[16. Januar 1939] Das Heim

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Das Heim [dem Brief 390116–2-1 bei­gelegt]

Die Wän­de eines Hei­mes sind nicht aus Holz oder Stei­nen gefügt, son­dern aus Wahr­heit und Treue. Uner­freu­lich­kei­ten, Rei­be­rei­en des Lebens, der Wider­streit der Per­sön­lich­kei­ten, sie wer­den nicht durch per­si­sche Tep­pi­che oder Par­kett­bö­den auf­ge­ho­ben, son­dern durch Ver­söhn­lich­keit, Nach­gie­big­keit und Selbst­be­herr­schung. Weis­ter­le­sen!

06. Dezember 1938

[381206–2-1]

O., am 5.12.1938.

am 6.12.1938.

Lie­ber [Roland]!

Der end­lo­se Sonn­tag ist vor­über. Mit grau­en, undurch­dring­li­chen Wol­ken war der Him­mel ver­han­gen; tief und regen­schwer jag­te sie der Wind vor sich her. Am spä­ten Nach­mit­tag, als ich das Paket fer­tig gemacht hat­te, litt es mich nicht mehr daheim. Ich lief über die Feld­we­ge dem Wal­de zu — dies­mal gab er mir nicht die Ruhe und [de]n Frie­den. Das Wet­ter war schuld dar­an. Der Sturm zerr­te an den kah­len Ästen der Bäu­me, ich mei­ne dann immer, daß sie seuf­zen. Mei­ne Schrit­te gin­gen fast unter in die­sem Toben. Trost­lo­sig­keit rings um mich her — war so das Ende? Allein, in die­sem Ster­ben. Ein Grau­en über­fiel mich. Ich lief zurück — muß­te wie­der Men­schen begeg­nen, füh­len, daß ich nicht allein war.

Wie leicht und froh­ge­mut war mir zu Sinn am vori­gen Sonn­tag. Ihre lie­ben Zei­len hat­ten mich unse­rer Freund­schaft wie­der ein­mal so r[ec]ht froh bewußt gemacht. Und aus die­sem Gefühl her­aus schrieb ich den letz­ten Brief. Schrieb ich Ihnen das alles, weil ich kein Geheim­nis vor Ihnen haben will. Ja war­um schrieb ich es eigent­lich nie­der? Wei­ter­le­sen!

10. November 1938

[381110–1-1]

L. am 10. Nov. 1938.

Lie­be [Hil­de]!

Sie dür­fen Ihren Bei­trag zu uns[e]rer Freund­schaft nicht gering ach­ten. Lie­be und Güte sind Tugen­den des Her­zens. Sie sind heu­te so sel­ten. Über­all regiert der kal­te Ver­stand, der Vater des Zwei­fels. Auch ich bin der Lie­be ent­wöhnt. Hart war ich oft gegen mich selbst. Hart macht unser Beruf, auch der Bru­der klagt dar­über. Jah­re­lang schon bin ich auf mich selbst gestellt, ich freun­de mich nicht leicht jeman­dem an, die meis­te Zeit bin ich auf mich selbst ange­wie­sen. Was Wun­der, wenn es mir nicht gleich gelin­gen will, mich einem Men­schen von Her­zen zu wid­men? Las­sen Sie mich nicht so leicht los und ver­za­gen Sie nicht so leicht, wenn ich mich wie­der ein­mal ver­schlie­ße und zurück­zie­he. Lie­be werkt Zutrau­en. Glau­ben Sie, ich hät­te einem lie­be­ar­men, ver­stan­des­küh­len Mäd­chen mei­ne gehei­men Gedan­ken so schlicht und ernst anver­trau­en kön­nen? Nie­mals. In dem Maße, in dem der Ver­stand über den Men­schen Herr­schaft gewinnt, ver­küm­mern Herz und Gemüt. Ich glau­be, daß mein gan­zer Mensch sich ein wenig modelt an der Sei­te einer lie­ben Frau, daß er sich ändert und löst zu sei­nem Gewinn. Wei­ter­le­sen!

01. November 1938

[381101–1-1]

L. am 1. Novem­ber 1938.

Lie­be [Hil­de]!

Bis zum Sonn­tag kann ich Sie nicht war­ten las­sen. Bei mei­ner Rück­kehr schie­nen die Ster­ne, nach denen Sie auf dem Bahn­hof ver­ge­bens aus­schau­ten, und heu­te ist hel­ler Son­nen­schein. Möch­ten es gute Zei­chen sein! Die dun­kels­ten Schat­ten kom­men da nicht auf. ½ 12 bin ich zu Bett, zu der Zeit, da ich auch Sie zu Hau­se wuß­te. Ich habe gebe­tet, für Sie um Kraft, für mich um Geduld und Zuver­sicht. Dar­auf habe ich bis früh 5 fest durch­ge­schlaf­fen. Mir kom­men die Trä­nen, wenn ich dar­an den­ke, daß ich Sie allein so trau­rig in die dunk­le Nacht muß­te zie­len las­sen, Sie Ärms­te, Gute; daß ich Ihren so schwer ver­dien­ten Urlaub ver­bit­tern muß­te, Sie Armes, Gehetz­tes. Ich war so schwach und mut­los. So schnell konn­te ich ver­ges­sen, daß wir uns doch schon so gut ver­stan­den haben!

Wie konn­te das so kom­men? Wei­ter­le­sen!

31. August 1938

[380831–2-1]

O., am 31. August 38.

Lie­ber Herr [Nord­hoff]!

[I]ch bin am Sonn­tag wie­der gut zu Hau­se ange­langt. Doch nicht so froh und unbe­schwert als ander­mal. Sie muß­ten es ganz gewiß auch spü­ren; es ist seit dem Abschied etwas zwi­schen uns getre­ten, etwas Dunk­les, Frem­des. Ich quä­le mich die gan­ze Zeit mit dem Gedan­ken, daß ich es war, die den Miß­klang hin­ein­brach­te in unser[e]n Abschied, durch mein vor­ei­li­ges Han­deln auf dem Bahn­hof. Und ich weiß, daß ich Sie betrüb­te; denn Ihre Augen lügen nicht. Bit­te, ver­zei­hen Sie mir das, es war bestimmt nicht bös[‘] gemeint. Es fällt mir so schwer, in allem Ihr Gast zu sein. Wei­ter­le­sen!