01. Dezember 1938

[381201–1-1]

L. am 1.12.1938

Lie­be [Hil­de]!

14 Tage sind fast dar­über ver­gan­gen, daß wir uns sahen. Die Ein­drü­cke ver­blas­sen. 14 Tage sind noch hin, ehe wir uns wie­der­se­hen. Da tre­ten die Brie­fe wie­der in ihre Rech­te. Es ist etwas Eige­nes um so einen Brief. Da hal­te ich die Bogen in Hän­den, die vor­her in Ihrer Hand waren. Da lese ich die Zei­chen von Ihrer Hand. Mei­ne Augen glei­ten dar­über, wie Ihre Augen dar­über­ge­glit­ten sind, prü­fend, wie sie sich aus­neh­men und ob sie auch aus­rich­ten, was sie sol­len. Und nun ent­zif­fe­re ich den Sinn, lese Ihre Gedan­ken, lese in Ihren Gedan­ken, und zwi­schen den Wor­ten und Zei­len schwin­gen — bei­na­he das Wich­tigs­te — die man­cher­lei Emp­fin­dun­gen, die im Leser die näm­li­chen und ent­spre­chen­den Emp­fin­dun­gen wecken.

Heu­te erhielt ich Ihren lan­gen Brief, 3 Bogen, was hat Sie soviel zu schrei­ben?

Er weck­te selt­sa­me Gedan­ken. Ich wäre unehr­lich, wür­de ich sie ver­schwei­gen. Wei­ter­le­sen!

18. August 1938

Auszug aus "Mermen and Capricorn," Miscellanea Astronomica, Rome, 15th century, Bibliotheca Apostolica, herunterladen von http://de.wikipedia.org/wiki/Steinbock_(Tierkreiszeichen) Juli 2013

[380818–1-1]

16.8.38

18.8.38

Lie­bes Fräu­lein [Lau­be]!

Vie­len Dank für Ihre lie­ben Zei­len. Ich muß rich­tig­stel­len: Ganz ein­sam bin ich nicht mehr. Es ist jemand, der sich um mich küm­mert. Sie ken­nen die­sen Jemand. Der Gedan­ke an die­se lie­be Per­son, daß ich ihr alles schrei­ben und mit­tei­len könn­te, daß sie mir bleibt nach dem Ver­lust, sie [sic] haben mich leich­ter tra­gen las­sen, das dür­fen Sie glau­ben, sie [sic] haben mir auch die Ver­pflich­tung auf­er­legt, über dem gegen­wär­ti­gen Schmerz nicht die Sor­ge um die Zukunft und die eige­ne Gesund­heit zu ver­ges­sen. Wei­ter­le­sen!

14. August 1938

[380814–2-1]

O., am 14. August 1938.

Lie­ber Herr [Nord­hoff]!

Heu­te früh erhielt ich Ihren Brief. Die Nach­richt vom Heim­gan­ge Ihrer lie­ben Groß­mutter hat mich erschüt­tert. Wie uner­forsch­lich sind doch Got­tes Wege. Sie haben alle die furcht­ba­ren Stun­den mit­er­lebt, macht­los dem Schick­sal gegen­über. Und für einen emp­find­sa­men Men­schen wohl das Schlimms­te — Ein­sam­keit im Her­zen.

Ich habe schon ein­mal einen Men­schen mit dem Tode rin­gen s[ehe]n. Eine die den Tod such­te. Ich wer­de die­sen Anblick nie­mals ver­ges­sen. Grau­en und tie­fes Mit­leid, das waren mei­ne Emp­fin­dun­gen damals. Wei­ter­le­sen!

11. August 1938

Friedrich Schubert, "An die Musik," Op. 88, No. 4, Facsimile W. Dahms, 1913, herunterladen Juli 2014 von http://en.wikipedia.org/wiki/An_die_Musik

L. am 11.8.1938

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Lie­bes Fräu­lein [Lau­be]!

/Das waren ein paar schwe­re Tage. Uns[e]re Groß­mutter ist mit­ten aus ihrem Sor­gen und Schaf­fen abge­ru­fen wor­den. Gott gab ihr ein gnä­di­ges Ende.

Briefauszug, S. 1
Brief­aus­zug, S. 1

Vori­ge Woche ging ich baden, Diens­tag und Mitt­woch in B., Don­ners­tag und Frei­tag in G.. Groß­mutter zeig­te sich in den letz­ten Tagen mehr als sonst abge­spannt, leg­te sich zuwei­len nie­der und bekam schwer Luft. Wir scho­ben es auf die Hit­ze. Frei­tag war sie schon früh 6 Uhr auf­ge­stan­den, hat­te Feu­er gemacht, auf­ge­wa­schen und ging dann erschöpft in ihre Kam­mer. Ich hat­te vor, ins Bad zu fah­ren und erst gegen Abend wie­der­zu­kom­men. Groß­mutter stöhn­te, sodaß mei­ne Mut­ter sag­te: Wenn das nicht bes­ser wird, muß ich nach dem Arzt schi­cken. Ich bin indes­sen los­ge­fah­ren. Als ich abends nach Hau­se kam, lag Groß­mutter zu Bett, rang nach Luft, stöhn­te und klag­te über Leib­schmer­zen. Sie hat­te zu Mit­tag noch auf­ge­wa­schen, sich am Nach­mit­tag gelegt und zeig­te Herz­angst und Atem­not, sodaß mei­ne Mut­ter nach dem Arzt schick­te. Der kam abends noch ein­mal, gab ihr 2 Sprit­zen, eine zur Herz­stär­kung, eine zur Beru­hi­gung. Bis früh 4 Uhr schlief sie dar­auf, dann begann sie wie­der zu wirt­schaf­ten. Und nun kam das Schwers­te, das Erschüt­tern­de, das Furcht­ba­re: Groß­mutter hilf­los mit dem Leben rin­gen zu sehen. Wir haben sie fast nur stark gese­hen, sie ließ sich nicht wer­fen. Sie kann­te nur die Sor­ge um ande­re, um uns Enkel zum[al]. Sie hat noch am Don­ners­tag ein Paar Socken zu Ende gestrickt. Sie soll­ten sehen, mit wel­cher Lie­be und Sorg­sam­keit sie mich aus­ge­stat­tet hat. Da steht auf dem Boden eine Kom­mo­de, dar­in lie­gen sorg­sam gebün­delt und beschrif­tet Som­mer­so­cken, Win­ter­so­cken, Taschen­tü­cher, Hem­den und was weiß ich sonst noch. Die­sel­be Ord­nung und Sorg­falt in mei­nen Kom­mo­den­fä­chern unten — und eifer­süch­tig wach­te sie dar­über, daß nie­mand an die­se Ord­nung tas­te­te.

Wei­ter­le­sen!