Trug und Schein: Ein Briefwechsel

18. Oktober 1942

[421018–1‑2]

Sonn­tag­mor­gen,

den 18.10.1942

Gelieb­tes, teu­res Herz!

Am 18. Okto­ber 1942 erging mit dem Kom­man­do­be­fehl die Wei­sung Adolf Hit­lers, Ange­hö­ri­ge alli­ier­ter Kom­man­do­trupps (engl. Com­man­dos) unver­züg­lich zu töten oder dem Sicher­heits­dienst des Reichs­füh­rers SS (SD) zu über­ge­ben. Das Bild zeigt Gene­ral Anton Dost­ler, der sich als ers­ter deut­scher Offi­zier vor einem Gericht in Caser­ta wegen sei­ner indi­vi­du­el­len Rol­le bei der Erschie­ßung von Kom­man­do­an­ge­hö­ri­gen ver­ant­wor­ten muss­te. Er wur­de am 12. Okto­ber 1945 zum Tode ver­ur­teilt. Bild von Sgt. Charles James, 12/1945, her­un­ter­ge­la­den von Wiki­me­dia Com­mons, 07/2020.

Die­sen Brief über­ge­be ich in B., der rumä­ni­schen Haupt­stadt einem Fahr­gast mei­nes Abteils, der nach Deutsch­land fährt, mal sehen, ob er alles gut bestellt, ich den­ke schon.

Ja, Her­ze­lein, hät­te ich doch bei­na­he ver­ges­sen, daß die­ser Brief nun den vor­an­ge­gan­ge­nen weit über­holt, in dem ich Dir von mei­ner Kom­man­die­rung erzähl­te. Am Sonn­abend­nacht kamen wir mit Ver­spä­tung in S. [sic] an. Wir näch­tig­ten in der Stadt. Am Abend ging es schon wie­der wei­ter. Kannst Dir aus­ma­len, daß der Tag mit Lau­fe­rei und Geschäf­ten bis zur letz­ten Stun­de ange­füllt war. Und nun die neu­en Lose: Kame­rad H. muß nach Var­na. Heu­te nacht haben wir uns ver­ab­schie­det. Wir hat­ten ein Stück glei­chen Weges. Und das Man­ner­li – nach Buka­rest. Ob ich mich freue? – Ja schon. Aber viel­leicht hat es noch einen Haken. Ich will erst hören. Wir müs­sen uns fein gedul­den. Ach Gelieb­te! Wir ver­trau­en unse­rem Herr­gott – und ich hal­te Dich fest, ganz fest! Hal­te mich an Dei­ne Lie­be, und weiß, daß Du Dich an mich hältst – ein unzer­trenn­lich Paar in hei­ßer Lie­be, die Gott im Him­mel seg­nen wird.

Mei­ne neue Num­mer ist [Num­mer]. Es kommt wohl noch ein Buch­sta­be zu – den schrei­be ich Dir noch genau­er. Unter­des­sen geht es auch so.

Eben setzt sich die Donau­fäh­re in Bewe­gung. Die bei­den durch­lau­fen­den Wagen sind auf die Fäh­re gescho­ben wor­den. Gera­de in den letz­ten Tagen wur­de geschrie­ben, daß man hier eine Brü­cke bau­en will. Gleich legen wir am rumä­ni­schen Ufer an. Ist also Dein Man­ner­li ein rich­ti­ger Eisen­bahn­ma­tro­se. Was es nicht alles gibt, gelt? –

Ach Schät­ze­lein! Ich war eigent­lich froh, daß wir gleich wei­ter­fah­ren soll­ten. Ich seh­ne mich nach einer Blei­be, in der ich nun wie­der mit Dir recht allein sein kann. Kannst Dir den­ken, daß in mir nun noch alles in Span­nung ist, auch wegen die­ser Blei­be? Wo wer­de ich nun heu­te abend mich zur Ruhe legen kön­nen? Hast ein [e]chtes Zigeu­ner­man­ner­li – aber ohne mein Zutun.

Ach Gelieb­te! In die man­nig­fa­chen Stim­mun­gen und Gemüts­be­we­gun­gen leuch­ten die Bil­der uns­res Zusam­men­seins ach Du! Du!! Und wecken Weh­mut und Sehn­sucht und Freu­de zugleich.

Es wird alles gut wer­den. Wenn ich nur ^erst auch wie­der einen rich­ti­gen Arbeits­be­reich habe.

Ach Her­ze­lein! Kannst Dir das Bild malen, wie wir bei­den Urlau­ber von der Stra­ßen­bah­nend­stel­le mit unse­ren Kof­fern wie­der unse­rem Wäld­chen zumar­schier­ten? Und was uns beweg­te?

Oder das ande­re; wie wir unse­re See­sä­cke pack­ten, und dann wie­der auf den Last­wa­gen klet­ter­ten, der uns zum Bahn­hof brin­gen soll­te – ach Du! Du!! In sol­chen Stun­den will einen das Gefühl der Ver­las­sen­heit mit aller Macht über­fal­len – ich war so froh, wie daß Kame­rad H. bei mir war. In sol­chen Stun­den flüch­tet das Auge an den gestirn­ten Him­mel. Mond und Ster­ne spot­ten aller Wei­te und Fer­ne hier auf Erden, sie sind bei mir und Dir zugleich und somit ein klei­nes Abbild von der All­ge­gen­wart Got­tes.

Ach Gelieb­te! Wenn ich den­ke, daß die­ser Bote so bald schon bei Dir sein kann, dann möch­te sich alles zusam­men­drän­gen, Dir zu sagen, wie unend­lich lieb ich Dich habe, wie so fest ich Dich hal­te, wie Du mein Ein und Alles bist – wie ich an die­sem Wis­sen allen Halt fin­de in die­sen Stun­den und Tagen. Oh Du! Du!!! Könn­te ich sel­ber Dir kom­men!!!!! !!!!! !!! Herr­gott im Him­mel, hilf uns! Amen!

Bit­te, erzäh­le den lie­ben Eltern und grü­ße sie. Du aber, gelieb­tes Herz, mei­ne [Hil­de]! laß Dich küs­sen – lass Dich fest, fest an mich drü­cken – ich habe Dich soooooooooooo lieb! Oh Du, mein Alles – Gelieb­te oh Du! Du! Du!!!

Ewig Dein [Roland]

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18. Okto­ber 1942

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