Eichler-Schwarzkopf, Selbstkonstruktion und — inszenierung

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Danie­la Eich­ler-Schwarz­kopf, Wien


Selbst­kon­struk­ti­on und ‑insze­nie­rung im Natio­nal­so­zia­lis­mus

Die­ser Bei­trag prä­sen­tiert die Selbst­kon­struk­ti­on und ‑insze­nie­rung der Lie­ben­den Hil­de und Roland kurz vor ihrer Hoch­zeit im August 1940. Die Brie­fe der bei­den geben unter ande­rem einen Ein­blick in ihren pri­va­ten All­tag, ihre Denk­wei­sen und Wert­ur­tei­le sowie den Ein­fluss der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Poli­tik. Ich ana­ly­sie­re Sequen­zen zwei­er Brie­fe aus eth­no­lo­gi­scher Sicht­wei­se unter Ein­be­zie­hung his­to­ri­scher, sprach‑, sozi­al- und kul­tur­wis­sen­schaft­li­cher Aspek­te. Davon aus­ge­hend, dass die Braut­leu­te der pro­pa­gan­dis­ti­schen Indok­tri­na­ti­on des NS-Regimes unter­lie­gen und die­se in die Lie­bes­be­zie­hung der bei­den hin­ein­reicht, zei­ge ich die Aus­wir­kun­gen auf Hil­des und Rolands Auf­fas­sung von Geschlech­ter­rol­len und Part­ner­schaft sowie den Ein­fluss tra­di­tio­nel­ler Ein­stel­lun­gen und Wert­ori­en­tie­run­gen.

Die Arbei­te­rin Hil­de und der um 13 Jah­re älte­re Leh­rer Roland schrie­ben ein­an­der auf­grund ihrer getrenn­ten Auf­ent­halts­or­te von Mai 1938 bis Febru­ar 1946 regel­mä­ßig Brie­fe. Aus der anfäng­li­chen Brief­be­zie­hung wur­de all­mäh­lich eine Lie­bes­be­zie­hung, deren vor­läu­fi­ger Höhe­punkt schließ­lich die Hoch­zeit am 13. August 1940 war. Die­se erfolg­te in einer Zeit, in der sich Deutsch­land seit über sie­ben Jah­ren unter einem dik­ta­to­ri­schen Regime und seit fast einem Jahr im Krieg befand und die von Unsi­cher­heit und Ver­än­de­rung, Ter­ror und Gewalt geprägt und die Bevöl­ke­rung einer alle Lebens­be­rei­che umfas­sen­den Pro­pa­gan­da aus­ge­setzt war. Doch nicht nur Deutsch­land befand sich in einem Aus­nah­me­zu­stand, auch Roland und Hil­de unter­la­gen kurz vor ihrer Hoch­zeit einer Viel­zahl an Emo­tio­nen, die von Lie­be über Auf­re­gung, Anspan­nung und Vor­freu­de reich­ten, wie in den von mir zur nähe­ren Betrach­tung aus­ge­wähl­ten Brie­fen vom 29. Juni 1940 (400629–1‑1)  und 1. Juli 1940 (400701–2‑1) deut­lich wird. Die von Hil­de ein­ge­gan­ge­ne Ver­pflich­tung dem Pfar­rer ehren­amt­lich eini­ge Stun­den täg­lich zwei Wochen lang zur Ver­fü­gung zu ste­hen, über die sie Roland in ihrem Schrei­ben vom 27. Juni 1940 (400627–2‑1) berich­te­te, war Anlass für Braut und Bräu­ti­gam sich selbst dar­zu­stel­len und ihren Vor­stel­lun­gen von einem gemein­sa­men Leben Aus­druck zu ver­lei­hen. Aus eth­no­lo­gi­scher Sicht­wei­se ist es inter­es­sant zu fra­gen, wie Roland und Hil­de knapp vor ihrer end­gül­ti­gen Bin­dung in einer beweg­ten Zeit ihr Selbst kon­stru­ier­ten und insze­nier­ten.

Ergän­zend soll der Ein­fluss der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Poli­tik auf die pri­va­te Bezie­hung der bei­den Lie­ben­den näher betrach­tet wer­den. Ich bezie­he mich in mei­nen Aus­füh­run­gen auf Arbei­ten aus unter­schied­li­chen Fach­dis­zi­pli­nen, bei­spiels­wei­se des Sozio­lo­gen und His­to­ri­kers Klaus Lat­zel, der über Feld­post­brie­fe als Quel­le schreibt, auf Arbei­ten zu Geschlech­ter­kon­struk­tio­nen in Brie­fen der Kul­tur­wis­sen­schaf­te­rin Inge Mars­zo­lek oder der His­to­ri­ke­rin Kate Hun­ter und aus dem Bereich der Sprach­wis­sen­schaf­ten auf Tex­te von Sonia Can­ci­an und Isa Schi­korsky, die den Sprach­stil in Lie­bes- und Kriegs­brie­fen unter­su­chen. Gise­la Bock  betreibt unter ande­rem sozi­al- kul­tur- und poli­tik­ge­schicht­li­che Geschlech­ter­for­schung und schreibt im ange­führ­ten Bei­trag über unter­schied­li­che Frau­en und deren Bedeu­tung im Natio­nal­so­zia­lis­mus. Zu Selbst­dar­stel­lung und ‑insze­nie­rung füh­re ich einen Text von Gabrie­le Luci­us-Hoe­ne und Arnulf Dep­per­mann an, die das Kon­zept der Posi­tio­nie­rung in der Erzähl­for­schung auf die Iden­ti­täts­kon­sti­tu­ti­on anwen­den und zei­gen, wie die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­part­ne­rIn­nen den ande­ren deut­lich machen, wie sie gese­hen wer­den möch­ten und wie sie die jeweils ande­ren sehen. Mei­ne The­se vor­ab ist, dass die Braut­leu­te der pro­pa­gan­dis­ti­schen Indok­tri­na­ti­on unter­la­gen und die­se in die Lie­bes­be­zie­hung der bei­den hin­ein­reich­te.

In sei­nem Brief vom 29. Juni beklag­te sich Roland über Hil­des Dienst beim Pfar­rer und erklär­te sei­ner Braut, war­um er „nicht ganz damit ein­ver­stan­den sein“ (400629–1‑1)  konn­te. Er gab sei­nen Befürch­tun­gen Aus­druck, dass er durch Hil­des ehren­amt­li­che Tätig­keit in sei­nen Rech­ten „(Brie­fe­schrei­ben)“ (400629–1‑1)  beschränkt wür­de. Die Eigen­ver­ant­wort­lich­keit, die Hil­de durch das Anneh­men des Ehren­diens­tes beim Pfar­rer zeig­te, schien nicht in das bereits vor und schließ­lich wäh­rend des Natio­nal­so­zia­lis­mus gän­gi­ge Bild der unter­ge­ord­ne­ten Frau zu pas­sen, das Roland von sei­ner zukünf­ti­gen Ehe­gat­tin vor Augen hat­te. Die Tat­sa­che, dass sie ihn vor ihrer Ent­schei­dung nicht um Rat ersucht hat­te, war für ihn schwie­rig zu akzep­tie­ren. Mars­zo­lek weist auf die natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Geschlech­ter­ideo­lo­gie hin, die die Bestim­mung der Frau als dem „Mann zur Sei­te gestellt, aber ihm als Füh­rer und Kame­rad unter­ge­ord­net“[1] sieht. So mein­te auch Roland auf Unter­ord­nung „drin­gen“ (400629–1‑1) zu müs­sen. In sei­ner Kri­tik kam in unter­schied­li­cher Form immer wie­der der Begriff Recht vor, der die von ihm bean­spruch­te und ihm laut Gesetz zuste­hen­de Stel­lung beton­te. Lat­zel weist dar­auf hin, dass Frau­en zur Zeit des NS – Regimes ihren Män­nern recht­lich und fak­tisch unter­ge­ord­net waren, auch wenn dies durch die ideo­lo­gi­sche Auf­wer­tung der Mut­ter­schaft zu gesell­schaft­li­cher Gleich­be­rech­ti­gung umge­deu­tet wur­de. Der Ehe­mann soll­te „Füh­rer der Fami­lie“ sein, soll­te sei­ne „Ehe­frau als Bera­te­rin“ akzep­tie­ren, aber „in allen wich­ti­gen Ange­le­gen­hei­ten das letz­te Wort“[2] behal­ten. Um die­ses letz­te Wort hat­te Hil­de ihren Roland mit ihrer eigen­mäch­ti­gen Ent­schei­dung gebracht. Roland jedoch erwar­te­te frei­wil­li­ge Unter­ord­nung und die Aner­ken­nung sei­ner Stel­lung, die er auch durch die Behaup­tung sei­ner eige­nen Prin­zi­pi­en oder durch die Ableh­nung von Hil­des Wün­schen oder For­de­run­gen, zu errei­chen such­te. Sein Ver­ständ­nis von part­ner­schaft­li­cher Bezie­hung war in der tra­di­tio­nel­len Auf­fas­sung von Geschlech­ter­rol­len, die auch bereits vor dem NS-Regime bestan­den hat­te, ver­wur­zelt.

Roland schrieb von sei­ner Auf­ga­be als „Beschüt­zer“ und bezeich­ne­te Hil­de als sei­nen „Schütz­ling“ (400629–1‑1) neben sich. Gemäß dem natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Männ­lich­keits­kon­strukt wur­den Män­nern mili­tä­ri­sche Cha­rak­ter­tu­gen­den zuge­schrie­ben, die es ihnen ermög­li­chen soll­ten ihre Frau­en gegen jeg­li­che Fein­de von außen zu schüt­zen. „Die Stahl­na­tu­ren Ernst Jün­gers wur­den zum Männ­lich­keits­ide­al der NS-Volks­ge­mein­schaft“[3], schreibt Mars­zo­lek. Der tap­fe­re Sol­dat galt als Inbe­griff von Männ­lich­keit, die sich in per­sön­li­chen Wer­ten, wie “Mut, Hin­ga­be an die Sache, Ehre, Treue, Glau­be, Wil­le, Selbst­zucht“[4] mani­fes­tier­te. Auch Roland erwähn­te sei­ne Pflicht als Mann, Hil­de zu beschüt­zen, es gäbe schließ­lich „kei­ne schö­ne­re Auf­ga­be“ (400629–1‑1). Aller­dings müs­se er sich gegen Hil­des Auf­leh­nung  auch „weh­ren“ und „ver­tei­di­gen“. Wenn Roland sich hier mili­tä­ri­scher Begrif­fe bedien­te, so lässt dies, Schi­korsky fol­gend, zum einen auf poli­ti­sche Pro­pa­gan­da rück­schlie­ßen, Schlag­wör­ter der Mili­tär­r­he­to­rik soll­ten Opti­mis­mus aus­strah­len, Kampf­mo­ti­va­ti­on ver­si­chern und Zuver­sicht auf einen posi­ti­ven Kriegs­aus­gang bekräf­ti­gen[5], zum ande­ren mög­li­cher­wei­se auf die Tat­sa­che, dass Roland zum Zeit­punkt des Schrei­bens (noch) nicht Sol­dat war, jedoch schon ger­ne sei­nen Bei­trag geleis­tet hät­te. An ande­rer Stel­le hat­te Roland bereits sei­ne Hil­fe ange­bo­ten und sein Vor­ha­ben geäu­ßert sich „frei­wil­lig zu dem Wach­kom­man­do auf dem W.“ (390902–1‑1) zu mel­den. Mit der Idea­li­sie­rung von Kampf wur­de die Bevöl­ke­rung auf Krieg ein­ge­schwo­ren, Kame­rad­schaft galt als „Garant mensch­li­chen Zusam­men­le­bens“[6]. Das Modell, auf das sich die NS-Kame­rad­schaft stütz­te, stamm­te aus der Schüt­zen­gra­ben­ka­me­rad­schaft des ers­ten Welt­kriegs, wur­de im Natio­nal­so­zia­lis­mus jedoch hier­ar­chi­siert und bezog auch die Frau­en mit ein. Roland ver­wies mit sei­ner Fest­stel­lung, Hil­de sei sein Schütz­ling ‚neben‘ ihm, auf die­se neue Form der Kame­rad­schaft, die es Frau­en ermög­lich­te als Kame­ra­din an der Sei­te ihrer Män­ner gleich­zei­tig sowohl schwach und schüt­zens­wert als auch tap­fer und zu Opfern bereit zu sein.[7] Rolands Inter­pre­ta­ti­on von Männ­lich­keit wur­de durch die natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Hier­ar­chi­sie­rung die­ses Kame­rad­schafts­mo­dells beein­flusst, das in sei­ner erwei­ter­ten Form sowohl den männ­li­chen Krie­ger als auch die schwa­che und zugleich tap­fe­re Frau beinhal­te­te.

Roland beschrieb, was ‚Män­ner‘ den­ken und tun. Des Wei­tern zeich­ne­te er das Bild ‚des Man­nes‘ und ‚der Frau‘ in Bezug auf die Ver­tei­lung ihrer Auf­ga­ben. Laut Schi­korsky ent­spricht die­se neu­tra­le Schreib­wei­se vor allem der „Erfül­lung gesell­schaft­lich kon­ven­tio­na­li­sier­ter Rol­len­kon­zep­te“[8], die den im Natio­nal­so­zia­lis­mus pro­pa­gier­ten Erwar­tun­gen an Ehe­män­ner sowie an Sol­da­ten aus­drück­lich ent­spra­chen. Roland ging mit der zusätz­li­chen Aus­sa­ge „wenn das über­haupt nötig ist“ (400629–1‑1) davon aus, dass Hil­de ähn­lich dach­te. Er erklär­te sie durch sei­ne Aus­sa­ge zu einer Per­son, die ver­stän­dig genug war, sich nicht gegen die Unter­ord­nung auf­zu­leh­nen. Er gab ihr zu ver­ste­hen, dass frei­wil­li­ge Unter­ord­nung ihrer­seits kei­ner­lei Druck sei­ner­seits erfor­der­lich mach­te und wies ihr so die von ihm gewünsch­te und den Rol­len­er­war­tun­gen ent­spre­chen­de Posi­ti­on zu.[9] Wenn es aller­dings dar­um ging sei­ne Gefüh­le und Wün­sche dar­zu­le­gen, blieb Roland in sei­nen Äuße­run­gen vage und unbe­stimmt: er kön­ne „nicht ganz“ ein­ver­stan­den sein, er wer­de in sei­ne Rech­ten „ver­kürzt“, er müs­se „etwas“ ver­tre­ten oder ableh­nen, er „will hof­fen“, dass das Hil­des letz­ter Sei­ten­sprung wäre (400629–1‑1).  Auf indi­rek­te Wei­se ver­such­te Roland Hil­de zu len­ken und ihr damit Spiel­raum für die eige­ne Inter­pre­ta­ti­on zu las­sen ohne nega­ti­ve Kon­se­quen­zen durch direk­te Anord­nun­gen fürch­ten zu müs­sen. Auch wenn, so Luci­us-Hoe­n­e/­Dep­per­mann, die­se indi­rek­ten Äuße­run­gen unter ande­rem auf Erfah­run­gen, Wis­sens­be­stän­de oder Kon­ven­tio­nen ver­wei­sen, so fehl­ten Roland die gemein­sa­men Wis­sens­be­stän­de, die Erfah­run­gen einer geleb­ten Part­ner­schaft, auf die er zurück­grei­fen konn­te. Er steck­te viel­mehr durch sei­ne unbe­stimm­ten Bemer­kun­gen Gren­zen ab, inner­halb derer sich sei­ne Ehe in Zukunft ent­wi­ckeln könn­te, ohne kon­kret zu wer­den. Ergän­zend könn­te sein abschlie­ßen­des „aber genug davon“ (400629–1‑1), Schi­korsky gemäß, auf kol­lek­ti­ve men­ta­le Dis­po­si­tio­nen schlie­ßen las­sen, die wie­der­um aus gesamt­ge­sell­schaft­li­cher, emo­tio­na­ler Neu­tra­li­tät resul­tier­ten könn­ten. Emo­tio­nen wur­den ent­we­der nicht oder nur teil­wei­se the­ma­ti­siert, da dies nicht den all­ge­mei­nen Gepflo­gen­hei­ten ent­sprach.[10] Mars­zo­lek wie­der­um meint, dass dafür auch die „von Krieg und Natio­nal­so­zia­lis­mus abverlangte[n] Här­tung und Pan­ze­rung“[11] ver­ant­wort­lich sein könn­ten. Abseits der gän­gi­gen Geschlech­ter­kon­no­ta­tio­nen blieb Roland bezüg­lich sei­ner Gefüh­le und Emp­fin­dun­gen auf­grund feh­len­der Erfah­run­gen und auf­grund kol­lek­ti­ver emo­tio­na­ler Neu­tra­li­tät zurück­hal­tend und vage.

In ihrem Brief vom 1. Juli 1940 erklär­te Hil­de Roland als Ant­wort auf sei­nen Brief ihre Beweg­grün­de den Ehren­dienst beim Pfar­rer anzu­neh­men und recht­fer­tig­te ihre Hand­lungs­wei­se. Auch wenn sie ihrem Bräu­ti­gam in Bezug auf sein „Recht“ (400701–2‑1) an ihr zustimm­te, auch sei­ne Ver­stim­mung nach­füh­len konn­te, so lehn­te sie sich den­noch vehe­ment gegen sei­ne Bevor­mun­dung auf und erklär­te nur sich selbst als für ihr Han­deln ver­ant­wort­lich. Mars­zo­lek bezeich­net die­se selbst­ver­ant­wort­li­chen Hand­lungs­spiel­räu­me als „Frei-Räu­me“, die „ent­ge­gen dem domi­nan­ten Frau­en­bild, das die Frau als Mut­ter auf die häus­li­che Sphä­re zu beschrän­ken ver­such­te“[12], eine Opti­on dar­stell­ten aus der Pri­vat­heit des Fami­li­en­le­bens her­aus­zu­tre­ten und, als Bonus für das NS – Regime, Frau­en als Erwerbs­tä­ti­ge oder für den Kriegs­dienst zu nut­zen. Hil­de emp­fand ihre eigen­mäch­ti­ge Ent­schei­dung als not­wen­dig, da sie „sofort gebraucht wur­de“ und kei­ne Zeit hat­te lan­ge nach­zu­den­ken. Durch die Ver­hält­nis­se im natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Regime waren Frau­en zwar in der part­ner­schaft­li­chen Hier­ar­chie unter­ge­ord­net, aber glei­cher­ma­ßen den Män­nern „eben­wür­dig“[13]. Des­halb zwei­fel­te Hil­de weder an der Rich­tig­keit ihrer Ent­schei­dung noch an einer posi­ti­ven Reak­ti­on ihres Bräu­ti­gams. „Ich war bei dem Gedan­ken an Dich völ­lig ohne Arg“, (400701–2‑1) so Hil­de. Bock zufol­ge, lag dem NS-Regime nicht nur dar­an, den Frau­en „ein­zig die Fami­lie und gewis­sen­haf­te Mut­ter­schaft“[14] zuzu­ord­nen. Außer­häus­li­che Akti­vi­tä­ten waren üblich, so stieg die Zahl der weib­li­chen Erwerbs­tä­ti­gen ab 1933 ste­tig und war wäh­rend der gesam­ten Zeit unter natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Herr­schaft höher als in den meis­ten ande­ren west­li­chen Staa­ten. Die Gren­zen tra­di­tio­nel­ler Geschlech­ter­rol­len konn­ten über­schrit­ten wer­den, da die Natio­nal­so­zia­lis­ten den Frau­en hin­sicht­lich ideo­lo­gie­kon­for­mer Kar­rie­ren Zuge­ständ­nis­se mach­ten.[15] Auf­grund der dop­pel­glei­si­gen Geschlech­ter­po­li­tik des NS-Regimes konn­te sich Hil­de als moder­ne und selbst­stän­di­ge Frau prä­sen­tie­ren.

Hil­de beschrieb Roland ihre Über­le­gun­gen hin­sicht­lich ihres Enga­ge­ments, die „Grund­sät­ze“ (400701–2‑1), die sie ver­an­lass­ten die Arbeit anzu­neh­men. Hil­des Ent­schei­dung wur­de zunächst davon getra­gen, dass über­all Arbeits­kräf­te gebraucht wur­den und sie ihren Bei­trag „im klei­nen an der inne­ren Front“ (400701–2‑1) leis­ten konn­te. Frau­en muss­ten, wie Mars­zo­lek meint, mit fort­schrei­ten­der Kriegs­dau­er sowohl bereit sein „Krieg in der Hei­mat zu füh­ren“[16] als auch ihre häus­li­chen Pflich­ten wahr­zu­neh­men. Die Volks­ge­mein­schaft war obers­ter Wert und höchs­tes Ziel der NS – Poli­tik, in ihr soll­ten sich, abseits von sozia­len, reli­giö­sen oder klas­sen­spe­zi­fi­schen Unter­schie­den, die Deut­schen gegen den Feind ver­ei­nen.[17]  Die NS-Volks­ge­mein­schaft benö­tig­te die Opfer­be­reit­schaft auch der Frau­en, ihren Dienst am Volk, für die Gemein­schaft. Hil­de brach­te die­ses Opfer, nicht nur, indem sie sich, wie sie sag­te, „nütz­lich“ mach­te, son­dern auch durch „dop­pel­te Leis­tung daheim“. Denn, so Hil­de, „Was nützt es, wenn ich ohne Mühe opfe­re?“ (400701–2‑1). Opfer­be­reit­schaft wur­de von Män­nern und Frau­en erwar­tet, die Opfer­be­reit­schaft war aller­dings, wie Lat­zel her­vor­hebt, nach Geschlech­tern dif­fe­ren­ziert. Frau­en hat­ten dem­nach ihr Opfer sowohl für den Staat als auch für ihre Män­ner zu brin­gen.[18] Lat­zel meint wei­ter, dass durch die Ver­wen­dung der Opfer­r­he­to­rik das eige­ne Leben wich­ti­ger und grö­ßer dar­ge­stellt wird als es tat­säch­lich ist. Hil­de beton­te mehr­mals, dass sie unbe­zahlt arbei­te­te, sie bezeich­ne­te ihre Tätig­keit als „Ehren­dienst“ oder „Ehren­amt, wo ich nicht Lohn bezie­he“ (400701–2‑1), als Auf­ga­be, derer sie sich gewach­sen fühl­te und die die ihr selbst Freu­de berei­te­te. Auch die Aner­ken­nung des Pfar­rers war ihr eine Erwäh­nung wert. Ihre Arbeit, wie bei­spiels­wei­se der Dienst beim Pfar­rer, war eine Form der sozia­len Pra­xis, durch die Hil­de zu einem Teil der NS-Volks­ge­mein­schaft wur­de.

Hil­de ent­warf ein Bild ihrer gemein­sa­men Zukunft mit Roland und beschrieb das Leben, wenn die bei­den Lie­ben­den ver­eint wären. Sie idea­li­sier­te ihr zukünf­ti­ges Ehe­le­ben und mein­te, dass sie „im höchs­ten Ver­trau­en und im bes­ten Ver­ste­hen alles, was das Leben mit sich bringt“ (400701–2‑1) in Kame­rad­schaft tei­len wür­den. Sol­che Idea­li­sie­rung, so Can­ci­an, geht in schrift­li­cher Kom­mu­ni­ka­ti­on oft Hand in Hand mit Tren­nung. Der Part­ner, die Zukunft, die Bezie­hung unter­lie­gen einer Über­hö­hung, die dazu dient, Gefüh­le nicht nur aus­zu­drü­cken, son­dern erst zu schaf­fen oder aus­zu­wei­ten. [19] Wenn Hil­de das „Schö­ne und Beglü­cken­de unse­rer Lie­be“ (400701–2‑1) zitier­te und von deren höchs­tem Wert schrieb, so tat sie das nicht nur, um ihren Emo­tio­nen Aus­druck zu ver­lei­hen, son­dern die­se sowohl bei sich als auch bei Roland zu ver­stär­ken. Des Wei­te­ren ent­sprach sie damit dem natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Gedan­ken­gut, das die „ari­sche“ Ehe, die „»Keim­zel­le des Staa­tes«“[20], als not­wen­dig und für den Auf­bau der Volks­ge­mein­schaft als von beson­de­rer Bedeu­tung erach­te­te. „Die Welt der Frau ist, wenn sie glück­lich ist, die Fami­lie, ihr Mann, ihre Kin­der, ihr Heim.“[21] Sie schrieb davon, nur mehr eine Woche beim Pfar­rer zu arbei­ten, und dann nur noch Roland zu gehö­ren. Mars­zo­leks Argu­men­ta­ti­on fol­gend, war Hil­de zwar stolz auf ihre Selbst­stän­dig­keit, sie wur­de jedoch nicht zum Leit­bild ihres Lebens. Ihre Selbst­stän­dig­keit sah Hil­de als zeit­lich begrenzt, „noch eine Woche geh ich in’s Pfarr­haus“, danach wäre Roland ihr Beschüt­zer für „alle Tage“ (400701–2‑1).  Zum Abschluss all ihrer Recht­fer­ti­gun­gen und Erklä­run­gen bezüg­lich ihrer eigen­mäch­ti­gen Ent­schei­dung, kehr­te Hil­de zu dem zurück, was Roland sich von ihr wünsch­te und dem tra­di­tio­nel­len Frau­en­bild ent­sprach: die dem Mann unter­ge­ord­ne­te, auf­op­fe­rungs­vol­le und erge­be­ne Kame­ra­din, die in der Ehe ihre Erfül­lung fin­det. Hil­de räum­te der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Pro­pa­gan­da bezüg­lich der Rol­le und Stel­lung der Frau einen Platz in ihrem Leben ein und akzep­tier­te damit das domi­nan­te Frau­en­bild des Natio­nal­so­zia­lis­mus.

Pri­va­te Kor­re­spon­denz kann sich als auf­schluss­rei­che Quel­le erwei­sen, die, ent­spre­chend befragt, aus der Ver­gan­gen­heit erzählt. Hil­des und Rolands Brie­fe stel­len inner­halb die­ser Quel­len­gat­tung bezüg­lich Umfang und Dau­er der Kom­mu­ni­ka­ti­on eine Beson­der­heit dar und sind des­halb umso mehr geeig­net, Aus­kunft über his­to­ri­sche und sozio­kul­tu­rel­le Lebens­wirk­lich­kei­ten der Schrei­ben­den zu geben. Die ein­gangs auf­ge­stell­te Hypo­the­se hin­sicht­lich Art und Reich­wei­te der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ein­fluss­nah­me lässt sich durch die Ana­ly­se der zitier­ten Brie­fe bekräf­ti­gen und um den Ein­fluss tra­di­tio­nel­ler Rol­len­bil­der, die bereits vor dem NS-Regime bestan­den hat­ten, ergän­zen. Nichts­des­to­trotz wer­fen die Brie­fe wei­te­re Fra­gen auf, die in die­sem klei­nen Rah­men nicht beant­wor­tet wer­den konn­ten. So könn­te die Unter­su­chung der Brie­fe über einen län­ge­ren Zeit­raum Auf­schlüs­se über die Ver­än­de­rung von Ein­stel­lun­gen und Wer­ten im Zeit­ver­lauf ermög­li­chen oder Unter­schie­de in der Auf­nah­me und Umset­zung der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Pro­pa­gan­da nach Geschlecht und Genera­ti­on zum Vor­schein brin­gen.  Inter­es­sant wäre auch eine Ver­tie­fung ein­zel­ner vor­ge­stell­ter The­sen wie zum Bei­spiel zur sozia­len Pra­xis der Her­stel­lung der NS-Volks­ge­mein­schaft oder NS-Kriegs­ge­mein­schaft.  Abschlie­ßend muss jedoch fest­ge­hal­ten wer­den, dass trotz aller Ergie­big­keit der Quel­le pri­va­ten Brief­ver­kehrs immer nur Ein­bli­cke in die Lebens­wel­ten der Schrei­ben­den gege­ben wer­den kön­nen und vie­le Fra­gen offen blei­ben wer­den.

[1] Mars­zo­lek (1999): S. 46

[2] Lat­zel (1989): S. 213

[3] Mars­zo­lek (1999): S. 46

[4] Brock­haus (2006): S.169

[5] Vgl. Schi­korsky (1992): S. 308 u. 309

[6] Brock­haus (2006): S. 164

[7] Vgl. Mars­zo­lek (1999): S. 45f.

[8] Schi­korsky (1992): S. 298

[9] Vgl. Luci­us-Hoe­n­e/­Dep­per­mann (2004): S. 168 und 169

[10] Vgl. Schi­korsky (1992): S. 299

[11] Mars­zo­lek (1999): S. 52

[12] Mars­zo­lek (1999): S. 47 (Her­vor­he­bung im Ori­gi­nal)

[13] Mars­zo­lek (1999): S.47

[14] Bock (1997): S. 263

[15] Vgl. Bock (1997): S. 261–266

[16] Mars­zo­lek (1999): S. 43

[17] Vgl. Brock­haus (2006): S. 165

[18] Vgl. Lat­zel (1989): S. 216

[19] Can­ci­an (2012): S. 758

[20] Lat­zel (1989): S. 215 (Her­vor­he­bung im Ori­gi­nal)

[21] Adolf Hit­ler, zit. in Lat­zel (1989): S. 212

Literatur

Bock, Gise­la (1997): Ganz nor­ma­le Frau­en. Täter, Opfer, Mit­läu­fer und Zuschau­er im Natio­nal­so­zia­lis­mus. In: Hein­sohn, Kirsten/Vogel, Barbara/Weckel, Ulri­ke: Zwi­schen Kar­rie­re und Ver­fol­gung. Hand­lungs­räu­me von Frau­en im natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Deutsch­land. Cam­pus Ver­lag: Frankfurt/New York. S. 223–277

Brock­haus, Gud­run (2006): Sozi­al­psy­cho­lo­gie der Akzep­tanz des Natio­nal­so­zia­lis­mus: Kri­ti­sche Anmer­kun­gen zu »Rausch und Dik­ta­tur«. In: Von Klimó, Árpád/Malte, Rolf (Hg.), Rausch und Dik­ta­tur. Insze­nie­rung, Mobi­li­sie­rung und Kon­trol­le in tota­li­tä­ren Sys­te­men. Cam­pus Ver­lag: Frankfurt/New York. S. 153–176

Can­ci­an, Sonia (2012): The Lan­guage of Gen­der in Lovers´ Cor­re­spon­dence, 1946 – 1949. Gen­der & Histo­ry, Vol. 24 No. 3 Novem­ber 2012. S. 755–765

Lat­zel, Klaus (1989): Die Zumu­tun­gen des Krie­ges und der Lie­be – zwei Annä­he­run­gen an Feld­post­brie­fe. In: Knoch, Peter (Hg): Kriegs­all­tag. Die Rekon­struk­ti­on des Kriegs­all­tags als Auf­ga­be der his­to­ri­schen For­schung und Frie­dens­er­zie­hung. Metz­ler: Stutt­gart. S. 204–221

Luci­us-Hoe­ne, Gabriele/Deppermann, Arnulf (2004): Nar­ra­ti­ve Iden­ti­tät und Posi­tio­nie­rung. Gesprächs­for­schung – Online – Zeit­schrift zur ver­ba­len Inter­ak­ti­on (ISSN 1617 – 1837). Aus­ga­be 5, S. 166–183

Mars­zo­lek, Inge (1999): »Ich möch­te dich zu gern mal in Uni­form sehen«. Werk­stattGeschich­te 22. Ergeb­nis­se Ver­lag: Ham­burg. S. 41–59

Schi­korsky, Ida (1992): Kom­mu­ni­ka­ti­on über das Unbe­schreib­ba­re – Beob­ach­tun­gen zum Sprach­stil von Kriegs­brie­fen. In: Wir­ken­des Wort 2. S. 295–315

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