06. Mai 1942

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83.

[O.] Mitt­woch, am 6. Mai 1942

Her­zens­schät­ze­lein! Mein gelieb­ter, liebs­ter [Roland]!

Ach Her­ze­lein! Ich konn­te es doch heu­te kaum erwar­ten bis wie­der die Stun­de da war, da ich Dein den­ken kann. Gelieb­ter! Es ist spät abends, wo ich hier bei Dir sit­ze und mit Dir rede. Aber nachts mögen wir doch gera­de am liebs­ten mit­ein­an­der recht lieb und heim­lich plau­dern gelt? Ja den­ke nur: seit lan­ger Zeit bellt wie­der ein­mal die Flak rund um den Kreis Chem­nitz! Schau­rig! Wei­ter­le­sen!

11. November 1940

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Mon­tag, am 11. Novem­ber 1940.

Herz­al­ler­liebs­ter!! Mein lie­ber, lie­ber [Roland]!! Gelieb­ter mein!

Heut ist nun Hell­muths’ Geburts­tag. Ob denn alle uns[e]re Glück­wün­sche recht­zei­tig in sei­ne Hän­de kamen?

Ob er auch ein wenig spürt, daß heut ein Fest­tag für ihn ist? Der Arme muß nun wie­der 4 Wochen lang tüch­tig ran. Ach, ich kann es ihm auch nach­füh­len, daß er sich jetzt wie an bei­den Hän­den gebun­den vor­kommt. Wenn nur wenigs­tens mal eine Ände­rung ein­trä­te zum Bes­ser­wer­den, für ihn und sein per­sön­li­ches Fach — wenn er auch noch nicht ent­las­sen wird; denn so leicht kommt im Moment kei­ner los. Es ist zu trau­rig, er hat nun noch nichts als Kampf gehabt in der letz­ten Zeit. Und wie die Din­ge jetzt lie­gen, wird auch sein zukünf­ti­ger Weg kein leich­ter sein. Weil er mir in Elfrie­de den rech­ten Lebens­ka­me­ra­den fand, das freut mich so für ihn. Was macht es doch nicht aus, wenn ein gelieb­ter Mensch ver­trau­ens­voll und gläu­big zu einem steht in allem Lebens­kampf. Und die bei­den wer­den sich bestimmt durch­rin­gen, es fin­det einer Halt am andern. Und die­sen Halt brau­chen doch alle bei­de jetzt so nötig, Hell­muth, wie auch Elfrie­de. Ich den­ke an ihre schwe­re Auf­ga­be dabei. Wir wol­len immer recht lieb mit ihnen bei­den sein, es ist so schön um eine treue Freund­schaft, und Du, mein [Roland] sollst immer da sein für Hell­muth, als sein treu­er Bru­der, auch wenn Du jetzt mich hast.

Herz­lieb!! Es war eine gestör­te Nacht, die hin­ter uns liegt. Die Eltern waren eine reich­li­che Stun­de heim aus Chem­nitz, wir saßen noch bei­sam­men und erzähl­ten. Da höre ich immer Moto­ren­ge­räusch, immer wie­der, ich mein­te auch noch, heu­te sind aber die Flie­ger wie­der mal rege. Vater berich­te­te, daß sie in Chem­nitz schon fes­te geübt hät­ten, ehe sie her­aus­fuh­ren. Schein­wer­fer hät­ten einen Flie­ger im Licht­ke­gel gehabt, von uns.

Plötz­lich bell­te die Flak — ohne Alarm!!

Nun schnell den Man­tel über u[nd] erst mal an die Schlaf­stu­ben­fens­ter. Über­all such­ten die Schein­wer­fer den Him­mel ab, ganz hell und klar war die Nacht, ½ 11 war’s.

Jetzt gin­gen über Burg­städt 4 Leucht­ku­geln nie­der, rote, so hell war es da u[nd] sie schos­sen nun wie [t]oll. Soweit kön­nen die schie­ßen von Chem­nitz! Du hast ganz recht, wie Feu­er­werk sieht’s aus. Hell­rot leuch­te­te der Hori­zont oben fast genau über uns kre­pie­ren die Geschos­se. Getrof­fen haben sie aber nicht. Noch paar mal zogen sie ihre Krei­se, ohne etwas fal­len zu las­sen!

Wie sie zum 3. Male schos­sen, bequem­ten sich uns[e]re Sire­nen zum Alarm; das war [eine] ¾ St[un]d[e] nach­dem die Flie­ger bereits über uns waren! Fabel­haf­te Orga­ni­sa­ti­on, was? Gegen ¼ 200 [Uhr] nachts gaben sie die Ent­war­nung durch. Es ist nichts gesche­hen, das wir wüß­ten! Aber geschla­fen haben wir nach­her nicht mehr fest. Das war nun mein ers­ter, rich­ti­ger Alarm, den ich erleb­te. Ich hab so fest dabei an Dich gedacht, Du!! Bei Dir wer­de ich wohl noch mehr erle­ben von all­dem.

Heu­te kam Dein lie­ber Frei­tags­bo­te. Du! Sei recht schön bedankt Dicker­le!! Es muß wie­der mal was nicht stim­men mit dem Post­vor­kehr, auch Du klagst über Unpünkt­lich­keit.

Na, Du! Wenn nur kei­ner von ihnen ver­lo­ren geht, will ja so ger­ne war­ten, bis er kommt! Du schreibst, daß Du eines von den 2 letz­ten Wäsche­pa­ke­ten erhal­ten hast, hof­fent­lich bekommst das and[e]re auch noch!, ich sand­te bei­de zusam­men weg nach Fried­rich­sort. Unter­des­sen ist nun wie­der eins auf dem Weg an die neue Anschrift. Es ist bis jetzt nichts ver­lo­ren­ge­gan­gen; auch Dei­ne lie­ben Bil­der sind alle in mei­nen Hän­den. Ich brin­ge sie alle mit, damit Du mir erklä­ren kannst! Ich hab’s viel­leicht ein­mal ver­ges­sen zu ver­mel­den.

Jetzt bist [Du] nun 14 Tage stell[ver]tr[etender] U[ntero]ff[i]z[ier].!!?

Wenn ich kom­me, sei nur bloß mein Matro­sen­hu­bo, sonst krieg ich doch gar so viel Respekt!!

Sag, ich möch­te wohl eine Regen­ton­ne voll Was­ser mit­brin­gen? Weißt doch, wie gut ich dem Was­ser bin!

Da haben sie nun rund­um Was­ser und doch auch kei­nes. Kön­nen sie das nicht in Süß­was­ser umwan­deln?

Na ja, man ver­steht, jetzt ist eben Zucker knap­per als Salz! Mir ist’s egal wie’s schmeckt, trin­ken will ich kein’s, Haupt­sa­che es ist zum Waschen, Du!! Und den Schirm möch­te ich auch wie­der mit­brin­gen; ich mein­te bei euch sei es bloß schön! Der Onkel Cham­ber­lain ist nun tot. Weißt du’s? Du! Wenn Du früh­mor­gens so raus­ren­nen mußt, hörst? Zieh Dir nur auch was Warmes an! Erkält Dich nicht! Du fragst, wann ich jetzt auf­steh’ mor­gens.

Lach mich nicht aus!! Um 8 [Uhr].

Weil ich Licht und Feue­rung spa­re! Was soll ich denn so zei­tig, mein Essen wird auch so noch fer­tig. Ich mer­ke es nur, daß ich län­ger brauch, zu mei­ner Haus­ar­beit. Ich hab in den Mor­gen­stun­den sonst immer mei­ne gan­ze Woh­nung schon blank gehabt. Jetzt dau­erts bis weit nach Mit­tag. Und es geht mir ein bis­sel [sic: biss­chen] mehr von Dei­ner Zeit ab! Ich will doch fer­tig sein mit Schrei­ben wenn Mutsch um 500 heim­kommt! Die wun­dert sich sowie­so, was wir uns immer zu sagen haben! Na und jeden Nach­mit­tag nur schrei­ben und wei­ter nichts sonst tun? Du! Da bleibt mir zuviel lie­gen. Ich habe immer mal was aus­zu­bes­sern, Strümp­fe stop­fen, da wer­de ich auch nie zu Ende kom­men damit, immer neue Löcher. Häkeln! Schnei­dern. Wege besor­gen. Mal was Unvor­her­ge­se­he­nes[,] Besu­che machen, wie vori­ge Woche, zum Licht­bild­ner. Ach, Du! Über­haupt, seit ich nun ver­rei­sen will, da steht bei mir ja alles Kopf. Alles frisch machen, waschen, plät­ten. Du hast doch gar kei­ne blas­se Ahnung, was so alles zu einer ‘kom­plet­ten Frau’ gehört. Und hal­be Sache gibt’s bei mir nicht. Ent­we­der rich­tig, oder gar­nicht [sic].

Da kann ich der Mutsch manch­mal auf die Ner­ven fal­len! Wenn ich son [sic: so einen] Dick­kopf hab, Du!

Aber dabei ist sie ja im Grun­de ihres Wesens auch so, sie gestehts bloß nicht vor mir ein. Sie will mich eben immer zum spa­ren anhal­ten. Aber ich bin doch nur ein­mal jung, und ich bin doch auch nicht leicht­sin­nig.

Und Du sagst selbst, daß es Dir auch Freu­de macht, wenn ich mich für Dich schön mache, Du!!

Alt und alt­mo­disch wird man u[nd] wird ‘es’ von allei­ne.

Nicht wahr, mein Hubo? Du hilfst mir! Ja!

Ach, ich glau­be Dir ja, mein [Roland], daß Du Dich ganz sehr freust auf mei­nen Besuch! Genau so sehr wie ich mich auf Dich freue!! Und ich glau­be Dir auch, daß Du Dei­ne Hol­de so sehr lieb hast, Du!! Aber nicht mehr lieb haben, als ich mein Dicker­le, Du!!!

Ich glau­be Dir alles, Du! Du weißt es.

Ich lie­be Dich so innig, mein [Roland]!!

Ach bald, bald darf ich bei Dir sein, Du!!!

Wie wer­de ich die eine Nacht ver­wün­schen, wo ich in Hal­le immer län­ger noch auf die Fol­ter gespannt wer­de, Du!! Kannst mir das nach­füh­len?

Und Onkel und Tan­te wer­den soviel wis­sen wol­len, es hat sich ja nun soviel ereig­net seit ich nicht mehr bei ihnen war. Und ich wer­de mich ver­zwei­felnd nach mei­nem Ret­ter umsehn, er kann mich ja noch nicht erlö­sen — in Hal­le noch nicht! Du!! Ach, mein Lieb! Mein Herz­lieb!!! Noch 10 mal schla­fen, Du!! Und dann auch noch ein­mal allein und dann?? Ist Sonn­abend. Du!? Du!!? O sag mir’s noch nicht, Du! Jetzt noch nicht, Du!!! Ich lie­be Dich!!!

Behüt[‘] Dich Gott! In uner­schüt­ter­li­cher Lie­be und Treue

ganz Dei­ne Hol­de.T&Savatarsm

06. November 1940

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Mitt­woch den 6. Novem­ber 1940

Herz­al­ler­liebs­te, mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de], Du! Hol­de mein!

Du! Dein Schrei­ber­hu­bo liegt aus­ge­streckt auf sei­nem Lager. Alles muß drau­ßen antre­ten zum Dienst um 2 Uhr — er hat Mit­tag bis um 3 Uhr. Ist doch fein, nicht? Er ist aber auch noch müde heu­te. Eine gestör­te Nacht liegt hin­ter uns. Bis um 3 Uhr ging alles glatt, aber dann wur­de es unru­hig. Ich hat­te Alarm­wa­che. Das ist so: Bei Alarm muß der Lager­pos­ten mit zum Geschütz — des­halb abge­löst wer­den. Wei­ter­le­sen!

02. November 1940

Carl von Clausewitz
Carl von Clau­se­witz, klas­si­scher deut­scher Rea­list in Fra­gen des Krie­ges, Male­rei von Karl Wil­helm Wach, Quel­le: Hohum, von www.nodulo.org, lizenz­frei über Wiki­me­dia Com­mons. 10.2015.
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Sonn­abend, den 2. Novem­ber 1940

Mein lie­bes, teu­res Herz, mei­ne lie­be, gelieb­te [Hil­de] Du!!

Ich habe schon manch­mal es erlebt und emp­fun­den, daß ich mich auf die Wirk­lich­keit ein­stel­len kann, daß ich ein Rea­list bin. Herz­lieb, die­ses Ver­mö­gen bewahr­te mich ges­tern abend wie­der vor Trüb­sinn und erleich­tert es mir, mich in eine neue Situa­ti­on ein­zu­le­ben. Und heu­te habe ich ihr schon ein paar Licht­bli­cke abge­won­nen. Was hät­te mich denn leicht trüb­sin­nig stim­men kön­nen? Die­se etwas tris­te Umge­bung die­se Feld­la­gers, dazu mein Allein­ste­hen hier, dazu der zunächst völ­lig grund­lo­se Gedan­ke, ich möch­te ein schlech­te­res Los gezo­gen haben als die Kame­ra­den. Und wel­ches sind die ers­ten Licht­bli­cke? Wei­ter­le­sen!

01. November 1940

 

chreibmaschine Model 100 Bj. 1940, Bild: Reinhold Schubert, Entwicklung der Schreibmaschinentechnik in Sachsen, Portal Feinwerktechnik, 10.2015.
Schreib­ma­schi­ne Model 100 Bj. Con­ti­nen­tal 1940, Bild: Rein­hold Schu­bert, Ent­wick­lung der Schreib­ma­schi­nen­tech­nik in Sach­sen, Por­tal Fein­werk­tech­nik, 10.2015.

[401101–1-1]

Frei­tag, den 1. Novem­ber 1940

Herz­al­ler­liebs­te! Mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de], Du! Hol­de mein!

Wo ich jetzt ste­cke, abends um 9 Uhr, suchst Du mich gewiß nicht, suchst Du mich sowohl der nächs­ten Umge­bung, als auch der Kame­rad­schaft nicht, unter der ich jetzt ste­cke. Du, ich mag nicht kla­gen, ich kam zunächst auch noch gar nichts sagen. Heut[’] mor­gen um 9 Uhr stan­den wir marsch­be­reit. Wei­ter­le­sen!