26. Oktober 1940

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Sonn­abend den 26. Okto­ber 1940

Mein lie­bes, teu­res Herz! Gelieb­te! Hol­de! Mei­ne lie­be [Hil­de]!

Sonn­abend­nach­mit­tag. Die gro­be Arbeit ist getan: Stie­fel geputzt, Spind sau­ber gemacht, Kop­pel­zeug blank, Knöp­fe ange­näht, geba­det. Nun kann ich die fei­ne Arbeit vor­neh­men. Fast leer ist die Stu­be. Vie­le sind wie­der nach Kiel gefah­ren. Ich will heu­te häus­lich blei­ben. Mor­gen am Nach­mit­tag will ich mal aus­rü­cken. Dies ist wahr­schein­lich der letz­te Sonn­abend hier. Wo wer­de ich dann sit­zen, mit Dir zu plau­dern? Kom­men­den Sonn­abend, heißt es, wer­den wir umzie­hen. Alle sind gespannt. Lau­ne und Über­mut ist in alle gefah­ren, die Vor­ge­setz­ten nicht aus­ge­nom­men. Für sie geht ein Stück Arbeit zu Ende, für uns die Rekru­ten- und Aus­bil­dungs­zeit. Für Besich­ti­gung wie für Abschieds­fei­er wird zugleich gerüs­tet. Mei­ne Ver­se sind fer­tig und abge­lie­fert. Wei­ter­le­sen!

29. Oktober 1940

State Flag of Greece (1863-1924 and 1935-1970)
Die Fah­ne Grie­chen­lands. Das faschis­ti­sche Ita­li­en griff Grie­chen­land am 28.10.1940 an, um Spa­zio Vitale/Lebensraum im Mit­tel­meer­raum zu erobern. Abbil­dung: pee­per­man, 20 August 2009, Lizenz­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.

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Diens­tag, den 29. Okto­ber 1940

Mein lie­bes, teu­res Herz! Gelieb­te! Mei­ne lie­be [Hil­de]! Hol­de!

Heu­te begin­ne ich mit dem Schrei­ben schon zu Mit­tag, wer weiß, was heu­te abend noch alles dazwi­schen kommt. Die Vor­be­sich­ti­gung ist vor­bei. Dein Hubo ist nicht auf­ge­fal­len, das genügt. Es ist ein kal­ter, schö­ner Tag heu­te. Mir haben die Hän­de gefro­ren. Heut[’] nach­mit­tag das letz­te Exer­zie­ren hier. Amt­lich ver­lau­tet heu­te: Frei­tag bis früh 10 Uhr ist alles in Marsch gesetzt nach dem neu­en Kom­man­do. Was wird mei­ner war­ten? Wei­ter­le­sen!

30. September 1940

Goering giving a speech to his fighter pilots near Calais September 1940.jpg
Her­mann Göring spricht vor Pilo­ten der Luft­waf­fe über eine Tak­tik­än­de­rung bei den Luft­an­grif­fen auf Lon­don, Beginn Sep­tem­ber bei Calais, Film­still, lizen­ziert unter Fair Use über Wiki­pe­dia, 09.2015.

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Mon­tag, den 30. Sep­tem­ber 1940.

Lie­bes, teu­res Herz, mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de], Du!

Wie­der lie­gen 2 Ruhe­ta­ge hin­ter uns. Sie brach­ten mir die ersehn­te Gele­gen­heit, wie­der ein­mal unge­stört zurück­zu­den­ken, die Mög­lich­keit auch, dem Lager­be­reich wie­der ein­mal zu ent­flie­hen, das Auge schwei­fen zu las­sen über die­ses schö­ne Land. Will­kom­men das alles. Doch dann die übri­gen Stun­den, die Abend­stun­den, spürt man die Lee­re, denkt man an ver­lo­re­ne Zeit, wünscht man den Dienst her­bei, daß die Aus­bil­dung sich auf kür­ze­re Zeit zusam­men­drän­gen möch­te — - — doch wenn auch, eher läßt man uns des­halb doch nicht lau­fen, eh die Zeit um ist. Und wann das ist? Geduld, Geduld. An die­sen fes­seln [sic] rüt­teln erleich­tert nicht. Wei­ter­le­sen!

26. September 1940

Walter Benjamin vers 1928.jpg
Der 1933 aus Ber­lin geflo­he­ne Phi­lo­soph Wal­ter Ben­ja­min, hier auf einem Foto von 1928, nahm sich in der Nacht vom 26. auf den 27.09.1940 im spa­ni­schen Exil das Leben. Foto­graf unbe­kannt, Gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2015.

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Don­ners­tag den 26. Sep­tem­ber 1940.

Mein lie­bes, teu­res Herz, Du, mei­ne lie­be [Hil­de]! Wenn ich auch heu­te von Dir kein Zei­chen erhal­te (wor­an ich übri­gens nicht glau­be), so will ich doch nicht ver­ges­sen, Dich, wie ich hof­fe mit eini­gen Zei­len zu erfreu­en über Dei­ner gro­ßen Kir­mesarbeit. Nun ist es doch dahin gekom­men, daß wir uns täg­lich schrei­ben, ganz von selbst ist es dahin gekom­men, und Aus­nah­men bestä­ti­gen nur die Regel. Ges­tern konn­te man bei uns vie­le ent­täusch­te Gesich­ter sehen: Uns[e]re Aus­bil­dungs­zeit ist bis zum 31. Okto­ber ver­län­gert wor­den! Erst hieß es 14 Tage, dann rech­ne­ten wir mit 4 Wochen und nun wer­den es reich­lich [sic] 8 Wochen. Was ich dazu sage? Da kann man halt nix machen. Unser Zug­füh­rer selbst ist bit­ter ent­täuscht. Er kommt mit uns weg, es ist ihm hier zu öde, außer­dem rech­ne­te er mit Urlaub nach uns[e]rer Aus­bil­dung. Der Trost dar­über ist ein man­nig­fa­cher: Sol­dat sein müs­sen wir hier und dort. Ob wir es dann bes­ser tref­fen, ist die Fra­ge. Es gibt Schrei­ber­stel­len bei der Kom­pa­nie, deren Unter­kunft der Bun­ker ist. Wir sind jetzt hier ganz gut ein­ge­rich­tet. Außer­dem bleibt die Mög­lich­keit, daß wir jeden Tag abbe­ru­fen ^wer­den kön­nen. “Bei der Mari­ne ist alles mög­lich” ist hier auch bei den Vor­ge­setz­ten ein geflü­gel­tes Wort. Da fällt mir ein: Wir dür­fen z.B. [bei Frau­en] unter­ha­ken, was Sol­da­ten von ande­ren Trup­pen­gat­tun­gen nicht dür­fen. Ist das nicht ein Vor­zug?

Ein paar Fra­gen aus vor­an­ge­gan­ge­nen Brie­fen haben [sic] ich Dir noch nicht beant­wor­tet. Von den bei­den O.ern U. und K. habe ich nichts gehört. Sie sind gewiß von Stral­sund aus ande­ren Abtei­lun­gen zuge­teilt wor­den. Von dem Bom­bar­de­ment des Fried­hofs in Rends­burg haben wir hier nichts erfah­ren.

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Kar­te Nord-Ost­see-Kanal, Autor Maxi­mi­li­an Dörr­be­cker (Chum­wa), lizen­ziert unter CC BY-SA 2.0 über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2015.

Rends­burg liegt nicht weit ab von uns. Aus den Brie­fen von Kame­ra­den geht her­vor, daß in den letz­ten Näch­ten Eng­län­der wie­der in Sach­sen gewe­sen sind: Grum­bach bei Frei­tal. In Els­ter­wer­da sol­len 6 Bom­ben gewor­fen wer­den sein. In der Nacht zum Diens­tag hat es bei uns kurz gebal­lert. Alarm ist hier in Schles­wig-Hol­stein fast jede Nacht, aber das ist ja zunächst nur eine War­nung und bedeu­tet noch nicht, daß die Flie­ger wirk­lich kom­men.

Jetzt will ich zur Erhei­te­rung ein paar Aus­drü­cke aus dem Lexi­kon der Kose­na­men, wie sie hier üblich sind, auf­üh­ren [sic]: lau­si­ges, müdes Volk! ihr [sic] Lüm­mels! Sie müder Bra­ten! Sie müder Vogel! Die­se Aus­drü­cke mußt Du Dir nun schon im Mun­de des Feld­we­bels gerun­det und mit dem nöti­gen Akzent vor­ge­tra­gen den­ken. Unser Zug­füh­rer ist Ost­preu­ße, hin­ter sei­nem Grol­len steht unmit­tel­bar das Lachen und Spot­ten.

Ein paar Wün­sche: Ich wäre Dir recht dank­bar, wenn Du mir mal ein paar Äpfel schi­cken könn­test, wir krie­gen hier ganz wenig Gemüs­li­ches [sic] und Obst­li­ches [sic]. Dem Päck­chen kannst Du auch ein[‘] Tube Biox bei­le­gen, die­se Zahn­pas­ta bekom­me ich hier nicht in der Kan­ti­ne.

Du sprichst vom Gut­fol­gen [sic]. Bei uns ist hier schöns­tes Wet­ter. Ich sit­ze hier zur Mit­tags­pau­se im Frei­en und son­ne mich.

Herz­al­ler­liebs­te! Ich war heu­te schon um 4 Uhr mun­ter und mei­ne Gedan­ken und Emp­fin­dun­gen kreis­ten dann um Dei­nen lie­ben Boten von Ges­tern, Du Lie­be! Aber bis zum Sonn­tag ist nicht Muße, mei­ne Gedan­ken und mei­nen Dank dar­über wie­der­zu­schrei­ben. Mußt Dich gedul­den, Lie­bes!

Es ist wie­der abend. Eben erhielt ich Dein Päck­chen mit Eurem müh­sa­men Lie­bes­werk. Kein ande­res Zei­chen könn­te mir bes­ser Dein und Dei­ner lie­ben, ja auch nun mei­ner lie­ben Mut­ter müt­ter­li­che Für­sor­ge deut­lich machen. Ich weiß, mein lie­bes Herz, welch siche­res Fun­da­ment die­se Tugend für unser Glück bil­det. Und soviel Süßig­keit habe ich lan­ge nicht mehr gekos­tet, seit ich von Dir weg bin.

Eben ist die Kino­vor­stel­lung been­det. Heu­te war sie nun. [Du] Wirst aus der Sing­stun­de heim­kom­men. Siehst auch mal nach den Ster­nen, Du? Zwei sind Du und ich, ein gro­ßer und ein klei­ner, wol­len wir uns dar­um zan­ken? Ach Du, ich will gern der klei­ne sein und den schö­nen, gro­ßen bewun­dern. Behüt Dich Gott, Herz­lie­bes. Gleich will ich schla­fen geh[e]n. Liegst Du wohl schon im Bett­chen, Lie­bes, Süßes, Du? Ich lie­be Dich, Du! Ich bin Dein, ganz Dein für alle Zeit

Dein [Roland].

bit­te [sic], grü­ße die lie­ben Eltern, der lie­ben Mut­ter aber einen ganz beson­de­ren dies­mal!T&Savatarsm

25. September 1940

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Stran­de, Tauch­platz. Foto Wusel007, 09.2014, lizen­ziert unter CC BY-SA 3.0 über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2015.

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Mitt­woch am 25. Sep­tem­ber 1940

Herz­al­ler­liebs­te, mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de] Du!

Als ich ges­tern abend [sic] Dei­nen Boten abfer­tig­te, rück­te ein Kame­rad mit den bei­den Fotos her­aus, die ich dann gleich noch dazu­ge­legt habe. Ent­we­der taugt sein Appa­rat nichts oder der Kerl hat kein Geschick, ein geschei­tes Bild habe ich bis jetzt noch nicht von ihm gese­hen. Die bei­den Auf­nah­men sind in dem Bade­ört­chen Stran­de gemacht am ers­ten Aus­geh­sonn­tag. Wenn ich ein rich­ti­ges Stand­quar­tier haben wer­de, las­se ich mir mei­nen eig[e]nen Appa­rat schi­cken. Wei­ter­le­sen!