25. Dezember 1942

[421225–1‑4]

Ers­ter Weih­nachts­fei­er­tag, 1942

Her­zens­schät­ze­lein! Gelieb­te! Du! Mei­ne [Hil­de]!!!

Mein fei­nes Stü­bel! Und ganz allein hab ich’s! Und vor mir der lan­ge Abend! Und mor­gen wie­der ein Fei­er­tag! Oh Du! Jetzt komm ich aber zu Dir, Gelieb­te, Gelieb­te!!! Oh Du! So froh beschwingt! Ach Her­ze­lein, gedrängt von lau­ter Lie­be! Du! Du!!! Bin vom Spa­zier­gang nach Hau­se. Grau der Tag wie all die Tage daher. Um null die Tem­pe­ra­tur. Bin wie­der dahin gegan­gen, wo ich am schnells­ten die Stadt und die Men­schen hin­ter mir habe, wo man fast ein­sam gehen kann, unter einer schö­nen Allee statt­li­cher Bäu­me – ist auch die Stra­ße, die ich wan­dern müß­te, wenn ich zu Dir woll­te – Plo­jest ist das nächs­te Ziel. Ach Her­ze­lein! Warst immer bei mir in Gedan­ken. Und ich war ganz bei Dir! Und habe gerät­selt, wo Du nun wei­len wirst heu­te, wo ich Dich fin­den kann. Weißt, wenn ich wie­der in Urlaub kom­me, und ich muß wie­der zurück, da steck ich mir eine lan­ge, lan­ge Schnur ein, die las­se ich abrol­len – das ist dann unser Tele­fon. Ach Du! Bes­ser noch, ich bleib gleich ganz bei Dir, dann ist das Tele­fon ganz ein­fach und viel schö­ner, weil man sich dann noch viel arti­ge­re Din­ge sagen kann, gelt? Magst Dir denn arti­ge Din­ge von mir sagen las­sen? Du! Du!!!

Her­ze­lein! Nun hab ich auch schon Kaf­fe­stun­de [sic] gehal­ten und fei­nen Stol­len dazu geges­sen von Dir – und Boh­nen­kaf­fee gab’s – hörst nicht mein Her­zel klop­fen? – und ren­nen mußt ich auch schon mal – fix, fix, sonst geht’s in die Büx, Büx [sic] – ist auch wei­ter nix! Ich hab’s ja nicht weit.

Ach Du! Schät­ze­lein! Wie geht es mir doch gut! Ich beden­ke es sooo dankbar!

Hast heu­te zu mir gezankt in Dei­nem lie­ben Boten, daß mir erst gleich mal das Herz geklopft hat – Du! Schät­ze­lein! Ist mir ein Miß­ver­ständ­nis, ein klei­nes, das wir doch gleich ins Rei­ne brin­gen wol­len. „Du sagst es zu mei­ner Ver­wun­de­rung, daß mich wohl ein and­rer Mann außer Dir lie­ben könn­te, daß ich eben­sol­chen wie Dich fin­den könn­te, einen bes­se­ren noch – Gelieb­ter Du! Wenn Du es nicht wärest, der mir so etwas schreibt, ich müß­te ja zwei­feln an sei­ner Lie­be, oder an sei­nem Verstan[d].” Und “wie oft haben wir ein­an­der schon ver­si­chert, daß wir von nun an sol­che Gedan­ken ganz aus­schlie­ßen wol­len aus unse­rem Zusam­men­le­ben.” [Er zitiert Hil­des Brief [421219–2‑1]] So zankst mich aus, Schät­ze­lein. Du! Was ich da schrei­be steht doch in einem Zusam­men­hang, aus dem man es nicht her­aus­lö­sen kann, ohne es zu ent­stel­len. Und daß ich mei­nen Gedan­ken die­se Wen­dung gab – ich tat es, indem ich auf Dei­ne Gedan­ken ein­ging: „Ich muß Dich lieb­ha­ben über alles in der Welt. Und wie ich Dich lieb­ha­be, das emp­fin­de ich auch so deut­lich immer wie­der, wenn mir im Diens­te so viel frem­de Män­ner begeg­nen. Ach Du! Dann seh ich vor mir Dein gelieb­tes Bild dop­pelt hell leuch­ten. Ganz mein, Du! Bist ganz mein Ein­zigs­tes! [sic] Und wenn sie auf nett und höf­lich sind und neben einer gro­ßen Pro­zent­zahl and­rer Ach­tung ver­die­nen, so reicht doch kein ein­zi­ger an Dich her­an, mein [Roland]. Du bist der ein­zi­ge, dem mein Herz sofort und so ganz zufliegt. Weil Du allein alle Eigen­schaf­ten besitzt, die mir lieb, wert und so ver­traut sind.” [er zitiert Hil­des Brief [421208–2‑2]]

Her­ze­lein! Lies das noch ein­mal fein ruhig nebeneinander.

Oh Gelieb­te! Ein Geheim­nis ist das Wun­der gro­ßer Lie­be! Und uns­re Lie­be ist ein sol­ches Wun­der, das heißt, sie reicht ins Uner­klär­li­che, ins Uner­gründ­li­che, ins Unsag­ba­re – und das ist doch unser Glück, des sind wir sooo froh.

Solch hei­ße Lie­be aber ent­zün­det sich nicht am Ver­gleich­ba­ren, son­dern gera­de am Unver­gleich­ba­ren, am Ein­ma­li­gen, am Beson­de­ren, am Wesent­li­chen – und sei dies Beson­de­re eine Abnor­mi­tät, ja eine Häß­lich­keit. Solch hei­ße Lie­be grün­det sich in dem Bewußt­sein, ein ganz Eige­nes, ein ganz Neu­es darzustellen.

Her­ze­lein! So viel wir uns in dem Ein­ma­li­gen, Beson­de­ren lie­ben, soviel feins­te Herz­fä­ser­chen wir inein­an­der sen­ken und durch sie ein­an­der erfas­sen mit uns­rer Her­zens­kraft, soviel wir ein ander in dem Beson­de­ren erfas­sen mit aller Her­zens­kraft – so viel lebt in uns hei­ße, inni­ge, unver­lier­ba­re Liebe.

Oh Du! Gelieb­te! Gelieb­te mein! Mit tau­send Her­zens­fa­sern hän­ge ich an Dir! Mein ein­zi­ges, gelieb­tes Weib! Und in die­sen Herz­fa­sern kreist mein Herz­blut, mei­nes Her­zens Kraft – oh Du! Du!!!

Und Du liebst mich nicht anders. Und unser Gefecht hier geht nicht um Auf­fas­sun­gen, son­dern um Gedan­ken. Her­ze­lein – und ich war nicht auf Abwe­gen mit mei­nen Gedan­ken. Ach Her­ze­lein, so wie die Unge­duld dar­über, daß frem­de Män­ner Dir begeg­nen dür­fen, ich Dir aber fer­ne sein muß, noch kein Miß­trau­en ist und kei­ne Eifer­sucht. Oh, Du ver­stehst die­se Unge­duld, Du emp­fän­dest sie wie ich, und kannst mit­emp­fin­den, daß sol­che Unge­duld zum Schmerz sich stei­gern könn­te, wenn ein Dienst Dich zwin­gen wür­de, täg­lich nur um frem­de Män­ner zu sein. Ich lie­be Dich zu innig.

Her­ze­lein! Führst mich in Dei­nem lie­ben Frei­tag­bo­ten zurück – oh Du! Gelieb­te! Du weißt, wie ger­ne ich sel­ber alle uns­re Wege, uns­re Schrit­te noch ein­mal gehe – bis hin zu unse­rem Glück, zum voll­kom­me­nen Glück – oh Her­ze­lein – und so wird jeder Tag uns­res gemein­sa­men Lebens, das Gott uns in Gna­den schen­ken möge, ein Schritt vor­wärts sein zu glück­haf­ter Erfül­lung uns­res Lebens.

Her­ze­lein! Unser Gang zum Weih­nachts­markt in H. – ach Du! Lie­be auf Umwe­gen – so könn­te man eigent­lich über unser bis­he­ri­ges Leben schrei­ben, gelt? Mit einem feuch­ten und einem fröh­li­chen Auge. Und war­um auf Umwe­gen? Ach dazu gibt es doch gar kei­ne ver­nünf­ti­ge Erklä­rung. Und der sol­che Umwe­ge führ­te – ich glau­be, es ist war das Man­ner­li zumeist – und der es dar­in ver­stand und glück­lich ihm folg­te – das war mein Her­zens­schät­ze­lein. Ach Gelieb­te – Du! Du!!! lau­ter Umwe­ge, Umwe­ge so, daß wir manch­mal fast nicht wei­ter­konn­ten: denkst Du an den knie­tie­fen Schnee in Böh­men? – Uns­re Begeg­nun­gen über die Fer­ne – Dein Ein­zug ins Glücks­häu­sel nach Mit­ter­nacht – die Ein­kehr in Dei­nem Eltern­hau­se, auch mit einem Umwe­ge vor­her und einem Aus­rei­ßer nach­her – ach Du! Du!!! Oh Herzelein! 

Ich glau­be, die Welt war mir zu eng manch­mal, war mir nicht heim­lich genug für das Erblü­hen uns­rer Lie­be. Weit ent­füh­ren muß­te ich Dich immer, tiefs­te Zwei­sam­keit mit Dir auf- suchen, in der die zar­ten Herz­fa­sern Dein Her­ze, Dein Wesen unfaß­ten – oh Gelieb­te! Die Umwe­ge all sind der Weg zuun­se­ren Her­zen, zu uns­rer Her­zens Mit­te, sind der Weg zu unse­rem Eigen, zu unse­rem Urei­gen – zum Lan­de uns­rer Lie­be – und so wahr zwei and­re nicht die­sel­ben Stei­ge gehen, ist es unser Land, unser Eigen.

Die­ser Teil des Tex­tes ist mit roten Mar­ker auf der Sei­te hervorgehoben.

Oh Gelieb­te! An dem Wan­del mei­nes Gefühls der Sicher­heit beim Betre­ten Dei­ner Hei­mat, Dei­nes Eltern­hau­ses erken­ne ich untrüg­lich, wie ich Dich ganz gewon­nen habe – von der anfäng­li­chen Unsi­cher­heit des Sich­be­ob­ach­tetfüh­lens, Her­ze­lein, zu dem Gefühl, das mich jetzt beseelt: Daß ich mei­ner Hei­mat zustre­be, oh Du, so gera­de und sieg­haft, daß alles rings um mich ver­sinkt und ich nur ein Schloß schaue, in dem mei­ne Prin­zes­sin wohnt – oh Gelieb­te, Du, mein Herz­lieb, mein Weib, das zu mir gehört wie mein eigen [sic] Herz, zu dem ich mich beken­ne in Lie­be und Treue, so glück­lich mich beken­ne – zu ihm u[n]d sei­nen Eltern und sei­ner Welt – zu ihm frei mich beken­ne – oh Her­ze­lein! Du bist ganz mein Eigen gewor­den!!! Du! Du!!!!! !!!!! !!! Ich habe Dich von gan­zem Her­zen lieb gewon­nen. Oh Gelieb­te! Gren­zen die Land­schaf­ten uns­res Lieb­ge­win­nens nicht an das Mär­chen­haf­te? Auf der F.burg, wei­tes Land zu unse­ren Füßen – auf dem Dom, – viel Schön­heit um uns gebrei­tet – in der Heim­lich­keit des Glücks­häu­sels – im Zau­ber des Böh­mer­lan­des — in der Tie­fe und Heim­lich­keit der Grün­de der Säch­si­schen Schweiz – im Schrei­ten zur alten A.burg – im Win­ter­däm­mern auf den Zin­nen des P.berges — oh Her­ze­lein, da gewann in Dich lieb, da wur­dest Du mein, da öff­ne­te sich Dir mein Her­ze – oh seli­ge, köst­li­che Zeit!!! [*] Vor­bei die­se Zeit – vor­über für immer? Oh Gelieb­te! Nein!!! Unter­bro­chen nur dies gemein­sa­me Erle­ben – oh Her­ze­lein – und abge­löst seit­her durch Land- schaf­ten der See­le, nicht min­der reich, ach, viel schö­ner, rei­cher und mär­chen­haf­ter noch!!! Her­ze­lein! Prü­fen konn­ten wir unser Begeg­nen — es war ein Zusam­men­wach­sen doch, ein Erfas­sen und Gewin­nen, ein Zuei­gen­ma­chen. [sic]

Bei­spiel für das Unter­strei­chen mit rotem Stift im Text 

Oh Gelieb­te! Und ich durf­te Dich füh­ren – und Du bist sooo lieb mir gefolgt – daß ich ganz ver­ges­sen konn­te, daß ich Dich führ­te – daß ich nur noch ganz glück­lich Dich mir zur Sei­te fühl­te, mein liebs­ter Gefähr­te!!! Herz­lieb! So gleich gestimmt sind uns­re Her­zen, so ver­wandt uns­re Wesen. Oh Du! Wie den­ke ich so glück­lich und voll Sehn­sucht uns­rer künf­ti­gen Wege! Sei Gott mit sei­nem Segen bei uns! – Und Dein lie­ber Kuß damals? Ach Herz­lein! Er hat­te Dich doch mehr aus der Fas­sung gebracht als mich! Du!!! Her­ze­lein! Wenn ich mich recht besin­ne, haben wir uns auf der­sel­ben Bahn­fahrt ganz heim­lich und zärt­lich anein­an­der­ge­schmiegt und süß ver­schränkt – weißt, das war dem Man­ner­li viel küh­ner und lie­ber als ein Kuß – zum Küs­sen war es noch ein gro­ßes Dum­mer­le – Du! Du!!! Du!!!!! !!!!! !!!

Her­ze­lein, jetzt nehm ich aber den Faden von ges­tern wie­der auf. Bei der Besche­rung war ich doch. Ein Sta­pel­buch hast mir geschenkt. Du! Das sah ich doch hier in der deut­schen Buch­hand­lung aus­lie­gen — bei der nächs­ten Löh­nung hät­te ich es mir gekauft – wie freu­dig war ich nun über­rascht – ach Her­ze­lein — ich glau­be, die­ser Mann ist mein liebs­ter Freund, und er soll es auch Dir noch wer­den – und dies Buch gibt dazu so schö­ne Gele­gen­heit – es ist wie­der eine Fund­gru­be von Ein­sich­ten und Weis­hei­ten. Die­ser Mann ist so wahr und ehr­lich und gera­de in sei­nem Den­ken, so abhold jeder Gespreizt­heit und Geheim­nis­krä­me­rei, er hat sich bei sei­nem schar­fen, geschlif­fe­nen Geist eine sel­te­ne Gläu­big­keit bewahrt. Schät­ze­lein, an die­sem Buch wer­den wir viel Freu­de und unse­ren Gewinn haben. Hast wohl nicht erfah­ren, ob er gestor­ben ist. Ach, er wird schon noch leben. Ich erwar­te von ihm noch ein umfas­sen­des Werk über unse­ren Chris­ten­glau­ben. Dar­an arbei­tet er bestimmt, dar­um geht sein Rin­gen. Sei­ne Ein­sich­ten sind mir ein Anhalt, ein Wegweiser.

Ja, Gelieb­te! In dem neun Buche habe ich eine Wei­le gele­sen – und dann über­kam mich eine Müdig­keit, ach Her­ze­lein — das Bedürf­nis, ein­mal aus­zu­ru­hen von allem Streit, ein­mal ganz Frie­den wer­den zu las­sen! Und dazu fehl­test Du doch, daß ich hät­te an Dei­nem Her­zen mich ber­gen und aus­ru­hen kön­nen. Aber es war doch auch so schon viel Frie­den und Freu­de in mir – und so bin ich denn um 10 Uhr in mein Bett­lein gegangen.

Und nun ist er spät gewor­den wie­der, Her­ze­lein! Ich woll­te noch and­re Brie­fe schrei­ben – ach, ich las­se mich nicht been­gen jetzt zu den Fest­ta­gen. Ich mein es gut mit allen, muß doch aber erst mit dir alles ausreden.

Her­ze­lein! Ich den­ke Dein in treu­er, lau­te­rer Lie­be! Ich glau­be an Dei­ne Lie­be! Ich glau­be an unser Glück, unser Schick­sal! Und glau­be, daß Gott, der Herr uns seg­net, wenn wir ihn nur recht lie­ben! Er behü­te Dich auf allen Wegen! Er erhal­te Dir Dei­ne Her­zens­son­ne und ‑fröh­lich­keit.

Oh Gelieb­te! Dein Bild­nis strahlt es, und mein Her­ze schlägt es: Du bist mein!

Bist ganz mein!!! Und ich bin Dein!

Ewig Dein [Roland], Dein glück­li­ches Mannerli!

[*] Alle in die­sem Brief unter­stri­che­nen Text­stel­len sind mit einem roten Mar­ker (even­tu­ell spä­ter und nicht von Roland) hin­zu­ge­fügt worden.

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25. Dezem­ber 1942

2 Gedanken zu „25. Dezember 1942

  1. Der Brief kann wie folgt zusam­men­ge­fasst wer­den: Roland beteu­ert Hil­de sei­ne Lie­be und nimmt dabei Bezug auf einen Aus­zug aus einem vor­an­ge­gan­gen Brief von Hil­de, indem sie schreibt, er sol­le nicht an ihrer Lie­be zwei­feln. Er erin­nert an ver­schie­de­ne Aus­flü­ge, die sie zusam­men unter­nom­men haben. Roland bedankt sich für ein “Sta­pel­buch”, das Hil­de ihm zu Weih­nach­ten geschenkt hat.

  2. Wil­helm Sta­pels Gesin­nung war deutsch­na­tio­nal und anti­se­mi­tisch! Nach der “Kindl­mut­ter” von Maria Grengg das zwei­te Mal, dass mir auf­fällt, dass ein natio­nal­so­zia­lis­ti­sches Buch gele­sen und gelobt wird.

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