15. Juni 1938

Briefauszug, Zwei Handschriften
Brief­aus­zug, Zwei Hand­schrif­ten

[380615–1-1]

14.6.38

L. am 15.6.38

Lie­bes Fräu­lein [Lau­be]!

Zum Dank schrei­be ich Ihnen, was ich am 15. Mai in mein Tage­buch schrieb.— „Sagen Sie, haben Sie im Leben auch ein­mal einen Men­schen so recht von Her­zen lieb gehabt?” So frag­ten Sie damals. Die­se Fra­ge hat mich erschüt­tert, hat an mein Herz gerührt. Das hat mich in mei­nem Leben noch nie­mand gefragt, wer soll­te mich noch ein­mal so fra­gen? Wen wird es drän­gen, und wer wird es wagen, so zu fra­gen? Wem gibt mein Gesicht und mein Wesen auch einen Anreiz dazu! Es ist eine ein­fa­che, kind­li­che Fra­ge, und sie zu stel­len, dazu gehört ein tie­fes, kind­li­ches Gemüt. Sie konn­ten so fra­gen im eige­nen Schmerz und viel­leicht, weil Sie mich durch­schau­ten. Wei­ter­le­sen!

5. Juni 1938

Chor beim Ausflug, vor dem Briefwechsel etwa 1937 oder 1938; Vollbild siehe: http://www.tonkuhle.de/news/21559-trug-und-schein-ein-briefwechsel.html
Chor beim Aus­flug, vor dem Brief­wech­sel etwa 1937 oder 1938; Voll­bild sie­he: http://www.tonkuhle.de/news/21559-trug-und-schein-ein-briefwechsel.html

[380605–2-1]

3.6.38

O., am 5. Juni 1938.

Lie­ber Herr [Nord­hoff]!

Son­nen­hell und klar brach heu­te der Pfingst­mor­gen an, ein Wet­ter, wie es wohl schö­ner nicht zu wün­schen ist. Ich freue mich ja so für Sie; denn nun kann ja Ihre kur­ze Urlaubs­zeit erst die rech­te Erho­lung sein.

In der Kir­che hat mir[‘]s heu­te wun­der­schön gefal­len — der Altar­platz und die Kan­zel waren geschmückt mit jun­gem Grün und die Son­ne schien her­ein auf all die Men­schen, die gekom­men waren, Got­tes Wort zu hören. Das eigen­ar­tig Schö­ne aber war, daß ich Sie heu­te zum ers­ten Male in der Kir­che so ganz nahe bei mir fühl­te — und beson­ders dann, wenn Herr Kan­tor die Orgel spiel­te. Erst lei­se, ver­hal­ten — dann immer jubeln­der und jauch­zen­der, daß man glaubt, die Töne fin­den schier kei­nen Raum mehr. Dann sah ich in Gedan­ken Sie an sei­ner Stel­le sit­zen. Und ich muß Ihnen anver­trau­en, was ich schon so lan­ge wünsch­te: Ich möch­te ein­mal still zuhö­ren dür­fen, w[en]n Sie so von gan­zer See­le spie­len — ich lie­be Orgel­mu­sik sehr.  Wei­ter­le­sen!