25. Dezember 1942

[421226–2‑1]

Am 1. Weih­nachts­fei­er­tag 1942.

Herz­al­ler­liebs­ter! Mein lie­ber [Roland] Du!

Rate mal, wo ich jetzt sit­ze und Dein [sic] denke!

Schät­ze­lein! Bei der Oma in M., ja!

Ich bin doch heu­te Nach­mit­tag mit Mutsch her­un­ter­ge­lau­fen im schö­nen Son­nen­schein – Und nun ist unser Papa auch nach­ge­kom­men, wie wer­den so sehr lan­ge nicht ver­wei­len. Aber wie das so ist Man­ner­li, weißt schon – man kann nicht gleich wie­der davon­ge­hen, wenn man ein­mal zu Besuch ist. Die lie­be Oma hat sich ja so sehr gefreut, daß wir kamen. Wir hat­ten einen wol­le­nen Schal für sie und Mutsch näh­te aus altem Lei­nen paar [sic] fei­ne Küchen­gar­di­nen, einen Beu­tel Pfef­fer­ku­chen steck­ten wir noch dazu.

Die Oma will uns zu Weih­nach­ten immer haben, sind wir doch die ein­zi­gen, die gra­de zum Fes­te bei ihr sein kön­nen, weil wir ihr am nächs­ten woh­nen von ihren Kindern.

Und auch uns 3 hat Oma beschenkt. Einen gro­ßen Bro­cken Scho­ko­la­de jedem und jedem auch noch 10 Mark. Wir woll­ten es gar­nicht anneh­men, aber sie will uns auch zu ger­ne eine Freu­de machen.

Nun ist frei­lich hier nicht so eine schö­ne Ruhe wie zuhaus [sic], Du! Aber ich habe gar kei­ne Ruhe mehr mit mei­nem Strickstrüm­pel dazu­sit­zen, ich den­ke dabei ja auch ganz lieb Dein, aber ich hät­te Dir doch so viel Lie­bes zu sagen, ach Du! Und wenn ich’s schon hin­ein­strick­te, alles Lieb­heim­li­che, Du müß­test ja viel zu lang drauf war­ten, mein Her­ze­lein, bis das alles bis zu Dir hin­käm, das eine Strüm­pel ist ja noch nicht mal fer­tig und dann noch eins! Mein Man­ner­li hat ja doch auch 2 Bei­ne! So wie ich, gelt?

Ach Du! Ich möch­te Dir doch so, sooo viel Lie­bes sagen, heute. 

Her­ze­lein! Wirst den­ken, wir hät­ten heu­te die Groß­mutter [Lau­be] zu Gas­te. Ja, das ist nun so. Unser lie­ber Papa hat doch Dienst und sei­ne Mut­ter soll doch nicht nur bei uns mit essen, sie soll doch auch eini­ge gemüt­li­che Stun­den mit uns allen ver­le­ben. Und so haben wir das Diner auf kom­men­den Sonn­tag ver­legt. Da ist unser Papa zuhause.

Und mor­gen sind wir bei Onkel und Tan­te M. gela­den. Ach – Du magst mir nach­füh­len, wie gern ich dabei bin! Aber ich will den Eltern das klei­ne Fei­er­tags­ver­gnü­gen nicht neh­men, sie sind dann wie­der in ihren All­tag ein­ge­spannt und kön­nen ein­an­der auch nicht so leicht besu­chen. Schau, wenn ich gleich mei­nem Wil­len folg­te und zuhaus [sic] blie­be, dann wür­de ich den Eltern auch alle Freu­de ver­der­ben. Du ver­stehst das schon. Aber wenn ich nur ein Stünd­chen erwi­schen kann für Dich und mich, dann nüt­ze ich’s, Du! So wie jetzt! Ich küs­se Dich doch gleich ein­mal ganz ganz lieb!

Den­ke nur, wir müs­sen doch schon mor­gen früh schon mit dem 6‑Uhr-Zug fah­ren! Der nächs­te geht erst wie­der gegen 12 Uhr mit­tags. Und wir müs­sen ja auch abends um 2015 [Uhr] wie­der heim. Du, Trut­hahn soll es geben!

Das ist es eben, die Ver­wand­ten bewir­ten uns immer so lieb und sind so gut, daß wir gar­nicht umhin kön­nen, ihnen einen Tag zu schen­ken. Sie sind immer auch froh, wenn ich mich mit den Kin­dern abge­be. Naja das sind so Pflich­ten in der Sip­pe!

Schät­ze­li! Der Sonn­tag gehört uns, ganz uns! Ach, Du bist ja heu­te so lieb zu mir gekom­men wie­der! Ich dan­ke Dir ja von gan­zem Her­zen für Dei­ne treue Lie­be. Ach Gelieb­ter! Wie drängt und wogt es in mir, wie flu­tet alle Lie­be zurück zu Dir! Wie drängt es mich hin zu Dir! Ach Du! Wenn ich doch jetzt bei Dir wäre! Gelieb­ter! Du!!! Wie müß­te es flie­ßen, flie­ßen das Brünn­lein, oh Du!!! Du!!!!!

Her­ze­lein!! Du! Ich bin bei Dir doch ganz nahe, immer immer.

Heu­te früh war ich schon um 6 Uhr mun­ter. Du! Ich hat­te doch von Dir geträumt, mit Dir und 2 Buben fuh­ren wir mit dem Schlit­ten! Mit Dir und zwei Buben! Ob’s uns­re waren? Ach Du! Was man in den Zwölf­näch­ten [sic] träumt, erfüllt sich! Du und 2 Buben! Du!! Du und 2 Buben! Geliebter!!

Ja, dann bin ich husch aus den Federn und flugs ange­zo­gen und zum Milch­mann gelau­fen und bei der Schnei­de­rin mein Kleid abge­holt. Oh Du! Fein ist’s gera­ten! Ich hat­te es doch in der Kir­che an und jetzt bei Oma auch. Du müß­test es nur mal sehen kön­nen, es gefällt Dir gewiß!

Du! Wirst nun heu­te auch heim­den­ken, hast Du wohl auch die Hiobs­bot­schaft ver­nom­men vom Mord an Admi­ral Dar­lan? Wie wird sich nun die Lage ändern?

Ich mag gar­nicht wei­ter davon reden heu­te. Du!

Gebe Gott, daß Du mir vorm Schlimms­ten behü­tet wirst.

Die Eltern schrie­ben auch. Den­ke nur, Elfrie­de liegt immer noch im Kran­ken­haus. Die Arme! Es ist doch so trau­rig, daß alles so lang­wie­rig ist. Hell­muth wird sich sor­gen. Er wird in den nächs­ten Tagen erwar­tet. Wenn er sie nur dann mit heim­neh­men kann. Ich wäre ganz unglück­lich, wenn ich so emp­find­lich wäre, so wenig wider­stands­fä­hig, ach, es ist doch eine gesun­de Natur das höchs­te Gut!

Her­ze­lein! Es wird Betrieb in der Gast­stu­be, ich will ein wenig mit zupa­cken. Auf Wie­der­se­hen zuhaus [sic]! Du!!!

Mein Man­ner­li! Gelieb­tes Herz! Da habe ich mich doch unter­bre­chen müs­sen ges­tern abend [sic]. Es war in der 7. Abend­stun­de, das Kino ging aus um die­se Zeit, als ein Schub Gäs­te kam und bei Oma zu Abend essen woll­te. Sie hat­te etli­che Por­tio­nen Huhn, ein Kar­ni­ckel Rin­der­bra­ten, Wie­ge­bra­ten und Kar­tof­fel­sa­lat mit Spie­gel­eiern. Ein Kir­mesbetrieb wars [sic] lan­ge nicht. Aber es reich­te auch zu. Bin­nen 3 Stun­den war alles ver­gas­tiert [sic. Sie meint wahr­schein­lich “ver­speist”]. Na, dann half ich Mutsch noch bis­sel abtrock­nen; denn Oma u. [und] Frie­del, die schaf­fen es nicht allei­ne, wenn neben­an die Stu­be voll Gäs­te sitzt. Papa bedien­te das Büf­fett [sic], Frie­del mach­te die Bedie­nung. [sic] für die Gäs­te. Ja, wenn man zu Oma kommt an sol­chen Tagen, da kann man sich gleich eine Wirt­schaftsschür­ze mit­brin­gen. Übri­gens soll ich Dich viel­mals und herz­lich grü­ßen von allen bei­den! Nun [sic] war es doch Mit­ter­nacht, als ich ins Bett­lein [gi]ng Du! Ich habe noch so lieb Dein gedacht, las Dei­ne lie­ben Boten noch ein­mal, dann schlief ich ein. 

Her­ze­lein! Es ist nun 2. Fei­er­tag früh nach 9 Uhr, wir sind nicht so zei­tig schon gefah­ren, erst woll­ten wir aus­schla­fen. Papa zumal, der jeden Tag um 500 [Uhr] raus muß­te. Nun fah­ren wir mit dem Zug 1103, ist auch noch Zeit, den­ken wir. M.s wer­den ja schimp­fen, sie erwar­ten uns eher! Aber durch die unvor­her­ge­se­he­nen Umstän­de ist’s wohl nur zu verständlich.

Eben sind wir mit dem Mor­gen­kaf­fee fer­tig. Wie den­ken wir immer an Dich, Du Lie­ber! Hast nun gar kei­nen Stol­len mehr! Ob Ihr denn von Eurer Ein­heit zum Hei­lig­abend auch einen Stol­len bekom­men habt? Ach Man­ner­li! Am aller­schöns­ten wär´s doch gewe­sen, wenn Du hät­test mit uns daheim fei­ern kön­nen, gelt? Gelieb­ter! Du! Nun las­se ich für ein Weil­chen Dei­ne Hän­de los, bald – wenn ich nur kann, kom­me ich doch wie­der zu Dir!

Ach Du! Wie ger­ne blie­be ich bei Dir allein zuhaus [sic] zurück! Ich hab Dich so lieb! So viel­tausend­lieb! Oh sag! Weißt Du es noch? Weißt Du es noch, Gelieb­ter? Mein [Roland]! Gott behü­te Dich mir! Du all mein Glück! Mein Ein und Alles! Ich muß Dich so, sooooo lieb­ha­ben! Gelieb­ter! Du! Du!!!

Ich bin ewig Dei­ne glück­li­che [Hil­de]

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25. Dezem­ber 1942

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