Trug und Schein: Ein Briefwechsel

11. November 1942

[421111–2‑1]

24.)

Mitt­woch­abend, am 11. Novem­ber 1942.

Gelieb­tes, teu­res Herz! Mein lie­ber, liebs­ter [Roland]!

Vor­bei der Dienst – vor­bei das Abend­brot. Und nun ist auch die Mutsch fer­tig mit dem lan­gen Schrei­be­brief an Dich, damit wird der Feder­hal­ter für mich frei! Ja, so ärm­lich hilft sich nun die bekann­te Schrei­bers­fa­mi­lie [Nordhoff]-[Laube] hin­durch. Wir hat­ten bis vor kur­zem noch 2 Hal­ter. Mut­ter meint, daß es kein Wun­der sei, wenn ich sie abschrei­be nach und nach, bis nichts mehr übrig ist. Dem muß abge­hol­fen wer­den, heu­te kauf ich noch einen Hal­ter dazu! Schät­ze­li! Was mit Vatern ist, hat Dir wohl nun Mutsch erzählt. Wir wol­len abwar­ten. Viel­leicht ist’s doch nichts ernst­li­ches [sic]. –

Ich hat­te heu­te wie­der viel Spaß an mei­nen Kin­dern, sie sind eif­rig beim bas­teln [sic] und es wer­den ganz net­te Din­ge ver­fer­tigt. Am 25.11. steigt den L. ihre 10 Jah­res­fei­er, wir sind gela­den und wir­ken ein wenig mit bei den Vor­füh­run­gen. Nach­mit­tags in der P. fin­det er statt. Ich ver­spre­che mir davon nicht sehr viel. Frau L. ist mit ihrer Gesund­heit so weit her­un­ter, daß sie sich ernst­lich mit dem Gedan­ken trägt, abzu­dan­ken, ehe es zu spät ist. Sie muß etwas mit dem Kehl­kopf haben, nach einer Stun­de reden schon bringt sie fast kei­nen Ton mehr her­aus. Das fällt mir sel­ber beängs­ti­gend auf. So ken­ne ich es an mir nicht. Und bei jeder gerings­ten Erre­gung weint sie. Sie ärgert sich sel­ber – sie kann’s aber nicht ändern. Es ver­sa­gen ihre Ner­ven. Sie lei­det eben sehr unter dem Getrennt­sein von ihrem Man­ne – sie füh­ren eine sehr gute Ehe – und lei­det sehr unter der Ein­sam­keit. Sie grü­belt zu viel – hat zu wenig ablen­ken­de Arbeit. Wenn es bei ihr so gin­ge wie bei mir zuhaus: daß es immer ein Pro­gramm gibt, das mög­lichst genau ein­ge­hal­ten wer­den muß, weil ja zwei lie­be Ange­hö­ri­ge da sind, für deren Wohl man sor­gen muß, – glaubst? dann wäre es für sie sicher bes­ser. Denn sie wür­de dann für Stun­den am Tage ein­mal los­kom­men vom quä­len­den Hin­den­ken zum Liebs­ten und wür­de aber dann nur mit grö­ße­rem Ver­lan­gen zu ihrem Man­ne kom­men wol­len, d im Brie­fe. Wür­de dann viel inni­ger zu ihm hin­drän­gen, weil ja dann die­se Stun­den des Bei­ein­an­der viel köst­li­cher sind, viel viel wertvoller!

Ach, ich erle­be das ja an mir wohl tau­send­mal neu! Du!!

Ich wäre viel­leicht gar­nicht [sic] so glück­lich, wenn mir tag­aus tag­ein alle Stun­den bloß für Dich zur Ver­fü­gung stün­den. Weil dann alles Gewohn­heit wird, ja Qual viel­leicht! Ver­ste­he mich recht, Gelieb­ter! Denn der Brun­nen des Schen­kens und Gebens ist ein­mal erschöpft, wenn er fort­wäh­rend flie­ßen muß ohne Gefäl­le. Man muß wie­der mal ande­re, neue Ein­drü­cke haben, es müs­sen sich Span­nun­gen bil­den, ach — es muß so sein, daß man so recht aus Her­zens­dran­ge zuein­an­der kommt nach Tages­ab­lauf. Und das kann nur sein, wenn wir in irgend eine Pflicht dane­ben ein­ge­spannt sind. Wir müs­sen unser Zuein­an­der­drän­gen rich­tig als Befrei­ung, Erlö­sung emp­fin­den, als das Schöns­te am gan­zen Tag! Ach Du! Begreifst Du das, mein Gelieb­ter?! Ich bin kein Mensch, der in trü­be Betrach­tun­gen ver­sun­ken über sein Schick­sal dahin­le­ben kann. Um mich muß Leben sein, Betä­ti­gung, Reg­sam­keit. Ich muß immer neue Spann­kraft fin­den, will mei­ne Kräf­te mes­sen und will – wenn es uns beschie­den sein soll­te – noch mehr Kraft und Mut auf­neh­men aus mei­ner Lebens­art, künf­ti­ges schwe­re­res Los zu tra­gen, ohne dar­an zu zer­bre­chen. Sieh! Ich möch­te mich Dir ganz so erhal­ten wie Du mich ver­las­sen hast, als Du von mir zie­hen muß­test und so wie zu mich kennst, ganz froh, voll Zuver­sicht, voll Schaf­fens­drang und Hoff­nung auf alles Gute in unse­rem gemein­sa­men Leben, und jung und rege will ich für Dich blei­ben, mein Her­zens­man­ner­li! Denn ich kann mir leicht vor­stel­len, daß die Frem­de viel mehr bedrückt und den Men­schen still macht und in sich gekehrt. Und wenn mein Lieb die­sen Anzei­chen unter­lie­gen soll­te, wenns [sic] noch lang blei­ben muß im fer­nen Land, dann solls [sic] ja zuhaus dann ein Wei­bel vor­fin­den, daß [sic] mit aller Lie­be und mit allem lie­ben Ver­ste­hen das Man­ner­li bei der Hand nimmt und zurück­fin­den läßt ins hei­mat­li­che Leben, ins gemein­sa­me Leben, das Du einst vol­ler Schaf­fens­freu­de im Her­zen zurück­las­sen muß­test, um dem Vater­lan­de zu dienen.

Ach Gelieb­ter! Das sind Sor­gen und Betrach­tun­gen, die wir zwei uns wohl ernst­lich gar­nicht anzu­neh­men brau­chen. Denn, ich glau­be — bei allen Wün­schen, die noch offen­ste­hen – fan­den wie doch das rech­te Ver­hält­nis all dem gegen­über. Die rech­te Ein­stel­lung zu die­ser Zeit, die nun ein­mal Tau­sen­de und Abert­tau­sen­de in ihren Klau­en hat. So bit­ter­ernst alles ist, so froh und stark wis­sen wir uns, Du! Denn alle, aber auch alle Kräf­te und Lebens­geis­ter in uns sind mobil und wir sind beses­sen von dem Wil­len: nicht zu unter­lie­gen, in kei­ner Hin­sicht nicht! Wir müs­sen uns hin­durch­rin­gen! Wir müs­sen Sie­ger sein über alle ver­derb­li­chen Ele­men­te! Müs­sen in unse­rem engen Kreis auch Sie­ger sein, wie der Füh­rer es sein will im gro­ßen Völ­ker­rin­gen. Gelieb­ter! Und die Kraft dazu schenkt uns neben dem Glau­ben das unend­li­che Glück uns­rer Lie­be! Wir ste­hen uns treu und unver­brüch­lich zus Sei­te, kom­me was wol­le. Und in solch fes­ter Erkennt­nis kann ich nicht bang vor­aus­se­hen! Und Du auch nicht! Wir hal­ten ein­an­der sooooo fest.

Ach, wenn sich die Frau L. auch so hin­durch­rin­gen woll­te. Sie ist zu zart, sie hat auch den jugend­li­chen Schwung und die Elas­ti­zi­tät nicht mehr. Ob sie doch viel­leicht irgend­wie krank ist, daß sie ihre Kräf­te nicht voll ein­set­zen kann?

Ach, für vie­le wirkt sich eben die­ser schlim­me Krieg als gro­ße Not aus. Bei jedem in einer ande­ren Bezie­hung. Und man muß nur immer wie­der zutiefst dank­bar sein, wenn man sonst ganz gesund ist und sei­nen Weg klar vor sich sieht. Dann kann einen nichts abzie­hen vom Ziel. Ach Gott im Him­mel, sei uns gnädig!

Her­ze­lein! Ich will die­se Frau nicht fal­len las­sen, auch wenn sie nicht mehr als Mit­ar­bei­te­rin mit mir zusam­men sein soll­te in der nächs­ten Zeit. Ich emp­fin­de Mit­leid mit ihr. Viel­leicht kann ich ihr doch ab und zu mal ein wenig Son­ne brin­gen. Sie darf nicht in Schwer­mut ver­sin­ken. Sie ist sowie­so schon immer weni­ger geworden.

Ach Her­ze­lein! Wir wol­len Gott recht bit­ten, daß er uns star­ke Her­zen gibt, uns Geduld schenkt ein­an­der zu war­ten. Du! Ach ich füh­le mich sooo stark in Dei­ner treu­en Lie­be, einer gan­zen Welt zu trot­zen! Du machst mich so stark mit Dei­ner Lie­be! Und sooo reich! Mein Gelieb­ter! Mein Schatz! Mein Alles!

Und wenn auch wie­der dunk­le Wol­ken am Him­mel auf­ge­zo­gen sind: der Ein­bruch der Ame­ri­ka­ner in West­fran­zö­si­sches Kolo­ni­al­ge­biet (Afri­ka — Marok­ko) so wol­len wir uns nicht beir­ren las­sen im Glau­ben und in der Zuver­sicht an ein gutes Ende. Unser Füh­rer wird alles tun, die Not des Krie­ges im Vater­land von uns abzuwenden.

Ich bin ganz ruhig und zuver­sicht­lich, Geliebter!

Ach, sei Du es mit mir! Mein Herzensmannerli!

Du! Ich bin Dein für’s gan­ze Leben! Ich lie­be Dich! Ich war­te auf Dich! Solang Leben in mir ist!

Du mußt mir heim­keh­ren! Oh Gott im Him­mel! Hilf! Amen.

Behalt mich lieb! Oh — halt mich fest!

Dei­ne [Hil­de].

Plea­se fol­low and like us:
11. Novem­ber 1942

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