Trug und Schein: Ein Briefwechsel

23. Oktober 1942

[421023–1‑1]

Am 23. Okto­ber begann die zwei­ten Schlacht von El Ala­mein in Ägyp­ten, die bis 4. Novem­ber 1942 andau­ern soll­te. Mit dem Sieg des neu­en bri­ti­schen Befehls­ha­ber in Afri­ka, FM Ber­nard Mont­go­me­ry, begann der lan­ge Rück­zug der Ach­sen­mäch­te unter dem Befehl von Gene­ral­feld­mar­schall Erwin Rom­mel nach Wes­ten. Auf dem Bild Gene­ral­feld­mar­schall Bern­hard Mont­go­me­ry (um 1943), her­un­ter­ge­la­den von Wiki­me­dia Com­mons, 07/2020.

Frei­tag, den 23. Okt. 1942

Lie­bes, teu­res Herz! Mei­ne lie­be, liebs­te [Hil­de]!

Regen­tag ist heu­te nach viel schö­nen Herbst­ta­gen mit kal­ten Näch­ten. Schön ist es am Regen­tag in der Stadt. Aber wenn man dar­an denkt, wie er die Öde so man­cher Stel­lung uns­rer Front­sol­da­ten in Trost­lo­sig­keit ver­wan­delt! Wir müs­sen wohl auch Voll­mond haben. Habe doch kaum Gele­gen­heit nach dem Him­mel zu schau­en, so wie bei Dir daheim, wo man ihm so nahe ist (ja ja, in dop­pel­tem Sin­ne), wo er zu jedem Käm­mer­le her­ein­schaut – ein rich­ti­ger Aus­guck ist das lie­be Elternhaus.

Noch weni­ge Tage, dann bin ich auch in mei­ner Arbeit wie­der frei­er. Es ist unan­ge­nehm, sich in solch neue Auf­ga­ben hin­ein­zu­bei­ßen. Nicht, daß es schwe­re Pro­ble­me gäl­te, man muß nur ein paar Knif­fe und Schli­che ken­nen. Man will auch nicht immer fra­gen. Mor­gen sind es schon vier Wochen, daß wir unse­ren Urlaub antra­ten. Hier in B. war man bis­her ziem­lich knau­se­rig mit dem Urlaub. Aber das soll uns jetzt nicht schon här­men, gelt? Wir ste­hen weit hin­ten an der Schlan­ge, aber schon nicht mehr ganz hin­ten – gelt? Du!!!

Soll ich schnell mal in Eure abend­li­che Run­de gucken? Das Radio geht, und spielt Euch das­sel­be auf wie mir hier. Die Küche ist wohl gar in ein Bade­st­übl ver­wan­delt? Und gar kein Vor­hang da, weil nur Weibl daheim sind? Dann ist es kein rich­tigs [sic] Bad­stübl – ohne eine [sic] neu­gie­ri­ges Man­ner­li, auch wenn es hin­ter dem Vor­hang sit­zen muß! – wie das Dei­ne nicht Du!!!!! 

Ob Ihr es denn auch schön warm habt? Ob die Koh­len gekom­men sind! Und mor­gen geht es nach B., so war geplant. Was habt Ihr nicht alles vor! Fein eines nach dem andern! Gelt?

Ach Her­ze­lein! An all dem kann ich nun wie­der nur von fer­ne teil­neh­men – und Du weißt, wie ger­ne ich all das mit Dir teil­te. Und es kann doch nicht sein! Noch gehö­ren wir ein­an­der erst mit den Her­zen – aber da gehö­ren wir ein­an­der auch ganz, ganz, Du! unzer­trenn­lich [sic], unlös­lich! Und das ist doch das wich­tigs­te das stärks­te, das zar­tes­te und mäch­tigs­te Band zugleich, das wir nur sel­ber lösen könn­ten oder Gott – das wir nim­mer lösen wer­den, Du!! Du!!!!!!!!!!!!! – oh, und die­se Gewiß­heit soll­te uns immer aus allem Trüb­sinn rei­ßen: auch vor Gott, dem Herrn, sind wir ein Paar! ja [sic], auch vor ihm. Was will es dann bedeu­ten, daß uns­re Gemein­schaft vor den Men­schen noch nicht so sicht­bar ist? Ach, und sie ist doch auch längst nicht mehr unsicht­bar die Bekann­ten, die Ver­wand­ten, die Men­schen, mit denen Du täg­lich umgehst, sie wis­sen, daß wir ein­an­der gehö­ren, sie sehen, wie wir schon äußer­lich die Treue hal­ten, sie kön­nen an unse­rem Bun­de nicht zwei­feln und rütteln.

Und so gut es eben geht über die Fer­ne, läßt Du mich, Herz­lie­bes, ja teil­neh­men an allem, so wie ich es auch tue – ach Du! Du!!! Ich war­te so sehn­lich auf Dei­nen lie­ben Boten. Wenn die in Snicht so säu­mig wären, könn­te ich schon einen in Hän­den haben. Soll nur noch einer geöff­net kom­men, aber da raucht’s gehörig!

Her­ze­lein! Ich weiß heu­te nichts mehr. Ach Du! Still ist mein Her­ze dar­um nicht – aber was es noch wünsch­te, es ist nicht erfüll­bar – bei Dir ist all das – Du! Du!!! Du!!!!!!!!! Mein Alles, mein Seh­nen – mei­ne [Hil­de]! Gelieb­te!

Behüt Dich Gott! Ich blei­be so ganz Dein!

Ich habe Dich sooo, soooooo ooooooo lieb!

Dein Her­zens­man­ner­li

Dein [Roland]

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23. Okto­ber 1942

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