Trug und Schein: Ein Briefwechsel

30. Oktober 1942

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Am 30. Okto­ber 1942 ende­te nach 170 Tagen mili­tä­ri­schem Wider­stand die Bela­ge­rung der Stein­brü­che von Adschi­musch­kai durch die Wehr­macht (bei Kertsch auf der Krim). Von den die Kata­kom­ben ver­tei­di­gen­den 13.000 Rot­ar­mis­ten über­leb­ten nur 48. Das Bild zeigt den Sol­da­ten­fried­hof in der Adschi-Musch­kai-Gedenk­stät­te. Bild von Dmito­Sklya­ren­ko, 09/2012, unter CC BY-SA 3.0, her­un­ter­ge­la­den von Wiki­me­dia Com­mons, 07/2020.

Frei­tag, den 30. Okto­ber 1942

Her­ze­lein! Gelieb­te! Mei­ne lie­be, liebs­te [Hil­de]!

So viel­lieb kommst Du heu­te zu mir, gelieb­tes Herz! Vom Mon­tag ist’s der Bote, der zwei­te schon mit der neu­en Num­mer (von S. wur­de noch immer kei­ner nach­ge­schickt! Ich wer­de gele­gent­lich mal anru­fen). So froh ist mein Schät­ze­lein – ohne das Man­ner­li – ach nein, gera­de mit dem Man­ner­li im Her­zen – und will mich mit froh wis­sen. Oh Du, gelieb­tes Herz! Ich bin es doch schon – Du kannst mich doch sooo froh machen. Ich ging vor­hin allein heim aus dem Dienst und ertapp­te mich dabei, daß ich so hur­tig ging und sag­te zu mir: war­um denn so eilig? – und dann merk­te ich erst, daß das Froh­sein und die Unge­duld, bald wie­der bei Dir zu sein, mei­nen Schritt so beflügelten.

Ach Herz­lein! Gelieb­te Du! Ich möcht doch am liebs­ten gar nichts erzäh­len, möcht Dir mei­ne Lie­be zei­gen, mein Glück, das Du nährst mit Dei­ner Lie­be! [Hil­de]! Mei­ne lie­be, liebs­te [Hil­de], Du!!!!! !!!!! !!! Der schö­ne Herbst­tag, der Spa­zier­gang, das schö­ne Plätz­chen haben Dich so still und froh gestimmt. Oh Gelieb­te – ich ken­ne die­ses Erleb­nis der schö­nen Got­tes­welt, ich ken­ne ihren Trost und die dank­ba­re demü­ti­ge Ergrif­fen­heit, die sie in uns auslöst.

Ich ken­ne auch das Plätz­chen, die­sen Hügel. An einem Tage zog es auch mich da hin­auf. Und das Schrei­ten unter dem Him­mels­ge­wöl­be, das könig­liche freie und doch demü­ti­ge Schrei­ten des Land­man­nes, ich erleb­te es so recht in A.-dorf. Es ist ein ganz beson­de­res Erleb­nis, so ab von der gezo­ge­nen, begrenz­ten Bahn, ab von der Allee, dem gebahn­ten Weg unter dem blan­ken Him­mel zu schrei­ten. Dann fühlt man Him­mel und Erde, und das Ein­ge­spannt­sein zwi­schen bei­den – ja, zwi­schen Him­mel und Erde steht der Mensch. Oh – so groß und mäch­tig ist dann der gro­ße Him­mels­dom, wo kei­ne Häu­ser­schäch­te, kei­ne Mas­ten und Schlo­te ihn ver­bau­en und ver­klei­nern – und ein hoch­mü­ti­ger Mensch müß­te die­se Hoheit und Grö­ße wohl bedrü­ckend füh­len. Der gläu­bi­ge Mensc[h] aber erkennt es froh, wun­der­froh: viel grö­ßer und mäch­ti­ger ist der Him­mel als die Erde – wie die Him­mels­mäch­te sieg­haft über denen der Erde ste­hen – wie Got­tes Lie­be und Güte hoch über aller Men­schen­schuld und allem Erden­haß steht.

Oh Gelieb­te! Geliebte!!

Welch hohe, heh­re Spra­che spricht die Got­tes­welt, welch bered­te Pre­digt, für den, der sie hören lern­te – ach Gelieb­te, welch liebs­te Gesell­schaft war sie mir Ein­sa­mem [sic] und nichts Schö­ne­res, nichts Lie­be­res, als mit Dir die­se liebs­te Gesell­schaft zu suchen, die­se Pre­digt zu hören, die­se Hoheit und Schön­heit aufzunehmen!

Oh Herz­lieb! Ich folg­te Dei­nem guten Rat schon, und folg­te ihm noch bes­ser, wenn mehr Zeit blie­be. Ab 1. Novem­ber lie­gen uns­re Dienst­stun­den von 8 — 12,30 Uhr und von 14,30 — 18 Uhr. Dann ist es fins­ter, wenn ich heim­ge­he. Gera­de heu­te wur­de es auch etwas spä­ter. Ist das unan­ge­nehm, so im Fins­tern heim­zu­stol­pern durch das Gewir­re des Ver­kehrs! Dabei muß man sich hier in acht neh­men, weil die Beleuch­tung der Fahr­zeu­ge nicht so gut ver­folgt und beach­tet wird wie daheim. Ich werd mir müs­sen einen Mit­tag­s­pa­zier­gang angewöhnen.

Erzählst mir nun so lieb von Eurem Kir­mesdrasch. Ich kann mir gar nicht recht vor­stel­len, auf wel­chen Wegen ein Gast­wirt, in die­sem Fal­le nun die Groß­mutter, zu sol­chem Schmau­sen alles her­zu­schaf­fen [sic] kann. Das muß doch eine Mühe und Lau­fe­rei machen – und das Ver­rech­nen Schwie­rig­kei­ten – Mühen, die zu dem Ver­dienst viel­leicht gar in kei­nem Ver­hält­nis ste­hen. Ein guter Gast­wirt muß sei­nen Kram schon auch ver­ste­hen. Ja, wenn ich nun um die Kir­mes dage­we­sen wäre, hät­te ich wohl oder übel auch mit­müs­sen – wär wohl kaum noch Platz gewe­sen in der Küche. Die Groß­mutter wird sich die tüch­ti­gen Hel­fer mer­ken. Fin­det mit der Fer­ma­te – die Fer­ma­te ver­län­gert um das Dop­pel­te – ich werd aus ihr nicht klug und wür­de bei ihr auch nicht warm.

Ach, wie­viel Sor­ten Wei­berl gibt es auch – jeder ist anders, anders när­risch — so wie die Man­ner­li – und ich mag nur das Eine Wei­berl, das Eine, das Ein­zi­ge – oh Du! Du!!! Aus Tau­sen­den, aus Mil­lio­nen find ich es her­aus in sei­ner Eigen­heit, in sei­ner Eigen­heit, die ich sooo lieb gewann! – in sei­ner Lie­be, in der köst­lichs­ten, reichs­ten – oh Her­ze­lein! Du! Du!!! Du!!!!! !!!!! !!! Ich hab Dich so ganz in mein Herz geschlos­sen – sooo ganz – Her­ze­lein, so kannst Du kei­nes ande­ren Men­schen Eigen wer­den wie mir, so kei­nes ande­ren gan­zes Lebensglück!

Oh Du! Du!!! Ich lie­be Dich so sehr!!!

Beweist mir, daß ich mein Wei­berl immer nur faul sah – hast auch noch kein flei­ßi­ges Man­ner­li gese­hen, gelt?

Ach Du! So oft wir umeinan[der] waren, war doch Fest­tag, Fest­tag in sei­ner Gedrängt­heit, sei­ner Ver­gäng­lich­keit auch – All­tag erleb­ten wir doch noch gar nicht mit­ein­an­der. Oh Du! Ich freu mich, ich freu mich auf ihn. Und kei­ner wird ohne ein fest­li­ches Licht sein, ohne den Glanz vom Fest­tag her oder auf ihn hin – oh Her­ze­lein, kei­ner ohne Lie­be – und wir wer­den nicht an den Abschied den­ken müs­sen – wir wer­den sooo lan­ge mit­ein­an­der aus­hal­ten müs­sen – immer nur mein Her­zens­schatz um mich her (wie doch jetzt schon) – oh Du! ich fürch­te mich nicht – ich freu mich, freu mich nur! Gebe Gott, daß die­se glück­li­che Zeit uns in Erfül­lung gehe!

Ges­tern habe ich Herrn Ober­leh­rer K. geschrie­ben – end­lich wie­der ein­mal – ich fühl­te mich rich­tig von einer Schuld befreit – sie wer­den sich freu­en. Ich leg­te auch ein Bild von uns bei­den bei.

Nun kom­men die Zeu­gen uns­rer Glücks­ta­ge zu mir – ach Gelieb­te – Du! Du!!! Es war zu schön – zu tief das Erleb­nis – auch ach, mein Wol­len und Drän­gen zu Dir, mein Heim ver­lan­gen zu mäch­tig – oh Du! Du!!! Oh, daß man die­se Tage, die­se Stun­den in Wirk­lich­keit so fest­hal­ten könn­te wie im Bil­de! Oh Gelieb­te! Wie wird alle Sehn­sucht wie­der laut, bei Dir, um Dich zu sein, in Dei­ner Lie­be zu gehen – mit Dir zu leben, zu leben! Es war zu schön – und der Abschied war mir so schwer – oh Du! Du!!! Gelieb­te!!!!! !!!!! !!!

Ich freue mich doch über die Bil­der; reiz­voll doch die Innen­auf­nah­men – die Licht­flut in der K.-er Stu­be — die Lie­be Ecke aus dem gelieb­te O.-er Stü­bel – ach Her­ze­lein! Gelieb­te mein!

Wo mögen nur die ande­ren bei­den Fil­me geblie­ben sein? Viel­leicht lie­gen sie noch in K.. Sie wer­den sich schon fin­den. Auf dem einen müs­sen noch Bil­der aus S. [sic] sein.

Her­ze­lein! Genug nun für heu­te. Mei­ne Hand wird müde. Mei­ne Lie­be zu Dir wird es nim­mer – Du weißt es – oh Du! Du!!! Ich bin bei Dir – und Du bist bei mir – wohnst in mei­nem Her­zen – oh Her­ze­lein, mein liebs­ter, köst­lichs­ter Schatz – immer gegen­wär­tig, Glück und Kraft und Freu­de spen­dend – oh Du! Mei­ne Her­zens­son­ne – mein Ein und Alles! Behüt Dich Gott! Bleib mir froh und gesund! Ach, sei mei­ner Lie­be ganz inne! Ich bin ganz Dein! Dein!!!

Dein glück­li­ches Mannerli,

Dein [Roland].

Viel lie­be Grü­ße den Eltern!

Plea­se fol­low and like us:
30. Okto­ber 1942

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