Trug und Schein: Ein Briefwechsel

11. Dezember 1942

[421211–2‑1]

51.)

Frei­tag­mor­gen um 1/2 7 Uhr, den 11. Dezember

Mein gelieb­tes Her­ze­lein! Aller­liebs­ter [Roland], Du!! Du!!!

Heu­te mor­gen ist mein ers­ter Weg zu Dir! Zu Dir!! Geliebter!

Hät­te kön­nen noch ges­tern Abend an Dich schrei­ben, als ich aus der Sing­stun­de heim­kam, aber da erwar­te­te mich Mutsch, die näh­te noch Gar­di­nen, und wie das dann so ist, ich kann dann nicht genug allein sein mit Dir, so wie ich’s am liebs­ten mag. Und so bin ich auch ohne Wider­stre­ben mit ins Bett­lein gega­gen, sag­te ich mir doch, daß der Bote, den ich noch nachts schrei­ben wür­de auch nicht eher als am nächs­ten Mor­gen abgin­ge. Und so ist es gekom­men, mein Lieb, daß der Don­ners­tag­bo­te erst am [sic] Frei­tag­früh gebo­ren wird! Das wird, so fürch­te ich, in der “draschreichs­ten” Woche wohl noch eini­ge Male gesche­hen, denn seit Mutsch nach­mit­tags zuhaus ist geht’s bei uns bis­sel lau­ter zu, Mutsch hat dau­ernd etwas vor und ich mag mich dann so ganz nicht aus­schlie­ßen. Als ich allein war nach­mit­tags, da wur­de erst geschrie­ben, konn­te manch­mal drän­gen, was woll­te. Ach Du! Du allein weißt ja so recht, wie das mit uns bei­den ist, liebs­tes Herz! Wir mögen nichts, als ganz für­ein­an­der nur da sein – brau­chen gar­nichts wei­ter als nur ein­an­der! Ach Du! Du!! Uns­re Lie­be drängt uns so, immer zuein­an­der zu kom­men mit dem Liebs­ten und Heim­lichs­ten, was uns bewegt. Ach, mit allem, was in unse­rem Her­zen vor­geht, kom­men wir doch zuerst und am aller­liebs­ten zuein­an­der, Du! Nicht, daß Mutsch mir ver­bie­ten wür­de, wenn ich sit­ze und schrei­be! O nein! Nein!! Sie macht ganz still­schwei­gend ihren Kram allei­ne. Und das ist es, was mich beun­ru­higt dann und mir jede lie­be Andacht weg­nimmt. Ver­stehst Du das, Her­ze­lein? Säße sie in der Zeit auch mal bei mir, mit irgend einer ent­span­nen­den Beschäf­ti­gung, so wür­de mich das über­haupt nicht stö­ren. Aber so weiß ich, was wir alles noch vor­ha­ben und Mutsch arbei­tet den gan­zen Vor­mit­tag in der Fabrik und soll dann am Nach­mit­tag auch noch alles allein machen – weißt, das packt mich bei mei­ner Ehre.

Ach Liebs­ter! Du ver­stehst mich schon! Und Du nimmst das auch nicht als Kla­ge, bit­te! Es ist nur, daß ich es mir muß mal aus­ein­an­der­set­zen mit Dir zusam­men, Du! Und daß Du ganz genau weißt, Gelieb­ter, es ist nicht Bequem­lich­keit, Nach­läs­sig­keit oder gar Lust­lo­sig­keit, wenn ich so an man­chem Tag nicht zum schrei­ben [sic] kom­me. Oh Du! Du allein weißt doch am bes­ten, wie ich an Dir hän­ge und wie ich Dein den­ke unab­läs­sig! Wie mein gan­zes Dasein erst Sinn erhält durch Dich, Du mein Gelieb­ter! Ach Du!! Du!!! Ich lie­be Dich so von Her­zen! Nein so ist es ja auch nicht immer, nur eben jetzt vor Weih­nach­ten, oder vor irgend einem ande­ren gro­ßen Pro­gramm, daß wir ein wenig mit uns­rer gewohn­ten Ord­nung aus der Rei­he geraten.

Und ich las­se mich auch trotz allem nicht aus der Ruhe brin­gen, Du! Ich nehme mir halt dann mei­ne Zeit für Dich an einem ande­ren pas­sen­de­ren Zeit­punkt! Neh­men tu ich sie mir jeden­falls, Du! Denn ohne Dich wäre mir´s doch gar­nicht wie Vor­weih­nachts­zeit, wie lie­be Advents­zeit auch nicht! Du!! Was nütz­te mir denn aller fro­her Drasch hier um mich, das lie­be Zurüs­ten auf’s Fest, wenn ich dabei das Liebs­te nicht im Her­zen trü­ge, oder es im Drasch aus dem Sinn ver­lö­re. Oh Du! Das geschieht nim­mer­mehr!! Nim­mer­mehr, Du!!! Du wohnst ja ganz tief in mei­nem Her­zen drin­nen! Und nun kann Dich doch kei­ne Macht der Erde mehr dar­aus ver­drän­gen, Geliebter!

Vor­mit­tags brin­ge ich meist gera­de so viel fer­tig, daß Essen pünkt­lich auf den Tisch kommt, daß Haus­we­sen schön in Ord­nung ist und ab und zu besor­ge ich noch eini­ge Gän­ge da, wo man vor­mit­tags etwas kau­fen kann. Man­che Geschäf­te kann man nur nach­mit­tags besu­chen. Ges­tern nun habe ich, solang ich Licht bren­nen muß­te früh, der­weil alles zuge­rich­tet fürs Essen, hab die Küche schön auf­ge­räumt. Unter­des­sen mir Was­ser heiß gemacht, denn es ver­sprach ein Son­nen­tag zu wer­den, da put­ze ich Fens­ter. Im Schlaf­zim­mer säu­ber­te ich sie mal wie­der fein. Glaubst Schät­ze­li, bei uns herrscht seit eini­gen Tagen rich­ti­ges früh­lings­haf­tes Wet­ter. Die Son­ne scheint warm, blau­er Him­mel! Das ist sicher nicht gut für die Natur. Es möch­te sich schon win­ter­li­cher anlas­sen das Wet­ter, zu die­ser Jah­res­zeit. Den Koh­len macht es ja kei­nen Scha­den! Aber die Kar­tof­feln im Kel­ler schwit­zen und fau­len, weils [sic] so tem­pe­riert, wir müs­sen wie­der das Fens­ter aus­hän­gen. Bei man­chen Leu­ten kei­men sie sogar schon wie­der! Wie ist’s denn bei Euch die­ser Tage mit dem Wet­ter? Du [sic] Her­ze­lein, da liegt viel­leicht dann erst Schnee, wenn Du heim­kommst! Ach, uns kommt’s dann schließ­lich gar­nicht auf´s Wet­ter an, gelt?

Wenn nur in unse­ren Her­zen die Son­ne scheint!

Wir sind eben­so gern im Stü­bel wie drau­ßen! Und stie­feln eben­so [geht] durch Wind und Wet­ter mal, wie durch einen Son­nen­tag, gelt? Da kön­nen wir ja erst recht ganz dicht anein­an­der­ge­schmiegt gehen, Du!! Ach, Du mein aller­liebs­tes Her­ze­lein! Wann werd ich Dich wie­der in die Arme schlie­ßen dür­fen?! Du!!! Du!!!!! Ich lie­be Dich sooooo sehr! Schät­ze­lein, nun hör wei­ter, was ges­tern geschah.

Mit­tags gab es doch Nudeln mit Gän­se­k­lein! Wun­der­voll, Du! Mußt es doch bis zu Dir hin gespürt haben, wie es uns geschmeckt hat! Das soll nun aber nicht hei­ßen, daß wir so laut schmatz­ten [dabei]! Nein – wir haben Dei­ner nur so dank­bar gedacht, weil Du uns mit der Husche [sie­he Signa­tur 421202–2‑1]  wirk­lich eine ganz gro­ße Freu­de berei­tet hast. Du! Ich habe gedacht, daß wir am 1. Weih­nachts­fei­er­tag ein­mal die Groß­mutter [Lau­be] zum Essen ein­la­den – die Eltern begrüßen´s — denn auf ihre alten Tage wird sie sich sicher sehr freu­en, noch­mal so fei­nen Gän­se­bra­ten zu essen – er ist so zart – und wer weiß, wie lan­ge wir sie noch bei uns haben und jetzt kann man so einem lie­ben alten Groß­müt­ter­chen ja so gar­nicht mal eine Freu­de machen. Mal bis­sel But­ter schen­ken, oder Milch, alles was sie gern mögen, das hat man sel­ber nicht.

Was meinst denn dazu, Schätzelein?

Auch Dei­ne lie­be Mut­ter schrieb uns ges­tern einen Brief. Der Vogel ist da, mit­samt den Federn! Auch ihr hat er eine Men­ge Arbeit gemacht! Aber die tut man doch ger­ne. Mut­ter will Ende der Woche nach B. fah­ren; denn Frie­del kommt heim. Da möch­te ich auch noch eini­ge lie­be Zei­len sen­den bis zum Sonn­tag. Wann mag denn nun Hell­muth kom­men. Glaubst? Ich bin soo neu­gie­rig auf den klei­nen Weih­nachts­mann, auf den Niko­laus. Du auch, Liebster?

Ja, punkt [sic] ½ 12 Uhr, als Mutsch heim­kam ges­tern aßen wir, dann ging ich rasch Essen­tra­gen – was meins­te, wie Vater schmun­zel­te! – und anschlie­ßend tru­gen wir doch all uns­re Sachen hin­ter auf den Boden zu unse­ren Möbeln! Das war auch ein Stück Arbeit für sich. Uns zit­ter­ten am Ende rich­tig Arme und Bei­ne vom Tra­gen und Stei­gen. Ach Her­ze­lein! Wie freu ich mich!! Wie schön ist alles bei­sam­men!! Es ist eine wah­re Lust ein­zu­räu­men. Wenn Du kommst, dann mußt Du aber gleich mal mit mir hin­ter gehen! 6 Wäsche­kör­be voll haben wir hin­ter­ge­tra­gen, da ist aber noch kei­ne Wäsche dabei und kei­ne Auf­la­gen und Dau­nen­de­cken. Nur Wirt­schafts­ge­gen­stän­de! Wie haben wir bei­den Frau­ens­leut uns gefreut, Liebs­ter! Wenn das ein manch[er] hät­te jetzt, was wir so abschlepp­ten! Wir brin­gen es ja kaum unter. Und wir haben so lan­ge rum­ge­wirt­schaf­tet, ich muß­te ja dann immer gehen; denn um 3 Uhr war Besche­rung im Laza­rett. ¾ 3 kamen schon die ers­ten Kin­der. Ach, es war heu­er recht schön in der Schu­le. Weih­nacht­lich geschmückt alles und die erwar­tungs­fro­hen Gesich­ter der Ver­wun­de­ten. Zumeist ver­wun­de­te Afrikakämpfer.

Wir san­gen auf den Gän­gen uns­re Lie­der, dann gin­gen wir mit den Gaben von Bett zu Bett und die Vers­lein wur­den ange­sagt. Die Sol­da­ten freu­ten sich sehr, das las man ihnen vom Gesicht ab. Die Frau­en­schaft hat­te fei­nen Kuchen geba­cken, da schmun­zel­ten sie natür­lich auch! Bis nach 5 Uhr dau­er­te das Gan­ze, weil wir dies­mal in jedem Zim­mer waren. Es dun­kel­te schon lang­sam, als wir heraustraten.

Ach, wie die Klei­nen vor Freu­de rote Backen haben und leuch­ten­de Augen, wie sie zap­peln! Man hat zu tun, daß man sie im Zau­me hält! Ich hat­te auch ganz rote Backen vor Auf­re­gung, daß alles klappt und sie mir kei­ne Schan­de machen. Ja, es ging alles glück­lich vor­über. Und nächs­ten Mitt­woch ist Lichtlabend, dann Feri­en. Und nach­dem hof­fe ich, daß Frau L. ihr Ver­spre­chen ein­löst und mir Hil­fen schickt. 3 Scha­ren allein? Auf kei­nen Fall.

Den­ke nur Hil­de L.’s Mann wird aus­ge­tauscht auf Kre­ta! [Er] ist schon auf der Fahrt nach­hau­se!! Ich freue mich mit ihr. Am 1. Advent schrieb er, daß sie weg­sol­len [sic] zur Ablö­sung nach West­deutsch­land. Ob er nun heim­kann, fragt sich. Aber Haupt­sa­che ist ja erst mal, er ist wie­der in Deutsch­land, gelt? Ich gön­ne es ihm. Er war lan­ge genug auf der schreck­lich öden Insel. Die Män­ner vom Jahr­gang 1907 ab rückwärt’s [sic] ver­wen­den sie von nun an hin­ter den Kampf­li­ni­en, so habe er geschrie­ben. Du Man­ner­li! Da bist ja auch mit unter den Glück­li­chen! Ach, wenn ich Dich auch im Aus­lan­de hab, ich weiß aber, es geht Dir gut. Und bist da mehr in Sicher­heit vor feind­li­chen Angrif­fen, als in Deutsch­lands Wes­ten. Herr L. ist Flak­sol­dat.

Und wenn Du mir nur gesund­bleibst [sic], mein Her­ze­lein! Ach, dann will ich so ganz zufrie­den und dank­bar sein, Du!! Ja [sic] Her­ze­lein! Vom Laza­rett heim­ge­kom­men, besorg­te ich Wege: Milch­mann, Flei­scher, Sch.s. Dann koch­te ich eine Bier­sup­pe mit Sem­mel­rös­teln und Wurst­schnit­ten dazu. Hin­ter­her schrieb ich an die Eltern eine Kar­te und an C.s in B., zur Hoch­zeit morgen.

Da war’s schon 8 Uhr, zur Sing­stun­de woll­te ich gehen, weil wir vor dem Fest noch zu üben haben. Und den­ke, wel­che Über­ra­schung! Wir haben 4 neue Män­ner­stim­men! 2 Bäs­se und 2 Tenö­re. Herr H. hat sie mit­ge­bracht aus sei­nem Gesangs­ver­ein. Gute Stim­men, zwar sind es auch schon älte­re Her­ren, sin­gen aber wirk­lich gut. Wie fein das gleich ging ges­tern, es klang viel vol­ler! Ob sie für immer bleiben?

Haupt­säch­lich zum Hel­den­ge­den­ken sol­len sie mit­sin­gen und an hohen Fes­ten in der Kir­che. Momen­tan sin­gen sie schein­bar nur aus­hilfs­wei­se mit in der Kan­to­rei. Wenn’s ihnen gefällt, blei­ben sie viel­leicht. Ja, Her­ze­lein, nun weißt Du, was ich so trieb ges­tern. Heu­te nun heißt es rei­ne­ma­chen! – hei­sa, wird das ’ne Lust wer­den, nun ist viel Platz gewor­den. Ich muß auch heu­te in M. den Staub­sauger holen. Die Son­ne scheint wie­der, es wird ein schö­ner Tag. Und Ost­luft weht, man hört den Zug pfei­fen. Wann wird er mir Dich wie­der ein­mal bringen?!

Ach Du! Ich seh­ne mich ja so nach Dir, mein Gelieb­ter! Ich hal­te Dich ganz fest, Du!!! Du! Dein lie­ber Bote kommt jetzt wie­der regel­mä­ßi­ger zu mir. Ges­tern kam der lie­be Frei­tag­bo­te, wor­in Du mir all Dein Glück so lieb kün­dest, oh Du! Hab Dank, von Her­zen Dank, Gelieb­ter! Du!!! Du bist so ganz glück­lich wie ich es auch bin! Und das erfüllt mich mit so viel Her­zens­freu­de und ‑fröh­lich­keit! Ach mein Her­zens­lieb! Du!!! Wir wol­len ein­an­der ganz fest­hal­ten und lieb behal­ten! Es gibt nichts Schö­ne­res in die­ser Welt! Mein Ein und Alles, Du! Gott behü­te Dich mir! Ich tra­ge Dich so froh im Her­zen alle­zeit! Wie ich Dich lie­be!!! Her­ze­lein! Ganz froh gehe ich an’s Tage­werk! Dich, Gelieb­ter im Her­zen! All mein Glück!

Ich küs­se Dich! Ich lie­be Dich von Her­zen! Du! Dei­ne glück­li­che [Hil­de]. Dein!!

Plea­se fol­low and like us:
11. Dezem­ber 1942

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