Forster, Erotischer Austausch

Forster, Erotischer Austausch – Sexualität in Briefen

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Anni­na Fors­ter, Wien


Selbst­kon­struk­ti­on und ‑insze­nie­rung im Natio­nal­so­zia­lis­mus

In fol­gen­dem Auf­satz möch­te ich die Geschich­te von Roland und Hil­de aus einem phy­si­schen Blick­punkt her­aus betrach­ten: Dem der Sexua­li­tät. Ich wer­de mich mit der sexu­el­len Kom­po­nen­te ihrer Bezie­hung beschäf­ti­gen und ver­su­chen fest­zu­stel­len in wie weit die­se aus den Brie­fen her­aus­zu­le­sen ist. Hier­zu habe ich mich mit der Geschich­te des Brie­fes aus­ein­an­der­ge­setzt, wobei mein Haupt­au­gen­merk auf per­sön­li­chen Brie­fen und Lie­bes­brie­fen lag; habe ver­sucht die Geschich­te der Sexua­li­tät und vor allem den gesell­schaft­li­chen Umgang mit Inti­mi­tät in die­ser Zeit nach­zu­voll­zie­hen. Des Wei­te­ren war es mein Ziel her­aus­zu­fin­den wel­che Rol­le die Sexua­li­tät für Hil­de und Roland spielt und inwie­fern sie ihr in ihren Brie­fen Aus­druck ver­lei­hen.

Das Trug und Schein Pro­jekt befasst sich inten­siv mit dem Brief­wech­sel eines Paa­res im Zwei­ten Welt­krieg. Bei den Brie­fe­schrei­bern han­delt es sich um die jun­ge, aus einer Arbei­ter-Fami­lie stam­men­de, Hil­de Lau­be und den bür­ger­li­chen Volks­schul­leh­rer Roland Nord­hoff. Den ers­ten Brief an Roland schreibt Hil­de im Som­mer 1938 und setzt damit eine umfang­rei­che Brief­kon­ver­sa­ti­on in Gang, die sich bis in den Früh­ling 1946 durch­zieht. Zu Beginn des Aus­tau­sches ist Hil­de 18 Jah­re alt, wohnt mit ihren Eltern in einem klei­nen Ort in Deutsch­land und arbei­tet in einer Tri­ko­ta­gen Fabrik. Roland hat zuvor im sel­ben Ort gewohnt und hat erst kurz vor Beginn des Brief­wech­sels, auf­grund sei­ner neu­en Anstel­lung, den Wohn­ort gewech­selt. Die Bei­den tra­fen sich im Kir­chen­chor und Hil­de beschloss Kon­takt zu dem älte­ren Leh­rer auf­zu­neh­men. Über die­sen — zur dama­li­gen Zeit bereits recht eman­zi­pier­ten — Akt ver­blüfft, ant­wor­tet ihr Roland wenig spä­ter auf ihre ers­ten Zei­len und mit der Zeit ent­wi­ckelt sich eine Freund­schaft zwi­schen ihm und Hil­de. Zunächst nimmt Roland eine bei­na­he auto­ri­tä­re Posi­ti­on in Hil­des Leben ein und lehrt sie, ganz im Sin­ne sei­nes Berufs­stan­des, in der rich­ti­gen Aus­drucks­wei­se in ihren Brie­fen. Schon bald wird jedoch klar, dass die Bei­den mehr für­ein­an­der emp­fin­den als Freund­schaft und gele­gent­li­che Tref­fen fol­gen. Sie bau­en eine Bezie­hung zuein­an­der und mit­ein­an­der auf und kom­men sich, auch kör­per­lich, näher.

Die Geschich­te des Brie­fes ist laut dem Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler Rein­hard Nickisch par­al­lel zu der Geschich­te der Schrift­kul­tur im Mor­gen- und Abend­land zu set­zen. Brie­fe wur­den und wer­den aus einem essen­zi­el­len Grund ver­fasst: Sich jeman­den mit­zu­tei­len. Nickisch meint, dass dies in ers­ter Linie Per­so­nen gegen­über geschieht, die sich in einer räum­li­chen Distanz zum Brief­schrei­ber befin­den.[1] Dem muss ich wider­spre­chen, denn ich den­ke Brie­fe kön­nen auch für Per­so­nen rele­vant sein, die sich im sel­ben Raum befin­den, jedoch durch gewis­se Umstän­de nicht ver­bal mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren kön­nen (z.B. das „Brief­chen­schrei­ben“ in einem Klas­sen­zim­mer). In jedem Fall dient der Brief als ein Ersatz-Medi­um für die ver­ba­le Kom­mu­ni­ka­ti­on.[2] So konn­ten auch Roland und Hil­de zunächst nur über Brie­fe mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren. Roland war aus dem gemein­sa­men Hei­mat­ort weg­ge­zo­gen und um den Kon­takt auf­recht zu erhal­ten, ent­wi­ckel­te sich eine rege Brief­kon­ver­sa­ti­on zwi­schen den Bei­den, die sich auch über die Kriegs­jah­re und Rolands Ein­satz im 2. Welt­krieg hin­weg­setzt. In ihren Brie­fen kön­nen sie sich ein­an­der mit­tei­len, sich aus­tau­schen und Erleb­nis­se viel­leicht gemein­sam ver­ar­bei­ten.

Die Mitt­tei­lungs­trä­ger, die für eine Brief­kom­mu­ni­ka­ti­on essen­ti­ell sind (z.B. Papier, Per­ga­ment, Papy­rus, Ton­ta­feln aber auch Post­bo­ten, Trans­port­ve­hi­kel und äuße­re Fak­to­ren wie Wirt­schaft und Regie­rung), beein­fluss­ten auch die Ent­wick­lung und Ver­brei­tung der Brief­kul­tur. Eben­falls maß­geb­lich an die­ser Ent­wick­lung betei­ligt waren ande­re pro­fa­ne Bedin­gun­gen wie der Trans­fer der Brie­fe.[3] Spe­zi­ell für unse­ren Brief­wech­sel sind sol­che Fak­to­ren rele­vant, denn er fin­det sei­ne Sze­ne­rie in den Tur­bo­len­zen der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen (Kriegs-) Zeit. Sowohl Hil­de, als auch Roland sind von die­sen Fak­to­ren durch bei­spiels­wei­se ver­spä­te­te Brie­fe, betrof­fen. So beklagt sich Hil­de am 29. Dezem­ber 1938, dass Roland sein Weih­nachts­pa­ket noch nicht erhal­ten hat. (390104–2‑1)

Erst ab dem 18. Jahr­hun­dert kann man ein Ver­ständ­nis des Brie­fes als ein Medi­um der „frei for­mu­lier­ten schrift­li­chen Bekun­dung eines indi­vi­du­el­len Sub­jekts“ [4] nach­wei­sen. Die­ses und das 19. Jahr­hun­dert wer­den dem­zu­fol­ge als die „Jahr­hun­der­te des Brie­fes“ in Deutsch­land bezeich­net. Im Jahr 1751 gelang dem Leip­zi­ger Fabel­dich­ter Chris­ti­an Fürch­te­gott Gel­lert eine umfas­sen­de Brief­stil-Reform.[5] Die­se Reform ermög­lich­te es schließ­lich auch dem Lie­bes­brief, „als Aus­druck per­sön­li­cher ero­ti­scher Regun­gen und Wün­sche“[6], Fuß zu fas­sen.

Die Geschichts­schrei­bung des pro­le­ta­ri­schen Sexu­al­ver­hal­tens könn­te durch die ein­sei­ti­ge Sicht zeit­ge­nös­si­scher Beob­ach­ter, geprägt durch eine bür­ger­li­che Sexu­al- und Fami­li­en­ideo­lo­gie, ver­fälscht wor­den sein, so der His­to­ri­ker Franz X. Eder. Die­se Quel­len zeich­nen ein Bild eines unbe­herrsch­ten Sexu­al­trie­bes in der Arbei­ter­ge­sell­schaft des 19. und frü­hen 20. Jahr­hun­derts. Zurück­zu­füh­ren wäre dies auf die indus­tri­el­len Arbeits‑, Wohn- und Lebens­ver­hält­nis­se. Auch Sig­mund Freud ver­such­te sich in die­ser Zeit dar­an, die sexu­el­le Frei­zü­gig­keit eines pro­le­ta­ri­schen und eines bür­ger­li­chen Mäd­chens in Ver­gleich zu set­zen, und lie­fer­te, beein­flusst durch sei­ne sub­jek­ti­ve Bür­ger­lich­keit, eine der bekann­tes­ten Fehl­ein­schät­zung der Sexua­li­tät die­ser Zeit.[7]

Die moder­ne Geschichts­wis­sen­schaft konn­te die­ses ver­zerr­te Bild des Sexu­al­le­bens der Arbei­ter­schicht jedoch mitt­ler­wei­le, durch Zuhil­fe­nah­me von zeit­ge­nös­si­schen Sexu­al­um­fra­gen, Arbei­ter­me­moi­ren und –auto­bio­gra­phi­en, als auch lebens­ge­schicht­li­chen Inter­views wider­le­gen.[8] Diver­se Stu­di­en konn­ten des Wei­te­ren her­aus­fin­den, dass nicht nur die sozia­le Hier­ar­chie die Vor­aus­set­zung für ein pro­le­ta­ri­sches Sexu­al­le­ben war, son­dern auch „Fak­to­ren wie Bil­dung, Kon­fes­si­on, sozia­le Her­kunft, länd­li­che Prä­gung, mate­ri­el­le Bedin­gun­gen, For­men der Arbeits­or­ga­ni­sa­ti­on und die jewei­li­ge Chan­ce zur Fami­li­en- und Haus­halts­bil­dung.“[9]

Die Erfor­schung der sexu­el­len Prak­tik die­ser Zeit ist bis­her eher stief­müt­ter­lich behan­delt wor­den, wenn­gleich die sozi­al- und kul­tur­ge­schicht­li­che For­schung sich bereits mit der wis­sen­schaft­li­chen und gesell­schaft­li­chen Dis­kur­si­vie­rung und poli­ti­schen Instru­men­ta­li­sie­rung aus­ein­an­der­ge­setzt hat. Hier­für wur­den zum größ­ten Teil auto­bio­gra­phi­sche Tex­te aus dem Arbei­ter­mi­lieu unter­sucht, ande­re sozia­le Klas­sen wur­den dies­be­züg­lich bis­wei­len kaum unter die Lupe genom­men. [10] Eder meint jedoch, dass die­se Text­ana­ly­sen ohne­hin nur beschränk­te Ergeb­nis­se lie­fern kön­nen, inso­fern als sexu­el­le Erfah­run­gen und Emp­fin­dun­gen „ent­we­der die gro­ße Leer­stel­le der Tex­te [dar­stel­len] oder [sie] kom­men eher am Ran­de und in wenig expli­zier­ter und refle­xi­ver Form vor.“[11]

Frau­en die in der­sel­ben Geburts­ko­hor­te der Jahr­hun­dert­wen­de gebo­ren sind, berich­ten über einen Wan­del im sexu­el­len Han­deln und Erle­ben in die­ser Zeit. Sie berich­te­ten häu­fig, dass sie in ihrer Kind­heit und Jugend nie mit dem The­ma der Sexua­li­tät in Kon­takt gekom­men waren. Auch die Nackt­heit von Eltern oder Geschwis­tern war ein Tabu-Bruch. „Dok­tor Spie­le“ oder Mas­tur­ba­ti­on kamen kaum vor und das ers­te Ein­tre­ten der Regel­blu­tung kam für die meis­ten völ­lig uner­war­tet.[12] Unter die­sen Umstän­den ent­stan­den phan­ta­sie­vol­le Vor­stel­lun­gen über die Fort­pflan­zung. Man glaub­te bei­spiels­wei­se, dass eine Schwan­ger­schaft durch Küs­sen, auf dem Schoß sit­zen oder Beatmung her­vor­ge­ru­fen wur­de.[13]

In den 20er Jah­ren brach­te die „Sexu­al­re­form“ einen Ein­schnitt in die­se alt ein­ge­ses­se­nen Mus­ter und die Men­schen näher in Rich­tung sexu­el­le Auf­klä­rung. Schrif­ten wie „Die voll­kom­me­ne Ehe“ von Theo­dor van de Vel­des, ermög­lich­te es Schü­lern sich selbst­stän­dig Wis­sen über sexu­el­le The­men anzu­eig­nen und die­ses wei­ter­zu­ge­ben. Auch Ehe­paa­re nutz­ten sol­che Wer­ke um die Ero­ti­sie­rung ihres Sexu­al­le­bens oder die Fami­li­en­pla­nung zu unter­stüt­zen.[14] 1930 gab es das Buch bereits in 30. Auf­la­ge, wur­de schließ­lich jedoch von der Kir­che und dem Hit­ler-Regime auf die Lis­te der ver­bo­te­nen Bücher gesetzt, was das Buch noch begeh­rens­wer­ter mach­te. Van de Vel­des Ziel war es vor­ran­gig Abwechs­lung in die sexu­el­len Prak­ti­ken von Ehe­leu­ten zu brin­gen. So soll­te den Mann ein abwechs­lungs­rei­che­res Schä­fer­stünd­chen im Ehe­bett davon abhal­ten den sexu­el­len Part­ner zu wech­seln, und somit Treue und Lie­be des Gat­ten unter­stüt­zen.[15] Im Vor­der­grund stand also eher die sexu­el­le Erfül­lung des männ­li­chen Geschlech­tes.

Die zuvor indif­fe­rent wahr­ge­nom­me­ne Wand­lung des Kör­pers in der Puber­tät, wur­de zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts zuneh­mend als posi­tiv asso­zi­iert. Auch die Sexu­al­mo­ral ver­än­der­te sich und die Zahl der vor­ehe­li­chen Sexu­al­kon­tak­te und Koitus-Part­ner häuf­ten sich.[16] Man kann jedoch anneh­men, dass die Akzep­tanz des Wan­dels zu einer freie­ren und viel­leicht auch lust­vol­le­ren bzw. lust­ori­en­tier­ten Sexua­li­tät hin schlep­pend ver­lief. So sah Hil­de das The­ma Sexua­li­tät noch aus einem kon­ser­va­ti­ve­ren Blick­win­kel. Im Sep­tem­ber 1938 beschwert sie sich bei­spiels­wei­se bei Roland dar­über, dass eine ihrer Freun­din­nen leicht­sin­nig ihre Jung­fräu­lich­keit an einen jun­gen SS-Offi­zier ver­schenkt hat, der sie schließ­lich ver­ließ. Der Offi­zier begrün­de­te die Tren­nung unter ande­rem mit dem Umstand, dass er ihr nicht ver­trau­en kön­ne. Hil­de zwei­felt die Ernst­haf­tig­keit der Roman­ze an, da ihre Freun­din wei­ter­hin jeden Sonn­tag tan­zen ging. Sie schreibt:

Ein Ver­zicht aus Ver­nunft ist zwar bit­ter, doch es zer­bricht kein Herz dar­an. Aber ich fin­de es unver­zeih­lich, wenn jun­ge Mädels ohne rech­ten Ver­stand, sich so betra­gen, daß ein Makel an ihnen bleibt für immer.“(380907–2‑1)

Mir scheint es so, als wol­le Hil­de Roland in sei­ner romantischen/ ero­ti­schen Zurück­hal­tung bekräf­ti­gen. Sie wol­len sich ver­mut­lich eine sta­bi­le emo­tio­na­le Bezie­hung auf­bau­en, bevor sie eine phy­si­sche ein­ge­hen. Außer­dem hat­te sich Hil­de zuvor, zu stür­misch für Rolands Ver­ständ­nis, ver­sucht sich Roland, auch kör­per­lich, anzu­nä­hern. Da er zu die­sem Zeit­punkt nicht an einem jün­ge­ren Mäd­chen inter­es­siert war, schrieb er hier­zu rück­bli­ckend:

Ich woll­te die­sen Gefühls­aus­bruch nicht, ich fürch­te­te ihn (die Erin­ne­rung dar­an braucht Ihnen gar nicht pein­lich zu sein), weil ich kei­ne fal­schen Hoff­nun­gen näh­ren woll­te.“ (380905–1‑1)

Im Gegen­satz zu Hil­de empört sich Roland stär­ker über den jun­gen Offi­zier als über das Mäd­chen. Er meint, dass der jun­ge Herr Ver­ant­wor­tung über­neh­men müs­se. Er schreibt: „Wer Wei­bes Ehre so gering ach­tet, ist ein mise­ra­bler Kerl. Das möch­te man dem Mäd­chen zum Trost sagen.“ (380910–1‑1) Inter­es­sant ist hier die Ver­tei­lung der Geschlech­ter­rol­len: Hil­de brüs­kiert sich über das Ver­hal­ten ihrer Freun­din, wäh­rend Roland die Schuld bei dem jun­gen SS-Offi­zier sucht und das Mäd­chen in Schutz nimmt. Bei­de schei­nen sich jedoch einig, dass sexu­el­le Hand­lun­gen gut über­dacht sein soll­ten und ein hohes Maß an Ver­ant­wor­tung mit sich brin­gen. Die Tat­sa­che, dass der sexu­el­le Akt des Mäd­chens und des Offi­ziers unehe­lich statt­fan­den wirkt neben­säch­lich, die Tren­nung als Fol­ge scheint für die Bei­den die eigent­li­che Pro­ble­ma­tik dar­zu­stel­len.

Geschlechts­ver­kehr und Mas­tur­ba­ti­on wur­den in immer jün­ge­ren Alter prak­ti­ziert. So nahm die Mas­tur­ba­ti­ons­freu­dig­keit laut Zeit­zeu­g­in­nen seit dem frü­hen 20. Jahr­hun­dert ste­tig zu.[17] Man soll­te anneh­men, dass sich die doch recht from­me Hil­de ver­mut­lich kei­nen sol­chen irdi­schen Bedürf­nis­sen hin­gab, jedoch gibt ihr Brief vom 28. Janu­ar 1940 Anlass zu ero­ti­schen Inter­pre­ta­tio­nen. Sie schreibt, dass sie an die­sem Sonn­tag ganz allei­ne Zuhau­se war und sich am Nach­mit­tag ganz Roland und sei­nen Brie­fen hin­gab. Sie meint sie wäre danach „freu­de­trun­ken, müde und froh“ gewe­sen und habe den Drang zu schla­fen ver­spürt. Auf der einen Sei­te mahnt sie sich für ihr Ver­hal­ten, jedoch meint sie, dass ihr „Glückst­raum“ auf der Rea­li­tät beruht und sie es sich des­halb kaum übel neh­men kön­ne. (400128–2‑1) Man könn­te dem­zu­fol­ge inter­pre­tie­ren, dass Hil­de sehr wohl Selbst­be­frie­di­gung betrieb (natür­lich nur mit Roland als Haupt­fi­gur ihrer ero­ti­schen Phan­ta­si­en), auf jeden Fall kann man anneh­men, dass sie sich ero­ti­schen Träu­me­rei­en hin­gab.

Die Expe­ri­men­tier­freu­dig­keit im Ehe-Bett stieg an und auch Ver­hü­tungs­mit­tel erfreu­ten sich zuneh­mend an Beliebt­heit. Man sprach nun auch über Sexua­li­tät, was laut Eder ein Indiz für die öffent­li­che Dis­kur­si­vie­rung des The­mas ist.[18] So schreibt auch Roland im Febru­ar 1939 laut­ma­le­risch und vol­ler Won­ne an sei­ne Hil­de. War Hil­des unüber­leg­ter, stür­mi­scher Kuss ein paar Mona­te zuvor bereits Anlass für Dis­kus­sio­nen über Moral gewor­den, scheint die phy­si­sche Zusam­men­kunft bei Hil­des Besuch die Erfül­lung Rolands’ geheims­ter Träu­me gewor­den zu sein, die er mit dem Weih­nachts­abend ver­gleicht. Roland sieht die­se Ver­ei­ni­gung jedoch nicht als selbst­ver­ständ­lich an, son­dern viel­mehr als eine „Süßig­keit“ die man sich erst erar­bei­ten muss, indem man die Bezie­hung zuein­an­der hegt und pflegt und sämt­li­che Prü­fun­gen, die der All­tag bereit­stellt, zusam­men bewäl­tigt. Roland sieht in die­ser Ver­ei­ni­gung also nicht nur das rein phy­si­sche Ele­ment, son­dern ist sich sei­ner Pflich­ten als ein mora­li­scher Mann die­ser Zeit bewusst. Er sieht es nun als sei­ne Auf­ga­be an Hil­de zu einer ehren­wer­ten Frau zu machen, denn sie spre­chen auch über Hoch­zeits­plä­ne. (390221–1‑1) Viel­leicht ver­such­te Roland jedoch auch, durch die roman­ti­sier­te Wort­wahl in sei­nem Brief, vor­zu­täu­schen, dass sie den kon­ser­va­ti­ven Nor­men treu geblie­ben sind. Es scheint des Wei­te­ren, dass bei­de noch jung­fräu­lich waren und gemein­sam ihr ers­tes Mal erlebt hat­ten. Denn Roland meint, er hät­te noch nie eine Frau in sei­nen Armen gehal­ten (390221–1‑1) und Hil­de schreibt, dass sie nun zur Frau gewor­den ist. Außer­dem ver­si­chert Hil­de Roland ihre Treue. (390222–2‑1)

Wie zuvor erwähnt, dien­ten Brie­fe als ein Ersatz für eine ver­ba­le Kom­mu­ni­ka­ti­on unter den Vor­aus­set­zun­gen der Mobi­li­tät und Mate­ria­li­tät.[19] Pri­va­te Brie­fe gibt es ver­mut­lich erst ab dem 13. Jahr­hun­dert und sie resul­tier­ten aus einem wis­sen­schaft­li­chen Kon­text.[20] Sie ebne­ten den Weg für den Lie­bes­brief, der spä­tes­tens mit der Brief­stil-Reform von 1751 schließ­lich Fuß fas­sen konn­te.[21] Die bür­ger­li­che Sexu­al- und Fami­li­en­ideo­lo­gie der Wen­de des 19. auf das 20. Jahr­hun­dert ver­fälsch­te jedoch die Ansich­ten über das Sexu­al­ver­hal­ten die­ser Zeit.[22] Durch Zuhil­fe­nah­me von zeit­ge­nös­si­schen Sexu­al­um­fra­gen, Arbei­ter­me­moi­ren und –auto­bio­gra­phi­en, als auch lebens­ge­schicht­li­chen Inter­views konn­te die­ses ver­zerr­te Bild jedoch wider­legt wer­den.[23] In den 20er Jah­ren des 20. Jahr­hun­derts kam es zu einer „Sexu­al-Reform“, die den Umgang mit Sexua­li­tät erleich­ter­te.[24] In dem Fall von Hil­de und Roland, sie kamen schon vor ihrer Hoch­zeit mit Sexua­li­tät in Ver­bin­dung, indem sie mit­ein­an­der schlie­fen. Sie taten es jedoch nicht aus purer Flei­sches­lust, son­dern die­ser Zug war reif­lich über­legt und bei­de waren sich ihrer Ver­ant­wor­tung bewusst, die in die­ser Zeit von ihnen erwar­tet wur­de.

Abschlie­ßend bleibt zu sagen, dass das The­ma der Sexua­li­tät in die­ser Zeit durch­aus noch For­schungs­de­fi­zi­te auf­weist, es aber ver­mut­lich schwie­rig ist die­se Lücken zu fül­len. Zeit­zeu­gen wer­den rar und die Gesprächs­be­reit­schaft hält sich ver­mut­lich in Gren­zen. Wie exem­pla­risch auf­ge­zeigt wur­de, wer­den sexu­el­le, aber auch phy­si­sche Annä­he­run­gen häu­fig nicht direkt ange­spro­chen, son­dern in laut­ma­le­ri­sche Schrift ver­packt, was ein her­aus­le­sen even­tu­ell zusätz­lich erschwe­ren kann. Den­noch soll­te man ver­su­chen wei­ter­hin mit auto­bio­gra­phi­schen Quel­len zu arbei­ten, wie es die­ses Pro­jekt tut, und somit neue Erkennt­nis­se erlan­gen.

 

[1] Vgl. Nickisch, Rein­hard M.G.: Der Brief – his­to­ri­sche Betrach­tun­gen. In: Höf­lich, Joa­chim R.; Geb­hardt, Juli­an (Hg.): Ver­mitt­lungs­kul­tu­ren im Wan­del. Brief, E‑Mail, SMS. Frank­furt a. Main u.a. 2003, S. 63.

[2] Vgl. Ebd., S. 63.

[3] Vgl. Ebd., S. 64.

[4] Ebd., S. 64.

[5] Vgl. Ebd., S. 67.

[6] Ebd., S. 67.

[7] Vgl. Eder, Franz X.: Kul­tur der Begier­de. Eine Geschich­te der Sexua­li­tät. 2. Auf­la­ge, Mün­chen 2009, S. 172.

[8] Vgl. Ebd., S. 174.

[9] Ebd., S. 174.

[10] Vgl. Ebd., S. 206–207.

[11] Ebd., S. 207.

[12] Vgl. Ebd., S. 207.

[13] Vgl. Ebd., S. 207–208.

[14] Vgl. Ebd., S. 208.

[15] Ran­ke-Hei­ne­mann, Uta: Van de Val­de. Die voll­kom­me­ne Ehe. In: Die Zeit, Nr. 46, 1982, S. 47.

[16] Vgl. Eder, Franz X.: Kul­tur der Begier­de. Eine Geschich­te der Sexua­li­tät. 2. Auf­la­ge, Mün­chen 2009, S. 208.

[17] Vgl. Ebd., S. 208.

[18] Vgl. Ebd., S. 209.

[19] Vgl. Nickisch, Rein­hard M.G.: Der Brief – his­to­ri­sche Betrach­tun­gen. In: Höf­lich, Joa­chim R.; Geb­hardt, Juli­an (Hg.): Ver­mitt­lungs­kul­tu­ren im Wan­del. Brief, E‑Mail, SMS. Frank­furt a. Main u.a. 2003, S. 63–64.

[20] Vgl. Krau­ße, Eri­ka: Vor­be­mer­kung. Der Brief als wis­sen­schafts­his­to­ri­sche Quel­le. In: Dies. (Hg.): Der Brief als wis­sen­schaft­li­che Quel­le (=Ernst-Haeckel-Haus-Stu­di­en: Mono­gra­phi­en zur Geschich­te der Bio­wis­sen­schaf­ten und Medi­zin, Band 8). 2005, S. 3–7.

[21] Vgl. Nickisch, Rein­hard M.G.: Der Brief – his­to­ri­sche Betrach­tun­gen. In: Höf­lich, Joa­chim R.; Geb­hardt, Juli­an (Hg.): Ver­mitt­lungs­kul­tu­ren im Wan­del. Brief, E‑Mail, SMS. Frank­furt a. Main u.a. 2003, S. 65.

[22] Vgl. Eder, Franz X.: Kul­tur der Begier­de. Eine Geschich­te der Sexua­li­tät. 2. Auf­la­ge, Mün­chen 2009, S. 172.

[23] Vgl. Ebd., S. 174.

[24] Vgl. Ebd., S. 208.

 

Lite­ra­tur­ver­zeich­nis:

Eder, Franz X.: Kul­tur der Begier­de. Eine Geschich­te der Sexua­li­tät. 2. Auf­la­ge, Mün­chen 2009.

Krau­ße, Eri­ka: Vor­be­mer­kung. Der Brief als wis­sen­schafts­his­to­ri­sche Quel­le. In: Dies. (Hg.): Der Brief als wis­sen­schaft­li­che Quel­le (=Ernst-Haeckel-Haus-Stu­di­en: Mono­gra­phi­en zur Geschich­te der Bio­wis­sen­schaf­ten und Medi­zin, Band 8). 2005.

Nickisch, Rein­hard M.G.: Der Brief – his­to­ri­sche Betrach­tun­gen. In: Höf­lich, Joa­chim R.; Geb­hardt, Juli­an (Hg.): Ver­mitt­lungs­kul­tu­ren im Wan­del. Brief, E‑Mail, SMS. Frank­furt a. Main u.a. 2003.

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