18. Juni 1939

[390618–1-1]

L. am 16. Juni 1939.

Mei­ne lie­be [Hil­de]!

Son­ne des Glücks leuch­te­te mir aus Dei­nen lie­ben Zei­len ent­ge­gen und ver­scheuch­te die letz­te Amts­mie­ne und den Groll und Klein­kram des All­tags. Das habe ich erst mit Dir gelernt, Liebs­te: glück­lich sein, indem man ande­re beglückt. Ein and[e]rer Mensch bin ich inner­lich wohl nicht gewor­den, lie­be [Hil­de]. Oder doch? Wei­ter­le­sen!

18. Juni 1939

[390618–2-1]

O., am 18. Juni 1939.

Mein lie­ber [Roland]!

Heu­te ist es so trü­be und grau drau­ßen — ich bin so trau­rig. Mir ist, als müß­te ich mich auf etwas Schwe­res, Erns­tes vor­be­rei­ten. Du! Liebs­ter! Wo bist Du? Was ist Dir? Ich habe so gro­ße Angst um Dich. Wei­ter­le­sen!

13. Juni 1939

[390613–2-1]

O., am 12. Juni 1939.

Mein lie­ber, lie­ber [Roland]!

Ges­tern früh ging ich, Dei­nen Brief in den Hän­den voll ban­ger, zit­tern­der Erwar­tung in mein Käm­mer­chen. Nur mir allein sol­len die­se Minu­ten gehö­ren, in denen ich die Zei­chen von Dei­ner Hand auf­neh­me. Drei Blät­ter — mein Blick glei­tet über die Zei­len hin, immer schnel­ler mit klop­fen­dem Her­zen, mit hei­ßen Wan­gen lese ich — einer Ver­durs­ten­den gleich, die den Becher nicht eher absetzt, als bis er geleert ist. Wei­ter­le­sen!

10. Juni 1939

[390610–1-1]

L. am 5. Juni 1939.

Am Mon­tag.

Mei­ne lie­be [Hil­de]!

Der ers­te Schul­tag ist vor­bei. Beihnahe gleich­gül­tig, im gewohn­ten Glei­se gehend, tat ich mei­ne Arbeit. Sie erscheint mir so unbe­deu­tend und glanz­los gegen das, was wir erleb­ten. Nun scheint doch wie­der die Son­ne — und Du bist nicht bei mir, bist so weit weg von mir! Fast bin ich erschro­cken über mei­ne Augen, als ich vor­hin in den Spie­gel sah. Sie glän­zen unheim­lich und dun­kel und abwe­send und suchend. Du! Was sie alles schau­ten und tran­ken, und womit sie sich füll­ten in die­sen Tagen! Und sie wer­den ja nicht ruhen, bis sie all das Süße und Schö­ne wie­der­schau­en. Wei­ter­le­sen!

08. Juni 1939

[390608–2-1]

O., am 7. Juni 1939.

Mein lie­ber [Roland]!

Nun ste­he ich wie­der mit­ten drin im gro­ßen Schaf­fen, und man soll­te mei­nen, nach dem ver­brach­ten Urlaub geht’s mit dop­pel­ter Lust und Lie­be an die Arbeit. Ich aber muß das Gegen­teil fest­stel­len. An die­ser Lust­lo­sig­keit hat sicher zu gro­ßem Teil die uner­träg­li­che Hit­ze schuld [sic], die schon seit Tagen hier herrscht. Es wird bes­ser wer­den. Aber sieh, das alles läßt sich ertra­gen, wenn ich zurück­den­ke an uns[e]re ein­zig schö­nen Feri­en­ta­ge — Du, mein lie­ber, lie­ber [Roland]! Wei­ter­le­sen!