­te Tag in mei­nem neu­en Jahr. Strah­lend blau­er Him­mel, kal­te kla­re Luft, stahl­blau das Meer — nur die Berg­kup­pen sind schnee­be­deckt, sonst erin­nert nichts an Weih­nach­ten und Win­ter. Auch nicht in der Stadt. Ein paar Blu­men­lä­den hal­ten Tan­nen­bäu­me feil. An meh­re­ren Stän­den ver­kauft man gro­ße Zwei­ge mit grü­nen, rund­li­chen, led­ri­gen Blät­tern und roten Bee­ren — ist wohl der Mis­tel­zweig, der in Eng­land als Weih­nachts­schmuck dient. In einem Schau­fens­ter steht solch ein Zweig, ange­putzt mit bun­tem Glas­schmuck. Ob und wie hier das Weih­nachts­fest gefei­ert wird, danach will ich mich noch umtun.

Heu­te zu mit­tag woll­ten wir noch ein­mal baden gehen vorm Fes­te – aber es war so gro­ßer Andrang von Frau­en und Kin­dern, eine Stun­de soll­ten wir war­ten. Möch­ten wir nicht.  Waschen wir uns die Bei­nel zu Hau­se – und zu dem andern wird auch noch Rat. Aber gelacht haben wir, daß sich vor [W]eihnachten so viel auf die rei­ni­gen­de Wir­kung des Was­sers besin­nen.

Wie wir das Fest bege­hen, kann ich Dir heu­te noch nicht ein­mal schrei­ben. Soviel mir bis jetzt bekannt ist, soll am Hei­lig­abend nicht mal ein Got­tes­dienst sein, son­dern nur „über­kon­fes­sio­nel­le Weih­nachts­fei­ern“. Für die Fei­er­ta­ge, Syl­ves­ter und Neu­jahr sind evan­ge­li­sche Got­tes­diens­te ange­setzt. Ich bin ein wenig ent­täuscht dar­über, daß kei­ne evan­ge­li­sche Weih­nachts­fei­er sein soll. In die ande­ren Fei­ern mag ich nicht gehen. Das ist weder Fisch noch Fleisch. Mit dem Schlag­wort „über­kon­fes­sio­nell“ tar­nen sich die Chris­ten­fein­de. Sie wei­sen auf die (frei­lich bedau­er­li­che) Zersplitterun[g] der Kir­che hin, schie­ben die Fra­ge der Eini­gung in den Vor­der­grund (weil auch im Poli­ti­schen alles auf Eini­gung hin­drängt) aber nur, um den Glau­ben zu ver­wäs­sern und damit dem Glau­ben die Kraft zu neh­men. Fra­gen der Kir­chen­or­ga­ni­sa­ti­on sind zwei­ten Ran­ges. Ich könn­te mir durch­aus den­ken, daß die Chris­ten inner­halb des deut­schen Rei­ches ein­mal eine gro­ße Gemein­de bil­den. Die Über­brü­ckung des Gegen­sat­zes und der ver­schie­de­nen Glau­bens­prä­gun­gen katho­lisch und evan­ge­lisch bleibt dabei das schwers­te Stück. Aber jetzt geht es um mehr als um die Orga­ni­sa­ti­on des Glau­bens­le­bens, es geht um den Bestand des Glau­bens über­haupt, es gilt ihn zu ver­tei­di­gen gegen Fein­de, die sei­ne Ver­nich­tung und Ver­ban­nung wol­len. In die­ser Zeit ist die Fra­ge der Orga­ni­sa­ti­on ganz zweit­ran­gig.

Wer sie in den Vor­der­grund schiebt, beweist, daß er nicht weiß, wor­um es geht. Oder schlim­mer, daß er es nicht wis­sen will und die Kir­che nur poli­ti­schen Machern in die Hän­de spie­len will. Es ist eine ganz böse, erns­te Kri­se, in der die Kir­che sich befin­det. Wo sich d[ie] Kir­che nicht treu bleibt jetzt, wird sie zer­malmt. Treue zur Wahr­heit ist obers­tes Gebot.

Ach Her­ze­lein, ich habe mich ver­lo­ren.

Es soll dann am Hei­lig­abend auch eine gemein­sa­me Fei­er sein der Bewoh­ner unse­res Hau­ses, mili­tä­ri­scher: der Sol­da­ten uns[e]rer Kaser­ne. Wie die­se Fei­er aus­se­hen soll, weiß ich nicht.

Sie wird gar nicht fei­er­lich sein. Ers­tens ist es viel zu eng. Zwei­tens ist unter den Bur­schen, wie wir sie hier in der Über­zahl haben, ein Weih­nachts­fei­ern über­haupt unmög­lich. Ach Her­ze­lein, das muß man ganz nüch­tern fest­stel­len, so erschüt­ternd es auch ist. Mil­dernd kann man hier nur anfüh­ren, daß eben Krieg ist, daß die­se jung[e]n Men­schen her­aus­ge­ris­sen wur­den aus jeder Ord­nung – das Mili­tär­le­ben, so wie es jetzt ist, ist kei­ne Ord­nung in die­sem Sin­ne – und daß die­se Men­schen eben noch jung sind.

Ich möch­te mir nicht wagen, es ist, glau­be ich, fast unmög­lich, die­sen Leu­ten etwas von Glau­bens­din­gen nahe­zu­brin­gen. Sie zei­gen kei­ne Spur von Ernst, ihre Inter­es­sen sind so ganz anders gerich­tet, sie leben sich aus und haben dabei doch kaum etwas zu leis­ten, sie sind rüde, renom­mie­ren mit „Man­nes­tu­gen­den“ und mar­kie­ren irgend­ein Kraft­mei­er­tum. Und nun, wo hier sich sol­che Ele­men­te auch noch zusam­men­fin­den – wo sie ein­an­der gewis­ser­ma­ßen recht­ge­ben! Nein, ich glau­be, die­se Men­schen muß das Schick­sal erst ein­mal wie­der auf sich allein stel­len und hart anfas­sen – anders kann ich mir nicht den­ken, daß sie die­sen Din­gen über­haupt nur begeg­nen, und dann gar Gehör schen­ken. Und ver­ges­sen darf man nun frei­lich nicht, daß man es hier mit einer ungüns­ti­gen Aus­le­se von Men­schen zu tun hat. Das kann man behaup­ten und bewei­sen. Ich erzäh­le Dir ein­mal davon. Immer­hin bleibt ein Pro­blem: War­um ist die Jugend, die männ­li­che zumal, so schwer an Glau­bens­din­ge her­an­zu­füh­ren? Ist männ­li­che Kraft denn unver­ein­bar mit der Demut des Glau­bens?

Ach Her­ze­lein, man könn­te wohl Bücher fül­len mit der Ant­wort auf die­se Fra­gen. Der recht ver­stan­de­ne Glau­be hat all­zeit unge­bro­che­ne und star­ke Men­schen als Strei­ter für sich gehabt. Es ist eine Ver­fäl­schung des Chris­ten­tums, an der die Kir­che nicht ganz unschul­dig ist, daß zumal im vori­gen Jahr­hun­dert eine fal­sche Sanft­mut und Weich­lich­keit und Welt[fr]emdheit als dem Chris­ten­tum eigen­tüm­lich ange­se­hen wur­de. In die­sem  Anse­hen steht sie er (der Glau­be) bei vie­len ober­fläch­li­chen Men­schen noch heu­te. Um zum rech­ten Glau­ben zu fin­den, gehört eine gewis­se Rei­fe. Und wenn es mit der Jugend ein­mal bes­ser wer­den soll, muß die­ses Glau­bens­le­ben als eine selbst­ver­ständ­li­che fes­te Ord­nung ihnen ent­ge­gen­tre­ten, in die sie hin­ein­wach­sen wie in die Ele­men­te uns[e]rer Bil­dung – muß ihnen eine Welt der Erwach­se­nen vor­ste­hen, der die­ser Glau­be sel­ber fes­ter, unbe­streit­ba­rer Besitz ist, muß ihnen vor­ste­hen in Einig­keit und Geschlos­sen­heit. [Ob] es dahin jemals wie­der kom­men wird?

Wer kann es wis­sen? [A]ber hof­fen müs­sen wir es.

Oh Gelieb­te! Ich bin so glück­lich, daß Du glaubst wie ich! Daß wir ein­an­der ganz ver­ste­hen auch im Glau­ben.

Nun bin ich schon wie­der abge­schweift. Wir bei­de, Kame­rad Z. und ich, wer­den uns so bald als mög­lich davon­steh­len und für uns fei­ern – ach Gelieb­te! Den Kranz, Dei­nen Kranz mit fri­schen Ker­zen bestecken, die Lich­ter anzün­den – und besche­ren – und heim­den­ken. Ach Her­ze­lein! Ich mag nicht vor­weg den­ken. Ich will nicht trau­rig sein. Schon dar­um nicht, weil wir hof­fen dür­fen, bald bei­ein­an­der zu sein! Ich erzäh­le Dir, wie alles gewe­sen ist.

Herz­lieb! In mir ist doch noch soviel Geburts­tags­freu­de! Freu­de, die Du mir berei­tet hast! Ach Du! Wie­viel­mal ich ihn wohl schon gele­sen habe, Dei­nen lie­ben Boten! Ach, und sei­ne Wor­te bewegt,

[Brief unvoll­stän­dig erhal­ten: es fehlt zumin­dest eine Sei­te.]

[G]eliebte!

Her­ze­lein! An die Wor­te mei­nes ers­ten Pfingst­brie­fes an Dich [m]uß ich den­ken. Ich spre­che dar­in von unse­rem Aus­flug. Den vie­len geputz­ten, froh­be­weg­ten Men­schen: „Und nun zu den­ken und vorzuha[be]n, eines mir von den Men­schen­kin­dern wäh­len zu dür­fen! Aus der Fül­le der Mög­lich­kei­ten eine zu ergrei­fen – größ­te Frei­heit und [str]engste Beschrän­kung so dicht bei­ein­an­der!“ Nur in [Ge]danken ist die­se unend­li­che Frei­heit – das Schick­sal weist mit zwin[ge]nder Not­wen­dig­keit auf die eine Mög­lich­keit. Her­ze­lein! Wir [f]anden ein­an­der – neig­ten ein­an­der in Lie­be – und um uns schließt sich der Kreis – und wir ste­hen mit­ten­drin vor der [A]ufgabe, die­sen Kreis ganz zu erfül­len. Und so schließt sich der Kreis [u]m jedes Men­schen­paar. Und wel­ches Men­schen­paar ihn am bes­ten [er]füllt, wel­chem der Gar­ten der Ehe am reichs­ten blüht und Frucht [tr]ägt?: Das sich am meis­ten liebt, das in Lie­be eng ver­bun­den gemein­sam [sch]afft. Gelieb­tes Herz! Wie herr­lich blüht uns der Gar­ten, wie [f]üllt sich unser Kreis vom Reich­tum der Lie­be, wie leuch­tet die [Blu]me der Lie­be in jedes Her­zens­käm­mer­lein, wie ergießt der Lie­be [St]rom sich auch in die feins­ten Ver­äs­te­lun­gen, wie durch­sonnt die [L]iebe unser gan­zes Leben!!! Oh Du! Du!!! So ganz erfüllt sind wir [v]on uns[e]rer Lie­be! Ganz nahe sind wir ein­an­der!

Oh Herz­lieb! Die­se Gewiss­heit Dei­ner Lie­be birgt soviel Freu­de, soviel Kraft! Ach Her­ze­lein! Auf ihr steht mein gan­zes Leben nun, an ihr hängt der Gang mei­nes Her­zens, ruht der Mut zu diese[m] Leben. Die­se Gewiss­heit ist mir immer deut­li­cher und köst­li­cher gewor­den! Du liebst mich! Liebst mich unend­lich! Und Du bewahrst mir die­se Lie­be – Du hältst mir die Hei­mat!

Behü­te Dich Gott! Gelieb­tes Herz!

All mein Den­ken und Seh­nen und Lie­ben geht zu Dir!

An Dei­ner Sei­te, an Dei­nem Her­zen ist mein Platz! Her­ze­lein! Ich lie­be Dich!

Ich her­ze und küs­se Dich! Ich bleib Dir ganz treu! Ich kann dich nim­mer­mehr las­sen, Dich nicht betrü­ben – ich muß Dich ganz lieb­ha­ben!!!

Ich bin Dein! Ganz Dein!

In Ewig­keit

Dein R[oland]