26. Dezember 1942

[421226–1‑1]

Zwei­ter Weih­nachts­fei­er­tag 1942

Her­ze­lein! Gelieb­te! Mei­ne Son­ne Du! Mei­ne [Hil­de]!

Heim­ge­kehrt’ ist das Man­ner­li von sei­nem Spa­zier­gang. Habe nach dem Mit­tag mich ein wenig lang­ge­streckt. Um 3 Uhr bin ich los­ge­lau­fen, mal stadt­wärts, rand­wärts, [sic] aufs Gera­te­wohl und hab mich zwei Stun­den aus­ge­lau­fen. Das Him­mels­grau hing heu­te ein paar Meter höher, und die Luft war schon tro­cken. In der ver­gan­ge­nen Nacht hat es eine Spur geschneit. Einen fei­nen Kaf­fee­ap­pe­tit habe ich mir ange­lau­fen – und den fei­nen Stol­len noch ein­mal rich­tig gekos­tet – bis er alle war – ihn recht gewür­digt, gelt? Ach, seid von Her­zen bedankt für Eure lie­be Gabe – für Dei­ne lie­be Gabe (Her­ze­lein, es war doch Dei­ner, den ich heu­te ver­schna­bu­liert habe), ich habe doch auch geschmeckt, daß Du mein dabei ganz lieb gedacht hast. Ach Du! Du!!! Willst mir nur Lie­be und Freu­de brin­gen – oh Her­ze­lein! Schät­ze­lein! Sie dringt zu mir, zu mei­nem Her­zen! Mei­ne ein­zi­ge, mei­ne gan­ze Freu­de, Du! Du!!! Son­ne mei­ner Tage, ach Her­ze­lein, Du!, die so trü­be, so trau­rig wären ohne Dei­ne Son­ne – ach Du! gar nicht aus­zu­den­ken. Oh Gelieb­te! Du mußt es wis­sen und füh­len immer, daß Du mir alles bist, alles! Her­ze­lein! Daß wir hier auf Erden irgend wie not­wen­dig sind, einen Platz haben, eine Auf­ga­be erfül­len, daß etwas uns bei die­sem Leben hält und es wert macht, das macht unser Glück und unse­ren Lebens­wil­len aus.

Oh Gelieb­te! Ich sehe kei­ne ande­re und sehe kei­ne lie­be­re und grö­ße­re, als daß ich Dich gelei­ten soll durch die­ses Leben. [*] Alles Lie­be, alle Her­zens- und Wil­lens­kraft, alles Herz­blut geht in die­se Auf­ga­be. Dir will ich mich erhal­ten, Dir will ich heim­keh­ren und leben! – Dein will ich sein! Und die­se Auf­ga­be will ich erfül­len, so gut ich eine Auf­ga­be über­haupt erfül­len kann. Sie soll mei­ne Lebens­auf­ga­be, mei­ne Lebens­leis­tung sein. Und soviel ich mich die­ser Auf­ga­be wid­me, soviel ich von mir dar­ang­ebe, soviel Halt, soviel Lust und Lie­be kom­men mir davon zurück und wach­sen mir zu.

Bei­spiel für die Her­vor­he­bung mit roten Text­mar­ker im Brief

Oh Herz­al­ler­liebs­te mein! Und so lebst Du mir! So hast Du mir Dein Leben geweiht. So gehen wir Hand in Hand und fin­den anein­an­der Halt – und haben ein­an­der lieb und wol­len mit­ein­an­der die­ses Leben erfül­len. Oh Gelieb­te mein! Mit Dir! welch herr­li­cher Weg, welch kost­ba­res Ziel!!! Mit Dir!!! Oh Her­ze­lein! Dein Man­ner­li hat die­ses Ziel ins Auge gefaßt, er hat es mit dem Her­zen erfaßt – und hat es erfaßt in sei­ner gan­zen Wei­te, in sei­ner Bedeu­tung, in sei­nem Ernst, in sei­ner Kost­bar­keit – ich hab es ins Auge gefaßt – und ver­lie­re es nicht, und hal­te dar­auf zu mit mei­ner gan­zen Wil­lens­kraft, und Zähig­keit, und Treue. Gelieb­te mein! Gelieb­tes Weib! Um Dich! Um unser Glück! Aus tie­fer Lie­be zu Dir!

Was gilt es, wenn Jah­re uns schwin­den und ver­strei­chen – des­halb das Lebens­ziel auf­ge­ben? ihm untreu wer­den? Schlech­ter Steu­er­mann. Wankelmut.

Oh Gelieb­te! Nur weni­ge Tage noch im alten Jah­re. Ein Ein­schnitt wie­der, der uns inne­hal­ten und besin­nen läßt.

Mei­ne [Hil­de]! Mei­ne lie­be [Hil­de]! Wenn Gott uns das Leben schenkt, – mit sei­ner Hil­fe ste­hen wir am Ende die­ses neu­en Jah­res nicht anders als am Schlus­se des alten! Uns­re Lie­be wird blü­hen! Oh Du! Wir hal­ten, was wir haben! Wir blei­ben treu dem, der uns die Treue hielt. An das Bleibende halten wir uns, wo alles um uns wankt und fällt. Gott bleibt! Und uns­re Lie­be bleibt!

Ach Her­ze­lein! Nur zu Dei­nem Glü­cke sage ich es Dir: Dein [Roland] such­te schon immer nach dem Blei­ben­den, nach Halt, nach Ord­nung, nach Gül­ti­gem, nach Gott auch – und nach einem Freund, nach einem Gefähr­ten, sehn­te sich danach; Treue um Treue zu bewäh­ren, oh Gelieb­te, jeman­dem anzu­hän­gen mit dem Her­zen, mit dem gan­zen Her­zen – Du weißt es.

Bist Du auch so wie Dein Man­ner­li? Mußt auch Dein Her­ze ganz verschenken?

Oh Gelieb­te mein! Du! Du!!! Liebs­tes, treu­es­tes Weib! Ich habe Dich erkannt! Du hast mei­ne gan­ze Lie­be und Treue! Zum ers­ten Male im Leben gestillt mei­ne Sehn­sucht: ich kann Treue bewäh­ren, ich kann lie­ben, lie­ben! Oh Du! Du!!! Her­ze­lein! Es ist wenig Blei­ben­des in der Welt, und das Blei­ben­de ist wenig geach­tet, in uns­rer Zeit zumal. Aber wir erken­nen es, unbe­irr­bar: Gott ist und bleibt getreu über alles mensch­li­che Maß. Uns­re Eltern sind treu! Und Du bist mir treu! Du bist mir treu!!! Oh Gelieb­te! Gelieb­te!!! Du! Du!!! Ich bin so glück­lich! Sooo glück­lich!!! Eltern­treue ist mit im Blu­te begrün­det. Aber Dei­ne Treue grün­det allein in der Lie­be! und in uns­rer Wesens­ver­wandt­schaft – ach Du! in der Lie­be All­ge­walt! Oh Her­ze­lein! Ent­brannt sind uns­re Her­zen in Lie­be zuein­an­der, ent­brannt sind sie aus wun­der­sa­mer Liebe. 

Wil­helm Sta­pel schreibt im neu­en Buche, das Du mir schenk­test, so schön von der Treue. Ach Her­ze­lein, Gedan­ken, die auch wir schon all berühr­ten, und man­ches doch auch glück­haft auf­hel­len. Ich kann nur das Wich­tigs­te Dir jetzt auf­schrei­ben. “Jeder der drei Stän­de, Bau­er, Bür­ger und Werker, hat sei­ne Haupt- und Her­zen­stu­gend. Die inners­te See­len­kraft der Bau­ern­welt ist die Treue. Das Wort Treue bedeu­te­te frü­her zugleich Frie­den. Wo Frie­de herrscht, herrscht Treue. Treue ist eine per­so­nen­haf­te Tugend. Man kann einem Men­schen, oder einem Kreis von Men­schen, man kann Gott, man kann auch einem Tier treu sein, aber nicht einem Gedan­ken, einer Idee. Treue ist immer gegen­sei­tig. Sie bin­det immer zwei. In der Treue sind bei­de Tei­le ein­an­der gleich­ge­stellt (im Gegen­satz zu dem Ver­hält­nis Befeh­len – Gehor­chen). Wird der eine Teil untreu, so ist das Band zer­schnit­ten, und der ande­re Teil ist der Treu­pflicht entbunden.

Treue ist eine Hal­tung des Gemü­tes, eine beseel­te, eine war­me Tugend. Schon im Klang des Wor­tes liegt das War­me, Gemüt­vol­le, Zar­te und doch Star­ke die­ser Kraft. Treue ist wohl die aller­tiefs­te, [Durch­ge­stri­che­ner Bei­strich] und innigs­te Bin­de­kraft. Sie ist die eine der drei gro­ßen Urtu­gen­den unse­res Vol­kes: Treue, Lau­ter­keit, Tap­fer­keit. (Ihnen ent­spre­chen die drei Urlas­ter: Wan­kel­mut, Neid, fei­ge Schwä­che). Die Treue ist unter den drei­en das, was die Men­schen von Gemüt zu Gemüt bindet.

Treue ist Ver­läß­lich­keit. Treue und Ver­trau­en hän­gen sprach­lich und see­lisch mit­ein­an­der zusam­men. Die Treue ist in der ver­wor­re­nen und wan­del­ba­ren Welt das Fes­te und Halt­ba­re: mein Freund, mein Gemahl, mein Gott, auf Dich ver­las­se ich mich, was immer gesche­hen mag, bei Dir habe ich Frie­den in fried­lo­sen Tagen.

Der treue Mensch ist in bestimm­ten Lagen zugleich der dum­me Mensch. Der Treu­lo­se kann die Ver­läß­lich­keit des Treu­en miß­brau­chen. Die Treue hat ihren Grund im Religiösen.

Treue ist Frie­den, und mehr als Frie­den – ist Hil­fe. Wer dem andern treu ist, fühlt sich ihm zu täti­gem Bei­stand ver­pflich­tet. Das Leben des andern wird dem Getreu­en wie das eig­ne Leben.

Weil Treue der inners­te und zar­tes­te Saft des Lebens ist, weil Treue Her­zen­streue ist, dar­um ist sie leicht verletzlich.

Untreue kann nicht bestraft wer­den, sie kann nur gerächt wer­den. Untreue zer­trüm­mert eine Welt. Sie führt zu einem unheil­ba­ren Bruch.

Dar­um, weil die Treue das Zar­tes­te, Emp­find­lichs­te, Ver­letz­lichs­te des Her­zens ist, folgt dem Treu­bruch der furcht­bars­te Haß.” 

Ach Her­ze­lein! Dein gelieb­tes Bild steht vor mir – die Fest­ta­ge doch all, solan­ge ich allein bin – und was mir dar­aus leuch­tet ist lau­ter Lieb [sic] und Treue, lau­ter Lieb [sic] und Treue!!! Sie gehört zu Dei­nem Wesen wie zu dem mei­nen, die Treue, die­se bäu­er­li­che Tugend, dies schwe­re Bl[u]t, ach Gelieb­te! wie erken­ne ich das sooo glück­lich! sooo glück­lich! Ich muß Dich sooo lieb­ha­ben drum! Und Du bist mir dar­in so lieb gefolgt: das Man­ner­li möch­te die­ses Wesen auch äußer­lich sich dar­ge­stellt sehen, indem Du auf alle Flat­ter­haf­tig­keit und Spie­le­rei der Mode, die ja Aus­druck ist einer Flat­ter­haf­tig­keit der Gesin­nung ist, [Durch­ge­stri­che­ner Bei­strich] ver­zich­test. Ach Gelieb­te! Gelieb­te!!! Soviel ich Dich lie­be, soviel muß ich Dir treu sein.

Ach Gelieb­te! Treu sein wollt ich einem Men­schen­kin­de – Dir bin ich’s! Dir bin ich’s, Gelieb­te!!! Her­zens­kö­ni­gin! Oh Du! Wie halt ich Dich lieb und wert — mein Alles, Du!!!

Ganz frei tra­ten wir ein­an­der gegen­über, Gelieb­te! Ganz frei ste­hen wir ein­an­der gegen­über – Ver­trau­en, Lie­be und Treue aber ver­bin­den uns – oh Gelieb­te! Ich glau­be, sooo fest! Ich füh­le es – wie ich Dir ganz gehö­re – und ich weiß glück­lich, wie ganz Du die Mei­ne bist!

Und nach dem Lohn sol­cher Treue fra­gen wir doch gar nicht – wir müs­sen ein­an­der lie­ben und treu sein – aber wir erfah­ren es an uns, an unse­ren Her­zen: der Treue Lohn ist die Kro­ne der Lebens – die Treue allein adelt die­ses Leben! Die Treue macht es lebens­wert! Und die gute Lie­be ist die wah­re Herzenssonne!!!

Her­ze­lein! Gelieb­te! Wir gehen in das neue Jahr in man­cher Hin­sicht mit geschmä­ler­ten Hoff­nun­gen – aber mit der Für­bit­te für uns­res Vol­kes Schick­sal – oh Gelieb­te! mit gewis­ser Zuver­sicht in die Weis­heit und Güte der Füh­rung Got­tes. – Her­ze­lein! mit dem rei­chen Schatz uns­rer Lie­be im Her­zen – und mit dem Glau­ben, daß Gott uns bei­steht und seg­net zu treu­em, stand­haf­tem Ausharren.

Und wir wer­den ein­an­der beistehen!

Oh Her­ze­lein! Wer­den mit­ein­an­der gehen und leben wie all die Zeit uns­rer Lie­be daher, wer­den ein­an­der nur lie­ber gewin­nen. Die Saat der guten Lie­be in uns wird wie­der so rei­che Frucht tra­gen. Die Lie­be allein wird all unser Han­deln bestim­men – in der Lie­be wer­den wir Frie­den fin­den auch in den fried­lo­ses­ten Tagen – Son­ne auch in den trü­bes­ten Stunden.

Oh Gelieb­te! Wie will ich Dich lieb gelei­ten immer – wie seh­ne ich mich, Dir Lie­bes zu tun und Dir zu leben – und daß ich Dir treu blei­be in mei­nem äuße­ren Wan­del, das ist ja das min­des­te, das gerings­te, das ist ja so selbst­re­dend – ach Du! wo ich Dir doch viel, viel Lie­be­res tun möchte!!!

Ach Du! So glück­lich sind wir – und so reich – vor vie­len, vie­len ande­ren Men­schen – und das wol­len wir nim­mer ver­ges­sen, Gott zu dan­ken. Ach, und wenn er uns nun noch zusam­men­führ­te — ein Wun­der müß­te gesche­hen, wenn es im kom­men­den Jah­re sich erfül­len soll – aber bei Gott ist kein Ding unmög[li]ch, und vol­ler Wun­der ist sei­ne Füh­rung – und dar­um dür­fen wir auch hof­fen – oh Du, mei­ne [Hil­de] – laß uns Gott die­nen in nim­mer­mü­der [sic] Treue – laß uns Kin­der sein die­ses mäch­ti­gen, güti­gen Vaters. 

Oh, gib mir Dei­ne Hand – und nimm die mei­ne – ewi­ge Lieb [sic] und Treue! Gott hel­fe uns dazu! So gehen wir mit­ein­an­der! Ich las­se Dich nicht! Ich lie­be Dich! Ich lie­be Dich!!! Und las­se Dich nicht!!! Mei­ne [Hil­de]! Mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de]!!! Mein – Dein! Ganz mein – ganz Dein! Oh Du! Du!!! Von Her­zen alles Gute!

Dein [Roland]!

Dein glück­li­ches Mannerli!

Und ich küs­se Dich doch – viellausendlieb!

Gelieb­te mein!!!

[*] Alle in die­sem Brief unter­stri­che­nen gan­zen Sät­ze sind mit einem roten Mar­ker (even­tu­ell spä­ter und nicht von Roland) hin­zu­ge­fügt worden. 

Plea­se fol­low and like us:
26. Dezem­ber 1942

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Nach oben scrollen