28. September 1938

[380928–1‑1]

B. am 28.9.38

Lie­bes Fräu­lein [Lau­be]!

Am Mon­tag­mor­gen frag­te ich Sie, was Sie so besinn­lich gestimmt habe. Ich woll­te dann Ihre Hand neh­men und Ihnen sagen: „Ich bin heu­te so froh.” Ich brach­te es nicht her­aus. Froh­ge­macht hat mich unser Gespräch am Abend zuvor. Es hat mir den Blick gewei­tet für den rech­ten Sinn der Ehe. Und Sie haben hin­ge­führt zu die­sem Gespräch. Als wir so saßen, ins Lee­re schau­ten und uns nur noch hör­ten, da waren wir mit den Her­zen bei­sam­men. Nach sol­chem Abend sich fin­den, das ist dann nicht fades Genie­ßen, das ist in Lie­be sich ver­ei­nen.

Illustration zu "Brüderchen und Schwesterchen," Frontispiz in: Brüder Grimm,  Kinder- und Hausmärchen, 1. Band, 2. Ausgabe, 1819; Quelle: Sammlung Alexander Schippan, http://www.expedition-grimm.de/de/presse/pressefotos.html, herunterladen von  http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Kinder-_und_Hausm%C3%A4rchen_Titel_2te_Ausgabe_Frontispiz.jpg, August 2013
Illus­tra­ti­on zu “Brü­der­chen und Schwes­ter­chen,” Fron­tispiz in: Brü­der Grimm, Kin­der- und Haus­mär­chen, 1. Band, 2. Aus­ga­be, 1819; Quel­le: Samm­lung Alex­an­der Schip­pan, http://www.expedition-grimm.de/de/presse/pressefotos.html, her­un­ter­la­den von http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Kinder-_und_Hausm%C3%A4rchen_Titel_2te_Ausgabe_Frontispiz.jpg, August 2013

Im Mär­chen Brü­der­chen und Schwes­ter­chen fragt der König: Willst du mit mir auf mein Schloß gehen und mei­ne lie­be Frau wer­den? „Mei­ne lie­be Frau” möch­te ich auch ein­mal sagen kön­nen. Es liegt in die­sen Wor­ten Adel und Hoh­heit; engs­te Gemein­schaft, aber in Züch­ten und Wür­de. So kön­nen nur wenig Män­ner auf­rich­tig von ihrer Frau sagen. Denn bei vie­len ist sie nur Haus­häl­te­rin, Wirt­schaf­te­rin und — ich set­ze das har­te Wort — Dir­ne, Spiel­zeug. Schuld sind wohl meist bei­de Tei­le. Ich bin voll fro­her Gewiß­heit: Die Lie­be ist mehr als fades Genie­ßen und nie­de­res Ver­lan­gen — und Sie wis­sen dar­um und wir (auch ich!) dür­fen uns nur mühen und dar­auf stre­ben, dann wer­den wir es erja­gen, das Glück der rei­nen Lie­be. Gott ist Ihr Grund. Die­se Lie­be macht froh und reich und stark, sie erkal­tet nicht — sie wird nur inni­ger, sie befleckt nicht — sie läu­tert aber. Wei­ter­le­sen!

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21. September 1938

[380921–1‑1]

20.9.

L. am 21. Sept. 1938

Lie­bes Fräu­lein [Lau­be]!

Am Mon­tag nach uns[e]rer letz­ten Begeg­nung [h]abe ich im Kalen­der geblät­tert — 4 Wochen, so eine Men­ge Blät­ter. Und nun sind sie fast her­un­ter, der nächs­te Sonn­abend schon – – –.

Herz­lich will­kom­men sind Sie mir. „Sie kommt zu mir.”, dar­in liegt so viel; ein Mäd­chen, kein Phan­ta­sie­ge­bil­de, ein rich­ti­ges, leib­haf­ti­ges Mäd­chen! Zum ers­ten Male habe ich Damen­be­such. Das mag Ihnen zur Freu­de [g]ereichen, das soll mich ent­schul­di­gen, wenn ich mich unge­schickt anstel­le oder es an etwas feh­len las­se. 48 Stun­den wer­den wir auf­ein­an­der ange­wie­sen sein. Das bedeu­tet einen Schritt zu grö­ße­rem Ver­traut­sein. Ich sehe ihm hoff­nungs­voll ent­ge­gen. Wir wer­den nicht zu has­ten brau­chen, Sie wer­den am Sonn­abend nicht nach Hau­se zu fah­ren brau­chen, auch am Sonn­tag noch nicht — Sie wer­den es nicht dür­fen. L. ist trotz­dem noch ein drit­ter, unper­sön­li­cher Ort, und uns[e]re Begeg­nung soll uns die Frei­heit der Ent­schei­dung nicht verkürze[n.] Wei­ter­le­sen!

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18. September 1938

[380918–2‑1]

O., am 18.9.1938.

Lie­ber Herr [Nord­hoff]!

Die­se ver­gan­ge­ne Woche ist mir fast eine Ewig­keit lang vor­ge­kom­men, ich war so in Sor­ge um Sie. Ihre lie­ben Zei­len haben mich beru­higt. Nichts wäre mir schreck­li­cher, ange­nom­men im Kriegs­fal­le, Sie müß­ten mit fort, ohne daß ich Sie noch ein­mal sehen könn­te. Sie haben recht, die Leu­te machen si[ch]

Terrorist-Aktionen Sudetendeutschen Freikorps, Quelle: Cesta k dekretům a odsunu Němců, 1938, herunterladen von http://en.wikipedia.org/wiki/File:Teroristick%C3%A1_akce_sudeton%C4%9Bmeck%C3%A9ho_Freikorpsu.jpg, August 2013
Ter­ro­rist-Aktio­nen Sude­ten­deut­schen Frei­korps, Quel­le: Ces­ta k dekre­tům a odsunu Němců, 1938, her­un­ter­la­den von http://en.wikipedia.org/wiki/File:Teroristick%C3%A1_akce_sudeton%C4%9Bmeck%C3%A9ho_Freikorpsu.jpg, August 2013

unter­ein­an­der kopf­los mit ihren dau­ern­den Neu­ig­kei­ten; es beruht ja von dem vie­len Gere­de sel­ten mal wirk­lich etwas auf Wahr­heit. Ich hof­fe fest auf einen glück­li­chen Aus­gang die­ser Lage. Ges­tern tra­fen hier 90 Flücht­lin­ge ein, sie wur­den im frü­he­ren Arbeits­la­ger unter­ge­bracht. Heu­te kamen noch 180 an, wie ein Sama­ri­ter zu Vater sag­te. Sie soll­ten ein­mal das rege Leben und Trei­ben sehen in O.. Die Bau­ern fuh­ren stun­den­lang Stroh her­bei; Bäcker, Flei­scher, Krä­mer und wer nur irgend in der Lage ist zu spen­den, setzt sich für die armen Men­schen ein. Ich möch­te nur wis­sen, wie lan­ge sie noch aus­hal­ten müs­sen, ehe alles wie­der gere­gelt ist. Wei­ter­le­sen!

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12. September 1938

[380912–2‑1]

11.9.38.

O., am 12. Sep­tem­ber 1938.

Lie­ber Herr [Nord­hoff]!

Schon ges­tern woll­te ich Ihnen schrei­ben, doch der Besuch mei­ner Freun­din hielt mich davon ab. Ich war ein wenig ärger­lich dar­über, gera­de ges­tern waren die Eltern bei der Groß­mutter — ich wäre so schön allein und unge­stört gewe­sen. Manch­mal benei­de ich Sie um Ihre Ein­sam­keit. Ich habe ges­tern viel an Sie den­ken müs­sen, mor­gens — nach­mit­tags. Wir waren auch spa­zie­ren, doch nicht drau­ßen im Frei­en. Lui­se inter­es­sier­te sich mehr für die neu­en Herbst­mo­den in der Stadt. Ein wun­der­ba­rer Film wur­de gespielt, wir haben ihn ange­se­hen. „Hei­mat”, mit Zarah Lean­der, eine ganz ein­zig­ar­ti­ge Stim­me besitzt die­se Schau­spie­le­rin; wenn Sie Gele­gen­heit haben, die­sen Film müs­sen Sie anse­hen. Im Jahn­haus war Kampf­bahn­wei­he, ich bin nicht hin­ge­gan­gen.

Ich glau­be, daß Sie doch manch­mal Sehn­sucht nach O[.] haben. Die Gegend rund­um büßt doch, trotz­dem sie indus­trie­reich ist, land­schaft­lich nicht ein, und sie

Zarah Leander, Heimat, 1938, Quelle: F. W. Murnau-Stiftung, http://www.murnau-stiftung.de/, herunterladen von http://www.filmportal.de/node/10721/gallery, August 2013
Zarah Lean­der, Hei­mat, 1938, Quel­le: F. W. Murnau-Stif­tung, http://www.murnau-stiftung.de/, her­un­ter­la­den von http://www.filmportal.de/node/10721/gallery, August 2013

hat ihre eige­nen Rei­ze, die ein man­cher viel­leicht gar­nicht wahr­nimmt. Man muß eben auch etwas emp­fäng­lich für die Natur sein. Wenn man sich ein Stück Erde selbst erschließt, ohne daß man erst von ander[e]n dar­auf auf­merk­sam gemacht wird, dann ist es uns dop­pelt lieb und wert. Wenn[‘]s bei uns auch kei­ne bedeu­ten­den Sehens­wür­dig­kei­ten gibt wie anders­wo, ich ach­te die­ses Stück Erde, ist es doch das Land mei­ner Kind­heit und Jugend. Ich freue mich, daß Sie in der Zeit, die Sie hier weil­ten, mei­ne Hei­mat lieb­ge­wan­nen. Auch ich gehe gern in mei­ner frei­en Zeit da hin­aus, wo man recht weit ins Land bli­cken kann — am liebs­ten allein. Wei­ter­le­sen!

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11. September 1938

Scherl, Reichsparteitag, 10.09.1938, der grosse Appell der SS, NSKK, NSFK und SS im Luitpoldhain, übersicht während des Fahnenaufmarsches, 10.9.38, Nuremberg, Deutsche Bundesarchiv, Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst – Zentralbild, Bild 183-H12148, herunterladen http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_183-H12148,_N%C3%BCrnberg,_Reichsparteitag.jpg, Juli 2013

[380911–1‑1]

14.9.38

11.9.1938

Lie­bes Fräu­lein [Lau­be]!

Die­sen Brief habe ich schon am ver­flos­se­nen Sonn­tag begon­nen, rich­ti­ger, die­sen Brief begin­ne ich schon heu­te Sonn­tag. Ges­tern wuß­te ich nichts mehr zu schrei­ben, heu­te fällt mir noch aller­hand ein. Ich hat­te Frei­tag und Sonn­abend einen klei­nen Ver­druß in der Schu­le und war mit mei­nen Gedan­ken nicht ganz bei­sam­men. Es galt, eine erboß­te Mut­ter zur Rai­son zu brin­gen. Ich erzäh­le Ihnen das und zei­ge Ihnen die Schrift­stü­cke, wenn Sie das inter­es­siert. Wei­ter­le­sen!

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