Trug und Schein: Ein Briefwechsel

14. Oktober 1942

[421014–2‑1]

1.)

Mitt­woch, am 14. Okto­ber 1942.

Her­ze­lein! Schät­ze­lein, Du! Mein lie­ber, lie­ber [Roland]!

Am 14. Okto­ber 1942 wur­den nach der Abrie­ge­lung des Misot­scher Ghet­tos am Vor­tag 1500 jüdi­sche Kin­der, Frau­en und Män­ner erschos­sen. Sie muss­ten sich auf Anord­nung der Deut­schen auf dem Markt­platz ver­sam­meln und wur­den gezwun­gen, ihre Klei­der abzu­le­gen. Stell­ver­tre­tend dafür ist auf dem Bild die Erschie­ßung von Juden durch Ein­satz­grup­pen nahe Iwan­ho­rod (Oblast Tscher­kas­sy) in der Ukrai­ne (ver­mut­lich eben­falls 1942) zu sehen. Autor unbe­kannt – abge­ru­fen von Wiki­me­dia Com­mons, her­un­ter­ge­la­den 07/2020.

Ach Du! Du! Wo fin­de ich Dich denn jetzt? Sicher schon im frem­den Land; denn die Uhr zeigt die 9. Abend­stun­de. Es ist spät gewor­den, weil Herr N. zu Besuch bei uns weil­te bis vor­hin. Oh Her­ze­lein! Nun kom­me ich doch ganz schnell zu Dir – ach Du! Wie es mich doch drängt hin zu Dir, Gelieb­ter! Ich habe dich den gan­zen Tag doch ver­folgt in mei­nen Gedan­ken, und so wie ich gefühlt habe, daß Du, mein Herz, ganz bei mir bist noch im Innern, so war ich Dir doch sooo nahe! Oh Her­ze­lein! Es ist ja so wun­der­sam, wie ich die Lie­be zu Dir so groß und gewal­tig in mir füh­le, Du!

Ach Gelieb­ter! Es ist mir alles noch wie ein gro­ßes, wun­der­schö­nes Erle­ben, wie ein Mär­chen – daß Du bei mir warst! Daß du wie­der bei mir warst!! Oh Her­ze­lein! Du! Du!!!!!

Ganz ver­wun­dert sehe ich auf mei­ne Zei­chen hier nie­der, die Dir doch nun von all mei­nem Glück wie­der kün­den müs­sen, ganz ver­wun­dert, weil sie neben der Wirk­lich­keit, neben dem Unmit­tel­ba­ren mei­ner gro­ßen Glück­se­lig­keit so dürf­tig wir­ken, ach, so jäm­mer­lich schwach. Du! Glaubst Du mir das? Herz­lein? Du! Ich muß ganz allein mit mir sein, mit Dir im Her­zen, ach – ich bin sooo, sooooo glück­lich, mein [Roland]!

Und ich füh­le unsag­bar froh, wie uns die­ses Zusam­men­sein noch inni­ger zu Einem ver­schmol­zen hat, wie uns­re Her­zen zusam­men­schla­gen in wun­der­sa­men, glück­haf­tem Gleichklang.

Gelieb­ter! Es ist mir noch nicht zum Bewußt­sein gekom­men bis zu die­ser Stun­de, daß ich nun wie­der allein bin. Ach Du! Bin ja noch bis an den Rand mei­nes Her­zens ange­füllt vom Erle­ben Dei­ner so gelieb­ten Nähe. Mein [Roland]! Mein Alles Du! Du kannst mich so ganz erfül­len und aus­fül­len, mit Dei­ner Lie­be, mit Dei­nem Wesen. Du! Ich muß es Dir sagen, was ich ganz deut­lich erkenn­bar her­aus­ge­fühlt habe aus den Tagen, die uns geschenkt sind, um bei­ein­an­der zu sein, mit­ein­an­der zu leben für eine kur­ze Span­ne Zeit, – wenn auch die grö­ße­re Span­ne des Jah­res­krei­ses für uns Tren­nung [b]edeutet – mit jedem Zusam­men­sein ist mei­ne Lie­be zu Dir tie­fer und inni­ger gewor­den, immer gößer und sehn­süch­ti­ger wuchs der Wil­le, mich so ganz Dir in Lie­be zu ver­mäh­len, immer wei­ter öff­ne­te sich mein Herz und Wesen dem Dei­nem, um es so ganz, in letz­ter, innigs­ter Trau­te zu umfas­sen — [i]ch bin immer glück­li­cher gewor­den, mein Gelieb­ter! Du! Und ich weiß, all mei­ne Glück­se­lig­keit kommt mir nur von Dir, sie kommt mir von dem Wis­sen um Dei­ne Lie­be zu mir, vom Wis­sen um Dein Glück, daß mir Dein gan­zes Wesen strahlt, oh Du! Es ist ein Glück­strah­len hin und wider [sic]! Du!!! Es ist ein heim­lich Weben – ein selig Erzit­tern, daß sich bis zum Stur­me stei­gert, bis zum hei­ßen Feu­er ent­facht, wenn erst Aug [sic] in Auge ruht, Herz an Her­zen…. wenn Mund zu Mund sich neigt und nur noch das “Du” Raum hat zwi­schen uns, wenn nur das “Du” lebt. –

Ach Gelieb­ter! Was zwi­schen uns lebt und wogt in sol­chen Stun­den, das taugt nicht für die Feder. Das ist uns urei­gens­ter Besitz. Hei­ligs­tes Vermächtnis.

Du bist mir wie­der ein­mal heim­ge­kehrt. Heim­ge­kehrt! Oh Her­ze­lein! Ich müß­te an mei­ner Lie­be zu Dir irre wer­den, wenn es nicht so ist, wie ich emp­fand: Du bist mir wahr­haft heim­ge­kehrt, Gelieb­ter! Bist bis in mein Inners­tes gedrun­gen, bis ins letz­te Herz­käm­mer­lein und hast da Wär­me gefun­den und Gebor­gen­heit und alle Trau­te, die ein Heim­keh­rer sucht. Oh Du! Und wenn ich auch die­je­ni­ge war, die Dir die Hei­mat ver­kör­per­te, die Dich erwar­te­te daheim, ach ….. so habe ich doch zuin­nerst eben­so vom Heim­keh­ren und Ein­keh­ren geträumt! Woll­te doch eben­so glück­lich ein­keh­ren und heim­keh­ren in Dei­nem Her­zen! Woll­te mich so ganz dar­in­nen ber­gen und wie­der­fin­den. Oh Gelieb­ter! – Lie­ben­de sind ewig Suchen­de, ewig Seh­nen­de, solan­ge sie ein­an­der fer­ne sein müs­sen. Und leben sie gleich in hei­mat­li­chem Land, solang das Her­ze sei­ne Hei­mat nicht hat und nicht sei­nen Hafen, fin­den sie nicht Ruhe.

Und ich weiß, mit Dir zusam­men fühlt’ ich mich im fer­nes­ten Land zuhaus. Gelieb­ter mein! -

Ach, ich habe die Tage in Dei­ner Nähe erlebt, wie man nur ein ganz gro­ßes Her­zens­glück erle­ben kann: selig, wunsch­los, gebannt, gefan­gen im goßen Wun­der, im Glücks­son­nen­schein; jeder Tag ein köst­li­ches Geschenk, jeder Tag ein Sonn­tag, ein Gna­den­ge­schenk des Him­mels – und selbst die weni­gen Stun­den, da ein paar Wol­ken sich vor die Son­ne scho­ben, waren mir schmerz­lich süßes Erle­ben, das ich nicht mis­sen will, weil es mich erschau­ern mach­te vor der Urge­walt und Macht uns­rer Lie­be. Ich weiß nicht, ob Du es auch so emp­fan­dest. Gelieb­ter! Es ist mir in jener Stun­de am Ber­geshang mit einer Schär­fe klar gewor­den, wie sel­ten noch, daß jedes Hin­der­nis, was sich uns­rer [sic] Lie­be, uns­rem Ein­sein [sic] in den Weg stellt, in uns bei­den einen Geg­ner fin­det, der bis zum Letz­ten kämpft, ja der bis zum äußers­ten fähig ist. Und Du sollst nicht mei­nen, daß ich Dir an Kräf­ten nach­ste­he hier­in – Du! Das Weib ist anders gear­tet in man­cher Hin­sicht – aber im Kampf um den Besitz, um die Lie­be, steht es dem Man­ne nicht nach. Ach Gelieb­ter! Was Du mir sag­test, ich behielt es im Herzen.

Und ich will Dir heu­te zum Abschluß dazu sagen, Du sollst mich nicht um etwas zu bit­ten brau­chen, mei­ne unend­li­che Lie­be zu Dir bestimmt mich in allen Din­gen, – ich weiß, [D]u glaubst und ver­traust mir, des [sic] bin ich so froh! – Und wo mein Fuß zu strau­cheln droht, Gelieb­ter, da las­se ich mich doch von Dir lei­ten, Du! Ich bin doch so ganz Dein, bin Dir an Dei­ne Hand gege­ben, Du bist mein Beschüt­zer, zu Dir schau ich auf voll Ver­trau­en, voll Lie­be. Ach Du!

Her­ze­lein! Was ich bei Dir an Jah­ren nach­ste­he, daß [sic] ste­he ich Dir an Lie­be und Ver­ständ­nis und lie­ben­der Ein­sicht bestimmt nicht nach, Du weißt es, Du! Ach Du, Du!!! Lie­be, unend­li­che, gro­ße, gute und tie­fe, ech­te Lie­be ver­bin­det uns ein­an­der, ach – das besagt doch alles.

Gelieb­ter! Ich bin Dein Weib und ich lebe nur so, bin immer und über­all ganz Dein Weib! Und ich will – solang ich Dir fern sein muß noch – in Zukunft ganz be[s]onders und in jeder Hin­sicht dar­auf bedacht sein, mei­ne Stel­lung gegen­über der Umwelt zu wah­ren und recht zu ver­tre­ten. Ich habe es schon selbst erkannt, in wel­cher Gefahr ein Weib steht – zumal in uns­rer Zeit – und da ich nun mit Dir mich dar­über aus­tausch­te, Her­ze­lein, habe ich noch viel mehr erkannt wie ich dar­auf bedacht sein muß, die Augen offen zu hal­ten und sicher und selbst­be­wusst zu handeln.

Ach Du! Es ist dar­über kein Wort mehr zu ver­lie­ren. Wir haben uns längst ver­stan­den. Du! Ich muß es Dir nur noch ein­mal sagen, um Dich ein­mal mehr mei­ner bedin­gungs­lo­sen Lie­be und Hin­ga­be zu ver­si­chern. Ach mein [Roland]! Wir ken­nen ihn auch, den Grund solch dum­mer Zwei­fel: er ist die böse Fer­ne, das har­te Getrennt­sein, das uns so viel Unru­he manch­mal schafft und Her­zenspein. Aber ach, Her­ze­lein! Was ist eines Tages alles vor­bei – ver­ges­sen – ver­weht wie ein böser Traum. Ein­mal wer­den wie doch ganz, für immer umein­an­der sein, mit­ein­an­der leben! Und wir dürf­ten doch jetzt schon immer ein­mal von die­sem Glücks­be­cher nip­pen! Du! Wie köst­lich muß es sein, ihn im volls­ten Bewußt­sein des Besit­zes zu lee­ren! Du!!! Gott wird uns die Stun­de der Erlö­sung und Befrei­ung in Gna­den schen­ken, mein Geblieb­ter! Du!!!

Ach Du! In die­sen Tagen glück­lichs­ten Eins­seins und bese­lig­ten Zuein­an­der­fin­dens, wür­de uns doch wie­der alle Kraft auch zuteil, die wir brau­chen, um die nächs­te Span­ne Zeit bis zum Wie­der­se­hen zu ertragen.

Gelieb­ter! Wie wir im Grun­de die­ses Zwangs­le­ben has­sen auch und ver­ach­ten, wir brau­chen ja gar­nicht näher dar­auf ein­zu­ge­hen! – so tra­gen wir doch im Her­zen eine tie­fe und gro­ße Freu­de und Zuver­sicht. Du! Du! Geliebter!

Wor­aus kommt uns sol­che Kraft? Wor­aus wächst sie uns? Oh Du! Aus uns­rer köst­li­chen Lie­be! Und aus dem uner­schüt­ter­li­chen Gott­ver­trau­en! Du!! Du!!! Wie dür­fen wir uns reich schät­zen in sol­chem Besitz! Gelieb­ter! Oh, daß wir uns in allen Din­gen und so bis ins Letz­te fan­den! Du!!! Wie bin ich glück­lich mit Dir! Und wie wol­len wir erst die­sem Glück leben im Frie­den!!!!! Oh Her­ze­lein! Ich sehe uns­res Weges kein Ende! Du! So hell, so son­nen­hell und froh liegt uns­re Zukunft vor mir! Wie freue ich mich auf’s gemein­sa­me Schaf­fen! Oh sei Gott uns gnä­dig und barmherzig!

Mein Schät­ze­lein! [Roland] Du! Liebs­ter mein! Mein! Mein!!!!! Oh Du! Über­glück­lich ber­ge ich mich an Dei­ner Brust –

Oh hal­te mich fest, so ganz fest! Ich lie­be Dich! Und ich will nur noch Dir leben – nur Dir, Du! Ach Gelieb­ter! Jubeln und Jauch­zen erfüllt mei­ne Brust! Sag? Fühlst Du mein Glück? – Ach, was woll­te ich Dir heu­te alles sagen – ich hab Dir wohl nur so När­ri­sches geschrie­ben, ach Du! Nimm alle mei­ne Zei­len als Zei­chen tief­glück­lichs­ten Lie­bens. Oh Du! Ich sin­ne und sin­ne, wie und womit ich Dich ganz froh und glück­lich machen könn­te, mein Herz! Es fällt mir doch gar­nichts ein….. ach, zu nahe und deut­lich leben in mir noch alle Bil­der seligs­ter Trau­te und glück­haf­ten Nahe­seins – Du!!! Du!!! Ich lie­be Dich – ich lie­be Dich! Du!!!!!

Gelieb­ter, es ist schon spät – ich will Dir mor­gen mehr erzäh­len. Ach, möch­te immer nur sagen von mei­nem Glück. Du! Du! Bist Du auch sooo glück­lich: Ja!!! Ja!!! Ich spürs [sic] ja, all mein Glücks­emp­fin­den es ist der Wider­schein Dei­nes Glü­ckes! Oh Herr­gott im Him­mel, sei du uns gnä­dig. Behü­te mir mein Liebs­tes, seg­ne sei­ne Wege, ste­he ihm bei alle­zeit. Amen.

Gelieb­ter! Ich bin bei Dir! Fühlst Du mei­ne Liebe?

Oh Du! Ich umar­me Dich! Dei­ne [Hil­de].

Gut Nacht! Gelieb­tes, teu­res Herz! Ich küs­se Dich! Mein Sonnenschein!!!

Plea­se fol­low and like us:
14. Okto­ber 1942

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