Trug und Schein: Ein Briefwechsel

17. September 1942

[420917–1‑1]

Don­ners­tag, den 17. Sept 1942.

Gelieb­tes Herz! Mei­ne [Hil­de] ! Mei­ne lie­be [Hil­de]!!!

Ach Du! Nun ist Dein Her­zens­ju­bel bei mir – oh, Gelieb­te! daß ich ihn nicht aus Dei­nen lie­ben Augen­ster­nen lesen kann! Daß die Fer­ne zwi­schen uns ist!

Am 17. Sep­tem­ber 1942 wur­den U‑Booten der deut­schen Kriegs­ma­ri­ne durch den Laco­nia-Befehl  jeg­li­che Ver­su­che ver­bo­ten, Schiff­brü­chi­ge ver­senk­ter geg­ne­ri­scher Schif­fe zu ret­ten. Aus­lö­ser dafür war eine Ret­tungs­ak­ti­on für Schiff­brü­chi­ge des Pas­sa­gier- und Post­schif­fes zwi­schen USA und Groß­bri­tan­ni­en Laco­nia, wäh­rend der Deut­sche und ita­lie­ni­sche U‑Boote von den United Sta­tes Army Air For­ces ange­grif­fen wor­den waren. Am Bild die RMS Laco­nia 1921, Autor unbe­kannt, abge­ru­fen von Wiki­me­dia Com­mons, her­un­ter­ge­la­den 07/2020.

Ach Gelieb­te! Ich erken­ne ihn doch, ich füh­le ihn doch – Dei­nen Her­zens­ju­bel, Dei­ne Her­zens­freu­de, Dei­ne Lie­be – oh Her­ze­lein, ich füh­le doch die gan­ze Gewalt und Macht der Lie­be, die uns­re Her­zen ver­bin­det – die Gewalt, Du! Du!!! Du war­test mein! Du war­test mein! voll hei­ßer Sehn­sucht. Gelieb­tes Herz! Gelieb­tes Weib! Du bist mein! Du bist ganz mein! so jauchzt es mir ent­ge­gen, oh Gelieb­te, aus Dei­nen Wor­ten, Dei­nen Emp­fin­dun­gen, die an die glei­chen rüh­ren in mei­nem Her­zen, die alle Lie­be, alle Lie­be so heiß, so mäch­tig auf­wal­len las­sen – oh Du! Du!!! Du!!!!! !!!!! !!! So wie Du sehn­süch­tig mein war­test, so will ich doch zu Dir kom­men, so drängt es mich zu Dir, zu Dir! Oh Her­ze­lein! So habe ich mich im Leben noch nie gefreut! So habe ich mich doch über­haupt noch nie gesehnt in mei­nem Leben! So habe ich doch noch an kei­nem Men­schen gehan­gen, so hat es mich doch noch zu kei­nem getrie­ben – wie zu Dir, zu Dir!!! Oh Her­ze­lein! Mei­ne [Hil­de]! Ich habe Dich ja so unend­lich lieb! Ich bin doch Dei­ner Lie­be ganz erge­ben und ver­lo­ren! Oh Gelieb­te! Tie­fe, mäch­ti­ge Lie­be ver­bin­det uns! Gott sei uns gnä­dig.

Her­ze­lein! Ich habe mich etwas seit­wärts geschla­gen, um mit Dir zu reden. Die Prü­fung ist doch im Gan­ge. Mit­tags­pau­se ist. Ach weißt, die Prü­fung schert mich ja kaum. Wir haben ges­tern abend alles noch ein­mal durch­ge­nom­men, und damit Schluß. Ach, ich mach’s schon nicht schlecht. Ich bin mit mei­nen Gedan­ken gar nicht recht dabei; bin ja ganz anders­wo – rätst Du es wohl? – bist [Du] gar eifer­süch­tig? – oh, Du! Du!!! Wo kann denn Dein [Roland] noch sein und ver­wei­len mit sei­nem Her­zen als bei Dir! bei Dir!!! Herz­lieb – eifer­süch­tig kannst Du gar nicht sein – Du kannst es nicht – weil ich ganz Dein bin, weil Du mich ganz gefes­selt hast mit Dei­ner Lie­be – Das Man­ner­li hat auch nicht ein Win­kel­chen im Her­zen mehr frei, sei­nen Blick – ach, über­all bist Du! über­all! Ich lie­be Dich! Ich lie­be Dich! Soooooooooooo sehr!!!

Ach Du! Du!!! Schau mich nur an! Schließ mich in Dei­ne Arme! Ruh aus in mei­nen Augen! Halt mich fest – halt mich fest!!! Oh Gelieb­te! Gelieb­te! Die Stun­de, da wir ein ander wie­der­ha­ben! Da Aug[‘] in Auge ruht, Mund auf Mund und Herz an Herz! Oh Gelieb­te! Gelieb­te!!! Herr­gott im Him­mel, hilf uns! Amen!

Herz­al­ler­liebs­te! Vor­bei nun der ers­te Drasch. Ach Gelieb­te! Ein Stück von dem Bal­last kann ich schon heu­te, und all das in weni­gen Stun­den abwer­fen. Ist doch alles unnüt­zer Bal­last – steht alles säu­ber­lich in Büchern zum Nach­le­sen, wenn man es braucht. Herz­lein! Dann ist wie­der ein Hin­der­nis über­wun­den auf dem Wege zu Dir. Ach Du! Ich bin so froh schon heu­te abend – Du! Du!!! Ich muß doch nun mein Herz auch ganz fest in bei­de Hän­de neh­men. Ich darf doch gar nicht so fest dar­an den­ken – Her­ze­lein!

Wo find ich Dich denn nun heu­te abend, zu Vaters Geburts­tag? Ob Du Gast bist in K.? Du Rei­se­on­kel! Du Queck­sil­ber! Du magst rei­sen und zie­hen, wie Du willst – ich krieg Dich, Du! ich fang Dich – und halt Dich fest – ich bann’ Dich mit mei­ner Lie­be! Ach Gelieb­te! Unru­he ist mit uns, bis wir ein­an­der ganz haben. Wirst [Du] schon Quar­tier machen in K.? Wirst uns­re Bett­lein rich­ten, unser Käm­mer­lein? Wird doch unser liebs­ter Ort dann wie­der sein, das Bett­lein, und das Käm­mer­lein – war­um? – Du!!! Weil ich Dich dann ganz, ganz für mich habe – oh, ganz für mich dann, gelieb­tes Weib! Und weil dann alle Trau­te in uns ist – weil dann der hei­li­ge Bezirk uns­rer Lie­be ganz sicht­bar wird – Her­ze­lein! Wenn dann die Tür sich schließt hin­ter uns, dann sind wir allein! Und Du teilst mit mir das Käm­mer­lein – Du gehst dar­in mit mir – ohn[‘], daß ich Dich zwin­ge – ohne Furcht – ach Gelieb­te, in innigs­ter Ver­bun­den­heit, in letz­tem, höchs­tem Ver­trau­en tei­len wir das Käm­mer­lein, die Lie­be führt uns zusam­men, die Lie­be! – und dann, in der Stil­le des Käm­mer­leins und der Ein­sam­keit öff­nen sich die Her­zen ganz – dann öff­nen sich die Quel­len der Lie­be – oh Du! Du!!! Du!!!!! !!!!! !!! Mei­ne [Hil­de]!

Wir haben das Glück guter Lie­be! Wir sind so glück­lich!

Oh Du! Wir wer­den ein­an­der ganz nahe sein! Und die Lie­be wird so leben­dig zwi­schen uns weben – Oh Gelieb­te! Nach dem schmerz­li­chen War­ten und Seh­nen wird nun das Wie­der­fin­den dop­pelt köst­lich und herr­lich sein!

Oh Du! oh Du!!! [Du] Hast so treu, sooo treu mein gewar­tet! Ich wer­de alles wie­der­fin­den, wie ich es ver­ließ, so treu bewahrt alles – Gelieb­te! Und Du wirst die ers­te sein, der ich wie­der tief ins Auge schaue, die ers­te, die ich selig umfan­ge – oh Gelieb­te! Nie könnt[‘] ich anders! Ich blei­be Dein [Roland] – für die­ses gan­ze Leben! Du! Es ist doch nichts köst­li­cher, hals so ganz ein­an­der gehö­ren und leben! Nichts köst­li­cher, als so sich geliebt wis­sen – nichts köst­li­cher, als so ein­an­der alles zu wei­hen! Die­se gan­ze, gute Lie­be wird geseg­net mit strah­len­dem Glück an ihren Fül­len, an ihr den All­ta­gen mit tie­fem, stil­len Leuch­ten, gleich köst­lich und glück­haft.

Ach Du, gelieb­tes Weib! Nun seh ich Dich doch so froh und glück­lich schaf­fen – end­lich für den Gelieb­ten ein­mal! Oh Du – für mich! Du! Du!!! Wie freu ich mich mit Dir! Wie bin ich glück­lich mit Dir! Wie bin ich dank­bar und erlöst, daß ich Dir end­lich fro­he Kun­de brin­gen konn­te! Oh Du! Herz­lieb! Gelieb­te! Mein Heim­chen! Daß Du mir die Hei­mat hältst! Daß ich Dir heim­keh­ren kann – heim! Du! in die Hei­mat, in das Heim, ins Käm­mer­lein, an Dein Herz! und noch tie­fer sein – bis in den heil[‘]gen Schoß – Hei­mat! Hei­mat!!! Gelieb­te! Ich glau­be, das ist doch letz­te Erfül­lung des Weib­tums: Hei­mat sein! Ver­ges­sen dann alles schmerz­li­che War­ten und Stil­le­hal­ten und Ein­s­am­sein – sinn­voll dann all dies War­ten – gekrönt vom Glü­cke der Heim­kehr!

Oh Gelieb­te! Das liebs­te Weib war­tet mein! war­tet, war­tet voll hei­ßer Sehn­sucht, voll inni­ger Lie­be —

und ein Man­ner­li kehrt Dir heim, das sei­ne Hei­mat so tief im Her­zen trägt, das sooo voll Sehn­sucht ist nach Heim­kehr,  ach Gelieb­te, das heim­kehrt in tiefs­tem Sin­ne – heim zu Dir!!!!! !!!!! !!! Oh Du! Du!!! Bleib mir gesund! Behüt[‘] Dich Gott! Er füh­re uns in Gna­den zu fro­hem Wie­der­se­hen.

Her­ze­lein! Wie­der ein Don­ners­tag – will’s Gott, so bin ich bei Dir, bei Dir!!! Und um die­se Stun­de dann – sind wir bald allein! Oh Du! am Zie­le uns­rer Wün­sche am Quell der Lie­be! ganz anein­an­der­ge­ge­ben dann, ganz eins!

Oh Du! Sei stil­le noch, mein Herz! Gedul­de Dich fein! “Über ein Stünd­lein ist Dei­ne Kam­mer voll Son­ne!” [Paul Heyse] Oh Du! Dann ist kein Wort zu mäch­tig, kei­ne Musik so jauch­zend wie uns­re Her­zen!

Ich küs­se Dich viel­tausend­lieb! Ich bin ewig

Dein glück­li­ches Man­ner­li,

Dein [Roland].

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17. Sep­tem­ber 1942

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