Darstellung des Briefwechsels

1. KorrespondentInnen

1.1. Hilde

Hilde posierend, bei Roland zum Besuch, Ende Novem­ber 1940, Eck­ern­förde.

Hilde Laube wurde 1920 in eine Arbeit­er­fam­i­lie in einem ländlichen Dorf in Sach­sen hineinge­boren. Sie arbeit­ete ein Jahr als Hau­sangestellte, dann in einem Triko­tagen-Werk. Sie kan­nte Roland aus der Kan­tor­ei in O., ist sog­ar der Singge­sellschaft beige­treten, um ihm näher zu sein, jedoch hat sie bis Mai 1938 nur einige Mal direkt mit ihm gesprochen. Nach­dem Roland aus O. umziehen mußte, schrieb Hilde Roland einen Brief (am 4. Mai 1938), in dem sie ihre geheime Liebe offen­barte. Der Briefwech­sel bezeugt Hilde als starke, mutige, ehrgeizige und roman­tis­che Frau, die mehr vom Leben wollte. Sie war eine gottgläu­bige Christin, und wenn sie wom­öglich in poli­tis­chen Fra­gen gut­gläu­big war, so stellte sie doch auch kri­tis­che Fra­gen zu wichti­gen The­men des Zeit­geschehens. 

1.1.2. Roland

Roland, während Hildes Besuch, Ende Novem­ber 1940, vor der Miet­woh­nung, Eck­ern­förde.

Roland wurde 1907 in eine bürg­er­liche Fam­i­lie in einem ländlichen Dorf in Sach­sen hineinge­boren. Nach­dem er ein Musik­studi­um aufgegeben hat­te, arbeit­ete er als Dor­flehrer in O. Im Früh­jahr 1938 wurde Roland nach L. in Sach­sen ver­set­zt, ange­blich weil er sich nicht aus­re­ichend in der NSDAP ein­set­zte. Um die Zeit war er der Partei beige­treten. Roland war ein sehr zurück­ge­zo­gen­er Men­sch, der nur einige männliche Fre­unde und wenig Kon­takt zu Frauen hat­te. Am lieb­sten war er allein zu Hause oder in der Natur. Bis Hilde ihn anschrieb dachte er lebenslang Jungge­selle zu bleiben. Bil­dung war ein wesentlich­er Bestandteil seines Selb­st­bildes.

2. Zeiträume des Briefwechsels

2.1. Bekanntschaft

Zwis­chen dem 05. und 12. 1938 lern­ten Hilde und Roland sich ken­nen. Sie siezten sich noch und trafen sich einige mal im Geheimen, um die junge Beziehung vor frem­den Blick­en zu schützen.

2.2. Brautwerbung

Hilde und Roland, vor der Kirche, Hochzeits­bild, 07.1940

Zwis­chen Jan­u­ar 1939 und Juli 1940 teil­ten Hilde und Roland ihrer Beziehung allmäh­lich den Eltern, Fre­un­den und Nach­barn mit. Sie duzten sich nun, entwick­el­ten eine eigene Sprache in der Beziehung und tauscht­en Kose­worte aus. Die Sehn­sucht nach kör­per­lichem Kon­takt wurde zunehmend zur Her­aus­forderung. Bei­de zogen zu dieser Zeit um: Hildes Fam­i­lie in eine größere Woh­nung, Roland auf­grund ein­er neuen Stelle. Ihre anste­hende Hochzeit wurde im Früh­ling 1940 kundgegeben und fand schließlich am 13. Juli 1940 statt. Kurz zuvor gab Hilde ihre Arbeitsstelle auf.

2.3. Militärische Ausbildung

“Zugkam­er­aden”, Rolands Verei­dung, Kiel, 03.09.1940.

Das kurzfristig eingestellte Briefwech­sel wurde im August 1940 wieder aufgenom­men, als Roland in die Wehrma­cht ein­berufen wurde. Er wurde in Schleswig-Hol­stein zum Maat aus­ge­bildet, um als Schreiber bei der Kriegs­ma­rine zu dienen. Ende Novem­ber 1940 kon­nten Hilde und Roland sich in einem kleinen Dorf in der Nähe von Kiel auf Urlaub tre­f­fen.

2.4. Militärische Einsätze

Rolands Kam­er­ad in Uni­form, nähe Thes­sa­loni­ki, Griechen­land, April 1941.

In den bish­er veröf­fentlicht­en Briefen wurde Rolands zunächst 1941 nach Plov­div in Bul­gar­ien ver­set­zt und schließlich nach Thes­sa­loni­ki in Griechen­land, wo er auch 1942 noch sta­tion­iert war. Hilde wohnte durchgängig in einem Dorf in Sach­sen.

2.5. Bisher unveröffentlichte Briefe

Roland diente der Kriegs­ma­rine bis Ende des Krieges, wo er dann von der Roten Armee gefan­gen genom­men wurde. Der Briefwech­sel endet erst als er im Feb­ru­ar 1947 aus der Kriegs­ge­fan­gen­schaft zu Hilde zurück­kehrte.

3. Überlieferung

Das Briefwech­sel verblieb und bleibt im pri­vat­en Besitz der [Nord­hoff] Kinder. Hilde hat­te die Briefe nach dem Krieg in 24 Aktenord­nern auf­be­wahrt. Sie sind nur teil­weise num­meriert. 2012 hat sich die Fam­i­lie entsch­ieden, den gesamten Briefwech­sel für ein Pub­lic His­to­ry Pro­jekt zur Ver­fü­gung zu stellen, jedoch unter der Bedin­gung der Ein­hal­tung “größt­möglich­er” Anonymität.

3.1 Umfang

Das Briefwech­sel bein­hal­tet ca. 4000 Briefe, inkl. einige Postkarten, Telegramme und Grußkarten. Die Briefe haben eine Länge von 1 bis 12 Seit­en, wobei die läng­sten oft zwei oder gar drei ver­schiedene Briefen umfassen. Die über­wiegen­den Briefe umfassen 4 bis 7 Seit­en. Der Zahl der bish­er veröf­fentlicht­en Briefen pro Jahr bzw. pro Monat ist im “Archiv” (linke Spalte) abzule­sen.

3.2. Laufzeiten

Während der Frieden­szeit dauerte es wenige Tagen bis ein Brief den Brief­part­ner erre­ichte. Hilde und Roland haben diese Laufzeit­en genau aus­gerech­net und auf die Briefen mit großer Aufre­gung gewartet.

Während des Krieges waren die Laufzeit­en etwas länger. Ende Juli beispiel­sweise benötigte ein Brief von Hilde an Roland in der Regel sechs Tage: “Ganz schnell und regelmäßig kommt Dein lieber Bote jet­zt zu mir, braucht nur 6 Tage” [410722–1-1]. Die gle­iche Zeit, “5 Tage, manch­mal auch länger” [410723–2-1], benötigten die Briefe von Roland nach Sach­sen.

3.3. Schreibhäufigkeit

Während der Bekan­nt­machung bzw. Brautwer­bung schrieben Roland und Hilde sich sehr regelmäßig jew­eils ein­mal pro Woche. Die Fre­quenz erhöhte sich während Rolands mil­itärisch­er Aus­bil­dung und seinen Ein­sätzen auf ein- oder sog­ar zweimal pro Tag, wobei die Kor­re­spon­den­ten ab und zu auch einen Tag Pause machen mussten, wenn sie zu beschäftigt waren.

Es ent­standen wenige län­gere Unter­brechun­gen im Briefwech­sel, grund­sät­zlich nur wegen Krankheit oder dann, wenn sie sich wie während des Fron­turlaubs trafen, gemein­sam reis­ten, und direkt nach dem Hochzeit, als Hilde und Roland für wenige Wochen als Ehep­aar zusam­men­lebten.

3.4. Briefbeilagen

Bere­its während der Brautwer­bung tausche das Paar auch Bilder, Geschenke und Doku­mente mit dem Briefwech­sel aus. Nach­dem Roland ein­berufen wurde, sandte er seine Wäsche zu Hilde und sie versende­ten schw­er zu find­ende bzw. rationierte Güter in Paketen. Diese Beila­gen set­zten sich im Krieg fort. Von Bul­gar­ien versendete Roland wieder­holt auch Neg­a­tive von Fotografien an Hilde, die diese an ihrem Heima­tort entwick­eln ließ [z. B. 410416–2-1]. Die entwick­el­ten Bilder leit­ete Hilde zudem an die Ehe­frauen jen­er Sol­dat­en weit­er, mit denen Roland sta­tion­iert war [z. B. 410609–2-1]. Diese Bilder veröf­fentlichen wir mitunter im Blog bei passenden Briefen. Hilde wiederum schick­te Roland mitunter Bargeld an Rolands Stützpunkt [z. B. 410611–2-1].

4. Qualität der Briefe

4.1 Schreibmittel

Anfangs hat das Paar gutes, sog­ar duf­ten­des, Schreib­pa­pi­er aus­ge­sucht. Die Papierqual­ität ver­schlechterte sich aber während des Krieges.

Auss­chnitt aus dem Brief mit roten Markierun­gen und einem Papier­loch

 

Um die Briefe in Aktenord­nern zu sam­meln, musste Hilde Löch­er in den Briefe stanzen. Deswe­gen sind an diesen Stellen einige Buch­staben nicht mehr sicht­bar, aber nur in weni­gen Fällen ist das Wort dann nicht zu entz­if­fern.

 

 

Auszug aus dem Brief mit über­mäßiger Tinte

Der über­wiegende Teil der Briefe wurde mit Tinte geschrieben, mitunter ver­wandte Roland auf Reisen einen Bleis­tift. Beson­der­heit­en wie Ver­schmutzun­gen oder Ungle­ich­mäßigkeit­en der Tinte sind so weit wie möglich mit Abbil­dun­gen aus dem Brief wiedergegeben.

4.2 Schrift

Die Briefe zwis­chen Hilde und Roland sind alle hand­schriftlich ver­fasst. Beson­ders während der ersten Bekan­ntschaft schrieben Hilde und Roland sehr formell und häu­figer in Hochdeutsch. Die Briefe waren vor­sichtig und offen­sichtlich nach ein­er oder sog­ar mehreren Fas­sun­gen ver­fasst. Schon vor Rolands mil­itärisch­er Aus­bil­dung schrieben sie viel schneller, informeller und emo­tionaler.

Briefauszug, Zwei Handschriften
Briefauszug, Zwei Hand­schriften

In den ersten Jahren wur­den die Unter­schei­de in ihrem Schrift­bild ab und zu zum The­ma. Roland schrieb meis­tens in deutsch­er Kur­rentschrift, ab und zu (in den Jahren 1938–39) in Süt­ter­lin (sog­ar im gle­ichen Brief, s. oben). Hilde ver­fasste ihre Briefe in ein­er humanistischen/lateinischen Schreib­schrift (unten).

Auszug aus dem Brief 380520–2-1

Ins­beson­dere sieht man eine Verän­derung im Schrift­bild von Roland während des Krieges, als er entspan­nter, freier und schneller schrieb. Sein Hand wurde nach­läs­sig, wenn er getrunk­en hat­te.

Auszug aus dem Brief mit unter­schiedlichen Schrift­grossen.

 

Im Laufe der Brautwer­bung hat­ten die bei­den einen geheimen Schrift­code entwick­elt, wobei sie klein­er geschrieben haben, wenn sie Intim­itäten aus­tauscht­en, als wür­den sie dabei flüstern.

 

Auszug aus dem Brief, Verän­derung der Schrift­große.

 

Sie schrieben mit größeren Buch­staben, wenn sie die Stärke ihrer Gefüh­le zum Aus­druck brin­gen woll­ten.

 

Verän­derun­gen im Schrift­bild wur­den im Blog so weit wie möglich durch Anpas­sung der Schrift­größe (10pt bzw. 14pt) oder durch Ein­fü­gen von Abbil­dun­gen wiedergegeben.

4.3 Sprache und Orthographie

Bei­de Ver­fass­er ver­sucht­en am Anfang ihrer Beziehung viel Hochdeutsch zu ver­wen­den. Schon während der Brautwer­bung began­nen sie mehr und mehr zu schreiben wie sie sprachen, also mit Dialekt und Idi­olekt.

Bei­de ver­wen­de­ten typ­is­che Wortwen­dun­gen aus der säch­sis­chen und bay­erisch-öster­re­ichis­chen Mundart, Hilde jedoch häu­figer als Roland. Bei­de ver­wen­dete auch damals bere­its ver­al­tete Worte aus dem Hochdeutschen,  Roland mehr als Hilde. Fremd­worte aus dem Englis­chen, Franzö­sis­chen, oder Griechis­chen kom­men eben­falls gele­gentlich in den Briefen vor.

Die Zeichenset­zung der Zeit fol­gte weniger fes­ten Regeln als die heutige Rechtschrei­bung. Ausser­dem wur­den oft­mals Worte abgekürzt, ins­beson­dere wenn in der ersten Per­son Sin­gu­lar geschrieben wurde, wie z.B. “ich hab”, “ich wär”. Zeit­gemäss wur­den auch einige Worte zusam­mengeschrieben, wie “wieviel”, “gar­nicht”. Häu­fig kom­men Diminu­tive vor, wenn dies der Mundart entsprach: z.B. “Weibel”.

4.4. Abkürzungen

Hilde und Roland ver­wen­de­ten fol­gende Abkürzun­gen und Zeichen:

Zeit­genös­sis­ches Pfundsym­bol im Hildes Brief.

km = Kilo­me­ter

M. = Mark

Pf. = Pfen­nig

℔ = Pfund

u. = und

usw. = und so weit­er

Auch Insti­tu­tio­nen des Drit­ten Reich­es kürzten sie ab:

NSDAP = Die Nation­al­sozial­is­tis­che Deutsche Arbeit­er­partei

NSV = Die Nation­al­sozial­is­tis­che Volkswohlfahrt

SS = Schutzstaffel

4.5. Kosenamen

Während der Brautwer­bung entwick­elte das Paar eine Rei­he von Kose­na­men.

Hildes Kose­na­men für Roland:  “Hubo”, “Dick­er­le”, und “Män­ner­li”.

Rolands Kose­na­men für Hilde:  “Holde”, “Weibel”, “Das Mäd­chen vom West­en”.

Bei­de gegen­seit­ig: “Herzelein”, “Her­zlieb”, “Herza­ller­lieb­ster”.

Hilde nan­nte ihre Eltern “Mutsch” und (weniger häu­fig) “Papp­sch.”

4.6. Zeichnungen

Auszug aus dem Brief, mit Kussze­ich­nung

Hilde fügte kleine Zeich­nun­gen in ihre Briefe ein, um einen rhetorischen Punkt darzustellen (zB oben). Roland fügte ab und zu größere Zeich­nun­gen ein, um Hilde ein Bild sein­er Lebenswelt zu geben (zB unten). Diese sind jew­eils im Blog abge­bildet.

“Unser Johann,” Zeich­nung von Roland, Auszug aus dem Brief.

5. Zensur und Selbstzensur

5.1. Äußere Zensur

Das Briefge­heim­nis im Deutschen Reich wurde bere­its durch die Verord­nung zum Schutz von Volk und Staat im Feb­ru­ar 1933 de fac­to abgeschafft.[1] Auf­grund des hohen Briefaufkom­mens war eine flächen­deck­ende Zen­sur jedoch kaum möglich. Die Feld­post ver­fügte über eigene Zen­surstellen und auch die Aus­land­spost wurde spätestens seit dem deutschen Über­fall auf Polen von speziellen Stellen, den Aus­lands­brief­prüf­stellen, kontrolliert.[2] Gegenüber dem Zoll, der auf amtliche Öff­nun­gen hin­wies, waren deren Briefkon­trollen für die Kor­re­spon­den­zteil­nehmer nicht ersichtlich.[3] Ob ihre Briefe von der Zen­sur geöffnet wur­den und ob dies eine Gefahr für sie darstellte, wurde von Roland und Hilde nach der Ein­beru­fung Rolands ver­schiedentlich brieflich the­ma­tisiert.

Einge­bet­tet in eine all­ge­meine Schilderung über den Paket- und Postverkehr schrieb Roland: “Ich glaube, bis jet­zt ist von uns[e]rer Post noch nichts ver­loren gegan­gen. In Bülk beklagten etliche Kam­er­aden den Ver­lust ger­ade von Freß­paketen. Manch­mal wer­den auch Briefe zur Kon­trolle geöffnet. Sie sind dann mit einem Stem­pel verse­hen. Na weißt, wenn sie da so einen ohne jeden Zusam­men­hang von uns erwis­chen  ? ? was wer­den sie da so denken. Liebesleute! Sind wir ja auch, Du!” [401108–1-1] Auch Hilde sah in einem eventuellen Öff­nen ihrer Briefe keine Gefahr für sich und Roland: “Und was drin ste­ht? Ach, daß ich Dich so lieb habe, das dür­fen alle wis­sen, da schäme ich mich gar­nicht! Und meine Ver­mu­tun­gen in Bezug auf Deinen nun­mehri­gen Aufen­thalt­sort? Die sind ja so harm­los­er Art, sind ja keine Angaben mil­itärisch­er Stützpunk­te! Sind ja nur die ban­gen Fra­gen ein­er Lieben­den, die sich sorgt” [410322–2-1].

Auszug aus dem Brief mit Hildes Zeich­nung eines Feld­post­stem­pel

Im weit­eren Kriegsver­lauf wur­den geöffnete Briefe weit­er­hin in der Kor­re­spon­denz erwäh­nt: “Als heute früh Deine zwei Boten kamen, da klopfte mir ja das Herz so sehr! Ein­er war wieder geöffnet” [410801–2-1]. Erneut sah Hilde aber keine Gefahr durch die Briefüberwachung. Sie ver­suchte jedoch, die Ver­fahrensweisen und Bedin­gun­gen zu ergrün­den. Einige Zeilen später schrieb sie: “Denke nur, der Brief war geöffnet und nichts, rein gar­nichts durchgestrichen!! Dabei ste­ht doch wieder Saloni­ki da! Sind es doch nicht immer diesel­ben Per­so­n­en, die da öff­nen. Aber ärg­ern tut’s mich trotz­dem, daß Deinen lieben Boten schon vorher jemand las! Wo er doch ganz allein für mich bes­timmt ist, ja” [410801–2-1]. Die Zen­sur bot Hilde fern­er eine Erk­lärung für das ver­spätete Ein­tr­e­f­fen des Briefes, um dessen Verbleib sie sich bere­its Sor­gen gemacht hat­te [410801–2-1].

Nicht immer ist ein­fach zu entschei­den, warum bes­timmte The­men in den Briefen nicht ange­sprochen wer­den. Roland äußerte als Sol­dat in seinen Briefen ver­schiedentlich Kri­tik an den Vorge­set­zten, schrieb aber auch: “Etliche von den Vorge­set­zen haben es natür­lich fer­tigge­bracht, die strenge [Urlaubs]Sperre zu durch­brechen. Sie geben damit der Mannschaft das rechte Leitziel der Kam­er­ad­schaft und des tapfer­en Durch­hal­tens! Oh, Her­zlieb! Bei den Sol­dat­en gibt es gar ver­schiedene Sorten von Men­schen! Aber darüber mag ich mich hier nicht aus­lassen!” [410710–1-1] Ob Roland die Zen­surstelle der Feld­post fürchtete oder seinen Brief nicht mit neg­a­tiv­en The­men belas­ten wollte, lässt sich nur schw­er entschei­den und zeigt die Ver­woben­heit­en von äußer­er und inner­er Zen­sur.

5.2.     Selbstzensur

Neben der äußeren Zen­sur durch ver­schiedene Insti­tu­tio­nen bee­in­flussten auch ver­schiedene For­men der Selb­stzen­sur die Briefe von Roland und Hilde. Ins­beson­dere zu den Briefen an und von der Kriegs­front ver­mit­telte die NS-Regierung in ihrer Pro­pa­gan­da präzise Nor­men und Werte. Auf diese nor­ma­tiv­en Erwartun­gen nahm auch Hilde in ihren Briefen Bezug, wobei sie sich mitunter auch davon abgren­zte. Als sie Roland ein­mal aus­führlich von famil­iären Stre­it­ereien schreibt, schließt sie den Bericht: “So etwas gehört nicht in einen Brief, der an unsere lieben Sol­dat­en geschickt wird. Aber trotz­dem ich das weiß — ich kon­nte sie Dir nicht voren­thal­ten[,] ich mußt mich bei Dir anlehnen, mußt es Dir erzählen — es ging doch um uns bei­de, Du” [401226–2-1].

[1] Klaus Latzel, Wehrma­chtssol­dat­en zwis­chen ‚Nor­mal­ität‘ und NS-Ide­olo­gie, oder: Was sucht die Forschung in der Feld­post, in: Rolf-Dieter Müller, Hans Erich Volk­mann, Die Wehrma­cht. Mythos und Real­ität, München 1999, S. 574–588, S. 574. Verord­nung des Reich­spräsi­den­ten zum Schutz von Volk und Staat vom 28.2.1933, in: Reichs­ge­set­zblatt 17/1933, S. 83.

[2] Ben­jamin Zie­mann, Feld­post­briefe und ihre Zen­sur in den zwei Weltkriegen, in: Klaus Beyr­er, Hans-Chris­t­ian Täubrich, Der Brief. Eine Kul­turgeschichte der schriftlichen Kom­mu­nika­tion, Hei­del­berg 1996, S. 163–171, S. 164f.

[3] Thomas Schiller, NS-Pro­pa­gan­da für den ‚Arbeit­sein­satz‘. Lagerzeitun­gen für Frem­dar­beit­er im Zweit­en Weltkrieg, Entste­hung, Funk­tion, Rezep­tion und Bib­li­ogra­phie, Ham­burg 1997, S. 126f.