Trug und Schein: Ein Briefwechsel

30. Oktober 1942

[421030–2‑1]

14.)

Am 30. Okto­ber 1942 griff der bri­ti­sche Zer­stö­rer HMS Petard das deut­sche U‑Boot U 559 an. Meh­re­re Besat­zungs­mit­glie­der der HMS Petard schwam­men zu dem U‑Boot, stie­gen in den Turm hin­un­ter und began­nen, gehei­me Unter­la­gen nach oben zu rei­chen, obwohl das Was­ser immer höher stieg. Als das Boot schließ­lich sank, gelang es zwei­en der bri­ti­schen See­leu­te nicht mehr, die­ses zu ver­las­sen. Das Auf­fin­den von Funk­un­ter­la­gen erlaub­te es den Bri­ten, bis zum Ende des Krie­ges den Funk­ver­kehr der deut­schen U‑Boote mit­zu­le­sen. Am Bild die HMS Petard. Bild von Roy­al Navy offi­cial pho­to­gra­pher, 1943. Her­un­ter­ge­la­den von Wiki­me­dia Com­mons, 07/2020.

Frei­tag, am 30. Okto­ber 1942. Am Abend.

Mein [Roland]! Herz­al­ler­liebs­ter Du! Mein Her­zens­man­ner­li!

Fei­er­abend habe ich nun. Die Uhr zeigt 20 Minu­ten nach 800 [Uhr]. Bin doch eben aus dem Wänn­lein gestie­gen, Du! nach­dem [sic] wir schon den zwei­ten Nach­mit­tag andau­ernd mit Was­ser und Sei­fe zu tun hat­ten! – ja [sic], es ist geschafft, das Wasch­fest! Wir sind auch tüch­tig froh. Das heißt, getrock­net soll die Wäsche mor­gen noch wer­den, aber das bis­sel Auf­hän­gen ist ja Spie­le­rei, gegen das, was hin­ter uns liegt. Ach, ist ja nun alles vor­über! Und 2 mal tief und fest geschla­fen und auch der Mus­kel­ka­ter regt sich nim­mer. Weißt? Weil wir immer nur von Mit­tag an arbei­te­ten, fiel es uns gar­nicht so sau­er, und wir haben die­se gro­ße Wäsche spie­lend geschafft.

Du, Her­ze­lein! Das Wet­ter war ganz herr­lich, ein Herbst­wet­ter herrscht hier, wie man er sich schö­ner nicht wün­schen kann. Wir hof­fen doch, daß es uns mor­gen beim Trock­nen kei­nen Streich spielt! Wir bau­en bei­de auf unse­re treu­en Män­nern! Ach ja, nun sind doch bald die letz­ten Spu­ren Dei­nes Hier­seins ver­wischt, äußer­lich. Die Hemd­lein von Dir, ich hab sie mit so viel Lie­be gerum­pelt! Waren ja gar­nicht schmut­zig, nicht mal Gold drin – aber ich sie gerum­pelt, daß sie fein blü­ten­weiß sind, wenn Du zum nächs­ten Urlaub hin­ein­schlüp­fen wirst. Sie tre­ten nun alle wie­der den Win­ter­schlaf an, die Din­ge, die mein liebs Büb­le mit ein­hül­len hal­fen! Ach Du! Viel lie­ber hätt’ ich ja das Büb­le selbst abge­rum­pelt, als nur sei­ne Hül­len, glaubst mir’s? Es ist schön, ein Wasch­fest zu Zwei­en. Man kommt vor­wärts.

Und wir haben so nett geplauscht dabei, von Dir haupt­säch­lich, ja, weil ich mich doch so mit freu­en muß, daß Du es so gut wie­der getrof­fen hast, mein Schät­ze­lein! Und die Mutsch freut sich doch auch so mit und sie ist mir doch eine so gute und lie­be Zuhö­re­rin, eine so ver­ste­hen­de auch mein ich, wenn ich ihr von mei­nem Glück sage. Ach, außer Dir und Mutsch rede ich doch so gar­nicht von mei­nem gro­ßen Her­zens­glück. Und zu Dir allein kann ich es doch nur in ganz besond­rem Maße.

Ach Du!! Du!!! Du weißt es ja, Gelieb­ter!! [Roland], Du!! Du! Ich bin doch so von gan­zen Her­zen, so von inners­tem Her­zen her­aus glück­lich und froh mit Dir, mein Her­ze­lein! Ach, ich weiß, Du bist es auch! Du bist es auch, Du!! Und wir kön­nen nicht anders, als dem Herr­gott zutiefst dank­bar sein für sei­ne Güte, die er uns täg­lich neu schenkt! Gelieb­ter! Daß ich dich in B. weiß für kom­men­de Zeit, zumal den Win­ter über, ach Du weißt nicht, Wie froh mich das macht! Es ist mir wie eine Last von der See­le genom­men nun, da alles ent­schie­den ist. Nun hast Du auch einen net­ten Stu­ben­ka­me­ra­den, soviel Du fest­stel­len konn­test schon. Ach glaubst? Wenn zwei Män­ner so ganz auf sich gestellt sind in einem Raum, und sind bei­des ver­nünf­ti­ge Ker­le, dann muß es ja auch gehen. Es läge mir nur am Her­zen, daß die­se Gemein­schaft sich auch nicht nur auf äuße­re Din­ge hin ver­träg­lich gestal­tet, son­dern, daß Ihr Euch inner­lich ein wenig nahe kommt. Es ist so tröst­lich in der Frem­de einen Kame­ra­den zu wis­sen, der zum Tros­te nahe ist, unmit­tel­bar.

Aber so wie Dein Wesen ist, Her­ze­lein, brau­che ich nicht zu zu ban­gen. Du dringst nicht in einen Men­schen ein, Du bist zurück­hal­tend. Du bist nur eben da mit Dei­nem Wesen, das einem dar­um so beson­ders lieb wird und unent­behr­lich. Man muß Zutrau­en fas­sen zu Dir und Ver­trau­en haben.

ach, [sic] ich kann es gar­nicht aus­drü­cken, wie es ist, wenn man Dei­ne Nähe fühlt und Dein Wesen. Du mußt nicht den­ken, daß ich es nur von mir aus, als Frau so emp­fin­de. Nein. Das muß jeder emp­fin­den, der mit Dir zusam­men ist. Ach Du! Ich habe es ja einst so deut­lich erlebt, als ich Dir begeg­ne­te! Und die­ses Gefühl des Ver­trau­ens und Zutrau­ens ver­tieft sich mehr und mehr, je län­ger man um Dich ist.

Herz­lieb, ich könn­te auch nicht eifer­süch­tig sein auf einen Mann, der Dei­ne Freund­schaft will, nein – das macht mich mir Dich nur umso lie­ber, wenn ich sehe, auch and­re schät­zen Dich so, wie ich Dich schät­ze und vie­le gute Men­schen noch, die Dir zuge­tan sind.

Du! Es wird alles gut wer­den, wie immer schon. Lie­bes! In Dei­nem lie­ben Frei­tag­bo­ten teilst Du mir mit, wohin ich mich zu wen­den habe, soll­te ich eine Fern­ver­bin­dung benö­ti­gen. Wills [sic] Gott, nur zu einem guten Zweck!

Mari­ne­ver­bin­dungs­stab Rumä­ni­en, Buka­rest.” Ich will mir dies gut auf­he­ben. Und ich dan­ke Dir auch schön, Liebs­ter.

Und eine Fra­ge kehrt immer wie­der: ob wir nun uns­re Koh­len hät­ten? Ei gewiß Schät­ze­li! Ich ver­gaß ganz, Dir davon zu berich­ten. Heu­te vor 8 Tagen, ich war viel­leicht 5 Minu­ten aus der Bade­wan­ne raus, da klin­gelts´ und eine gro­ße Fuh­re Koh­len hal­ten vor der Haus­tür! Was blieb mir and­res übrig, als gute Mie­ne zu machen? Es wur­de ja höchs­te Zeit. So zog ich mich gut warm an und scheu­er­te gleich alles mit dem Bade­was­ser sau­ber. Wir bekom­men noch­mal Feue­rung, die Gesamt­men­ge brin­gen wir nicht unter auf ein­mal. Ach, so gibts [sic] immer mal zwi­schen hin­ein ins Pro­gramm ‘ne [sic] Extra­wurst und man darf nicht unge­dul­dig wer­den.

Du! Ges­tern kam Dein lie­ber Sonn­abend­bo­te an, den Du am Sonn­tag auf die Rei­se schick­test. Er brach­te mir doch die fro­he Kun­de, daß Du nun end­lich Nach­richt von mir hast! Ich glaub Dir doch Dei­ne gro­ße Freu­de aufs Wort, Schät­ze­li! Wer das geahnt hät­te bei Dei­ner Abrei­se von hier, daß Du 14. [sic] Tage spä­ter erst wie­der den ers­ten Brief von mir bekommst! Und doch, wir dür­fen gar­nicht mur­ren! Schatz, den­ke nur, uns­rer Bäckers­frau Gat­te, er ist ja schon weg, als wir nach K. fuh­ren, besinnst Dich?, der hat heu­te sei­ner Frau den ers­ten Brief geschickt, auch noch per Luft­post! Aus der Num­me­rie­rung hat sie erse­hen, daß schon wel­che vor­aus­ge­gan­gen sind, bis heu­te ist jener aber der ers­te, der sie erreicht. Du! Man­ner­li! Da kön­nen wir mal sehen, wie ver­wöhnt wir sind, wir zwei. [*] Ach Du! Wo fin­den wir aber auch gleich wie­der Zwei, die sich so lieb haben müs­sen wie Du und ich?! Ach Du!! Das täg­li­che Ein­an­der­ge­den­ken, das ist ja der ein­zi­ge Lie­bes­dienst, den wir ein­an­der jetzt über die Fer­ne erwei­sen kön­nen. Und den las­sen wir uns von nie­man­den strei­tig machen! Von nie­man­den! Du! Und solang die Post, noch fährt.….! Ach Du! Du!!! Weißt, wenn ich Zeit hät­te, ich schrieb Dir doch an man­chen Tagen gleich 2 Brie­fe. Ja! So viel hab ich Dir manch­mal zu sagen und so när­risch gut bin ich Dir! Sooo lieb hab ich Dich!! Ach, bist ja mein herz­al­ler­al­ler­liebs­tes, ‑bes­tes Schät­ze­lein! Und ich gehö­re zu Dir, wie Dein Her­zel im Leib! Ja Du!

Am liebs­ten möcht ich doch in Dich hin­ein­krie­chen vor lau­ter Lie­be! Aber weil das nicht geht; Schät­ze­li, krie­che ich jetzt in mein Bett­lein! Ich bin so müd [sic]. Läßt´ mich schon von Dir gehen heut [sic] Abend? Ach bit­te ja, Du! Mor­gen kom­me ich doch gleich wie­der und will Dich ja auch ganz lieb­ha­ben! Gelieb­ter! Behüt Dich Gott! Ewig bin ich Dein.

Dei­ne glück­li­che [Hil­de].

[* statt einem Punkt ein klei­ner Kreis]

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30. Okto­ber 1942

Ein Gedanke zu „30. Oktober 1942

  1. Zusam­men­fas­sung: Freu­de dar­über, dass Roland den Win­ter über in Buka­rest sta­tio­niert ist; wünscht sich einen ver­trau­ten Kame­ra­den in der dor­ti­gen Frem­de für ihn; cha­rak­te­ri­siert ihn als zurück­hal­tend; er teilt ihr mit, dass sie sich an den „Mari­ne­ver­bin­dungs­stab Rumä­ni­en, Buka­rest“ wen­den soll, falls sie jemals eine Fern­ver­bin­dung benö­ti­gen soll­te; die ers­te Koh­le­lie­fe­rung für den Win­ter ist bei Hil­de ange­kom­men; gegen­sei­ti­ges Brie­fe­schrei­ben als „Lie­bes­dienst“.

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