17. November 1938

[381117–1-1]

L. am 17. Novem­ber 1938.

Liebe [Hilde]!

Vie­len Dank für Ihre Briefe. Seit ich mir über­legt habe, wie wenig Zeit Ihnen bleibt, einen Brief zu schreiben, ungestört zu schreiben, rechne ich Sie sie [sic] Ihnen dop­pelt.

Was Sie abends fortschick­en, erre­icht mich reg­ulär am übernäch­sten Tag früh. Wenn ich es abhole, wie heute, Nach­mit­tag des näch­sten Tages. Eben lese ich aus dem Stem­pel, daß Sie den Brief erst heute mor­gen in den Kas­ten gesteckt haben, jet­zt ist er schon in meinen Hän­den. Ihre Karte lag auf meinem Tisch, als ich gestern abend gegen ¼ 8 zurück­kehrte. 8 Stun­den lag ich auf der Bahn, trotz­dem brachte die Reise inneren Gewinn. Wenn man Abstand nimmt von ein­er Arbeit, sieht man manch­es mehr und anders als aus der Nähe. Der Wech­sel des Ortes, des Schau­platzes, macht mich schnell inner­lich frei und lock­er. Das beobachte ich schon bei dem Wech­sel von Schule und Zuhause. Weit­er­lesen!

16. November 1938

[381116–2-1]

O., am 16. Nov. 1938.

Lieber [Roland]!

Draußen herrscht unfre­undlich­es Wet­ter, sehr trübe ist es — ein wenig beherrscht es sog­ar meine Stim­mung. Ich war heute nicht zum Gottes­di­enst, die Kan­tor­ei hat auch nicht gesun­gen.

Jet­zt hal­ten die Eltern noch Mit­tagsruhe, meine Gedanken sind bei Ihnen. Ich befürchte, daß Sie meine Karte nicht mehr erre­ichte, das täte mir so leid.

Wie lange doch diese Unstim­migkeit nach­wirkt in uns. Es ist rührend, wie Sie sich sor­gen und mühen, um mir das Herz zu erle­ichtern. Lassen Sie mich nochmals her­zlich danken für Ihren let­zten Brief. Er läßt mich wieder hoff­nungsvoller blick­en in die Zukun­ft. Freilich wer­den noch viele Steine auf unser[e]m Wege liegen, große und kleine. Doch wir wollen sie mit Gottes Hil­fe über­winden, im Glauben an einan­der und im Glauben an die Stärke und das Gute in uns.

Lassen wir nun das Trübe hin­ter uns — freuen wir uns des Kom­menden. Sie haben mich mit Ihrer Hoff­nungs­freudigkeit angesteckt: Es wird alles wieder gut wer­den. Weit­er­lesen!

14. November 1938

[381114–2-1, Postkarte]

O., am 14. Nov. 1938.

Lieber [Roland]!

Ich danke Ihnen her­zlich für Ihren Brief und die lieben Grüße, die ich heute erhielt. Die Freude war dop­pelt groß, als Sie mir sog­ar schriftlich bestätigten, daß Sie mein­er gestern fleißig gedacht­en. Nehmen Sie dies als Gegen­leis­tung! Ich möchte bei Ihnen keine Sorge aufkom­men lassen — bitte, gedulden Sie sich, am Mittwoch schreibe ich Ihnen aus­führlich. Es ist fast 7.00 und ich en[td]eckte, als ich heimkam, im Briefkas­ten die drin­gende Ein­ladung zur Singstunde. Am Son­ntag will er sin­gen lasse[n] u. seit ich zulet­zt bei Ihnen war, hat­ten wir keine Stunde wieder. Eigentlich geschähe ihm recht, wenn wir ihn auch mal sitzen ließen. Doch ich bring’s nicht fer­tig, das Pflicht­be­wußt­sein regt sich immer; bei dem jet­zi­gen Zus­tand kommt es auf jeden an, daß sich der Zusam­men­halt des Vere­ins wenig­stens nach außen hin erhält. Ich muß Ihnen das erzählen. Und mor­gen bin ich g[e]rad[‘] im Kränze die Gast­ge­berin, ich möchte den Mädels nicht absagen. Gestern war ich mit den Eltern spazieren. Sie wer­den nicht bös[‘] sein, wenn’s dies­mal etwas länger dauert, ja? Ich wün­sche Ihnen recht fro­he Stun­den mit Ihren Lieben, ich denke, daß Sie bis Mittwoch bleiben.— Nun Schluß, die Zeilen müssen noch mit auf den Weg u. mor­gen in Ihren Hän­den sein. Behüt[‘] Sie Gott!

Bleiben Sie gesund lieber [Roland] u. seien Sie recht her­zlich gegrüßt von

Ihrer [Hilde].

10. November 1938

[381110–1-1]

L. am 10. Nov. 1938.

Liebe [Hilde]!

Sie dür­fen Ihren Beitrag zu uns[e]rer Fre­und­schaft nicht ger­ing acht­en. Liebe und Güte sind Tugen­den des Herzens. Sie sind heute so sel­ten. Über­all regiert der kalte Ver­stand, der Vater des Zweifels. Auch ich bin der Liebe entwöh­nt. Hart war ich oft gegen mich selb­st. Hart macht unser Beruf, auch der Brud­er klagt darüber. Jahre­lang schon bin ich auf mich selb­st gestellt, ich fre­unde mich nicht leicht jeman­dem an, die meiste Zeit bin ich auf mich selb­st angewiesen. Was Wun­der, wenn es mir nicht gle­ich gelin­gen will, mich einem Men­schen von Herzen zu wid­men? Lassen Sie mich nicht so leicht los und verza­gen Sie nicht so leicht, wenn ich mich wieder ein­mal ver­schließe und zurückziehe. Liebe werkt Zutrauen. Glauben Sie, ich hätte einem liebear­men, ver­standeskühlen Mäd­chen meine geheimen Gedanken so schlicht und ernst anver­trauen kön­nen? Niemals. In dem Maße, in dem der Ver­stand über den Men­schen Herrschaft gewin­nt, verküm­mern Herz und Gemüt. Ich glaube, daß mein ganz­er Men­sch sich ein wenig mod­elt an der Seite ein­er lieben Frau, daß er sich ändert und löst zu seinem Gewinn. Weit­er­lesen!

07. November 1938*


T&Savatar[
381107–2-1* unvoll­ständig]

O., am 7. Novem­ber 1938.

Lieber [Roland]!

Wie kön­nte ich noch so trau­rig sein wie vorige Woche? Bitte seien Sie ganz beruhigt und zuver­sichtlich. Ich füh­le es, daß ich über­wun­den habe. Ich bin Ihnen so sehr dankbar für Ihren lieben Brief. Daß ich Ihnen so viel Sorge machen muß! Sie Armer, die Ein­samkeit lässt Sie dop­pelt lei­den, und Ihre Umge­bung ruft immer wieder die Erin­nerung an diese Stun­den wach.

Auch ein­mal ent­fliehen kön­nen in sein eigenes kleines Reich, vor den quälen­den Blick­en and[e]rer — so schön muß das sein. So wie Sie[,] die Gedanken nieder­schreiben kön­nen, wie sie mich ger­ade zu der Stunde bewe­gen, in der ich mich mit einem lieben Men­schen beschäftige; ohne daß ich von neugieri­gen oder erstaunten Blick­en belästigt werde. Danach sehne ich mich.

Es ist oft schw­er, alle Empfind­un­gen so wirk­lichkeit­sna­he im Gedächt­nis aufzube­wahren, bis die Stunde da ist, in der man ein­mal ungestört alles nieder­schreiben kann.

Weil ich die Ein­samkeit ent­behren muß, sehne ich mich nach ihr. Uns[e]re let­zte Begeg­nung ste­ht immer noch im Mit­telpunkt des Geschehens. Ich möchte Ihnen so gerne erk­lären helfen.

Der Haupt­grund mag wohl sein, daß uns[e]re Verbindung noch zu zart und jung ist, um allen äußer­lichen Ein­flüssen gewach­sen zu sein. Eine gewisse Scheu hält uns einan­der noch fern, weil wir uns eben noch zu wenig ken­nen und wie Sie schon ganz richtig sagten, uns verbinden noch zu wenig gemein­same Erleb­nisse. Die Sicher­heit fehlt. Jet­zt komme ich dahin, daß ich mir eingeste­hen muß, im Ver­gle­ich zu Ihnen bin ich noch ein recht­es, dummes Kind. Es ist keine Entschuldigung wenn ich sage, daß ich im Verkehr mit frem­den Men­schen noch uner­fahren bin. Man muß immer, wo man sich auch befind­et, seinen Mann ste­hen. Das ist eine Tat­sache, mit der man sich in meinem Alter längst abge­fun­den haben müßte.

Ich schäme mich, wenn Sie sagen, ich sei ganz unschuldig. Der Schreck über den Besuch und die Angst irgend etwas Dummes anzustellen oder zu sagen, was Ihnen zum Nachteil gere­ichen kön­nte, macht­en mich schüchtern und schweigsam.

Ich war dann so bedrückt, als ich zusah, wie Sie und Ihre Ver­wandten die Sit­u­a­tion zu meis­tern ver­standen und für mich so unver­fänglich wie nur möglich zu gestal­ten.

Der Mon­ta­gnach­mit­tag — jeden Tag um die gle­iche Zeit muß ich daran denken, Sie sahen nach der Uhr. Das Buch trug Schuld daran.—

Ich will Ihnen die Gedanken anver­trauen, die mich in diesen Tagen nicht mehr losließen: Es muß anders wer­den. Es muß irgend etwas geschehen, was mich völ­lig her­aus­reißt aus meinem bish­eri­gen Schaf­fen. Ich müßte eine Zeit unter ander[e]n Men­schen leben, müßte Auf­gaben haben, denen ich mich mit Hingabe wid­men kön­nte. Ich ste­he Ihnen um vieles nach. Wenn ich auch noch sehr jung bin und Ihnen an Wis­sen niemals gle­ichkom­men kann. Doch ich müsste zu Men­schen gehen, bei denen ich meine Unsicher­heit ablege; zu Men­schen die mich das lehren, was mich

T&Savatarsm[Brief unvoll­ständig]