Trug und Schein: Ein Briefwechsel

18. Oktober 1942

[421018–1‑1]

Sonn­tag­abend

am 18. Okto­ber 1942

Gelieb­tes, teu­res Herz! – Mei­ne lie­be [Hil­de]!

End­lich ste­hen die Räder wie­der ein­mal still. Sonn­tag­abend ist [sic] wie­der. Vor acht Tagen – so gehen die Gedan­ken zurück zu den Stun­den, in denen die Lie­be so eng das Band um uns schlang – Gelieb­te! Gehen und zurück und fas­sen es kaum, wie all das ver­schwun­den sein, wie ich nun heu­te hier in der Fer­ne sit­zen kann. Und gehen in Dank zu Gott, der mich gnä­dig und wohl­be­hal­ten hier­her geführt hat.

Die “bekann­te Halb­in­sel im Schwar­zen Meer” Krim. Bild von Kamel15, 08/2008, her­un­ter­ge­la­den von Wiki­me­dia Com­mons, 07/2020

Her­ze­lein! Was soll ich Dir nun zuerst erzählen?

Eines liegt oben­auf: Die Ein­heit, zu der ich kom­man­diert bin, ist im Auf­bruch begrif­fen nach einer bekann­ten Halb­in­sel im Schwar­zen Meer. Ein Teil ist schon unter­wegs. Ein Teil wird, wenigs­tens vor­läu­fig, hier blei­ben. Zu wel­chem Teil wird man mich schla­gen? Her­ze­lein, das bewegt mich. Weiß nicht, ob es sich in Bäl­de ent­schei­det. Ach Du! Du!!! Du!!!!! Die wir so unter der Fer­ne lei­den – soll uns das denn treffen?

Gegen ½ 11 Uhr kam ich hier an. Ich war der ein­zi­ge, der hier­her woll­te. Kannst Dir den­ken, daß ich bei der Ein­fahrt schon die Stadt mus­ter­te. Ein gro­ßer, statt­li­cher Bahn­hof. Ich tat mich nun erst ein­mal um beim Bahn­hofs­of­fi­zier, brach­te mei­nen See­sack in die Gepäck­auf­be­wah­rung. Abho­len woll­te man mich nicht. Mit der Stra­ßen­bahn soll­te ich mei­ne Stel­le errei­chen kön­nen. Mei­ne Stra­ße – Stra­da Ser­vas­to­pol – ist offen­bar ganz neu getauft. Stra­ßen­bahn­schaff­ner und Zivi­lis­ten konn­ten mir nicht rech­te Aus­kunft geben. So fuhr ich erst mal 3 Sta­tio­nen übers Ziel hin­aus. Ich geriet an einen Volks­deut­schen aus Temes­burg [sic], der mir Bescheid sag­te. So kam ich gera­de zu rech­ter Zeit zum Essen. Schreib­stu­be geschlos­sen. Spieß nicht zuge­gen. Kame­ra­den nah­men mich mit in ihre Bude. Hier habe ich mich nun fürs ers­te ein­ge­rich­tet. Hin­ter mir steht mein Bett, weni­ger vor­nehm als in Salo­ni­ki und in S. – ein Stroh­sack nur – aber ich bin nicht ver­wöhnt im Lager, und zum Kopf­kis­sen neh­me ich das Bett­lein von Mutsch.

Ja, nun weiß ich gar nicht, ob es sich lohnt, von dem Stüb­lein aus­führ­li­cher zu bericht[e]n – weiß ja nicht, wie lan­ge ich es bewoh­ne. Der eine der Kame­ra­den sprach auch davon, von umzie­hen in ein [sic] Stock tie­fer, wenn die andern  fort wären. Das ist also unge­wiß. Im gan­zen kann ich jetzt schon sagen, das [sic] hier alles recht wenig gut orga­ni­siert ist, daß die Unter­brin­gung recht umständ­lich und behelfs­mä­ßig ist.

Aber ich will nicht zu sehr vor­ur­tei­len. Habe nach dem Essen nur eben mei­nen See­sack von der Bahn geholt, mich gewa­schen, ein wenig mich lang­ge­streckt. Vor­hin habe ich die wich­tigs­ten Hab­se­lig­kei­ten aus­ge­packt und in den Spind geräumt, habe Abend­brot gehal­ten. Die 3 Stu­ben­ka­me­ra­den sind aus­ge­flo­gen. Einer fährt mor­gen weg, einer im Lau­fe der Woche nach S. zum Lehr­gang. Nun bin ich gespannt auf die Ent­de­ckun­gen des mor­gen­den [sic] Tages: auf mei­nen Dienst, und dar­auf, was man mit mir vorhat.

Ach Gelieb­te! Du! Du stehst immer vor mei­nen Augen, Du stehst immer bei mir – und damit die Sehn­sucht nach Dei­ner Lie­be, nach unse­rem Leben – damit der Wunsch und Wil­le, Dir recht nahe zu sein!

Ach! Gott im Him­mel muß ihn doch ken­nen! Er muß uns doch bei­ste­hen! Es muß doch unser Bes­tes wol­len? Oh Du! Du!!! Ich wer­de so oft und so fest Dein den­ken müs­sen in den nächs­ten Tagen. Ich werd Dir doch getreu­lich berich­ten, jeden Tag, Geliebte!

Und bald muß ja auch der lie­be Bote aus der Hei­mat wie­der zu mir fin­den! Die Feld­post­num­mer ohne jeden Zusatz ist rich­tig – so lan­ge, bis ich ande­res schreibe.

Herz­lieb! Im Geis­te schaue ich nun zu Euch her­ein – schaue zurück an die Orte, die nun in den schö­nen Urlaubs­ta­gen so leben­dig wie­der wur­den – oh Du! Du!! Wie haben mei­ne Augen getrun­ken und die Hei­mat tief in sich auf­ge­nom­men – hast Du es bemerkt? Und man­che Minu­te habe ich zu dem und jenem Fens­ter hin­aus­ge­schaut, ohne daß mei­ne [sic] Schät­ze­lein es merk­te: Oh Du! Mei­ne [Hil­de]! Wie hän­ge ich an die­ser Hei­mat! Wie hal­te ich sie – wie hält sich [sic] mich! Und Mit­tel­punkt die­ser Hei­mat – ist doch mein Her­zens­schaf sel­ber!!! Ach, wo Du mit mir bist, kann wohl auch mei­ne Hei­mat wer­den – wo Du aber fern bist, ist über­all Unrast und Fremde.

Wer­det Ihr nun um die Lam­pe ver­sam­melt sein? Vater geht die neue Woche in den Nacht­dienst – ist er da heu­te abend zu Hau­se? Mut­ter strickt wohl am grün grau­en Pull­over. Und mein Herz­lieb? – strickt es – liest es – schreibt es? Ach, was es auch tut – ich weiß es bei mir! Bei mir mit sei­nem Her­zen, sei­ner Lie­be – immer! immer für die­ses gan­ze Leben! Und so bin ich immer bei Dir! oh Gelieb­te! Dein, ganz Dein für die­ses gan­ze Leben!

Nun will ich mich nie­der­le­gen! Will hof­fen für die nächs­ten Tage! Will beten um uns­re Lie­be! Oh Gott im Him­mel, sieh dar­ein! Er behü­te Dich auf allen Wegen!

Ich habe Dich so lieb!

Sooooooooooooo lieb!

Bald komm ich wie­der zu Dir! Gut [sic] Nacht!

Gelieb­te!!!

Ewig Dein [Roland]

Viel [sic] lie­be Grüße

den lie­ben Eltern!

Plea­se fol­low and like us:
18. Okto­ber 1942

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