Trug und Schein: Ein Briefwechsel

13. September 1942

[420913–2‑1]

O.i. SA, den[*]

Sonn­tag, am 13. Sep­tem­ber 1942.

Herz­al­ler­liebs­ter! Du!! Mein gelieb­tes Her­ze­lein! Mein aller­liebs­ter [Roland]!

Jetzt habe ich doch Fei­er­abend! Du! Jetzt kom­me ich zu Dir und gehe nicht [eh]er wie­der fort, als bis ich ins Bett­lein muß. Du! Schät­ze­lein! Wo magst Du denn jetzt sein? Wo fin­de ich Dich? Wohl auf dem Ber­ge am heu­ti­gen Sonntag?

Am 13. Sep­tem­ber 1942 begann mit dem deut­schen Angriff auf Sta­lin­grad die fünf­mo­na­ti­ge Schlacht um die Stadt, die mit der Ver­nich­tung der deut­schen 6. Armee und ver­bün­de­ter Trup­pen ende­te. Die Nie­der­la­ge gilt als Wen­de­punkt des Deutsch-Sowje­ti­schen Krie­ges. Auf dem Bild Sowje­ti­sche Sol­da­ten in Sta­lin­grad im Janu­ar 1943. Bild vom Bun­des­ar­chiv, 01/1943, abge­ru­fen von Wiki­me­dia Com­mons, unter CC BY-SA 3.0 de, her­un­ter­ge­la­den 07/2020.

Damit Du schon ein­mal mit dem Blick dahin­schwei­fen kannst, wohin Dich dann der Zug bald ent­füh­ren wird?! Oh Du! Bald, bald – Gelieb­ter! Es ist jetzt 4 Uhr am Nach­mit­tag, wo wirst Du heu­te Kaf­fee­stun­de hal­ten? Bei uns fällt sie heu­te aus, weil wir spät zu Mit­tag geges­sen haben, sind gar­nicht hung­rig und um 600 [Uhr] hal­ten wir dann gleich Abendbrot.

Ach Du! Ich bin doch heu­te Nacht kaum zur Ruhe gekom­men, das Unwet­ter tob­te noch b[is] Mit­ter­nacht. Es waren eini­ge recht hef­ti­ge Schlä­ge dabei; aber gott­lob hat es nir­gends Scha­den ange­rich­tet. Ich kann nicht ruhig sein, wenn ein Gewit­ter nie­der­geht, beson­ders nachts, dann sind alle Sin­ne hell­wach. End­lich ließ das Grol­len nach und der Regen rausch­te nur noch her­nie­der. Und ich dach­te an unse­re Wäsche, die wir ja drau­ßen auf­hän­gen wol­len! Ich bin dann im Träu­men und Den­ken an Dich ein­ge­schla­fen, ach – ich war doch so schlaf­be­dürf­tig und alle Glie­der schmerz­ten vom Han­tie­ren. Gegen 8 Uhr heu­te mor­gen weck­te mich Papa, ich muß­te in der Kir­che mit­sin­gen zum Hel­den­ge­den­ken. Aller [sic] 14 Tage fin­det es statt. Heu­te wur­den 4 ver­le­sen. Ach, es ist grau­sam, wel­che Lücken die­ser unse­li­ge Krieg reißt. –

Lie­bes! Vor dem Kich­gang brach­te ich doch erst Dei­nen Boten zur Post, die Botin hat­te nichts für mich. Ach, ich habe ja auch nichts erwar­tet heu­te, habe doch so viel Lie­bes von Dir in Hän­den, daß ich doch gar­nicht weiß, wo zuerst begin­nen. Ach Her­ze­lein! Mein Her­ze­lein! Und vor­hin habe ich doch gleich ein­mal wie­der die Tage gezählt, die noch ablau­fen müs­sen, bis wir uns wie­der­se­hen, Du! Ach Du! 11 sind es noch. [*Punkt als klei­ner Krin­gel gemalt] Und nur noch ein Sonn­tag dazwi­schen! Gelieb­ter Du! Und wenn es bei dem Plan bleibt, daß Du am 22. abfährst, ach Du! dann kann ich Dir doch gar­nicht mehr so vie­le Brie­fe schrei­ben, sie tref­fen Dich doch sonst gar­nicht mehr an. 7 Tage rech­ne ich durch­schnitt­lich mit der Post­zu­stel­lung bis zu Dir und da könn­te ich Dir d[oc]h am kom­men­den Diens­tag schon das letz­te Mal schrei­ben. . [sic] Ach Du! Da wird mir doch ganz heiß! So wenig Zeit ist nur noch?! Und sooo viel habe ich Dir noch zu sagen! Soviel ist noch zu bere­den; Fro­hes, Glück­haf­tes, Wich­ti­ges, Lie­bes – ach, was weiß ich nicht alles! Du! Wer­de ich denn auch an alles den­ken, was ich Dir noch sagen will? Wer­de ich nichts ver­ges­sen? Ach, Du!! Her­ze­lein! Ich will doch solang war­ten, bis Du mir schreibst, von wel­chem Tage ab ich mei­ne Post ein­stel­len soll. Es kann sich doch noch ändern und dann bist Du ohne Nach­richt von mir. Du!!! Du!!! I[ch] wer­de doch nun immer unru­hi­ger, war­te immer unge­dul­di­ger auf Dei­ne wei­te­ren Nach­rich­ten. Und war­te doch im Grun­de nur auf Dich! Ach mein [Roland]! Mein Her­ze­lein! Welch ein fro­her Auf­ruhr ist in mei­nem Her­zen ange­bro­chen! Und ich kann doch nicht stil­le sein, als bis ich Dich mein Lieb in mei­nen Armen hal­te. Oh du! Komm bald zu mir! Du!! Ach, was alles haben wir noch vor!! Die Mutsch und ich! Du glaubsts’ wohl kaum. Wir sind ganz aus dem Häu­sel vor Freu­de und Drasch. Und der Papa sieht unserm Trei­ben mit einem Schmun­zeln zu, er sagt immer: [„]Wenn ich bloß [einen] ½ Zent­ner Mehl auf­trei­ben könn­te, daß wir etwas backen könn­ten!” Aber da siehts’ böse aus. Ach, wir freu­en uns doch auch mit Weni­gem uns­res Bei­sam­men­seins, gelt mein Lieb? Zum Sat­tes­sen reichts alle­mal! Und die Extra­wün­sche müs­sen wir halt im Krie­ge zurück­stel­len, damit habe ich mich auch längst abge­fun­den. Ach Du! Trotz allem, allem wird uns jeder Tag ein Fei­er­tag sein! Ich weiß es. [*Punkt als klei­ner Krin­gel gemalt]

Du, die Mutsch legt eben wie­der Senf­gur­ke ein und fragt mich, ob D[u] sie gern magst! Ich weiß es doch gar­nicht gleich! Zu mei­ner Schan­de. [*Punkt als klei­ner Krin­gel gemalt] [Ich] Weiß nur, daß Du sau­re Gur­ken gern magst. Aber uns­re Senf­gur­ke wirst Du auch nicht ver­schmä­hen. Du! Mir wird ganz Aangst und Bban­ge, wenn ich an alles den­ke, was ich noch vor­ha­be, bis Du kom­men wirst. Und ich habe doch die Mutsch schon bear­bei­tet, daß sie vom Geschäft weg­blei­ben soll für [ein] paar Wochen – not tuts’ ihr oben­drein mal, daß sie ausspannt –

ich muß sie zuhaus haben, Du! Dei­nem Wei­bel raucht der Kopf, hat so schreck­lich Lam­pen­fie­ber! Ach Du! Ich bin doch dies­mal vor Dei­nem Kom­men so furcht­bar auf­ge­regt, so auf­ge­regt! Ach Du! Und ich möch­te doch auch in den Tagen, da Du bei mir bist, ganz aus­schließ­lich für Dich nur da sein! Ganz für Dich da sein von früh bis spät! Ach Du! Zu sehr seh­ne ich mich doch nach Dir! Und ich las­se Dich kei­nen Augen­blick los! Du!!! Hab doch solang war­ten müs­sen auf Dich, ach!!! Gelieb­ter! Ich will Dich so ganz erle­ben in den gezähl­ten Tagen daheim! Du kannst mich gewiß ver­ste­hen, Gelieb­ter! Und die Mutsch tut mir den Gefal­len, ich habe ihr schon das Ver­spre­chen abge­nom­men, Du! Sie tut es uns bei­den zulie­be! Die Gute!

Ach Du! Ich bin ja sooo glück­lich! Oh gebe Gott, daß uns Erfül­lung wird! Wenn Mutsch schon vor­her daheim ist, dann brauch ich mich auch nicht so abzu­ra­ckern. Ach – ich möch­te doch auch so gern noch mal nach K. zu der Eltern Geburts­ta­ge. Ich blei­be nur bis zum Mon­tag, den 21. Sep­tem­ber. Vater Sch. hat ja unserm Papa auch bis­sel Mehl ver­spro­chen, dar­an möch­te ich ihn mal so lei­se mit mei­ner Anwe­sen­heit erin­nern. Das möch­te ich doch mit­brin­gen. Weißt[,] was ich den lie­ben Eltern schen­ke? Mut­ter einen schö­nen Eimer – das ist ihr heim­li­cher Wunsch – und Vater eine Gar­ni­tur von Papa, aus dem Geschäft besorgt: Koh­len­schau­fel, Feu­er­ha­ken, als Schmuck­stück zugleich ver­ar­bei­tet. So Kunst­schmie­de­ar­beit, gelt? Schön siehts‘ aus[.]Und wei­ter habe ich heu­er nichts. Einen gro­ßen, schö­nen Rie­de­busch brin­ge ich mit, wenn ich kom­me. Und wenn mein Man­ner­li Sei­fe hat, dann wird sich Dei­ne lie­be Mama gewiss recht freuen.

Da ich die Kin­der­schar nicht aus­fal­len las­sen kann – weil ich Feri­en mache über­all, wenn Du kommst! kann ich erst am Don­ners­tag­früh nach K. fah­ren. Ach Du! Du!!!!! Und dann fah­re ich doch die lie­be ver­trau­te Stre­cke noch­mal mit Dir, mein [Roland]! Du! Schät­ze­li! Gera­de wenn ich nach K. rei­se, wenn ich froh sein wer­de und fau­len­zen, da wirst Du Armes[,] Lie­bes schwit­zen! Hast [Du] doch am 17. und 18. Prü­fung. Du! Ich will doch ganz fest und lieb an Dich den­ken und will alle Dau­men drü­cken, daß Du bestehst!! Ach, dar­um brau­che ich wohl nicht zu ban­gen, Her­ze­lein! Höchs­tens, daß Du vor Auf­re­gung und Urlaubs­drasch einen Bock schießt! Ach, Du wirst Dich schon zusam­men­rei­ßen, mein Manner[li]. Ich habe ja so lachen müs­sen über Dei­nen vor­letz­ten Tag! Das war so rich­tig ein Zeug­nis Dei­ner Ver­fas­sung! Die mich doch nur glück­lich machen kann! Wenn Du weißt, daß Du heim­kannst [sic] zu mir bist Du so auf­ge­regt, daß Du alles and[e]re ver­gißt. Ach Du lie­ber, lie­ber Fratz! Könnt[‘] dich doch gleich ein­mal ganz lieb drü­cken vor Freu­de umd Glück! Du hast mich sooo lieb! Oh Du!!!

Wenn Du da bist erst, dann wol­len wie nur alles, was nicht niet- und nagel­fest ist anbin­den – vor allem die Schlüs­sel – sonst ver­lie­ren wir am Ende noch unsermn Popo. Ich kann näm­lich auch für nichts mehr garan­tie­ren, wenn ich Dich um mich habe, Du!! Dann sehe ich nur noch Dich – nur Dich! Ach Du! Es ist doch wie ein Wun­der = ein Mär­chen­land, das ich schaue, wenn ich an das Wie­der­se­hen mit Dir den­ke. Mein gelieb­ter [Roland], ach Du! Du!!! Wenn es doch nur erst soweit wäre! Gelieb­ter!!! Gelieb­ter!!! Mein [Roland]! Du!!!

Ach Her­ze­lein! Viel­leicht dür­fen wir in Zukunft hof­fen, daß wir nicht stets so lan­ge war­ten müs­sen auf ein Wie­der­se­hen, wie zuletzt. Und wenn dem nicht so wäre, Gelieb­ter, ich woll­te auch nicht ver­zwei­feln! Bin ja Dei­ne tapf[e]re Sol­da­ten­frau; ich kann es doch ver­ste­hen, daß es nicht nach Dei­nem Wunsch und Wil­len geht beim Urlaub. Ande­re Sol­da­ten müs­sen noch viel län­ger war­ten, ehe sie heim­dür­fen [sic]! Und wie wäre es, wenn Du mit aus­fah­ren müß­test als Matro­se? Oh, wie lang blie­be Dir da die Hei­mat in wei­ter Fer­ne! Und wie groß wäre mein Sor­gen, die Angst um Dich. Ach Du! Wir kön­nen ja nicht anders, als nur zutiefst dank­bar sein für das, was Gott uns schenkt. Gelieb­ter! Beden­ke Du mit mir froh alle Seg­nun­gen die­ses Weges, den wir schon mit­ein­an­der zurück­leg­ten. Laß uns zuver­sicht­lich vorausblicken!

Mein Schät­ze­lein! Ich hat­te kaum Zeit, den ange­fan­ge­nen Gedan­ken zu Ende zu füh­ren, es kam näm­lich Besuch – ein kun­zer zwar nur, aber immer­hin eine mir unwill­kom­me­ne Abhal­tung – Ilse Sch. Sie woll­te uns nur mal Guten Tag sagen, ihr Weg führ­te sie anschlie­ßend zu Hell­mut W.[,] weißt? aus der Sing­stun­de. Da ist ein Büb­chen ange­kom­men und er ist auf Urlaub zuhaus[‘]. Ach, daß ich mich doch nicht ein­mal gleich ver­gra­ben könn­te, oder ein­schlie­ßen, wenn ich mit Dir allein sein will! Dabei bin ich nun in aller Frei­heit zuhaus[‘], könn­te es! Und kann[‘]s eben doch nicht, weil ich nach jeder Sei­te hin gebun­den bin. Da ist man nach dem und jenem gefragt und stän­dig ist was and[e]res los, wenn­gleich die Eltern ver­mei­den, mich beim schrei­ben unnütz zu stören.

Jetzt haben wir erst mal Abend­brot gehal­ten, es ist 600 [Uhr] vor­bei. Und nun beginnt die lie­be Son­ne, die sich auf den Abend nun ganz her­vor­ge­wagt hat, w[ie]der hin­ten im Wes­ten zu ver­sin­ken und wir möch­ten vorm Dun­kel­wer­den die Wäsche abneh­men. Es trock­net schlecht heu­te, es war rich­ti­ge Treib­haus­luft: feucht-warm. Bis Mit­tag war das Wet­ter die­sig, aber dann wag­ten wir[‘]s doch, auf­zu­hän­gen. Tro­cken wird nicht alles. Es gab den gan­zen Tag noch Arbeit mit der Wäsche und her­oben muß­te auch Ord­nung geschafft sein, damit einem nach der Arbeit bis­sel sonn­täg­lich zumu­te ist. Gott­sei­dank habe ich mor­gen nichts mehr zu tun unten im Wasch­haus. Da kann ich bloß flei­ßig Wäsche legen! Und st[opf]en und aus­bes­sern. Man atmet auf, ist das Wasch­fest wie­der mal vor­über. Mein Schät­ze­li hat auch Wasch­fest?! Du! Brin­ge nur Dein schmut­zi­ges Zeug mit! Wir waschen es doch daheim und stop­fen Dir alles! Plag Dich nicht!! Wo Du doch nun ein Frau­chen hast, brauchst doch nim­mer allein Dich abzu­quä­len! Frei­lich, immer klappt es nur nicht, daß ich Dir hel­fen kann. Aber das wird auch mal bes­ser, Du! Laß nur erst Frie­den sein, Herz­lieb! Ach Du! Was wir im Frie­den dann wol­len anstel­len mit der gan­zen, schö­nen, lan­gen Zeit, Du! Dar­über müs­sen wie uns doch mal den Kopf zerbrechen!!

Ach Schät­ze­lein! Ich habe mir jetzt wie­der Dei­ne bei­den so lie­ben Boten vor­ge­nom­men, die ges­tern anka­men. Von Sonn­abend + Sonn­tag sind sie. Du! Sitzt doch vorm Tin­ten­faß und gleich wird eine Arbeit stei­gen und die kur­ze Zeit dazwi­schen nützt das fin­di­ge Man­ner­li, das nasch­haf­te!, sei­nem Wei­berl ein lie­bes Guten­mor­gen­küs­sel zu geben. Wie frei­lich waren mei­ne Augen schon blank, als es nun ankam, Dein Küs­sel, ges­tern früh! Und ganz mun­ter war ich auch! Und hat­te schon mei­ne Arme gestählt am Wasch­faß! Du!! Daß ich Dich doch gleich ganz fest und stark umfan­gen hät­te kön­nen, wärest Du leib­haf­tig zu mir gekom­men, ach!! Du! Bald bald – so Gott will – wird alles glück­haf­te Wirk­lich­keit sein, was wir uns oft, soo oft erträu­men! Mein [Roland]! Ich lie­be Dich! Ach – lie­be Dich so innig, sooo innig, wie Du mich und noch meh[r]! Du! Ich wer­de Dich doch toddrü­cken [sic] vor lau­ter Lie­be, wenn Du erst bei mir bist. Ach Her­ze­lein! Du bist ja schon so vol­ler Unge­duld, aus Dei­nen gan­zen Zei­len spü­re ich es doch! Du! Wie Du Dich freust! Wie Du Dich sehnst! Wie Du mich lieb­hast! Oh Du!!! Mein [Roland]! Und Du bekennst es ja selbst mir, daß Dei­ne Gedan­ken Dir mei­ner davon­ei­len, daß Du immer unge­dul­di­ger wirst. Ach, Du willst doch nun end­lich bei mir sein – Gelieb­ter! Wie ich nur bei Dir sein will bald! Ach Schät­ze­li! Du stellst eine gar son­der­ba­re Fra­ge an mich: “wirst Du mich denn auch noch lieb haben, wenn ich nun nach so lan­ger Zeit wie­der­heim­kom­me [sic], wenn Du mich nun wie­der leib­haf­tig vor Dir siehst?“ Her­ze­lein! Du! Wie kannst Du so fra­gen! Wenn auch vie­le frem­de Gesich­ter, frem­der Män­ner flüch­tig mei­nen Weg kreuz­ten, das Bild des Gelieb­ten kann mir kei­ner ver­drän­gen aus mei­nem Gedächt­nis, noch aus mei­nem Her­zen: Und wenn ich sie mir auch erst wie­der all zusam­men­su­chen muß, die lie­ben Z[ü]ge, sie ent­de­cken muß auf[‘]s neue; denn ich wer­de Dich doch nun bald wie­der ganz leben­dig schau­en dür­fen, so wie man es sich nicht mer­ken kann, Gelieb­ter! Ich wer­de Dich müs­sen lieb­ha­ben, lieb­ha­ben! Du!! Ach Du! Her­ze­lein, und käme mir an Dir alles neu vor und ver­än­dert, ich muß Dich immer lieb­ha­ben; denn zwi­schen unse­ren Her­zen ist letz­tes Ver­trau­en, ist Trau­te, Auf­ge­schlos­sen­sein und Bekannt­sein! Ach Du! Das ist doch das Ent­schei­den­de, die Her­zen­strau­te. Oh Du! Mein gelieb­ter, lie­ber [Roland]! So wie Du emp­fin­dest, daß Du in die Hei­mat k[o]mmst, in die trau­tes­te mei­nes Her­zens, Hei­mat die ich Dir berei­te und bewah­re treu und lieb, daß Du wie ein Schwälb­chen zum Nes­te kommst, zum trau­tes­ten in die­ser Welt, ach so füh­le ich doch auch, wenn ich end­lich wie­der an Dei­ner Brust mich ber­gen kann! Oh Du!!! Um die­se Her­zen­strau­te, um die Ver­bun­den­heit uns­rer Her­zen und um das Hei­misch­sein bei­ein­an­der geht doch all unser Tau­schen im täg­li­chen Brie­fe. Drän­gen der Lie­be – Her­zens­be­dürf­nis weist uns die­sen We[g], auf dem wir ein­an­der nicht ver­lie­ren kön­nen. Ach Du! Ich wer­de mit Dir die­sen Weg wei­ter­ge­hen!! Wir kön­nen ja nicht anders! Gelieb­ter!! Ach Du! So wie es Dir ein ganz gro­ßes Glück ist, wenn Du zu mir nun kom­men darfst, Du hast nur mich. Ach, ein eben­so gro­ßes tie­fes Glück bedeu­tet es mir doch, Dich zu emp­fan­gen! Du!! Ich habe nur Dich in der Welt! Ich war­te ja nur auf Dich allein! Oh Gelieb­ter! Im Grun­de waren wie doch vor unserm Zusam­men­sein auf die­ser Welt so allein, trotz­dem wir die lie­ben Eltern haben und Du Geschwis­ter. Wir sind doch nun erst ganz daheim, ganz glück­lich und gebor­gen! Ach Du! Dein Kom­men, ach Dei­ne Nähe sie bedeu­tet mit ja so unend­lich viel – alles, alles! Du!!! Das Wie­der­se­hen mit Dir ist mir doch auch Heim­kehr! Glück­haf­te Heimkehr!

Ach Gelieb­ter! Es kann doch nicht anders sein, weil wir uns so sooo lieb­ha­ben! Weil wir ein­an­der die Ver­trau­tes­ten sind!

Ach Du! Nichts nichts reicht doch an die Schö­ne und Tie­fe uns­rer Her­zens­ver­bun­den­heit her­an, an das Glück! Du! Ich bin doch so froh und glück­lich und ganz erfüllt von Dei­ner Lie­be – ach, daß ich manch­mal doch gar­nicht glau­ben kann, daß Du es auch bist. Und Du bist es! oh Du!! Du!!! Zu groß ist unser Glück!

Gelieb­ter Du! In die­se Glücks­ge­dan­ken mischt sich doch auch ein erns­ter mit. Wie das Schick­al auch ver­fah­re mit uns – es hat uns die Tren­nung gebracht – und Gott gebe, daß sie bald vor­über ist, er ver­hü­te das Schlimms­te! Wie Du einst auch heim­keh­ren magst, müde vom Kampf oder – Gott ver­hü­te es gnä­dig – beschä­digt vom Krie­ge, irgend­wie. Gelieb­ter Du! Eines sollst Du Dir tief ins Herz ein­prä­gen für ewig:

Dei­ne [Hil­de] war­tet auf Dich, ihr Leben­lang [sic]! Sie wird Dich immer, immer mit weit­of­fe­nen [sic] Armen emp­fan­gen! Wird Dich, wie Du auch einst heim­keh­ren wirst, in innigs­ter Lie­be umfan­gen und glück­lich ans Herz drü­cken wie einen unend­lich kost­ba­ren Schatz! Du!!!!! !!!!! !!! Ich lie­be Dich! Ich lie­be Dich aus tiefs­tem Her­zen! Du! Das sollst Du ganz froh und gewiß glau­ben, ganz froh und gewiß: daß ich Dich sooo lieb behal­te! Daß ich Dich nur immer lie­ber gewin­ne! Daß ich Dich nie und nim­mer las­se, Herz­lieb! Ach Du! Das ist in mir ein jubelnd, glück­haft, sieg­haft Beken­nen. Ich lie­be Dich so sehr! O seg­ne Gott uns­re Lie­be alle­zeit, bewa­che er Dich gütig, mein Liebs­tes! Oh Du! Ich füh­le doch, wie Du mich liebst, sooo her­zin­nig liebst, Du!!! Und ich will mich doch all Dei­ner Lie­be erge­ben, mein [Roland]! Will mich ganz ein­hül­len las­sen in Dei­ne Lie­be! Will sie neh­men! Überglücklich!!!

Ach Her­ze­lein, wenn ich an alle Selig­keit den­ke, die mir ein Leben an Dei­ner Sei­te ver­heißt, oh dann will mir doch schier das Herz sprin­gen vor Glück und Jubel! Oh Du! Mein [Roland]! Wenn Gott es uns schenkt, daß wir mit­ein­an­der gehen dür­fen, wel­ches Glück! Wel­ches unend­li­che Glück! Ach Du! Du!!! Schät­ze­lein! Ich darf doch heu­te Abend gar­nicht län­ger mich hin­ein­den­ken in mei­ne Her­zens­se­lig­keit, die Sehn­sucht steht so bren­nend auf, oh Du! Daß Du doch bald zu mir kommst! Gelieb­ter! In Dei­nem lie­ben Sonn­tag­bo­ten sehe ich doch, wie gern Du bei mir sein magst, sogar Dein Spa­zier­stünd­chen am Abend hast Du mir geschenkt! Du! Ich sehe doch, wie lieb Die mich hast, an tau­send Bei­spie­len und Bewei­sen. Ach Du! Wir sind doch auch am glück­lichs­ten eines im ande­ren! Herz­lieb, [Du] sagst mir, daß es bei Euch schon zei­tig dämm­rig wird, wie hier auch. Und wir wer­den doch im Urlaub schon fein ein Däm­mer­stünd­chen hal­ten können.

Du! Schät­ze­li! Ich will doch die Bücher von Dau­then­dey noch ein Weil­chen behal­ten, bis Du da bist, dann wol­len wir zusam­men lesen dar­in­nen, ja? – Ach Du! Wie gern las­se ich mich doch immer wie­der anste­cken von Dei­ner Vor­freu­de auf den Urlaub, wie Du Dir lieb schon alles aus­malst! Ach Du!! Gleich auf­sprin­gen könnt’ ich ja und zu Dir eilen! Gelieb­ter mein. [*Punkt als klei­ner Krin­gel gemalt]

Du! Du!!! Ach kom­me bald, bald heim zu mir, in mei­ne Arme! Du! Ich muß mich sooo sehr nach Dir seh­nen, Goldherzelein!

Ach Gelieb­ter, wir gehen doch ganz eng anein­an­der­ge­schmiegt Seit[‘] an Sei­te, auch über die Fer­ne. Sind ein­an­der ganz zu eigen, so ganz! Und was uns so fest bin­det, das ist Glut der Lie­be, Wogen der Lie­be. Ach, ich weiß es beglückt: Dei­ne Lie­be ist so ent­schie­den gerich­tet wie die mei­ne, Du! Es geht kein Strahl, kei­ne Wel­le davon ver­lo­ren. Oh Du! Ich bin ganz Dein – Du bist ganz mein!

Herz­lieb! Nun ist es doch längst fins­ter gewor­den drau­ßen und ich sit­ze in der Küche beim Lam­pen­schein, die Eltern sind zu Bett gegan­gen. Mein Lieb wird nach den Ster­nen wie­der schau­en, wenn es heim­kehrt von sei­nem Spa­zier­gang am Sonn­tag­abend. Hof­fent­lich gab man Euch dies­mal Marsch­pro­vi­ant!! Und wird doch nach dem Him­mels­wa­gen schau­en, der aber abends in der fal­schen Rich­tung steht, da dürf­te m[ei]n Man­ner­li doch nicht ein­stei­gen, käm es nicht an bei mir! Stei­ge nur mor­gens ein Herz­lieb! Dann fährst Du rich­tig! Du!!! Ach Du! Wenn Du dann bei mir bist! Gelieb­ter! Geliebter!!!

Mein [Roland], nun will ich einen Punkt set­zen, ich bin nun müde. Ich woll­te heu­te der lie­ben Mut­ter einen Geburts­tags­brief schrei­ben, ich bin nicht dazu­ge­kom­men; nun muß ich mich gleich mor­gen früh hin­set­zen, damit er auch zur Zeit ankommt.

Ach Schät­ze­lein! Es ist doch gut, daß Du nicht daheim bist, wenn Wasch­fest war, dann bin ich doch immer ein bis zwei Tage so müde. Du! Und könn­te Dich doch gar­nicht lieb­ha­ben, ganz sehr lieb­ha­ben. Und das müs­sen wir doch an den weni­gen Tagen, die uns geschenkt sind. Du! Aber ein­mal wird das Tor ver­schlos­sen sein zum Gärt­lein, hast zu schon nach­ge­schaut? Anfang Okto­ber! Da müs­sen wir doch ganz artig sein. Du! Wer­den uns Kraft schla­fen zu neu­em Lieb­ha­ben. Ach Gelieb­ter! Wie seh­ne ich mich so sehr, Herz an Herz ganz nah bei Dir zu sein. Oh Du! Gelieb­ter! Und wenn ich nun im Bett­lein lie­ge wer­den mich die lieb­sü­ßen Gedan­ken an Dich nicht ruhen las­sen; denn wenn das Licht ver­löscht, dann ist die [Na]cht, dann bin ich allein und dann fällt Fer­ne und Tren­nung wie ein Man­tel von mir ab, dann gehen alle Gedan­ken so fest und innig zu Dir! Ach Du! Dir ergeht es ja eben­so, Du! Oh Du! Du mein Aus­er­wähl­ter, Du darfst mit mir alle Lie­be fei­ern und krö­nen. Die hei­ligs­ten Pfan­de will ich mit Dir tau­schen. Mit mir sollst Du zum Brünn­lein gehen aller Lie­bes­se­lig­keit. Und dies S[…]boe [*unle­ser­lich] soll uns immer so bedeut­sam blei­ben, köst­lichs­tes Geschenk, das wir ein­an­der auf­he­ben und bewah­ren wol­len – uns ganz allein! Du sollst mein Ver­trau­tes­ter sein immer, mein Beschüt­zer – ich Dein lie­bend Weib! Oh Gelieb­ter! Ich bin ganz D[ei]n! Ich las­se Dich nicht mehr von mir! Behü­te Dich Gott! Er sei mit Dir auf allen Wegen! Ich bin Dir ganz nahe immer! Ich lie­be Dich! Bin ewig Dein! Mein [Roland]!

Dei­ne glück­li­che [Hil­de].

[*am obe­ren rech­ten Sei­ten­rand in Druck­schrift vor­ge­druckt auf jedem Bogen vom Brief­pa­pier, Ort abge­kürzt durch Projektteam]

Plea­se fol­low and like us:
13. Sep­tem­ber 1942

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