21. Juni 1942

Zer­störte und beschädigte Gebäude (im Hafen?), Tobruk, Libyen, Juni 1942. Foto­graph: Tan­nen­berg, Pro­pa­gan­dakom­panien der Wehrma­cht — Heer und Luft­waffe, DBa, Bild 101I-785‑0294-26A / Tan­nen­berg / CC-BY-SA 3.0, über Wiki­me­dia Com­mons 09.2018.

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Son­ntag, am 21. Juni 1942.

Herza­ller­lieb­ster! Mein liebes gutes Man­ner­li! Du!

Ich bin doch heute in Deinem lieben Eltern­hause! Du! Geliebter! Voll Sehn­sucht denke ich Dein.

Eben verk­lang eine Son­der­mel­dung im Rund­funk. Ein großer Teil der Fes­tung Tobruk ist in deutschen Hän­den! Man hat die Über­gabe ange­boten! Es „rom­melt“ in Afri­ka!! Wir freuen uns so von Herzen über diesen großen Sieg! Mein Herzelein! Meine Gedanken suchen Dich in weit­er Ferne – wo magst Du jet­zt sein? Es ist 2 Uhr vor­bei nach­mit­tags. Wir hal­ten Mit­tagsstunde. Vater schläft auf dem Sofa, Mut­ter im Lehn­stuhl, Siegfried im Sitzen auf seinen Armen auf dem Nähtisch! Ach Herzelein! Ich wäre wohl auch müde, denn ich schlief in der ver­gan­genen Nacht kaum, Du! Erst erzählten wir so lange und dann fand ich keine Ruhe im Bet­tlein. Du! Du!! Du!!! Ich lag doch im Kinderz­im­mer in meinen Bet­tlein wie immer, Du. Neben mir hat­te Mut­ter einen hohen Berg Bet­ten gehäuft – wo son­st mein Man­ner­li schläft – und in der äußer­sten Ecke schlief Siegfried. Wir kon­nten uns bei­de nicht sehen! Du! Nun wirst Du wohl unruhig sein, Du? Ach! Dein Weibel und auch Dein Brüder­le sind so treu! Und wenn wir auch in einem Käm­mer­le schlafen, so kommt doch kein bös­er Gedanke auf. Du!!

Erwin Rom­mel in seinem Befehls­fahrzeug Sd.Kfz. 250/3 „Greif“, Auf­nahme der Pro­pa­gan­dakom­panie der Wehrma­cht, Juni 1942, DBa, Bild 101I-443‑1589-09 / Zwill­ing, Ernst A. / CC-BY-SA 3.0, über Wiki­me­dia Com­mons 09.2018.

Nun laß Dir erzählen. Am Sonnabend bin ich also nach mancher­lei Drasch um 1400 [Uhr] von Hause [sic] wegge­fahren. Gegen [… Uhr] war ich in Dres­den, es herrschte schreck­lich­er Betrieb. Aber ich hat­te einen Sitz­platz erwis­cht. Bald ging[‘]s in Dres­den weit­er und ich lan­dete noch bei Son­nen­schein in K. Man hat­te mich schon das vierte Mal erwartet gestern! Vater und Siegfried waren an der Bahn. Ach, wohl sahen sie bei­de aus, unberufen. Frisch und munter! Vor allem der Siegfried sah wohl aus, ich erwartete ein abges­pan­ntes Gesicht. Umso erfreulich­er war es, als ich alle so wohl fand, auch uns[e]re liebe Mut­ter, Her­zlieb. Ach, vor Freude umarmten wir uns doch alle ein­mal. Gle­ich mußte ich Siegfrieds Kirschen pro­bieren. Er hat wieder mal mächtig geham­stert. Und das Mit­tagessen heute hätte man im Frieden nir­gends bess­er gefun­den. 1937 Bor­deaux! Ach Du! Hast Du nicht mächtig das Schluck­en gehabt [d.h.: Schluck­auf haben, jemand denkt an einen] ½ l [Uhr] mit­tags? Am Mor­gen waren wir alle in der Kirche, ach Her­zlieb! Ich hätte weinen mögen, so zu Herzen gin­gen mir die Worte des Geistlichen. Und ganz fest dachte ich Dein, Du hast so oft an mein­er Seite gesessen und meine Hand in der Deinen gehal­ten. Du! Dann habe ich müssen mit den Män­nern runter [zu]m Bahn­hof zum Wiegen! 120 Pfund knapp wiege ich! Bist Du zufrieden Man­ner­li! Als ich zur Tür here­in­trat riefen alle, ich sei so schmal gewor­den. Und Mut­ter meinte, ich müsse min­destens eine Woche dableiben zur Kur. Ach, sie meinen es alle so gut mit mir.

Hell­muth und Elfriede woll­ten heute anfänglich auch da sein. Weil aber Hell­muth erst vor 8 Tagen zuhaus[‘] war, gab‘s heute nichts. Über 8 Tage ist er in B. und da wollen sie alle hin­fahren – ich soll mit. Ach, ob ich dann die Eltern solang[‘] allein lassen kann? Ich will sehen, ob sie es mir erlauben. Die Schläfer sind erwa[ch]t, sie drän­gen hin­aus in den Son­nen­schein. Und ich bin in ihrer Macht ein wenig als Gast! Du!! Dafür denke ich umso her­zlich­er an Dich. Am Sonnabend erhielt ich noch Deinen lieben Don­ner­stag­brief, er war geöffnet! Du hast von der Gerichtssitzung berichtet, die Namen der Städte waren aus­gestrichen, son­st nichts. Hof­fentlich schickt mir Mut­ter alle Deine Briefe nach, son­st habe ich doch gar­nichts von Dir in den Hän­den, geschriebenes! Ach Du! Ich möchte doch nun so gern wis­sen, wie Du angekom­men bist! Heute ver­leb­st Du nun den ersten Son­ntag in der neuen Stadt. Ach Du! Wenn nur erst ein Brief käme vom neuen Ort. Herzelein!

All meine heim­lich­sten Gedanken sind bei Dir, Du! Und ich muß Dich so lieb­haben, sooo sehr lieb! Herzelein. Nun behüt Dich Gott! Bleib mir gesund und froh! Du! Ich küsse Dich herzin­nig und bleibe einzig Deine glück­liche [Hilde].

Du! Dein!!!