Trug und Schein: Ein Briefwechsel

22. November 1942

[421122–2‑1]

33.)

Toten­sonn­tag, am 22. Novem­ber 1942. abends.

Herz­al­ler­liebs­ter mein! Du mein gelieb­tes Her­zens­man­ner­li! Du! Oh Du!

End­lich bin ich wie­der bei Dir. Ach, es hat für mich schier Engels­ge­duld gekos­tet, aus­zu­har­ren bis zu die­ser Stun­de. Du!!! Es ist doch schon wie­der abends um 6 Uhr und fins­ter schon. Ich sit­ze beim Lam­pen­schein, Vater ging eben mal zur Groß­mutter, Mutsch bes­sert alte Wisch­tü­cher aus und flickt ein Kleid. Im Stü­bel herrscht som­mer­li­che Hit­ze! Obwohl drau­ßen nun auch Schnee liegt – wie bei Dir – über Nacht. Sehr kalt ist es noch nicht.

Ja, uns­re Hit­ze? Du! Hab doch den gan­zen Nach­mit­tag Pfef­fer­ku­chen geba­cken, drum ist’s so warm. Fürs Man­ner­li doch haupt­säch­lich, ja!!

Ach Du! Es war ein beweg­ter Nach­mit­tag, und ich wuß­te nicht, ob ich lachen oder wei­nen soll­te. Als der lecke­re Honig­ku­chen im Ofen stand, da leg­te Papa so toll an, daß er ganz ver­brann­te. Die Mut­ter hat­te heu­te Nacht von Hei­del­bee­ren geträumt!!! Sie hat­te aber nun auch den pro­phe­zei­ten Ärger. Zuletzt haben wir aber gelacht, weil es so urko­misch war wie Papa und Mutsch sich anfuh­ren und her­aus­re­den woll­ten! Ich schied aus dabei, weil ich die Hän­de voll hat­te vom mei­nem Teig kne­ten. Das Unglück was geschehn, es ließ sich nim­mer ändern. Nur scha­de um die erspar­ten Zutaten!

Na, eini­ges war noch zu ret­ten, wir haben das schwarz­ge­brann­te [sic] weg geschnit­ten. So nett und appe­tit­lich schau­en die Schnit­ten nun frei­lich nicht aus.

Aber Du sollst trotz­dem kos­ten davon. Die Päck­chen müs­sen nun fort, damit mein Man­ner­li Weih­nach­ten fei­ern kann auch mit etwas zu knab­bern von zuhaus. Ach Du! Wenn mir kei­ne Gren­zen gesetzt wären, viel mehr tät ich Dich noch beschen­ken, gelieb­tes Herz!

Ich war doch heu­te Vor­mit­tag in der Kir­che bis ¾ 11 Uhr. Es war Toten­fest, Hel­den­ge­den­ken und Abend­mahls­fei­er. Die Kan­to­rei hat­te ein reich­hal­ti­ges Pro­gramm. „Welt ade, ich bin dein müde.….” (Kai­ser­lie­der­buch) war der Haupt­ge­sang der Sonn­ta­ges. Die Pre­digt des Pfar­rers hät­te kön­nen tie­fer sein, mei­nes Erach­tens. Er hat schon bes­ser gespro­chen. Ich glau­be er war dar­um nicht ganz mit dem Her­zen dabei, weil sei­ne Frau krank ist.

Sie hat Gal­len­ko­lik, ist schwerkrank.

Du bist gewiß auch in der Kir­che gewe­sen heu­te, mein [Roland] ! Ich habe doch dar­an gedacht.

Und anschlie­ßend erle­dig­te ich einen Gang. Einen lieb­heim­li­chen, Du!!! Eine Neben­stel­le des Weih­nacht­man­nes such­te ich auf! Und sein Ver­tre­ter war zuhaus! Aber mor­gen früh muß ich noch­mal mit dem „Alten” sel­ber reden, daß er mei­ne Wün­sche erfüllt; denn es wird höchs­te Zeit! Ach Du! Ich bin ja so sehr froh Her­ze­lein! Wenn Du Dich auch so freust dann, wenn mir die Besche­rung gelingt, bin ich doch ganz froh! Schätzelein!!!

Mor­gen früh ist mein ers­ter Weg zur Giro­kas­se, das Geld fürs erstan­dene Her­ren­zim­mer abzu­he­ben und ein­zu­zah­len. Ach mein Man­ner­li! Ein bis­sel bang wird mir da wohl sein, so viel Geld! Und es ist doch Dei­nes auch! Du zankst doch nicht?!! Ach Du! Nein, wenn Du das Möbel sehen wür­dest, gewiß nicht. Es ist doch unser bei­der Weih­nachts­ge­schenk, Gelieb­ter! Ein Stück wie­der für unser eig­nes Heim! Du! Ich freue mich ganz sehr dar­über! Wenn Du es nur erst selbst mal schau­en könn­test! Anschlie­ßend an den Gang will ich noch­mal zu B., ich will nun Gewiß­heit haben, wann die Möbel kom­men. Sonst gehe ich per­sön­lich zu dem Spe­di­teur und befra­ge mich. Herrn H. muß ich schrei­ben; denn Frau F. hat gegen­über Dei­nen Eltern geäu­ßert, daß es ihnen lie­ber wäre, uns­re Matrat­zen sei­en fort, die Mäu­se lie­fen so umher in L. und es möch­te nichts geschehn damit. Da U.s Platz für uns haben, kann auch alles her. Dem Bahn­hofs­ge­hil­fen J. aus Sch. muß ich auch noch­mal Auf­trag geben, sonst rückt Mut­ter Sch. nichts her­aus! Ach, ich habe Geschäf­te, schlim­mer wie ein alter Fern­ver­kehrs­trans­port­mensch!! Ist es nicht so? Mor­gen will ich, ehe mein Bahn­hofs­dienst beginnt um 1500 [Uhr], in Chem­nitz noch mal nach­fra­gen, ob ein Spe­di­teur nach Dres­den, Baut­zen, oder direkt nach K. fährt, damit er unser Her­ren­zim­mer mit­brin­gen kann. Der Vater horcht auch her­um, denn bei B. in K., der zwar mor­gen das Zim­mer bei Frl. B. weg­holt in sein Möbel­la­ger, klappt es momen­tan nicht mit dem Abtrans­port. Wie müs­sen uns nun küm­mern hier und dort. Mal wirds [sic] schon klap­pen. Ach Her­ze­lein! Das hat­te ich Dir ja auch noch nicht erzählt, die Dame von der wir unser Zim­mer kau­fen, die hat viel­leicht bald eine Woh­nung für uns in ihrem Hau­se. Was sagst Du? Ein alter Herr, allein­ste­hend, ist jetzt Mie­ter. Der wür­de aber bald ster­ben! Wie das klingt, nicht wahr? Aber sie hat es Mut­ter und mir ernst­lich ange­tra­gen! Und will auch – sofern wir es mögen – mal mit den Eltern einen Miet­ver­trag abschlie­ßen, der schon vom Juli d. [des] Jhrs. [Jah­res] lau­tet. Im Fall, jemand kommt und will auch die­se Woh­nung dann haben.

Das ist raf­fin­niert [sic], gelt? Aber was sagst Du dazu, Liebes?

Ich und uns­re bei­den Eltern wären nicht abge­neigt, die K.er schon gar­nicht! Es fragt sich nur, wann der alte Herr nicht mehr da ist.

Und ob Du gewillt bist, daß wir uns ein Nest nun bauen.

Es sind 3 Zim­mer mit Küche und Bad, glaub auch Innen­k­lo­sett, im Par­terre. Aus einem Zim­mer gelangt man durch eine Glas­tür ins Bal­kon­zim­mer, so sag­te sie mir. Ich habe die Räu­me noch nicht gese­hen. Es sei eine schö­ne Woh­nung. Kos­ten­punkt 60 ℛℳ!

Na, so schnell schie­ßen die Preu­ßen nicht. Das wür­den wir uns alles genau besehn. Ach, so abge­neigt wäre ich gar­nicht, in K. zu woh­nen, Du! Man wüß­te end­lich mal wohin man gehört, ein eig­nes Dach überm Haup­te! Allein mit Dir in unse­ren eig­nen vier Wän­den! Und Du könn­test viel­leicht spä­ter den Wunsch äußern, nach K. ver­setzt zu wer­den, wenn dort unser Heim schon auf­ge­schla­gen ist. Und and­rer­seits könn­te eine Woh­nung uns für spä­ter als Tausch­woh­nung von Nut­zen sein.

Den­ke mal nach, Her­ze­lein und sag mir etwas dazu!

Noch ist es ein Wunsch­träu­men. Und ein alter Herr soll dar­über sterben.

Das ist mir das häss­li­che [sic] an der Geschich­te. Und doch ist es im Leben so: eines geht, das and­re kommt. Was es mit dem Frl. B., der Ver­mie­te­rin für eine Bewandt­nis hat, das möch­te ich wis­sen. Auf Mut­ter, die sie ja schon län­ger kennt – wie auf mich hat die­se Per­son kei­nen schlech­ten Ein­druck gemacht. Sie ist an die 50 Jah­re! Noch sehr gut erhal­ten. Damen­schnei­de­rin von Beruf. Ledig. Das heißt, sie war ver­lobt mit einem geschie­de­nen Man­ne, der sie hei­ra­ten woll­te nun, aber im Juni die­ses Jah­res gefal­len ist. Das Haus hat ihr ein ange­se­he­ner K.er Bau­meis­ter ver­macht, des­sen Gelieb­te sie war – so erzählt man! – er sei aber ver­hei­ra­tet gewe­sen. Und die­ses Ver­hal­ten trägt man ihr nach bis auf den heu­ti­gen Tag in den alt­ein­ge­ses­se­nen Krei­sen der K.er. Das hör­te ich übri­gens gleich her­aus beim Spe­di­teu­re B., der unser Möbel holt, ein fei­ner alter Herr, daß er auf die­ses Frl. B. nicht gut gesinnt ist. Sie ist übri­gens schlecht ange­schrie­ben weil sie Tsche­chin sei: = B.! Mir ist das egal, ihre per­sön­li­chen Ver­hält­nis­se küm­mern mich nicht. Ich habe mit ihr einen reel­len Kauf abge­schlos­sen – basta.

Und das ande­re, was da an Mög­lich­kei­ten sich auf­tut, das wol­len wir dem Geschick über­las­sen, gelt Schät­ze­lein! Nichts über­ei­len, hat kei­nen Zweck. Aus­spre­chen sollst Du Dich nur mal hier­über, damit ich der Mut­ter nach K. Dei­ne Mei­nung mal schrei­be oder erzäh­le, im Fal­le, die Dame erscheint eines Tages bei den Eltern und will den Miet­ver­trag machen. Ich muß ja sagen: äußerst nett ist das von ihr, wenn sie uns so ent­ge­gen­kä­me; wo man heu­te so schwer Woh­nung findet.

Daß sie das schö­ne Her­ren­zim­mer ver­kauft, das wun­dert mich sehr. Ich den­ke, daß sie Geld braucht, weil ja alle die Miet­zins­steu­er vor­aus­be­zah­len müs­sen. Sie ist zur Haus­be­sit­ze­rin gewor­den unver­hofft und hat sicher selbst kein Ver­mö­gen, um nun den Bestim­mun­gen gerecht zu wer­den. Ich muß immer dar­an den­ken, was die­se Frau nun wohl alles durch­hat mit ihren 50 Jah­ren. Einer Frau den Mann genom­men, das ist nicht schön. Sie wird wohl nicht glück­lich sein in ihrem Besit­ze, wenn sie sich immer sagen muß: das hast Du zu Unrecht erwor­ben. Und ich kann es den red­li­chen Bür­gern der Stadt nicht ver­den­ken, wenn sie scheel auf sie bli­cken. Viel­leicht kommt sie auch inner­lich nicht zur Ruhe, weil sie das Zim­mer ver­kauft, das sie viel­leicht am meis­ten an ihr Unrecht gemahnt, an die Zeit, da der Gat­te einer ande­ren bei ihr aus- und ein­ging? Selt­sa­mes Leben. -

Mein gelieb­tes Man­ner­li! Nun will ich Dir nur erst mal erzäh­len noch, wann ich wie­der heim bin von K.. Es war zu kurz, der Besuch daheim bei den Lie­ben. Die Geschäf­te hiel­ten uns ers­tens ganz in Atem, dann hat­ten die Eltern gera­de Kar­ten für den Varie­tè-Abend. Ich kam doch kaum dazu, Dein zu den­ken. Der Frei­tag war wie im Flu­ge ver­gan­gen. Wir hat­ten ja auch so viel zu erzäh­len, von Euch Buben allen, von uns­rer Frie­del! Am Mitt­woch, oder eher kommt das Kind­lein. Ich den­ke immer es wird ein Mäd­chen! Elfrie­de war so rund­lich im Gesicht, das sind so Anzei­chen. Auch die Lei­bes­form war so rund­lich flach. Bei Müt­tern, die Buben tra­gen ist die Form viel spit­zer. Und auch die Gesichts­zü­ge sind schär­fer geprägt, spit­zer. Das ist mei­ne Beob­ach­tung nur! Wol­len sehen, ob ich recht habe mit mei­ner Theorie.

Am Sonn­abend­früh 3/4 8 Uhr fuhr ich wie­der heim. Ich lös­te 2. Klas­se, Man­ner­li! heim­zu. Sonn­abends ist zu viel Ver­kehr. Und ich hat­te dadurch auch immer fein Sitz­platz. Die Züge fuh­ren sämt­lich mit Ver­spä­tung. Ich lang­te gegen 3 Uhr in Chem­nitz an und um 400 [Uhr] konn­te ich wei­ter! Da gab ich schnell mein Köf­f­er­le auf und rann­te nach der Stra­ßen­bahn und ging zum Weih­nachts­mann, Her­ze­lein!! Zum Weih­nachts­mann! Oh Du! Wenn Du hät­test sehen kön­nen! Ich glaub, Du hät­test es haben wol­len und nicht war­ten wol­len bis zum Fest. Du! Ich den­ke es; denn mir wäre es so ergan­gen an Dei­ner Stel­le. Ach Du!

Hof­fent­lich kann ich Dir so viel Freu­de berei­ten damit, soviel wie ich schon dar­über habe Schätzelein!

In Dres­den hat­te ich über 1 Stun­de Auf­ent­halt, da lief ich zu den Buch­hand­lun­gen, die ich mit Dir schon auf­such­te. Nichts!

Nur poli­ti­sche Bücher. Kohl alles. Ich war ganz ent­täuscht. Ich sag­te es den Eltern, was ich für Dich erste­hen will von Hans-Joa­chim Moser. Vater will nun Dei­nen 2. Band suchen. Es ist jetzt alles zweck­los. Und ich erzähl­te, was ich für Sieg­fried für ein Buch erstan­den habe, dafür wür­de er sich nicht inter­es­sie­ren! Nun ärge­re ich mich. Es ist aber auch schwer. Viel­leicht bekom­me ich noch einen net­ten Unter­hal­tungs­ro­man und schen­ke das Zer­kau­len-Buch mal einem Kon­fir­man­den zu Ostern, gelt? Ich habe da noch Abfin­dungs­ge­schen­ke zu machen. Heu­te schrieb Mut­ter, daß unser Klei­ner Nach­richt gege­ben hat, er sei noch in Euro­pa und wohl­auf. Ander­mal mehr. Ich bin ja neu­gie­rig, wo er steckt.

Ja Her­ze­lein! Ges­tern gegen 5 Uhr kam ich in O. an in hef­ti­gem Schnee­trei­ben. Am Bahn­hof traf ich San­ges­schwes­tern, die sag­ten mir, daß ½ 8 [Uhr] Haupt­pro­be sei, da am Don­ners­tag aus­fal­len muß­te. Daheim lag die­se Auf­for­de­rung noch­mal schrift­lich. Ja, denn [sic] bin ich auch hin­ge­gan­gen. Erst gab es doch viel zu erzäh­len! Ich muß­te alles beschrei­ben! Na, dann waren sie end­lich beru­higt. Mut­ter wäre zu gern mit dabei gewe­sen, glaubst? Ach, Euch allen gefällt es bestimmt, das neue Zimmer!

Dann muß­te ich noch zu mei­nem Schät­ze­li kom­men in spä­ter Stun­de. Ach!!! Ich hät­te kön­nen nicht ein­schla­fen, Du! Zu lieb warst Du zu mir gekom­men! Gelieb­ter! Oh laß dich umfan­gen, lieb, innig und ganz fest! Du!!! Du!!! Du bringst mir doch alles Glück, mein [Roland]! Alles Glück! Du!!! Ach Gelieb­ter! Bis um Mit­ter­nacht habe ich wach­ge­le­gen im Käm­mer­le, Dei­ne gelieb­ten Boten bei mir, habe mich immer wie­der dar­ein ver­tieft. Du! Hab mich von Dir beschen­ken las­sen, sooo lieb­ha­ben las­sen, Gelieb­ter! Ach, Du ahnst ja nicht, wie selig Du mich machst, wie über­glück­lich, wenn Du so lieb zu mir kommst! Gelieb­ter!! Bringst mir mit Dei­ner Lie­be den Him­mel auf Erden! Wie machst Du mich so reich!

Ich kann mir gar­nicht den­ken, Gelieb­ter! Daß es je anders zwi­schen uns wer­den kann! Du!!! Immer müs­sen wir so lieb und gut zuein­an­der sein, solang wir leben. Immer lebt Lie­be in uns, gute, tie­fe und star­ke Lie­be! Wenn auch Sor­gen und erns­te Zei­ten kom­men, wir ste­hen treu zusam­men! Mit all unse­ren Kräf­ten leben wir die­ser, uns­rer gro­ßen Lie­be. Gelieb­ter! Oh laß uns Gott recht bit­ten immer, daß er uns gesund erhal­ten möch­te alle­zeit, daß wir ein­an­der stets aus gan­zer unge­bro­che­ner Kraft lie­ben kön­nen! Du!! Du! Gelieb­ter! Wenn ich Dei­ne Wor­te lese, dann ist mir, als wärest Du bei mir, als sprächst Du zu mir. Das sind mei­ne köst­lichs­ten Stun­den, wenn ich so ganz allein mit Dir Zwie­spra­che hal­te. Ach, wenn dann die Ant­wort drängt aus mir, auf all Dei­ne lie­ben Zei­len, wenn ich dann vor lau­ter Drang und Lie­be nicht weiß, wo zuerst begin­nen. Ach Gelieb­ter! Dann emp­fin­de ich den Schmerz uns­res Getrennt­seins. Dann möch­te ich vor Unge­duld manch­mal rüt­teln an den unab­än­der­li­chen Fes­seln. Aber bald legt sich mei­ne Unge­duld. Ich den­ke an Dich. Du trägst ja das Glei­che mit mir! Und wir müs­sen ein­an­der die­ses Dasein leicht machen, wo wir nur kön­nen. Und es froh gestal­ten trotz­dem, und es lie­bens­wert machen. Gelieb­ter! Die Lie­be treibt uns immer wie­der, das rech­te [sic] zu tun. Das Bes­te. Du!!! Heu­te, wo sich der wil­de Sturm der Emp­fin­dun­gen all gelegt hat, da sehe ich doch alles mit ruhi­gem Her­zen und Blick. Es ist und bleibt so: Du dort und ich hier. Gelieb­ter! Heu­te, in der Kir­che, da ward ich der gro­ßen, gro­ßen Gna­de bewußt, die uns noch geschieht bei allem Her­ze­leid rings, daß wir so oft, so lieb, sooo nahe zuein­an­der täg­lich noch fin­den! Gelieb­ter! And­re wür­den mit Freu­den mei­len­weit von­ein­an­der getrennt leben, nur über­haupt noch leben dür­fen! Möch­ten ihr Liebs­tes noch lebend wis­sen unter Got­tes Son­ne! Das müs­sen wir alle­zeit vol­ler Demut und Dank­bar­keit im Her­zen beden­ken: Gott bescher­te uns ein Schick­sal, daß zu ertra­gen uns immer noch ohne bit­tren Schmerz war! Gelieb­ter! Aber­tau­sen­de woll­ten es mit uns tei­len, wenn sie ihr Liebs­tes noch besä­ßen. Oh – ich bin auch ganz still und beschei­den und dank­bar für alles, was Gott uns schickt. Es kann im Krieg nicht leich­ter sein, das Leben zu Zwei­en. Und in einem Krieg, wie er heu­te tobt, erst recht nicht. Wo Deut­sche über­all in der Welt sit­zen, nur nicht in Deutsch­land. Gelieb­ter! Du sagst mir alle Dei­ne Gedan­ken zu der neu­en Lage. Ich habe sie auch in mir bewegt. Und was das Schlimms­te ist dazu: zu den­ken, dem Feind gelän­ge sein Plan! Gott möge uns gütig davor bewah­ren! Und ich bit­te Dich, gelieb­tes Herz! Grüb­le und sin­nie­re nicht all­zu sehr über das alles nach. Wir ändern nichts dar­an. Wir soll­ten unser Gemüt nicht zu sehr mit Din­gen belas­ten, die die Här­te und Schwe­re der Zeit noch bedrü­cken­der schei­nen (läßt.) las­sen. Her­ze­lein! Wir wol­len viel mehr danach trach­ten, in uns­rer eige­nen, viel fried­li­che­ren, glück­vol­le­ren Welt ganz einig zu leben, als unse­re Kräf­te auch nur ein Gerin­ges die­ser ver­derb­ten Welt zu opfern. Ich weiß, Du ver­stehst mich schon recht, wie auch ich Dich recht ver­ste­he, wenn Du mir sagst, was Dei­ne Gedan­ken bewegt zu dem Welt­ge­schehn. Wir leben doch alle bei­de im Grun­de uns­res Wesens viel zu sehr im Ban­ne uns­rer Lie­be! Und die bestimmt uns­re Rich­tung nach innen und außen hin allein. Wo Lie­be lebt, wo Lie­be regiert, kann nur Froh­sein und Glück­se­lig­keit herr­schen! Und wenn die gan­ze Welt durch­ein­an­der gerät: ich bleib ich und Du bleibst Du! Mein! Dein! Ewig­lich. Allen Gewal­ten zum Trotz sich erhalten.…!

Ach mein [Roland]! Was auch kom­men mag – ich sag­te es wohl schon vie­le male [sic] und hal­te fest dar­an – ich blei­be an Dei­ner Sei­te, ich blei­be in Dei­ner Lie­be, bis an mein Ende. Ich kann nicht mehr leben ohne Dich. Ich kann nie mehr glück­lich sein ohne Dich! Gelieb­ter! Und ich weiß, so wie wir emp­fin­den, kann nur die Kraft der Lie­be in uns wir­ken. Du!! Urge­walt der Lie­be bin­det uns anein­an­der. Fest!! Unlös­lich!! Bis der Tod uns schei­det! Und die­se fro­he, fro­he Gewiß­heit, ach – die läßt mich auch im Her­zen ganz zuver­sicht­lich und stark sein all dem, was kom­men will gegen­über. Ich bin so ganz eins mit Dir und eins mit Dir vor Gott, im Glau­ben an ihn. Was braucht es mehr um ohne Furcht die­ses Erden­da­sein zu bestehen? Gelieb­ter! Du bist mir nahe, jeden Augen­blick! Ich wer­de nie mehr ein­sam sein! Du mußt mir blei­ben! Du!! Oh Gott im Him­mel! Sieh uns hier ste­hen! Behü­te mein Liebs­tes! Amen.

Mein Man­ner­li, Du! Ich freue mich, wenn Du mir immer die Zei­tungs­aus­schnit­te mit­schickst, da kann ich doch alles mit­er­le­ben, was Dich und B. in Atem hält! Aller­hand ist “los”, das muß man sagen. Ja, das mag über­all so sein in süd­li­chen Brei­ten. Aber auch auf kul­tu­rel­lem Gebiet, es beflei­ßigt sich der Deut­sche, Ein­druck zu schin­den. Nein, nicht iro­nisch! Alle Ach­tung! Ich stau­ne nur über die Durch­für­bar­keit [sic] immer wie­der, all der Plä­ne. Mei­net­we­gen, ich las­se mir den Kopf nicht heiß wer­den dar­über. Aber immer wie­der freue ich mich, daß ich Dich in B. weiß! Ich freue mich. Es ist eine Stadt, in der sichs [sic] aus­hal­ten läßt. Wenn sie Dir tau­send­mal noch fremd erschei­nen mag – gegen den fürch­ter­li­chen Osten scheint sie mir wie [da]s Paradies!

Schät­ze­lein! Jetzt ist es ½ 10 Uhr. Ich habe jetzt erst Abend­brot gehal­ten, ich habe mich doch so ungern stö­ren las­sen, Du! Bin ganz wild gewor­den, als mich die Eltern andau­ernd auf­for­der­ten. Mutsch hat müs­sen alles fer­tig machen, ich habe den Tisch nicht geräumt! Heu­te mag doch mei­net­we­gen das Haus ein­stür­zen, ich wei­che nicht von Dir! Du! Ich war ja schon so lan­ge nim­mer rich­tig allein mit Dir beim schrei­ben [sic]. Die Eltern mögen nur ins Bett gehen, ich blei­be noch! Bleib doch so ger­ne bei Dir!

Schau! Mor­gen kom­me ich viel­leicht kaum dazu, Dir zu schrei­ben. Erst die Geschäf­te, dann Essen­ko­chen und ½ 2 Uhr muß ich fah­ren, zum Bahn­hofs­dienst. Da kom­me ich ja nachts erst heim. Diens­tag, abends ist ein Vor­trag ange­setzt vom Ober­stabs­arzt Dr. H.. In die Geschäfts­stel­le muß ich wegen der 10-Jah­res­fei­er, die am Mitt­woch den 25. statt­fin­det. Zu eini­gen Eltern muß ich lau­fen, um die Unter­schrif­ten ein­zu­ho­len für die Anmel­de­for­mu­la­re der Kin­der. So hab ich bis Mitt­woch Drasch. Und dazwi­schen sol­len auch noch Dei­ne Päck­chen zur Post. Immer eins nach dem andern, schön der Rei­he nach – nicht drän­gen, kommt alles dran. Ach Man­ner­li! So möcht’ ich ja bei­na­he auch sagen, wenn ich das Bün­del Brie­fe neben mir anse­he, die ich Dir alle beant­wor­ten will. Ich wer­de ja heu­te im Leben nicht fer­tig, mit Dir zu plau­schen, ach Du!

Oh Her­ze­lein! Ich käm doch am aller­liebs­ten gleich sel­ber zu Dir, um mit Dir wie­der ein­mal ganz lieb und traut zusam­men­zu­sein! Du! Heu­te ist kein Bote gekom­men, auch ges­tern nicht. Und es ist doch gut so, sonst bedrängst Du mich ja zu sehr, Man­ner­li! Kann doch all Dei­ne Lie­be kaum noch fas­sen! Du! Und doch bin ich so glück­lich, wenn Du mich so bedrängst. Ach, es macht ja all mein Glück aus, wenn ich füh­le, wie Du mir so innig in Lie­be zuge­tan bist, Du mein Geliebter!

Es wird in unse­rem Leben immer so sein. Ich weiß es – ich füh­le es! Du! Ach Schät­ze­lein! Und wenn sich erst unser heim­li­cher Wunsch erfüllt haben wird, wenn erst Kind­lein unser Dasein mit Lust und Freu­de erfül­len, ach – Du! Dann sind wir ein­an­der nur noch inni­ger zuge­tan. Weil lie­be, lie­be Pflich­ten uns noch fes­ter anein­an­der­ket­ten wer­den. Du! Ich mag so gern vor­aus­den­ken. So lieb, so traut schaue ich das Bild! Ach Du! Immer aber sehe ich zuerst Dich, Du mein Gelieb­ter! Dich, mei­nen gelieb­ten Lebens­ge­fähr­ten. Von dem mir alles Glück die­ser Erde kommt, der mir allen Son­nen­schein schenkt! Gelieb­tes Leben, Du! Mit Dir ist soviel [sic] Son­ne und Licht in mein Leben getre­ten, daß ich ganz in Nacht und Fins­ter­nis tapp­te, gin­gest Du je von mir und lie­ßest mich allein. Du! Das kann nie gesche­hen. Du bist mein Eigen. Zutiefst! Zuin­nerst! Es gibt nichts, das Dich von mir abzö­ge, Du liebst mich! Du liebst mich von Her­zen, oh Du! Und ich will mich immer fes­ter an Dich schmie­gen mit aller Lie­be. Will in Dich drin­gen, will Dich ganz durch­drin­gen mit mei­ner Lie­be. Ach Du! So wie es Dich zu mir drängt, so heiß, so inbrüns­tig, eben­so drängt es mich doch hin zu Dir! Gelieb­ter! Mein [Roland]! Gott seg­ne unser hei­ßes Wol­len, er füh­re uns bald für immer zusam­men! Er füh­re Dich mir froh und gesund zurück, Du mein Gelieb­ter! Möge uns der Herr­gott aus­rüs­ten mit immer neu­er Kraft und Geduld aus­zu­har­ren. Amen.

Oh Gelieb­ter! Ich war­te Dein! Mit aller Her­zens­kraft! Ich muß Dein war­ten, weil ich Dich so lie­be – sooo von Her­zen lie­be. Gelieb­tes Herz! Mein!!!!! Ich will nun schla­fen gehn bin so müde jetzt. Ich nehm Dich mit, Her­ze­lein! Komm! Oh komm! Ganz lieb und innig umschlin­ge ich Dich! Mein gan­zes Glück hal­te ich umfan­gen! Dich. Oh Her­zens­schatz! Behalt Du mich auch ganz lieb! Ich blei­be Dei­ne glück­li­che [Hil­de].

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22. Novem­ber 1942

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