12. November 1942

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[Salo­ni­ki] Mitt­woch, 12. Nov.[ember] 1941

Her­zens­schät­ze­lein! Mein lie­bes, teu­res Weib!

Wie mag es Dir heu­te erge­hen? Ich mach[‘] mir nun doch ein wenig Sor­ge. Woher hast Du nur die­se böse Erkäl­tung? Das übels­te ist der Hus­ten. Den mußt Du Dir bald­mög­lich vom Hal­se schaf­fen! Daß er Dich so quält. Ganz fein im Stüb­chen blei­ben, Herz­lieb, und der Gesund­heit zulie­be alles rücksichtslos bei­sei­te­schie­ben! Du kannst es Dir noch leis­ten. Ach Her­ze­lein, Du willst gesund wer­den, für mich, ich weiß es! Du!!! Und Du wirst alles tun, was Du nur ver­magst und wirst Dich so hal­ten, wie das Man­ner­li Dir rät. Ich hof­fe ja, daß es dann rasch bes­ser wird, wenn Du erst die bösen Tage über­wun­den hast. Herz­lieb! Könn­te ich bei Dir sein! Du bist allein, krank, in die­sen grau­en Tagen. Ach Liebs­te! Könn­te ich bei Dir sein! Könn­te ich Dir mei­ne Zärt­lich­keit brin­gen. Ach Du! Du!!! ‚Komm, Schät­ze­lein, birg Dich an mei­nem Her­zen, schlaf Dich gesund!‘ Könn­te ich so sagen! Könn­te ich Dir ganz nahe sein! Ich weiß, wie tröst­lich und herz­er­wär­mend die Nähe eines gelieb­ten Wesens ist in kran­ken Tagen. Herz­lieb! Möch­test Du recht, recht bald wie­der ganz gesund wer­den! Ach Du! Möch­te Dich die Gewiß­heit mei­ner Lie­be erwär­men und durch­son­nen. Weißt Du noch? Ich lie­be Dich! Lie­be Dich mit der gan­zen Kraft mei­nes Her­zens! Du bist mein Son­nen­schein, mein Leben, mein Ein und Alles! Alle Unru­he in mir ist zur Ruhe gekom­men bei Dir! Herz­lieb! Hei­mat, Gebor­gen­heit, Hafen bist Du dem frü­her so ruhe­lo­sen [sic]. Alles unge­still­te Seh­nen fand Erfül­lung bei Dir. Oh Herz­lieb! Ich darf ver­eh­ren, darf schen­ken, darf lie­ben, lie­ben – darf Dich in mei­ne Lie­be hül­len! Du!!! Ich fand die Eine, die Rech­te, daß sie den Thron in mei­nem  Her­zen ein­neh­men könn­te – oh Her­ze­lein! Die Eine, Dich! Gelieb­tes Wesen! Du! Du!! Ich muß Dich doch sooo lieb­ha­ben! Ganz uner­setz­lich bist Du mir! Du mußt mir blei­ben!

Gelieb­te! Daß ich Dir anders gar nicht hel­fen kann! Ich wollt[‘] doch gar nim­mer von Dei­ner Sei­te wei­chen! [Ich] Woll­te Dir eine Hälf­te der Krank­heit so gern abneh­men! Du! Wenn Du wirst ein­mal unwohl sein spä­ter – am/besten käme es gar nicht dazu – bleib[‘] ich gleich bei Dir! [Ich] Will Dir doch alles zulie­be tun, alles! Ich könnt[‘] mich doch kein bis­sel grau­en und ekeln bei Dir – und kein bis­sel ver­drieß­lich sein bei sol­chem Dienst! Du! Oh Schät­ze­lein! Du weißt es! [Du] Kannst Dich ganz mir ver­trau­en – soviel wie dem Onkel Dok­tor – und noch mehr. Schät­ze­lein! Wie die lie­be Mutsch könn­te ich zu Dir sein!

Und wenn ich ein­mal nicht wei­ter­könn­te – ich weiß, wen ich dann zual­ler­erst rufe, wer mich dann ganz viel­lieb ver­sorg­te und wenm ich mit die­ser Sor­ge am liebs­ten betrau­te. Du! Wir haben ein­an­der sooo lieb! Fühlst Du es?! Herz­al­ler­liebs­te mein! Mein liebs­tes Geschwis­ter! Wir kön­nen ein­an­der ganz, ganz anver­trau­en, kön­nen ein­an­der gar nicht miß­ver­ste­hen. Herz­lieb! An mir sollst Du allen Halt fin­den, den Du brauchst in Dei­nem Leben! Oh Herz­lieb! Wie könn­te ich tie­fer alle Lie­be, alles Eins­sein füh­len, als wenn Du Dich an mich lehnst, mir bis ins Letz­te ver­trau­end. Oh Schät­ze­lein! Und kein and[e]rer Eifer, der mich beflü­gel­te, als Dir der bes­te Halt zu sein!

Und so emp­fin­dest auch Du! Mein gan­zes Ver­tau­en gehört Dir, Gelieb­te! Und es macht Dich froh, ich sehe es, ganz froh, es drückt Dich nicht, das Ver­trau­en vom älte­ren Man­ner­li, es macht Dich ganz glück­lich!

Oh Schät­ze­lein! Daß auch Du bei mir eine Hei­mat fan­dest! Daß auch Du bei mir zur Ruhe kommst, Du lie­bes jun­ges Blut! Kommst zu mir mit Dei­nem Seh­nen! Mit Dei­nem Sor­gen! Mit Dei­nem Heim­ver­lan­gen! Und [Du] weißt, daß ich Dich ganz ver­ste­he, daß Dein lie­ben­des Auge rein sich spie­geln kann in dem mei­nen, daß Dei­nem lie­ben Her­zen das mei­ne schlägt in geschwis­ter­li­cher Lie­be und Treue! Oh Her­ze­lein! So soll es immer blei­ben zwi­schen uns: Kein fal­scher Blick, kein Lau­ern, Ver­let­zen, Ver­steck­spie­len! Du! Ich weiß, es wird uns gelin­gen – die hohe Lie­be wird bei uns blei­ben! Wir wer­den bei­de dar­nach  trach­ten, dar­um rin­gen und nim­mer­mehr davon ablas­sen. Es wird gelin­gen mit der Glut uns[e]rer Lie­be im Her­zen und uns[e]re Augen auf Gott gerich­tet. Oh Herz­lieb! Wenn ich es einen Tag unter­lie­ße, Dich recht zu lie­ben – ich glaub[‘], ich kann es nicht! Ich täte mir sel­ber bit­ter weh damit!

War­um and[e]re Paa­re das gar nicht spü­ren? – Weil sie sich noch nie recht lieb­ten. Es ist doch ein rech­tes Unglück auch, daß Miß­ver­ste­hen und Miß­ver­ste­hen­wol­len und Nicht-zueinanderfinde[n]können bei G.s. Herz­lieb! Du kamst Dir unfer­tig und uner­fah­ren vor gegen­über die­ser Frau. Rei­cher bist Du! Her­ze­lein! Und glück­li­cher mit Dei­nem gan­zen „ein­fäl­ti­gen‘ Her­zen, unge­bro­chen vom Zwei­fel. [Du] Bist es mit mir! Oh Du! Du!!! Nim­mer könn­te ich der sein, der die­ses Her­ze bricht! Gelieb­te! Du weißt es! Aus Treue nicht zu Dir und mir selbst (nicht) – noch weni­ger aber aus der Lie­be, die mich unlös­bar Dir ver­bin­det für die­ses Leben!

Oh Schät­ze­lein! Gefähr­lich könn­te die­se Frau wer­den mit der Kom­pli­ziert­heit ihres Wesens, die so bewußt alles betrach­tet, die die Gren­zen des letz­ten Ver­trau­ens nicht kennt und ach­tet, die des Her­zens Heim­lich­keit kaum zu ken­nen scheint, die sich gewöhnt hat, mecha­nis­tisch und medi­zi­nisch zu den­ken. Herz­lieb! Wir sind gefeit gegen die­se bösen Kei­me. Auch Dein Man­ner­li! Es hat von all die­sen Sti­chen gehört und hat sich üben müs­sen in ähn­lich sezie­ren­dem Den­ken – und hat es doch aus dem Grun­de sei­nes Wesens stets abge­lehnt, hat es nicht ein­ge­las­sen. [Es] Hat lie­ber sei­nem gesun­den Gefühl ver­traut, dem Takt­ge­fühl, dem Scham­ge­fühl, hat die Augen weit offen­ge­hal­ten und zuge­se­hen, wo rech­tes Glück zu Hau­se war – und hat sich nim­mer beschwät­zen las­sen von noch so gescheit sich dün­ken­den Leu­ten. Oh Herz­lieb! Die Ehr­lich­keit auch in die­sen Din­gen ist wenig gefragt. Was bläht sich da nicht – was lügt da nicht und betrügt sich selbst! Schät­ze­lein! Du magst es in mei­nem Geheim­büch­lein nach­le­sen, wie ich als jun­ger Mensch zu einer Weis­heit mich flüch­te­te, die sonst nur die her­be Frucht rei­fe­ren Alters ist: „Schwei­gen soll ich, ich will schwei­gen!“ Die­se Zuflucht soll­te mich vor eige­ner und frem­der Geschwät­zig­keit eben­so bewah­ren. Sie soll­te mich hell­hö­rig machen für alle ande­ren Stim­men und Lau­te als die der Zun­ge und des Mun­des. Sie soll­te mich zu Här­te und Ehr­lich­keit erzie­hen und davor bewah­ren, mich sel­ber zu ent­schul­di­gen. Und ich bin sehr streng gewe­sen mit mir. Ich besin­ne mich auf einen Auf­tritt gele­gent­lich mei­ner zwei­ten Prü­fung im Jah­re 1931. Als Wahl­fach wähl­te ich Mathe­ma­tik, ein Gebiet, auf dem es kei­ne Flau­sen und Aus­flüch­te und Umschwei­fe gibt, in dem eines aus dem ander[e]n folgt. Und ich ver­biß mich gegen mei­ne Nei­gung in die­se Arbeit und beherrsch­te mein Pen­sum ziem­lich gut. Die schrift­li­che Arbeit habe ich sehr gut erle­digt. In der münd­li­chen Prü­fung wur­de ich vor eine Auf­ga­be gestellt, die über den Bereich des von mir Durch­ge­ar­bei­te­ten hin­aus­ging. Ich stand vor mei­ner Tafel, zog die Schlüs­se, die ich konn­te und sag­te dann, ich kann die Auf­ga­be nicht wei­ter lösen, ich habe das Ver­fah­ren (Inte­grie­ren) nicht stu­diert. Mei­ne alten Leh­rer waren ob die­ser run­den Absa­ge betrof­fen, sie woll­ten mir zu einer guten Zen­sur ver­hel­fen – und ich schnitt ihnen mit mei­ner bün­di­gen Erklä­rung jede Mög­lich­keit, mir durch­zu­hel­fen, mich durch­zu­schie­ben, durch­zu­schmug­geln ab. So drück­te nun die­se münd­li­che Prü­fung auch mei­ne Zen­sur um ein Grad her­ab. – Herz­lieb! Ich erzäh­le das, nicht um Dir Ein­druck zu machen, son­dern um Dich gewiß zu machen, daß Dein gutes, ein­fäl­ti­ges Herz in dem mei­nen ein Geschwis­ter hat. Und Du bist es gewiß und fühlst es: daß ich Dich nicht beob­ach­te, daß ich Dir nicht auf­laue­re, daß ich Dir offen und herz­lich begeg­ne, aus jeder Reser­ve und Zurück­hal­tung her­aus­tre­tend – daß ich mit Dir wei­ne und jub[e]le, daß ich mich ganz an Dich ver­lie­ren und Dir gefan­gen geben kann – daß ich so glück­lich bin mit Dir! Oh Her­ze­lein! Du wür­dest es füh­len, wenn es anders wäre! Ich habe mir ein ein­fäl­ti­ges, gläu­bi­ges Her­ze bewahrt.

Ach Du, Die Ver­su­chung war groß manch­mal. Und am unheim­lichs­ten trat sie an mich her­an mit dem ver­trau­li­chen (!) Ange­bot eines Buches: „Die Kunst des Lie­bens“ [wohl: Die voll­kom­me­ne Ehe, Deutsch­land, 1932], von einem Arzt [Theo­door Hen­drik] van der Vel­de. Viel­leicht hast Du davon auch gehört, Herz­lieb! Ein ganz siche­res Gefühl sag­te mir, daß dahin­ter das Böse laue­re, Fal­sches, Unlau­te­res. Schon die Art des Ange­bo­tes, vie­le Abbil­dun­gen ver­hei­ßend, die Auf­zäh­lung der Sche­men. Ich weiß, daß die­ses Buch viel gekauft wor­den ist. Ich habe Kame­ra­den sich dar­über unter­hal­ten hören, ver­ständ­nis­in­nig schmun­zelnd zumeist. Geschämt, tief geschämt hät­te ich mich vor mir sel­ber, wenn ich auch nur die Kar­te hät­te in den Kas­ten ste­cken sol­len, wie­viel mehr, wenn es unter mei­nen Büchern gestan­den wäre.  Die­ses Scham­ge­fühl ist doch ein Hüter, ein guter. Denn die­ses Buch wirkt zer­set­zend. Es seziert. Es nimmt bru­tal unter das grel­le Licht und töd­li­che Mes­ser sezie­ren­den Ver­stan­des und schaut medi­zi­nisch, was wir unter Lie­be nur begrei­fen und ver­ste­hen kön­nen. Her­ze­lein! So fremd, ja feind­lich sogar, sich die­se Wör­ter gegen­über­ste­hen: Lie­be – Ver­stand, Medi­zin, mecha­nisch, so falsch und zer­set­zend ist die­se Betrach­tungs­wei­se. Der Arzt mag man­ches so nur schau­en kön­nen – der Ärms­te – aber die­se Gedan­ken in einem Buche für jeder­mann in die Brei­te getre­ten, ist eine Sün­de. Sie sind ein Gift. Sie neh­men den Men­schen jede Unbe­fan­gen­heit, die Unmit­tel­bar­keit und Tie­fe des Gefühls; sie sezie­ren, was ein unteil­ba­res Ganze[s] ist; sie zie­len ab auf ein fades Gewis­sen; sie zer­ren ins Licht scham­los das, dem unser gesun­des Gefühl einen Platz in der tiefs­ten Heim­lich­keit zuweist; sie spre­chen aus, wor­in Lie­ben­de sich schwei­gend ver­ste­hen, und ent­wei­hen, ja ver­un­rei­nen [sic] es damit. Und die­se Betrach­tungs­wei­se fin­den wir heu­te weit, weit ver­brei­tet. Sie bedeu­tet Zer­set­zung allen wah­ren, gan­zen Glü­ckes.

Oh, wenn doch die Men­schen lie­ber gelernt hät­ten, die Lie­be vom Glau­ben her zu begrei­fen! Wenn sie sich das Gefühl für die Grö­ße und des Ein­ma­li­gen, des Schick­sal­haf­ten bewahrt hät­ten! Daß sie in sich noch einen Rest hei­li­ger Scheu trü­gen! Wenn sie lie­ber dem Dich­ter und Sän­ger gefolgt wären als dem Arzt, wenn sie lie­ber der Stim­me des eige­nen Seh­nens gelauscht hät­ten!

Oh Her­ze­lein! Du fühlst mit mir! Alle Hoh­heit und Lei­den­schaft des Emp­fin­dens will sich ver­dich­ten im Dank zu Gott und im Beschen­ken, im Sich­ver­ste­hen, im Eins­sein von Leib und See­le! Gelieb­te! Uns[e]rer Lie­be bes­ter Drang ist der Wil­le zu gemein­sa­mem Leben und Schaf­fen, zu gan­zem Werk.

Ich bin so glück­lich mit Dir, Her­ze­lein, mein Son­nen­schein! Laß uns Gott bit­ten, er möge uns gnä­dig sein und uns[e]re Her­zen bewah­ren vor aller Bos­heit!

Er schüt­ze Dich! Er schen­ke Dir bald, recht bald vol­le Kraft und Gesund­heit!

Oh Herz­lieb! Möch­test Du füh­len, daß ich Dir nahe bin all[e]zeit! Daß ich Dich lie­be um alles in der Welt!

Daß Du mir alles bedeu­test, Gelieb­te!

Daß Dir mein Herz schlägt in unaus­lösch­li­chem Dank, in Treue und Lie­be!

Herz­lieb! All mein Seh­nen geht zu Dir!

Heim­keh­ren will ich Dir!

Und Du war­test mein, Du! Du!!

Ich kom­me! Freust Du Dich? Oh Du! An Dei­nen Augen hängt mein gan­zes Glück! Ich bin Dein – Du bist mein!

Ewig Dein Roland! Gelieb­te!!!!! !!!!! !!!

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