Schyga, Das Sein hat ein Gedächtnis

TS_contributor_avatar-smPeter Schyga, Hannover [BB130526]

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Das Sein hat ein Gedächt­nis[1]

Erin­nern heißt in der Gegen­wart leben, um die Zukunft vor­zu­be­rei­ten. Erin­ne­rung ist ein Gut, das Men­schen zu Men­schen macht. Weil ohne das Wis­sen dar­um, wie wir gewor­den sind, wie wir sind, mensch­li­che Exis­tenz nicht mög­lich ist. In unse­rer schnell­le­bi­gen, auf mate­ri­el­lem Besitz und ego­is­ti­schem Den­ken ori­en­tier­ten Leben kommt die Erin­ne­rung oft­mals zu kurz. Es ist nicht die Nost­al­gie, als eine Form der Her­auf­be­schwö­rung von schein­bar bes­se­ren Zustän­den in der Ver­gan­gen­heit, die uns dabei inter­es­siert – „Frü­her war alles bes­ser“ – son­dern ein Nach­den­ken dar­über, wel­che Ereig­nis­se uns als Indi­vi­du­en und Volk betrof­fen haben.

Heilt die Zeit alle Wun­den?

Wenn es um geschicht­li­ches Erin­nern geht, kommt das Phä­no­men der Zeit ins Spiel. „Zeit ist Ver­gan­gen­heit und Zukunft im Jetzt“, so defi­niert der grie­chi­sche Phi­lo­soph Aris­to­te­les das Phä­no­men Zeit. Er erwähnt dabei aber auch, dass „chro­nos“ mehr ist als das Maß der Bewe­gung: „Wenn die See­le nicht misst, geht die Zeit­ord­nung der Tage, Mona­te, Jah­re im indif­fe­ren­ten Fluss der Bewe­gung ver­lo­ren“[2].  Die Fra­ge, was Zeit für das Leben der Men­schen bedeu­tet, ergrün­den Phi­lo­so­phen, Schrift­stel­ler und Wis­sen­schaft­ler seit Jahr­tau­sen­den, malen und model­lie­ren Künst­ler in ihren Wer­ken, into­nie­ren Musi­ker, drü­cken Men­schen in ihren Daseins­er­fah­run­gen aus und gie­ßen es in Sprich­wör­ter. Das Sprich­wort „Die Zeit steht still“ ist ein Ana­chro­nis­mus; und „Zeit ist Geld“ eine Ver­ir­rung. „Zeit haben“, wie auch „kei­ne Zeit haben“ sind Kenn­zeich­nun­gen von Lan­ge-Wei­le und Stress und mar­kie­ren eher mensch­li­che Zuläng­lich­kei­ten und Unzu­läng­lich­kei­ten, als eine men­ta­le Aus­ein­an­der­set­zung über das Mensch­sein. Zeit­viel­falt und Zeit­dik­tat sind Schlag­wör­ter, hin­ter denen Zufrie­den­heit wie Unzu­frie­den­heit mit dem indi­vi­du­el­len und gesell­schaft­li­chen, mensch­li­chen Leben ste­cken. Zeit ist Mensch­lich­keit und Unmensch­lich­keit, je nach­dem der Zei­ger aus­schlägt. Wer das Zeit­li­che im Mensch­sein ver­gisst, lebt nicht mehr![3]

Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung

Am 8. Mai 1985, aus Anlass des 40. Jah­res­ta­ges des Endes des Zwei­ten Welt­kriegs, hat der dama­li­ge Bun­des­prä­si­dent Richard von Weiz­sä­cker die Bedeu­tung einer Erin­ne­rungs­kul­tur zum Aus­druck gebracht: „Wer vor der Ver­gan­gen­heit Augen, Ohren und das Herz ver­schließt, wird weder in der Gegen­wart leben, noch in die Zukunft den­ken kön­nen“. Der Begriff „Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung“ ist ein zwei­schnei­di­ges Schwert. Wäh­rend zum einen damit deut­lich wer­den soll, dass die Gräu­el­ta­ten und Ver­bre­chen, die durch die natio­nal­so­zia­lis­ti­sche und faschis­ti­sche Herr­schaft  began­gen wur­den, im kol­lek­ti­ven Gedächt­nis der Deut­schen blei­ben müs­sen, kann ande­rer­seits mit dem Begriff leicht sug­ge­riert wer­den, dass es ange­zeigt sein könn­te, zu ver­ges­sen. Dass es einen indi­vi­du­el­len und kol­lek­ti­ven Zusam­men­hang von Erin­nern und Iden­ti­tät gibt, dar­auf haben zahl­rei­che psy­cho­lo­gi­sche, psy­cho­ana­ly­ti­sche und sozio­lo­gi­sche Stu­di­en hin­ge­wie­sen. Die Mit­scher­lich­sche Hypo­the­se von der „Unfä­hig­keit zu trau­ern“ bedarf der Kon­fron­ta­ti­on mit der Fähig­keit, „Trau­er in der Geschich­te“ zu ermög­li­chen[4].

Was ist Erin­ne­rung?

Mit Erin­ne­run­gen gehen Men­schen indi­vi­du­ell, situa­tiv und im jewei­li­gen Lebens­al­ter unter­schied­lich um. Um die­sen Phä­no­me­nen nach­zu­ge­hen und fest­zu­stel­len, was es mit dem Erin­nern in den ver­schie­de­nen Lebens­pha­sen der Men­schen auf sich hat, haben sich zwei Wis­sen­schaft­ler der Uni­ver­si­tät Bie­le­feld zusam­men getan, deren For­schungs­be­rei­che nach dem tra­di­tio­nel­len Ver­ständ­nis ihrer Zunft wenig gemein­sam haben: Hans Mar­ko­witsch vom Insti­tut für Phy­sio­lo­gi­sche Psy­cho­lo­gie und der Kul­tur­wis­sen­schaft­ler Harald Wel­zer; also ein Neu­ro­wis­sen­schaft­ler und ein Geis­tes­wis­sen­schaft­ler. Die unter­schied­li­chen Denk- und For­schungs­an­sät­ze in die­sen bei­den Wis­sen­schafts­be­rei­chen wur­den seit dem 19. Jahr­hun­dert in der bis­her unum­stöß­li­chen Auf­fas­sung for­mu­liert: Bei den Natur­wis­sen­schaf­ten gehe es um das Erklä­ren, bei den Geis­tes­wis­sen­schaf­ten um das Ver­ste­hen. Doch seit­dem die Neu­ro­wis­sen­schaf­ten die­ses Bild ins Wan­ken gebracht haben, wonach mensch­li­ches Den­ken und Han­deln nicht nur dem frei­en Wil­len unter­liegt, son­dern durch bio­lo­gi­sche Deter­mi­na­tio­nen bestimmt wird, kommt eine Annä­he­rung der bei­den wis­sen­schaft­li­chen Stand­punk­te zustan­de. Die Wis­sen­schaft­ler ent­wi­ckel­ten ein inter­dis­zi­pli­nä­res Pro­jekt des auto­bio­gra­phi­schen Gedächt­nis­ses, das sie „bi-psy­cho-sozia­les Modell“ nen­nen. Dabei bezie­hen sie drei unter­schied­li­che Per­spek­ti­ven ein: Zum ers­ten geht es um die Ebe­ne der Gehirn­rei­fung, gewis­ser­ma­ßen also die orga­ni­sche Ent­wick­lung, die sich im Lau­fe des Her­an­wach­sens voll­zieht. Bei der zwei­ten Ebe­ne geht es um die psy­cho­lo­gi­sche Ent­wick­lung, die durch Wahr­neh­mun­gen, Kom­mu­ni­ka­ti­on und Gefüh­le gesteu­ert wird. Schließ­lich ist dann noch die Ebe­ne des Sozia­len, also der Kon­tak­te mit Men­schen und der Umge­bung. Die For­scher haben aus die­sen Grund­la­gen ins­ge­samt fünf For­men des Gedächt­nis­ses dif­fe­ren­ziert: Beim pro­ze­du­ra­len Gedächt­nis geht es um das Erler­nen von mecha­ni­schen und moto­ri­schen Fähig­kei­ten, die beim Säug­ling begin­nen und sich im Lau­fe des Lebens wei­ter ent­wi­ckeln. Dann gibt es das Pri­ming­ge­dächt­nis, bei dem die Prä­gung und das Iden­ti­fi­zie­ren von Situa­tio­nen eine Rol­le spie­len. Zum drit­ten spre­chen die For­scher vom per­zep­tu­el­len Gedächt­nis, das Mus­ter des Erken­nens und Erin­nerns lie­fert; wie etwa, dass man einen Apfel als Apfel erkennt, usw. Als vier­tes gibt es das Fak­ten­ge­dächt­nis, das sich in Kurz- und Lang­zeit­ge­dächt­nis auf­schlüs­selt; und schließ­lich das auto­bio­gra­phi­sche Gedächt­nis, das sich im Lau­fe des Lebens ent­wi­ckelt und in den unter­schied­li­chen Lebens­pha­sen ver­schie­den dar­stellt[5].

Bio­gra­phi­sche Erin­ne­rung

Bei der bio­gra­phi­schen Erin­ne­rung, die sich in Selbst­zeug­nis­sen, Tage­bü­chern oder in Zeit­zeu­gen­be­rich­ten dar­stellt und sich als Gedächt­nis­leis­tung und als „Wie­der­ge­win­nung“ des frü­her im Gedächt­nis Gespei­cher­ten oder von etwas, was schon ein­mal gewusst war“ (Aris­to­te­les) zeigt, ist zu  berück­sich­ti­gen, dass das wah­re Erin­nern nicht nur ein zufäl­lig statt­fin­den­der Akt ist, son­dern ein akti­ves, wil­lent­li­ches Sicher­in­nern im Jetzt-Bewusst­sein, also eine intel­lek­tu­el­le Fähig­keit des Den­kens erfor­dert. Das betrifft sowohl die indi­vi­du­el­le Erin­ne­rung, wie auch das kol­lek­ti­ve Gedächt­nis einer Gemein­schaft, eines Vol­kes oder der Mensch­heit[6]. Wer­den Erin­ne­run­gen als Quel­len­ma­te­ri­al ange­bo­ten, hat der Nut­zer die Mög­lich­keit, geschicht­li­che Ereig­nis­se nach­zu­voll­zie­hen[7]. Han­delt es sich bei den Quel­len um Fund­stü­cke, die gar nicht zur Ver­öf­fent­li­chung vor­ge­se­hen waren, son­dern als per­sön­li­che Zeug­nis­se, wie etwa Brie­fe, ste­hen die Leser vor einem Pro­blem und einer intel­lek­tu­el­len Her­aus­for­de­rung. Authen­ti­zi­tät und Bedeut­sam­keit für geschicht­li­che Betrach­tung muss sich als Bio­gra­phie­for­schung voll­zie­hen[8]  und ggf. ver­or­tet wer­den[9].

Geschich­te als All­tag begrei­fen

Es sind nicht sel­ten die Zufäl­le, die wert­vol­les his­to­ri­sches Quel­len­ma­te­ri­al zuta­ge brin­gen. Der Hil­des­hei­mer Radio­ma­cher Dr. Tho­mas Munt­schick stößt bei einem Floh­markt auf einen Ord­ner, in dem sich, in Süt­ter­lin-Schrift, Brie­fe aus den 1930er Jah­ren und einem Foto aus dem Jahr 1936 befin­den. Dar­auf ist ein Chor von 15 jun­gen Frau­en und sechs jun­gen Män­nern in der Sonn­tags­klei­dung der dama­li­gen Zeit abge­bil­det. Eine jun­ge Frau und ein jun­ger Mann aus die­ser Grup­pe begin­nen zwei Jah­re nach der foto­gra­fi­schen Auf­nah­me einen Brief­wech­sel. Die Brie­fe ver­mit­teln in „frei­mü­ti­ger Pro­sa“ Gedan­ken  der bei­den jun­gen Men­schen, die als Hil­de Lau­be und Roland Nord­hoff bezeich­net wer­den. Sie erzäh­len sich ihre all­täg­li­chen Tätig­kei­ten im Beruf, in der Fami­lie, der Frei­zeit, und sie tau­schen sich aus über die Fol­gen des Krie­ges, das Nazi-Regime und ver­mit­teln so die Befind­lich­kei­ten eines „gewöhn­li­chen deut­schen Paa­res wäh­rend des zwei­ten Welt­kriegs“. [https://info.umkc.edu/dfam/projekt/crowdsourcing/]

Leben­di­ge Geschich­te

Die Ver­mitt­lung von his­to­ri­schen Bege­ben­hei­ten und Befind­lich­kei­ten von Men­schen, die sich nicht als gesell­schaft­li­che oder poli­ti­sche Mei­nungs­bild­ner oder Füh­rungs­per­sön­lich­kei­ten dar­stel­len, son­dern als Zeit­ge­nos­sen wie du und ich, kann dazu bei­tra­gen, dass wir Heu­ti­gen Geschich­te nicht (nur) als eine Anein­an­der­rei­hung von „bedeut­sa­men“ Ereig­nis­sen begrei­fen, son­dern im Sin­ne von Ber­tolt Brecht Fra­gen stel­len kön­nen, die viel­leicht nicht in Geschichts­bü­chern geschrie­ben ste­hen:

Ber­tolt Brecht

Wer bau­te das sie­ben­to­ri­ge The­ben?

In den Büchern ste­hen die Namen von Köni­gen.

Haben die Köni­ge die Fels­bro­cken her­bei­ge­schleppt?

Und das mehr­mals zer­stör­te Baby­lon -

Wer bau­te es so vie­le Male auf? In wel­chen Häu­sern

Des gold­strah­len­den Lima wohn­ten die Bau­leu­te?

Wohin gin­gen an dem Abend, wo die Chi­ne­si­sche Mau­er fer­tig war

die Mau­rer? Das gro­ße Rom

Ist voll von Tri­umph­bö­gen. Wer errich­te­te sie? Über wen

tri­um­phier­ten die Cäsa­ren? Hat­te das viel­be­sun­ge­ne Byzanz

nur Paläs­te für sei­ne Bewoh­ner? Selbst in dem sagen­haf­ten Atlan­tis

brüll­ten in der Nacht, wo das Meer es ver­schlang

die Ersau­fen­den nach ihren Skla­ven.

 

Der jun­ge Alex­an­der erober­te Indi­en.

Er allein?

Cäsar schlug die Gal­li­er.

Hat­te er nicht wenigs­tens einen Koch, bei sich?

Phil­ipp von Spa­ni­en wein­te, als sei­ne Flot­te

Unter­ge­gan­gen war. Wein­te sonst nie­mand?

Fried­rich der Zwei­te sieg­te im Sie­ben­jäh­ri­gen Krieg. Wer

Sieg­te außer ihm?

 

Jede Sei­te ein Sieg.

Wer koch­te den Sie­ges­schmaus?

Alle zehn Jah­re ein gro­ßer Mann.

Wer bezahl­te die Spe­sen?

 

So vie­le Berich­te.

So vie­le Fra­gen.


[1]             Václav Havel, „Fas­sen Sie sich kurz“, Rowohlt Ver­lag, 2007

[2]             A. F. Koch, in: Otfried Höf­fe, Aris­to­te­les-Lexi­kon, Stutt­gart 2005, S. 110

[3]             Nora Nebel, Ide­en von der Zeit. Zeit­vor­stel­lun­gen aus kul­tur­phi­lo­so­phi­scher Per­spek­ti­ve, 2011,http://www.socialnet.de/rezensionen/12020.php

[4]             Ulri­ke Jureit & Chris­ti­an Schnei­der, Gefühl­te Opfer. Illu­sio­nen der Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung, 2010,http://www.socialnet.de/rezensionen/10056.php

[5]             Hans J. Mar­ko­witsch / Harald Wel­zer, Das auto­bio­gra­phi­sche Gedächt­nis. Hirn­or­ga­ni­sche Grund­la­gen und bio­so­zia­le Ent­wick­lung, Stutt­gart 2005, 302 S.

[6]             Astrid Erll, Kol­lek­ti­ves Gedächt­nis und Erin­ne­rungs­kul­tu­ren, 2011,http://www.socialnet.de/rezensionen/12634.php

[7]          Ger­hard Schnei­der, Hrsg., Mei­ne Quel­le. Ein Lese­buch zur deut­schen Geschich­te des 19. und 20. Jahr­hun­derts, 2008,http://www.socialnet.de/rezensionen/6823.php

[8]             Thors­ten Fuchs, Bil­dung und Bio­gra­phie. Eine Refor­mu­lie­rung der bil­dungs­theo­re­tisch ori­en­tier­ten Bio­gra­phie­for­schung, 2011, http://www.socialnet.de/rezensionen/11821.php

[9]             Annet­te Eber­le, Päd­ago­gik und Gedenk­kul­tur. Bil­dungs­ar­beit an NS-Gedenk­or­ten zwi­schen Wis­sens­ver­mitt­lung, Opfer­ge­den­ken und Men­schen­rechts­er­zie­hung, 2008, http://www.socialnet.de/rezensionen/7630.php

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