06. Dezember 1938

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O., am 5.12.1938.

am 6.12.1938.

Lie­ber [Roland]!

Der end­lo­se Sonn­tag ist vor­über. Mit grau­en, undurch­dring­li­chen Wol­ken war der Him­mel ver­han­gen; tief und regen­schwer jag­te sie der Wind vor sich her. Am spä­ten Nach­mit­tag, als ich das Paket fer­tig gemacht hat­te, litt es mich nicht mehr daheim. Ich lief über die Feld­we­ge dem Wal­de zu — dies­mal gab er mir nicht die Ruhe und [de]n Frie­den. Das Wet­ter war schuld dar­an. Der Sturm zerr­te an den kah­len Ästen der Bäu­me, ich mei­ne dann immer, daß sie seuf­zen. Mei­ne Schrit­te gin­gen fast unter in die­sem Toben. Trost­lo­sig­keit rings um mich her — war so das Ende? Allein, in die­sem Ster­ben. Ein Grau­en über­fiel mich. Ich lief zurück — muß­te wie­der Men­schen begeg­nen, füh­len, daß ich nicht allein war.

Wie leicht und froh­ge­mut war mir zu Sinn am vori­gen Sonn­tag. Ihre lie­ben Zei­len hat­ten mich unse­rer Freund­schaft wie­der ein­mal so r[ec]ht froh bewußt gemacht. Und aus die­sem Gefühl her­aus schrieb ich den letz­ten Brief. Schrieb ich Ihnen das alles, weil ich kein Geheim­nis vor Ihnen haben will. Ja war­um schrieb ich es eigent­lich nie­der? Wei­ter­le­sen!

12. September 1938

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11.9.38.

O., am 12. Sep­tem­ber 1938.

Lie­ber Herr [Nord­hoff]!

Schon ges­tern woll­te ich Ihnen schrei­ben, doch der Besuch mei­ner Freun­din hielt mich davon ab. Ich war ein wenig ärger­lich dar­über, gera­de ges­tern waren die Eltern bei der Groß­mutter — ich wäre so schön allein und unge­stört gewe­sen. Manch­mal benei­de ich Sie um Ihre Ein­sam­keit. Ich habe ges­tern viel an Sie den­ken müs­sen, mor­gens — nach­mit­tags. Wir waren auch spa­zie­ren, doch nicht drau­ßen im Frei­en. Lui­se inter­es­sier­te sich mehr für die neu­en Herbst­mo­den in der Stadt. Ein wun­der­ba­rer Film wur­de gespielt, wir haben ihn ange­se­hen. „Hei­mat”, mit Zarah Lean­der, eine ganz ein­zig­ar­ti­ge Stim­me besitzt die­se Schau­spie­le­rin; wenn Sie Gele­gen­heit haben, die­sen Film müs­sen Sie anse­hen. Im Jahn­haus war Kampf­bahn­wei­he, ich bin nicht hin­ge­gan­gen.

Ich glau­be, daß Sie doch manch­mal Sehn­sucht nach O[.] haben. Die Gegend rund­um büßt doch, trotz­dem sie indus­trie­reich ist, land­schaft­lich nicht ein, und sie

Zarah Leander, Heimat, 1938, Quelle: F. W. Murnau-Stiftung, http://www.murnau-stiftung.de/, herunterladen von http://www.filmportal.de/node/10721/gallery, August 2013
Zarah Lean­der, Hei­mat, 1938, Quel­le: F. W. Murnau-Stif­tung, http://www.murnau-stiftung.de/, her­un­ter­la­den von http://www.filmportal.de/node/10721/gallery, August 2013

hat ihre eige­nen Rei­ze, die ein man­cher viel­leicht gar­nicht wahr­nimmt. Man muß eben auch etwas emp­fäng­lich für die Natur sein. Wenn man sich ein Stück Erde selbst erschließt, ohne daß man erst von ander[e]n dar­auf auf­merk­sam gemacht wird, dann ist es uns dop­pelt lieb und wert. Wenn[‘]s bei uns auch kei­ne bedeu­ten­den Sehens­wür­dig­kei­ten gibt wie anders­wo, ich ach­te die­ses Stück Erde, ist es doch das Land mei­ner Kind­heit und Jugend. Ich freue mich, daß Sie in der Zeit, die Sie hier weil­ten, mei­ne Hei­mat lieb­ge­wan­nen. Auch ich gehe gern in mei­ner frei­en Zeit da hin­aus, wo man recht weit ins Land bli­cken kann — am liebs­ten allein. Wei­ter­le­sen!

31. August 1938

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O., am 31. August 38.

Lie­ber Herr [Nord­hoff]!

[I]ch bin am Sonn­tag wie­der gut zu Hau­se ange­langt. Doch nicht so froh und unbe­schwert als ander­mal. Sie muß­ten es ganz gewiß auch spü­ren; es ist seit dem Abschied etwas zwi­schen uns getre­ten, etwas Dunk­les, Frem­des. Ich quä­le mich die gan­ze Zeit mit dem Gedan­ken, daß ich es war, die den Miß­klang hin­ein­brach­te in unser[e]n Abschied, durch mein vor­ei­li­ges Han­deln auf dem Bahn­hof. Und ich weiß, daß ich Sie betrüb­te; denn Ihre Augen lügen nicht. Bit­te, ver­zei­hen Sie mir das, es war bestimmt nicht bös[‘] gemeint. Es fällt mir so schwer, in allem Ihr Gast zu sein. Wei­ter­le­sen!

4. Juli 1938

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2.7.38

O., am 4. Juli 1938.

Lie­ber Herr [Nord­hoff]!

Auszug aus dem Brief
Aus­zug aus dem Brief

Heu­te muß ich den Brief begin­nen, auch wenn ich weiß, daß ich ihn nicht zu Ende schrei­ben kann, mei­ner Müdig­keit hal­ber. Doch ich bin dann im Bewußt­sein, Ihnen Genü­ge getan zu haben, indem ich Ihnen mei­ne gute Heim­kehr mel­de. Ja, mei­ne Rück­rei­se ging etwas ver­dreht an und soll­te auch so enden. In Frei­berg hielt der Zug fast 1/4 Stun­de und kurz vor Chem­nitz konn­te er nicht eher ein­fah­ren, bis ein and[e]rer aus­lief. Ich stand also 1/4 12 auf de[m] Chem­nit­zer Haupt­bahn­hof — der Omni­bus war weg und so bin ich mit dem kurz vor 12 Uhr nach Hau­se gefah­ren. Wei­ter­le­sen!

16. Mai 1938

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L. am 16. Mai 1938.

Lie­bes Fräu­lein [Lau­be]!

Unser Brief­wech­sel ist an einem Punk­te ange­langt, über den hin­aus er mit Gewinn nur geführt wer­den kann, wenn wir ganz ehr­lich zu uns selbst und vor­ein­an­der sind, und die­se Bedin­gung stellt mich vor die Ent­schei­dung, ob ich zum ers­ten Male in mei­nem Leben mich einem Men­schen anver­trau­en soll in Din­gen, die ich bis­her ganz zu unterst in des Her­zens Schrein für mich bewahrt habe. Ich glau­be, daß Sie ein unver­bo­ge­nes, ehr­li­ches Men­schens­kind sind und erach­te Sie mei­nes Ver­trau­ens für wür­dig.

Ich habe mir — ich dan­ke es Gott — übers [sic] alle Bil­dung, über man­cher­lei Anfech­tun­gen und Ver­su­chun­gen hin­weg einen kind­li­chen Glau­ben an eine rei­ne Lie­be bewahrt, ich möch­te ohne die Sehn­sucht nach einem ech­ten Lie­bes­glück nicht mehr leben. Und ich weiß jetzt: Mei­ne Sprö­dig­keit, mei­ne Zurück­hal­tung, mei­ne küh­le Höf­lich­keit — man­cher mag sie abwei­send und krän­kend emp­fin­den — sind ein Schutz die­ses Glau­bens, sind die Abwehr gegen die Häß­lich­kei­ten und Zudring­lich­kei­ten, die die­sen Glau­ben zer­stö­ren wol­len.

Wir leben in einer schwe­ren Zeit. Trug und Schein ver­hül­len die Wahr­heit, alle Men­schen t[ra]gen irgend­ei­ne Mas­ke, rohe Lust und Begier­de spie­len sich über­all frech auf, und es ist ein Glück, eine Gna­de, wenn man gera­de und unver­bo­gen bleibt, wenn man den Ver­su­chun­gen nicht erliegt und sich den Glau­ben und die Sehn­sucht nach dem Guten, Ech­ten und Edlen her­über­ret­tet. Ich sage das nicht mit Über­heb­lich­keit. Nein, ich habe selbst erfah­ren, und bin gestrau­chelt und bin doch geret­tet. und [sic] dan­ke es Gott. Neh­men Sie es nicht als Krän­kung, son­dern als Sor­ge um das Glück, wenn ich jetzt sage:

Prü­fen Sie sich ehr­lich, bit­ten Sie Gott, er möge Ihnen Gewiß­heit geben, ob rei­ne Lie­be es ist, die Sie bedrängt.

ο Viel­leicht bin ich nur der Gegen­stand eines hef­ti­gen Begeh­rens, drängt Sie Ihr jun­ges Blut, die Phan­ta­sie macht mich zum Wunsch­bild Ihrer schlaf­lo­sen Näch­te?

Lie­be und Begeh­ren.

Eine Lie­be, die sich allein auf das Begeh­ren grün­det, auf die Lust, ist kei­ne ech­te Lie­be, sie hält eine Wei­le vor — und dann ist da die Lee­re und das Unglück. Die ech­te Lie­be — sie ist ohne Begeh­ren nicht zu den­ken — grün­det sich auf die Har­mo­nie der See­len. Ich sehe den letz­ten und höchs­ten Sinn der Lie­be und Ehe dar­in, daß sich zwei See­len fin­den auf dem Wege zu Gott, daß sich zwei Men­schen dar­um zusam­men­tun, damit sie anein­an­der wach­sen, daß sie mit­ein­an­der stre­ben, edler und voll­kom­me­ner zu wer­den.

Die­se Lie­be ist sel­ten wie das Glück.

Die Hoff­nung dar­auf hat man­chen schon zum Nar­ren gemacht. Immer­fort und über­all hält man Aus­schau nach die­sem Glück.

Ob ich die­se rei­ne Lie­be schon emp­fun­den habe? Ja, ich war bis­her drei­mal so recht ver­liebt und weiß, es war ech­te Lie­be. Ich habe mich nicht erklärt und habe mei­ne Gefüh­le zurück­ge­drängt, weil ich noch stu­die­ren woll­te und die Zeit noch nicht für gekom­men hielt.

In mei­ner O.er Zeit?

Ich habe wohl begehrt, aber geliebt habe ich nicht. Wenn ich an das Ver­hält­nis zu Ihnen den­ke:

Ich habe Sie anfangs kaum beach­tet, ein ande­res Mäd­chen stand im Vor­der­grund. Gegen Ende habe ich Sie begehrt. Ich besin­ne mich auf drei Gele­gen­hei­ten. Ein­mal nach der hit­zi­gen Schnee­ball­schlacht,— ein­mal, als Sie in Ihrem rei­zen­den Klei­de in der Kir­che so ver­füh­re­risch gegen­über­sa­ßen — und nach unse­rem nächt­li­chen Gespräch, in dem Sie so lieb sag­ten, daß Sie sich mei­ner Ein­sam­keit erbar­men woll­ten.

Sie sind mir in Erin­ne­rung als ein herz­haf­tes[,] auf­rech­tes Mäd­chen, von einem Mut, den ich bewun­de­re, noch etwas wild, unbän­dig, schwär­me­risch, eine tie­fe Nei­gung hat­te ich bei Ihnen nicht ver­mu­tet.

Die O.er Zeit war des­halb eine unglück­li­che Zeit, denn das Begeh­ren macht nicht glück­lich, es schmerzt. Man wird miß­trau­isch gegen die eige­nen Nei­gun­gen und Gefüh­le. Die­ses Begeh­ren macht auch schul­dig, indem man Bli­cke ver­schenkt, in denen man mehr ver­spricht, als man dann hal­ten könn­te.

Nach dem Sonn­tag der Kon­fir­ma­ti­on fühl­te ich mich unglück­lich wie seit lan­gem nicht, ich war so von Zwei­feln geplagt, daß ich mei­ne Hän­de fal­te­te und Gott bat, er möch­te mich klar sehen las­sen und mich schei­den leh­ren das Ech­te vom [F]alschen.

ο Man­che sehen in der Lie­be eine Gele­gen­heit zum Aben­teu­er, einen Sport.

ο Ande­re erstre­ben einen Vor­teil und nen­nen es Lie­be.

ο Man­che Men­schen haben den Hang, sich selbst etwas vor­zu­ma­chen heu­te und haben ihre Lust dar­an, heu­te zu Tode betrübt vor den Men­schen ein­her­zu­ge­hen und mor­gen über­laut mit ihrem Glück zu prah­len.

ο Jun­ge Men­schen haben den Hang, sich in einen Gedan­ken zu ver­bei­ßen, gera­ten in den Zwang einer Vor­stel­lung: die und kei­ne and[e]re. Ich habe die­sen Trotz an mir selbst erlebt. Das ist mein Glau­be: Es ruht kein Segen auf dem, was wir ertrot­zen. Alles Gro­ße und Wich­ti­ge und Ent­schei­den­de in unse­rem Leben ist nicht uns[e]re Leis­tung, es ist Fügung und Gna­de. Ech­te Lie­be läßt sich nicht ertrot­zen, sie muß sich fügen.

ο Als ich im Kran­ken­hau­se lag, habe ich mich a[n] einem Tage, an dem ich mut­los und ohne Hoff­nung war, umge­se­hen nach etwas Lie­bens­wer­tem, und es erschien mir ein Mäd­chen, an das ich mich klam­mer­te — der Name ist jetzt neben­säch­lich — und ich bil­de­te mir ein, daß ich sie lieb­te. Als ich gesund war, war es mir klar, daß es ein Trug­bild war.

Viel­leicht befin­den Sie sich in einer ähn­li­chen Lage, sind ohne Mut und Hoff­nung, und klam­mern sich nun an mich.

Gehen Sie die Geschich­te Ihrer Lie­be durch, prü­fen Sie ehr­lich, bit­ten Sie Gott, er möge Ihnen Gewiß­heit geben. Kön­nen Sie dann noch sagen, daß Sie von Her­zen lie­ben, denn ech­te Lie­be ist Lie­be von Her­zen, dann könn­te ich Sie in Ihrem Schmerz nicht ste­hen las­sen, dann müß­te ich Ihnen den Vor­schlag unter­brei­ten: Wir wol­len ein­an­der ken­nen ler­nen und uns prü­fen in vol­ler Frei­heit.

Ihr Geständ­nis hat mich erschüt­tert und auf­ge­wühlt. Es ver­gin­gen zwei Tage, ehe ich einen kla­ren Gedan­ken nie­der­schrei­ben konn­te. Ich habe Ihne Ihre Lie­be nicht ver­schmäht, son­dern ich habe sie nicht geahnt und beach­tet.

Das ist, was mich die­se Tage beschäf­tigt hat jede freie Minu­te, was ich mir hin und wie­der über­legt habe, es ist nicht immer leicht in Wor­te zu fas­sen, und leicht kann man etwas miß­ver­ste­hen.

So wol­len Sie bit­te mir die Zwei­fel zer­streu­en, die Sie damit her­vor­ru­fen, daß Sie schrei­ben[:]

Es darf nicht (nicht) sein, denn ich bin Ihnen nicht eben­bür­tig.

Woll­ten Sie damit nur sich selbst weh­tun, oder ist Ihr Geschlecht erb­lich belas­tet, ent­stam­men Sie nicht einer ehr­ba­ren Fami­lie?

Bit­te schrei­ben Sie, wie Sie das mei­nen.

T&SavatarSei­en Sie herz­lich gegrüßt

von Ihrem [Roland Nord­hoff].