27. Dezember 1942

[421228–2‑1]

66. Sonn­tag, am 27. Dezem­ber 1942.

Gelieb­ter! Mein aller­liebs­ter, bes­ter [Roland]! Du! Du! Wie kann man nur so dumm sein und an den schö­nen Fei­er­ta­gen von zuhaus [sic] fort­lau­fen! Wie kann man nur! So fra­ge ich mich vor­wurfs­voll, jetzt, da ich hier sit­ze im son­nen­über­flu­te­ten, war­men Stü­bel. Ach Gelieb­ter! [Roland]! Mein [Roland]! Den­ke an unse­ren Ver­lo­bungs­tag! Eben­so ist es doch heu­te! So son­nen­klar der Tag. Ach, es ist ja kein biß­chen win­ter­lich drau­ßen, so ohne Schnee.

Wenn der Reif nicht läge, noch vom Mor­gen, an man­chen Stel­len, man konn­te direkt mei­nen, es sei Ostern. Aber nein! So schnell eilt nun die Zeit auch wie­der nicht! Soll sie auch nicht, dann wer­den wir ja zu schnell alt. Mein Her­ze­lein! Ich muß Dir doch erst ein­mal sagen, wie so sehr glück­lich ich bin, bei Dir zu sein! Jetzt end­lich wie­der mal ganz unge­stört bei Dir zu sein! Ach, was mir das für Freu­de ist, das kannst nur noch Du so ganz ermes­sen, sonst nie­mand. Her­ze­lein! Mein Her­zens­schät­ze­lein! Du!!! Oh wie bin ich so glück­lich bei Dir! In Dei­ner Lie­be! Du!!! Es ist mir doch jetzt gera­de so zumu­te, als wäre ich durch einen lan­gen, fins­te­ren Tun­nel gegan­gen – nun aber tut sich wie­der die Welt vor mir auf! Mei­ne gelieb­te Welt! Unse­re Welt der Lie­be und des Eins­sein un d Glück­lichseins! Die Son­ne strahlt! Der Him­mel lacht! Alles ist vol­ler Jubel! Ich kann wie­der mit mei­nen gan­zen Sin­nen und Gedan­ken bei Dir sein! Oh mein [Roland]! Was ist das für ein Glück! Wie sehn­te ich mich schon, nach die­sem Augen­blick! Oh Du!!! Her­ze­lein! Sonn­tag­nach­mit­tag ist, unse­re Uhr zeigt auf ½ 300 [Uhr]. Der Christ­baum steht im Son­nen­glanz, fei­er­täg­li­che Ruhe über­all. Nur Mutsch’s Strick­na­deln klap­pern, die nim­mermüden Hän­de ken­nen kei­ne Ruhe. Und auf dem Sofa? Rate mal, wer da liegt und schläft!

Der Papa?

Falsch gera­ten!

Die [Hil­de]? Bewah­re! Die hat viel Lie­be­res zu tun!

Die lie­be Groß­mutter [Lau­be]! Ja! Sie kam nun heu­te gegen ½ 12 Uhr zu uns und hat mit uns fein Mit­tag gehal­ten. Ich hat­te doch schon ein war­mes Stü­bel gemacht, den Tisch gedeckt mit unse­rem Sil­ber, Wein haben wir getrun­ken und unse­res Man­ner­li Husche ver­zehrt (aber fast ein Glas! haben noch eins nun) Wir haben uns aber den Mund geleckt, Her­ze­lein! Das war etwas Hoch­fei­nes!! An dem 1. Fei­er­tag muß­ten wir doch erst mal Hen­ne essen, weil die nun ein­mal gebra­ten war. Wirk­lich wun­der­bar war Dei­ne Gans, wir möch­ten doch zu ger­ne das eine Glas erhal­ten bis Du auf Urlaub kommst.

Du Man­ner­li! Ich soll Dir doch von der Groß­mutter recht herz­li­che Grü­ße bestel­len und Dir sagen, wie lecker das Mit­tags­mahl war, sie hät­te nun Dei­ne Por­ti­on gegessen!

Und der Ger­hard kann sich gar­nicht [sic] genug tun, so freut er sich an Dei­nem Noten­ge­schenk vom letz­ten Besuch, dar­in lernt er jetzt. Er möch­te sich am liebs­ten noch­mal sel­ber bei Dir bedanken.

Papa schläft im Bett, er beginnt heu­te mit dem Nacht­dienst. Mal sehen, wie lan­ge die Geis­ter ruhig sind! Solang laß’ ich mich nicht abbrin­gen vom Schrei­ben. Und dann, nach der Kaf­fee­pau­se kom­me ich doch wie­der! Oder bes­ser gegen Abend, wenn ich mit Mutsch schön allei­ne bin. Ach liebs­tes Man­ner­li! Ich weiß ja vor lau­ter Freu­de gar­nicht [sic], wo ich soll begin­nen! Heu­te kamen 2 soo, sooooo lie­be Boten an und am 1. Fei­er­tag auch schon! Für die habe ich Dir doch auch noch gar­nicht [sic] recht gedankt!

Ach Du! Gedankt, indem ich Dir alle Lie­be und alles Gut­sein in glei­chen Maße zurück­ge­be, Gelieb­ter! Du! Ehe ich nun auf alles lieb ein­ge­he, will ich Dir nur noch erzäh­len, von unse­rer Rei­se gestern.

Da haben wir doch erst ein mal [sic] aus­ge­schla­fen. Und um 9 Uhr sind wir auf­ge­stan­den. 1103 [Uhr] ging der Zug. Du hast kei­ne Vor­stel­lung, wie unheim­lich viel Men­schen mit­fuh­ren! Herr Leh­rer G. muß­te auch wie­der fort, er läßt grü­ßen! Um ½ 1 Uhr lang­ten wir mit einer über­füll­ten Stra­ßen­bahn an der End­stel­le G. an. Die Son­ne schien, aber es war kalt. Die Ver­wand­ten war­te­ten schon seit früh! Tan­te war eben über den grü­nen Klö­ßen for­men. Und Onkel stand schon bereit, die übri­gen in einem Kar­ton zu ver­pa­cken und an uns zu schi­cken! Das hät­te der fer­tig gebracht. Na, denn ging auch gleich das Schmau­sen los. Die hat­ten wie­der mal alles in Hül­le und Fül­le. 2 Gänse!!

Da kön­nen sie getrost eine Ein­la­dung machen, gelt? Und so fet­te Gän­se, daß einem ganz eklig wür­de, wenn man zu viel davon aß. Die Kin­der waren auf­ge­regt, sie kamen auf mich zuge­rannt, als sie uns kom­men sahen: „Tan­te [Hil­di]! Eine Dampf­ma­schi­ne! Eine Burg!” Und hat­ten mich gleich in Beschlag genommen.

Wo Kin­der sind, ist das Weih­nachts­fest viel­leicht noch schö­ner, als da, wo nur Erwach­se­ne leben. Es sei denn, daß der rech­te Sinn der Weih­nacht auch gehal­ten und gefei­ert wird.

Bei den Ver­wand­ten ist auch kein rech­tes inni­ges Weih­nacht­fei­ern, ich habe so den Ein­druck, daß das Mate­ri­el­le zu sehr im Vor­der­grund steht. Ja – aber das liegt an den Eltern den­ke ich. Du! Bei uns soll das ein­mal anders sein, Liebster!

Der Tag ver­lief nun auch nicht so nach Wunsch. Ich hat­te mich eben mit den Buben in eine Ecke gesetzt, um aus dem Büch­lein, das ich ihnen mit­ge­bracht, eine schö­ne Geschich­te zu lesen “Weih­nacht im Wal­de”, Onkel und Papa hiel­ten Mit­tags­ru­he, die Mut­tis wuschen auf. Da klin­gel­te es und Besuch kam. Eine bekann­te Fami­lie M.: ‚er’ Sol­dat in Urlaub zuhaus, [sic] mit Frau und einem 3 jäh­ri­gen Jun­gen. Dann nach 1–2 Stun­den kam noch eine Bekann­te mit Sohn und Toch­ter! Alles gewis­ser­ma­ßen “unge­be­te­ne” Gäs­te, weil die Ver­wand­ten lie­ber mit uns allein gewe­sen wären. Ich kann mir aber sehr gut den­ken war­um die alle kom­men: Weih­nacht – bei M. – na, da kann man sich voll­es­sen! So ist es bestimmt.

Ja, da konn­ten wie nun gar­nicht [sic] so mit­ein­an­der zusam­men sein, wie wir ger­ne gewollt hät­ten. Und das war scha­de. Die Zeit kam her­an, da unser Zug ging und wir bra­chen auf. Wir soll­ten durch­aus über­nach­ten und früh heim­fah­ren, aber wir woll­ten das nicht. Und außer­dem hat­ten wir die Groß­mutter ein­ge­la­den heu­te zu Mittag.

Es war mir eben recht! Und durch viel Gewim­mel gings [sic] dann wie­der heim­wärts. Die Nacht war klar und mond­hell, eine klei­ne Ecke hat der gute Mond schon wie­der her­ge­ben müs­sen! Wir waren um 9 Uhr zuhaus. [sic] Haben gar­nicht [sic] erst wie­der Feu­er gemacht, nur die Wärm­fla­schen! Und kro­chen ins Bett­lein. Ich nahm doch Dei­ne lie­ben Brie­fe mit, Her­ze­lein! Ach Du! Nun war ich doch erst wie­der in mei­nem Gleis! Du!!! Ein schö­nes war­mes Plät­zel und mein Her­ze­lein mir nahe – ach, mehr brauch ich nicht! Du!!! Und dann, wenn ich so ganz lieb nah’ Dir bin, wenn ich Dei­ne Boten lese und so wirk­lich Dei­ne Nähe füh­le – dann drü­cke ich mir noch rasch auf den Schal­ter­knopf, das Licht geht aus, und ich träu­me hin­über in den Schlaf. Her­ze­lein, das ist so schön!

Den­ke nur, heu­te nacht träum­te mir, ich sei bei einer Tau­fe in der Kir­che, wenn ich nur die Kir­che wüß­te! Ich glau­be, wir waren mit­ein­an­der schon ein­mal in der Kir­che, von der ich träum­te, wenn ich nur wüß­te wo … ach ich hab’s L.! Die L. Kir­che wars [sic]! Und Pfar­rer B., der uns­ri­ge war da, er gab mir sei­nen Gott­fried an die Hand noch und ging dann an sein Amt. Es waren so vie­le frem­de Leu­te da! Wer Tau­fe hat­te blieb mir schlei­er­haft. Ich spü­re nur noch den Schre­cken jetzt: man drück­te mir ein Bün­del in den Arm mit Zwil­lin­gen, die lagen mit den Köpf­chen in ent­ge­gen­ge­setz­ter Rich­tung. Und die Orgel spiel­test Du, Liebs­ter! Ich hat­te ja die Augen nur immer dro­ben bei Dir, ich sah rich­tig Dein Gesicht im Spie­gel! Komisch war das. Und dann ent­stand ein Durch­ein­an­der in der Kir­che. Jemand trat mir auf die Schlep­pe, ich hat­te mein Braut­kleid an – und da erwach­te ich. So put­zig!!

Es war heu­te früh um 8 Uhr schon!

Her­ze­lein! Jetzt ist es um 700 [Uhr] abends. Obwohl ich von Vaters Auf­bruch in den Dienst wenig gemerkt habe, kam doch eine Abhal­tung. Da ahn­te mir doch schon, als ich Großmt­ter zum Gar­ten­tor raus ließ, daß heu­te Frl. [Fräu­lein] Sch. noch kom­men wür­de, denn ohne sie geht Weih­nacht in uns nicht vor­bei! Aber heu­te hat­te ich nun mal gar kei­nen ‚Appe­tit’ auf sie.

Und ich war gemein. Schloß das Gar­ten­tor zu, denn drau­ßen die Klin­gel geht ja nicht, da kann drü­cken wer will.

Und ver­stopf­te zur Vor­sicht oben unse­re Klin­gel noch mit Wat­te. Im Fal­le, B. schlie­ßen das Tor wie­der auf.

Also, Dein Wei­bel beging vor­sätz­li­che Schlech­tig­keit. Den­ke nur an! Aber ja nur aus Lie­be zu Dir! Weil ich mich doch so sehr sehn­te, mit Dir end­lich allein und unge­stört zu sein! Du!!!!! Da saß ich nun kaum ein hal­bes Stünd­chen bei Dir wie­der – in der Küche hiel­ten sich die Eltern auf bei Radio­mu­sik und mach­ten Vaters Essen zum Dienst zurech­te. Da klin­gelts [sic] doch Sturm!

Ich denk doch, Ostern und Weih­nach­ten fal­len auf einen Tag!!!

Bin aber schön sit­zen geblie­ben. Der Vater ging run­ter und brach­te wahr­haf­tig Frl. [Fräu­lein] Sch. angeschleift!

Na dann man tau!

Sie hat bald die Dach­rin­ne zer­klopft mit ihrem Haus­schlüs­sel! Den Tip [sic] gab ich ihr, soll­te das Tor mal zu sein! Damals aber dach­te ich nicht dar­an, daß mir ein Gast auch mal unge­le­gen käme!! Und weil wir nicht hör­ten, sind B. run­ter, haben auf­ge­schlos­sen, dann hat Ilse so sehr und so lang auf den inne­ren Klin­gel­knopf gedrückt, daß durch die hef­ti­gen Bewe­gun­gen des Klin­gelklöp­pels mei­ne gan­ze schö­ne Wat­te her­aus­ge­fal­len ist! Ja – wo ein Wil­le ist, da ist auch ein Weg!

Und: wer andern eine Grü­be gräbt…. ! Liebs­te [Hil­de]! Na, sie muß­te ¾ 7 [Uhr] wie­der heim, weil die Alten Abend­brot essen. Ich war ja auch heil­froh, Du! Aber ich war trotz­dem nett zu ihr. Wie saßen alle 4 noch ein Weil­chen unterm bren­nen­den Lich­ter­baum, bis Vaters Zeit herankam.

Nun hof­fe ich, daß dies die letz­te Stö­rung war heute!

Das Abend­brot kommt noch zwi­schen­rein, das ist in 20 Minu­ten knapp geschafft.

Aber ich habe mir wie­der mal geschwo­ren: nie wie­der an den Fei­er­ta­gen mit weg­zu­ge­hen. Ich ärge­re mich hin­ter­drein jedes­mal. Und mag’s noch so nett gewe­sen sein. Da schuf­tet man zuhaus [sic] rum, bis alles schön gemüt­lich ist und an den paar Tagen, wo man in den Genuß des allen kom­men könn­te, da rennt man fort. Rich­ti­ge dum­me Gören sind wir. Und ich tu’s auch nicht wie­der, wenn sie mich auch ein­la­den und wenn auch die Eltern gern mal zu ihren Geschwis­tern wol­len. Das kann man auch hin­ter­her, mal sonn­tags. Den Eltern täte näm­lich auch bes­ser: paar Tage rich­ti­ge Ruhe und Gemüt­lich­keit, ehe sie wie­der in die Tret­müh­le des All­tags gehen. Ja, das ist nun so ein Problem.

Ich begrei­fe wie­der­um auch, daß sie gern mal zu Besuch gehen mal unter Menschen.

Ich seh­ne mich danach nicht so; denn ich bin die gan­ze Woche über oft unter Menschen.

Ach Her­ze­lein! Es könn­te eben alles anders sein, wenn – ja wenn der böse Krieg nicht wär!

Du! Wir gehen aber mal nicht aus dem Haus an den Fest­ta­gen. Ach Her­ze­lein! Und da bin ich nun wie­der beim Plä­ne­schmie­den, beim Wunsch­träu­men, ich hier – Du dort!

So viel Lie­be und Sehn­sucht im Her­zen, so viel Sehn­sucht nach Eins­sein und Zusam­men­le­ben. Und noch müs­sen wir Geduld haben und war­ten, warten.

Aber das soll uns nicht trau­rig machen. Nein! Du! Solan­ge noch ein Atem in uns ist, leben wir für­ein­an­der. Und auch über alle Fer­ne, Du! Das ist ja so gewiß.

Und wenn auch der Krieg immer noch erns­te­re For­men annimmt, so ist das noch lang kein Grund zu ver­zwei­feln! Gelieb­ter! Wenn er auch noch 2, 3 Jah­re dau­ert, wenn Du wirk­lich auch nur noch ein­mal im Jah­re heim­kom­men, darfst, wenn wir uns auch sonst noch ein­schrän­ken müs­sen in man­cher­lei Hin­sicht. Haupt­sa­che ist: Wir blei­ben ein­an­der! Und blei­ben ein­an­der gesund! Dann hal­ten wir durch in jeder Lebenslage!

Gelieb­ter! Gott wird uns nicht ver­las­sen! Ich glau­be es ganz fest. Und was in unse­rer Macht liegt, das wol­len wir tun, um unser gerin­ges Teil Frei­heit zu ret­ten und zu hal­ten; denn erst wenn wir nicht mehr die Zeit für­ein­an­der fin­den, dann leiden wir an die­sen Zei­ten, leiden wir unter die­sen Umstän­den! Die trotz­dem uner­füll­ten Wün­sche gar­nicht [sic] gerech­net. Wenn wir uns nur jeder­zeit so ganz fest­hal­ten kön­nen wie bis­her, dann ist uns schon ein klei­ner Schim­mer ins Land der Frei­heit und des Frie­dens damit beschert. Ach Gelieb­ter! Ich ver­ste­he ja Dei­ne Gedan­ken so ganz, so gut auch um unse­re Frei­heit! Und ich bit­te Dich: ver­traue mir nur! Ich will nicht nur mein Gut­sein spre­chen las­sen. Zuerst den­ke ich an uns.

Die Zei­ten sind wahr­haf­tig dazu ange­tan, daß man ego­is­tisch denkt, auf die­sem Gebie­te gera­de.

Ich wer­de so han­deln und Ent­schei­dun­gen tref­fen, wenn’s gilt, daß ich zuerst unser Eigen, unse­ren Bezirk nur beach­te. So völ­lig unter­jo­chen las­se ich mich nicht.

Es ist wahr­lich eine Schan­de, wie mit man­chen Men­schen ver­fah­ren wird. Ich den­ke an die Arbeitsmai­den: ein­fach für die Wehr­macht in Dienst gestellt, wenn sie ent­las­sen sind. Die Arbei­ter im gro­ßen und gan­zen sind nur Nummern.

Dein Bei­spiel von dem Mäd­chen, daß heim­ge­ru­fen ward zur kran­ken Mut­ter, die an Schlag­an­fall liegt. Von 5 Geschwis­tern keins daheim! Das ist ja viel­sa­gend für die Art unse­rer Staats­füh­rung. Dann die Aus­schnit­te aus Eurer Beam­ten­zeit­schrift. Mit 70 ist man noch jung zum arbei­ten [sic], aber zu alt für beson­de­re Ansprü­che und Ver­güns­ti­gun­gen. Die weib­li­chen Ange­stell­ten haben auch nur ihre Pflicht im Auge zu hal­ten. Dabei wird aber Volks­ver­meh­rung unter allen Umstän­den angestrebt!

Ach, das ist ein so uner­quick­li­ches The­ma. Wir erle­ben genug davon: Du dort – ich hier. Wir mögen das auf dem Papier hier gar­nicht [sic] noch­mal durch­neh­men. Aber es sind das alles untrüg­li­che Zei­chen, daß die Lage des Krie­ges alles and­re ist als günstig.

Wie soll das noch enden?

Die Zeit wird es wei­sen. Kein Wun­der, daß die meis­ten Men­schen halt­los wer­den, alles neh­men, so wie es ihnen zufällt, das Leben einer Ein­tag­flie­ge füh­ren. Furcht­bar! Wer so in einer dump­fen Enge lebt!

Ach, es gehört viel, unend­lich viel Wil­lens­kraft dazu, aus die­sem Begin­nen in der Welt jetzt, einen Sinn, einen Grund her­aus­zu­fin­den und vor allem den Glau­ben zu bewah­ren! Den Glau­ben an das Gute, an den Sieg des Guten! Trotz allem, allem, was so geschieht. Und sol­che Kraft schenkt eben nur der Glaube. 

Ach mein [Roland]! Was wäre nur, wenn wir ein­an­der nicht hät­ten in die­sen Zei­ten? Wenn wir uns nicht so in allen Din­gen das Herz aus­schüt­ten könn­ten? Ach Du! Ich glau­be, wir zwei sind die reichs­ten in der Run­de! Du! Du und ich – so fest anein­an­der­ge­ge­ben! Uns war nun doch auch wie­der ein Weih­nach­ten – trotz Tren­nung und Krieg. Gläu­big und ver­trau­ens­voll bli­cken wir voraus.

Mit dem inne­ren Stark­sein für alle Zei­ten, Gelieb­ter mein! Ach wenn nur allen Men­schen die Weih­nacht im Her­zen auf­ge­gan­gen sei! Daß sie Gedan­ken des Frie­dens in sich trü­gen und Gedan­ken der Liebe.

Gott wird uns nicht in die Fins­ter­nis zurück­fal­len las­sen! Dar glau­be ich nie und nim­mer.

Mein [Roland]! Da lie­gen nun neben mir die Boten, die gekom­men sind. Ach, sie sind mir doch mei­ne aller­liebs­ten Gefähr­ten. Du! Wenn ich sie nicht hät­te, dann fehl­te mir doch etwas in mei­nem Leben. Die Son­ne. Die Freu­de. Und die Lie­be! Her­ze­lein! Das Schöns­te, Kost­bars­te im Leben. Du! Ach Her­ze­lein! Wie Du mir zum Dan­ke immer wie­der­sa­gen mußt, daß ich Dei­nes Lebens Son­nen­schein bin, so muß ich’s Dir doch auch beken­nen! Ach Gelieb­ter! Wenn Du mich dann über­glück­lich fragst, ‚kann man denn ein Man­ner­li auch so, sooo sehr lieb­ha­ben?’ Ach Du! Dann möch­te ich doch im Moment bei Dir sein, um Dich ganz fest und lieb zu über­zeu­gen davon.

Aber einen Unter­schied gibt’s wohl dabei: ich kann näm­lich nur ein Man­ner­li so ganz sehr und auch so ganz närisch lieb­ha­ben! Eines doch nur! Kennst Du das eine, ein­zi­ge? Du!

Ach Du! Unse­re Lie­be ist doch so ein rech­tes Glück! Mein Her­ze­lein! Und eines hält es so lieb und wert wie das ande­re – eines hängt mit all sei­nem Herz­blut dar­an wie das andere.

Eins, so ganz eins in Lie­be! Ach Gelieb­ter! Mein! Dein! Gelieb­ter! Es geht mir doch nun eben­so wie Dir: Das Seh­nen nach dem Frie­den, der Wil­le zum Leben, die Lust zum Schaf­fen, die Hoff­nung auf die Zukunft, die sind bei mir, weil Du bei mir bist. Ohne Dich wird nie Frie­den – ach, ohne Dich mag ich nicht mehr leben! Du!!

Oh Herr­gott, seg­ne unser Lie­ben! Laß’ uns bald für immer umein­an­der sein! Amen.

Mein Her­ze­lein, da lese ich noch­mal die neue Kun­de über die Urlaubs­ver­ord­nun­gen. So hart und F trau­rig die Kun­de ist, ich will sie doch wie Du, vor­erst mal mit Gelas­sen­heit aufnehmen.

Wenn es eben tat­säch­lich so durch­ge­führt wird, dann kann ich nur ganz ver­nünf­tig sein und den­ken: wie sol­len die Sol­da­ten im Osten tun? Fragt da einer, ob sie schon län­ger als ein Jahr nim­mer zuhaus [sic] waren? Oh dann müs­sen wir uns nur ganz dank­ba­ren Her­zens uns­rer Vor­tei­le erin­nern, die wir an ande­ren gemes­sen besit­zen! Dann wer­den wir stil­le sein.

Her­ze­lein! Wenn auch uns­re Lie­be allen Wider­stand auf­weckt! Wir wer­den ange­sichts der Tat­sa­chen so bescheiden.

Und ich bin ja so dank­bar und glück­lich, wenn ich Dich gebor­gen weiß! Und gesund weiß! Ach, wenn Du mir nur bleibst, mein Herz! Ich will so gern war­ten! Will so lang war­ten! Wir wol­len Gott recht bit­ten, daß er uns gesund erhält. Gelieb­ter! Ja, die­ses und noch man­ches, sind alles Anzei­chen dafür, daß es erns­ter wird. Und da erscheint uns uns­re Frei­heit nim­mer kost­ba­rer. Ich hel­fe sie Dir hüten! Ich will sie hal­ten, solan­ge ich kann. Es ist das ein­zi­ge, was wir dann noch haben, wenn wir uns im Jah­re nur noch ein­mal sehen dürften.

Herz­lieb! Was aber auch kommt: wir ste­hen nur des­to fes­ter bei­ein­an­der! Unse­re Lie­be wird nur stär­ker und ent­schlos­se­ner und ent­schie­de­ner dadurch! Ach Du! Du!!! Wir sind bereit, uns­re Lie­be zu ver­tei­di­gen, sie zu bewah­ren! Oh Du!!

Ich las­se Dich nicht! Und las­se nicht von Dir! Gelieb­ter! Ich lie­be Dich! Lie­be Dich ganz allein!

Gelieb­ter! Ich las­se Dich nicht allein. Ich las­se Dich nicht zurücksin­ken in die Ein­sam­keit. Ich hole Dich heim in den Frie­den! Ich wer­de um Dein Leben und Dei­ne Lie­be rin­gen, wie Du um mein Leben und mei­ne Lie­be. Weil ich Dich lie­be! Weil ich Dich lie­be! Ach Du! Dar­um kön­nen wie doch immer auch wie­der froh werden.

unse­re [sic] Lie­be, unser Glück, sind uns wahr­haft die Son­ne, die hin­ter allen Wol­ken steht und sieg­haft sich Bahn bricht.

Du wirst mir blei­ben! Du wirst mir heim­keh­ren! Um mei­net­wil­len hängst Du an die­sem Leben! Du! Wenn nichts mehr gewiß ist in die­ser Welt, uns­re Lie­be soll es sein und blei­ben! Du willst mir heim­keh­ren! Und ich will Dich heim­ho­len mit mei­ner Lie­be, in den Frie­den! Ach Gelieb­ter! Ich fin­de doch kei­ne Wor­te, Dir so ganz mei­ne Lie­be zu beken­nen. Ach, das ist oft so schwer, in Wor­ten nur. Ach, wenn Gott uns erst zusam­men­ge­führt hat für immer! Gelieb­ter! Ich den­ke heu­te an die Jah­res­wen­de, mein Bote wird Dich errei­chen zur Jah­res­wen­de. Ach Du! Alles, alles Glück für Dich und Dei­nen Weg! Möge uns das neue Jahr nicht wei­ter von­ein­an­der tren­nen räum­lich! Möch­te Gott Dir nur Gutes besche­ren dar­in! Geliebter!

Oh, ich möch­te Dir doch nur das Aller­bes­te wün­schen! Du! Und ich will beten immer, für ein güti­ges Geschick, auch 1943. Ob wir dem Frie­den näher­kom­men, wir wis­sen es nicht. Gott gebe es in Gna­den! Gelieb­ter! Mor­gen früh will ich den Boten beschließen.

Ich will jetzt mit Dir schla­fen gehn! Du!! Ich küs­se Dich!

Ich lie­be Dich!

Gute­nacht!

Gelieb­ter mein!

Schät­ze­lein! Die Mor­gen­frü­he, das ist unse­re Zeit!

Ach Du!

Herz­li­chen Guten­mo­gen! Herzlieb!

Und ein ganz ganz lie­bes Küß­chen dazu!

Hast auch so fein aus­ge­schla­fen wie ich? Möcht doch gleich mal in Dei­ne lie­ben Guckau­gen schaun! Du!!! Du!!!

Es blinkt auch schon der Son­nen­schein im Osten.

Es wird ein herr­li­cher Tag! Es ist kalt!!! Gefro­ren!! Huh! Nun will ich gleich mal fein ein­ge­mum­melt in’s Dorf gehn.

Will den Boten für Dich auf den Weg brin­gen, Du!

Dar­um leb nun wohl! Auf Wiedersehn!

Ich küs­se Dich viel­tausend­lieb! Ich lie­be Dich! Ich blei­be in Lie­be und Treue ganz

Gott behüt’ Dich! behüt’ Dich!

Dei­ne [Hil­de],

Dei­ne glückliche!

Plea­se fol­low and like us:
27. Dezem­ber 1942

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