Projektbeschreibung

Karte von Hilde an Roland
Kar­te von Hil­de an Roland

Die Her­aus­for­de­rung: 2014–15 waren beson­de­re Jah­re der euro­päi­schen Zeit­ge­schich­te: 100 Jah­re Ers­ter Welt­krieg, 75 Jah­re Zwei­ter Welt­krieg, 25 Jah­re deut­sche Wie­der­ver­ei­ni­gung. Die­se Jubi­lä­en fie­len in eine Peri­ode, die Geis­tes­wis­sen­schaft­le­rIn­nen ange­sichts neu­er, revo­lu­tio­nä­rer Kom­mu­ni­ka­ti­ons- und Inter­ak­ti­ons­mög­lich­kei­ten her­aus­for­dert und unbe­kann­te Hori­zon­te eröff­net. Der unaus­weich­li­che Ver­lust der Zeit­zeu­gen­ge­nera­tio­nen der Welt­krie­ge ver­lang­te danach, neue sozia­le For­men gesell­schaft­li­cher Aus­ein­an­der­set­zung zu ent­wi­ckeln, um den All­tag im “Drit­ten Reich” wei­ter­hin kri­tisch reflek­tie­ren und gesell­schaft­li­che Erin­ne­rungs­bil­der sowie ihre Bezü­ge zur Gegen­wart hin­ter­fra­gen zu kön­nen.

Hilde, "Ballustradedumm," Meißen, 31. Juli 1938
Hil­de, “Bal­lus­tra­de­dumm,” Mei­ßen, 31. Juli 1938

Das Pro­jekt: Hier wird ein außer­ge­wöhn­li­cher Brief­wech­sel in ver­schie­de­nen Medi­en­for­ma­ten einer brei­te­ren Öffent­lich­keit prä­sen­tiert. Das Publi­kum wird ein­ge­la­den, eige­ne Erin­ne­run­gen, Fra­gen und Gedan­ken zu den Tex­ten bei­zu­steu­ern. Eine umfang­rei­che Samm­lung von Lie­bes­brie­fen von zwei “ganz nor­ma­len Deut­schen” aus dem “Drit­ten Reich” ist die Grund­la­ge einer inter­dis­zi­pli­nä­ren, inter­na­tio­na­len, inter­me­dia­len,
“ent­schleu­nig­ten”, und ‚crowdsourced‘-basierten kri­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung mit dem All­tag im NS. Wie sind die bei­den Prot­ago­nis­tIn­nen Hil­de Lau­be und Roland Nord­hoff (Pseud­ony­me) mit der neu­en Macht umge­gan­gen und wie haben sie zur Gestal­tung “der Ver­hält­nis­se” bei­getra­gen?

Roland, mit Hilde am Lilienstein, 25. September 1938
Roland, mit Hil­de am Lili­en­stein, 25. Sep­tem­ber 1938

Die Brie­fe­schrei­ben­den: Hil­de und Roland leb­ten in klei­nen Dör­fern in Sach­sen, waren gläu­bi­ge Chris­ten und im Sin­ne der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Gesetz­ge­bung “Ari­er”. Er war drei­zehn Jah­re älter und wur­de vor dem ers­ten Welt­krieg gebo­ren; sie in der Wei­ma­rer Repu­blik. Er war Leh­rer, sie Arbei­te­rin. Wäh­rend er als Sol­dat in der Kriegs­ma­ri­ne in Schles­wig-Hol­stein, Bul­ga­ri­en, Grie­chen­land und Rumä­ni­en dien­te, blieb sie in der säch­si­schen Hei­mat.

Dem Führer - die Jugend, Propagandapostkarte, Deutschland, 1939, Lithographie, 15 x 10,5 cm, DHM, Berlin, Do 53/34.9, über Die NS-Frauenpolitik, 09.2014
Dem Füh­rer — die Jugend, Pro­pa­gan­da­post­kar­te, 1939, Litho­gra­phie, DHM, Ber­lin, Do 53/34.9, über Die NS-Frau­en­po­li­tik, 09.2014

Die Brie­fe: Ihr Brief­wech­sel befin­det sich gut erhal­ten in pri­va­ten Hän­den in Deutsch­land. Er umfasst 24 Akten­ord­ner mit Brie­fen unter­schied­li­cher Län­ge, die ins­ge­samt ca. 900.000 Wor­te umfas­sen. Die Kor­re­spon­denz setzt im Mai 1938 ein und endet im Febru­ar 1946, führt also durch das Drit­te Reich, den tota­len Krieg und die frü­he Besat­zungs­zeit. Er ver­fass­te sei­ne Brie­fe in Süt­ter­lin bzw. in deut­scher Kur­r­ent­schrift, sie in moder­ner Schreib­schrift. Zu Anfang ihrer Bekannt­schaft schrie­ben sich Roland und Hil­de ein- oder zwei­mal in der Woche, wäh­rend des Krie­ges jedoch tausch­ten die bei­den mit­un­ter mehr­mals am Tag Brie­fe aus.

Der Inhalt: Das regel­mä­ßi­ge Brie­fe­schrei­ben han­del­te in ers­ter Linie von ihrer Bezie­hung, aber ihre Selbst­dar­stel­lung reg­te sie auch an, sich gegen­sei­tig ihre Tätig­kei­ten, Mei­nun­gen und Inter­es­sen zu beschrei­ben. Wie auf dem Brief-Blog schon zu erkun­den ist, kom­men­tier­ten sie eine Viel­falt von The­men: Musik, Kunst, Fil­me, Lite­ra­tur, Thea­ter, Glau­ben, Kir­che, Chor, Ver­wand­te, Freun­de, Fami­lie, Dorf, Geschlech­ter­ver­hält­nis­se, Arbeit, Kar­rie­re, Aus­flü­ge, Rei­sen, NS-Poli­tik, Krieg, Erobe­rung, Ver­trei­bung, sogar das Brief­schrei­ben selbst. Inter­es­sant ist auch, was nur mar­gi­nal dis­ku­tiert wur­de — Anti­se­mi­tis­mus, Ter­ror, Geno­zid — und wie die­se The­men im Briefall­tag erschei­nen.

Trug & Schein: Der Name des Pro­jekts ent­stand aus dem Brief von Roland 16.05.1938, wo er über die dama­li­gen Zei­ten fol­gen­des schrieb:

Trug und Schein ver­hül­len die Wahr­heit, alle Men­schen t[ra]gen irgend­ei­ne Mas­ke, rohe Lust und Begier­de spie­len sich über­all frech auf, und es ist ein Glück, eine Gna­de, wenn man gera­de und unver­bo­gen bleibt, wenn man den Ver­su­chun­gen nicht erliegt und sich den Glau­ben und die Sehn­sucht nach dem Guten, Ech­ten und Edlen her­über­ret­tet…” (Vgl. 07.05.1942)

Ihr Brief­wech­sel bezeugt den All­tag im ‚Alt­reich‘ wie auch in Tei­len der von den Deut­schen erober­ten Gebie­te Euro­pas. Als berüh­ren­de Fall­stu­die kön­nen sich an den Brie­fen neue Gesprä­che über die Zeit­ge­schich­te wie auch über die Gegen­wart ent­zün­den.

Über den wis­sen­schaft­li­chen Hin­ter­grund des Pro­jekts kann man sich hier infor­mie­ren und Hin­wei­se auf wis­sen­schaft­li­che Lite­ra­tur zu T&S gibt es hier.