26. Juni 1942

Hochzeit auf Bären­hof, deutsch­er Spielfilm, 1942, von Regis­seur Carl Froelich, mit Unter­ti­tel: Die Geschichte ein­er Liebe aus besseren Tagen. Bild über IMDb, 09.2018.

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Fre­itag, am 26. Juni 1942.

Herzelein! Mein lieber, lieb­ster [Roland]! Geliebtes Herzelein!

Du! Nun ist Abend gewor­den und ich kann mich zu Dir set­zen, zwar ist das Abend­brot noch nicht vor­bei, doch die Zeit bis dahin will ich mit Dir ver­plaud­ern. Du!! Die Sonne hat­te sich ein wenig verkrochen und die Luft [w]ar recht abgekühlt, so bin ich heute ein­mal nicht son­nen­baden gegan­gen auf den H., son­dern habe mich fein nüt­zlich gemacht im Hause. Die ganzen Front Fen­ster putzte ich schon gestern Nach­mit­tag, als die anderen schliefen. So nur kann ich mich näm­lich nur mal richtig nüt­zlich machen; denn Deine liebe Mut­ter nimmt mir alle Arbeit wieder weg, die ich anfasse. Ich soll mich erholen die paar Tage! Na, so blaß und schmal und erhol­ungs­bedürftig sehe ich nun auch wieder nicht aus. Wenn ich auch ein bis­sel schmal gewor­den bin, schadet nichts! mein lieb‘s Man­ner­li ist ja auch schmaler gewor­den, gelt?

Wir haben heute alles fein sauber gemacht in den Zim­mern, geback­en und alles für die näch­sten Gäste bere­it­et. Wer mor­gen kom­men will? Hell­muth, Elfriede, Lot­ti, Tante Gretchen auch. Und nur mein gutes Man­ner­li fehlt in der Runde. Ach Du! Wir denken immer so lieb an Dich, Her­zlieb! Du mußt es doch fühlen, Du! Und die Eltern lassen Dir durch mich bestellen, [Du] sollst nur nicht etwa denken, daß sie Dich vergessen hät­ten, weil sie Dir schon 14 Tage nicht schrieben. Sie haben auch dauernd ihren Drasch. [Du] Kommst bald dran mit einem Brief. Vater hat bis abends 600 [Uhr] Dienst; aber er sieht wohl aus dabei. Und die Mut­ter, die nim­mer­müde… ach, Du weißt es ja, was eine Mut­ter stündlich sorgt und schafft. Alles für ihre Lieben. Ach Du! Ich möchte doch auch eine ganz gute Mut­ter sein, Du! Jet­zt bin ich Dein Müt­ter­lein, gelt Her­zlieb? Du! Oh Du!!!!! Ach – wie muß ich Dich doch sooo lieb­haben, mein Gold­herzelein. Möcht­est Du das doch immer recht gewiß spüren, mein [Roland]! Ob Du denkst in diesen Tagen, daß ich Dich nicht so lieb­habe wie son­st? Ach Du! Was mich so denken läßt? Es ist das Leben um mich her, daß mich nicht allein läßt mit meinem Wesen, für Dich nur allein dasein läßt. Ich empfinde immer eine leise Unrast in mir, weil die Stun­den des Tages verge­hen, ich in süßem Nicht­stun mit­ten­drin ste­he, wo ich doch ein­mal wie nie son­st im All­t­ag Dein denken kön­nte wo ich Dir tausend liebe liebe [sic] Worte schreiben kön­nte! Von früh bist spät mit Dir plaud­ern kön­nte in Gedanken nicht nur, nein auch im Briefe! Und [ich] kann es nicht. Weil ich Verpflich­tun­gen habe all den lieben Men­schen gegenüber, die um mich sind. Ich muß mich ihnen wid­men, sie suchen meinen Umgang, ich kann mich nicht in mich selb­st ver­graben. Ach Du! Das alles ver­stehst Du doch mein Lieb, ich weiß es. Du!!! Und doch möchte ich in diesen Tagen, wo das Neue auf Dich ein­stürmt, ganz lieb und lang und innig um Dich sein. Oh Geliebter! Du weißt wie ich Dich liebe! Und eines kann mich trösten, Geliebter: meine Gedanken, meine Sehn[s]ucht, all mein Liebge­denken, es kommt zu Dir! Uns[e]re See­len sind so har­monisch aufeinan­der abges­timmt, daß sie die große Ferne über­winden und jedes and[e]re Hin­der­nis. Was ich im Inner[e]n für Dich empfinde, Dein Herz und Deine Seele nehmen es auf. Du fühlst, wie ich ganz Dein bin! Das ist mein Trost, oh Herzelein lieb­stes!

Siegfried sieht in mir einen Ferienkam­er­aden  – und er ist um mich wie ein Bub um sein Müt­ter­le. Er geht mir nach über­all­hin [sic]. Mut­ter meinte ein­mal, daß sie froh sei, daß ich da bin, denn ihm würde son­st die Zeit lang. Und Du weißt, ich bin zu gut, mich ein­fach zurück­zuziehen. Es wäre ein­fach unmöglich, ich mag ihm seine wohlver­di­en­ten Tage daheim nicht trüben. Er soll viel Freude erleben, damit er die kom­menden Tage in dun­kler Zukun­ft nicht schreck­end vor sich sieht. Was wir so treiben? Ach Lieb­ster? Aller­lei Unsinn. Wie aus­ge­lassene Kinder sind wir oft, er ist zu spaßig. Und was ich an ihm lächer­lich finde, das find­et er an mir lächer­lich. Ich wun­dere mich, daß er sich soviel Frohsinn erhal­ten hat, nach aller schw­eren Zeit. Spiele wer­den gemacht, alle mögliche[n] Sorte[n]. Und gestern mußte ich sein selb­st erfun­denes Seekrieg-Spiel mit­machen. Du weißt ja wie verzweifelt ich mich mühe gern mitzus­pie­len und das ist ihm der Hauptspaß dabei, meine Art zu spie­len zu beobacht­en, der Sauhund! Heute drück­te er mir seine Har­moni­ka in die Hand, ich soll es erler­nen. Rät­sel muß ich lösen helfen, Wege mit­ge­hen. Die Lichtschal­ter baute er  –  auch dazu muß die [Hilde] her, hal­ten helfen. Beim Staub­wis­chen heute geri­et ich über Dein Klavier, Herzelein! Ich kann ein klein wenig schon spie­len! Und husch war er auch da und wollte vier­händig spie­len. Aber dazu waren wir bei­de zu unbe­gabt!! Und ich schaffte dann Abhil­fe, indem ich ihm [sic] die oberen Noten spie­len ließ und ich über­nahm die Begleitung. Nur leichte Sachen! Das war ein Spaß! Gesun­gen haben wir auch dazu, [bi]s die Mut­ter uns mit dem Scheuereimer auf­scheuchte.

Er ist voll Neck­erei und Spaß wie ein Schelm. Man kann ihm nicht böse sein, denn er vergißt bei allem Scherz nicht den Abstand, den er als Schwa­ger zu wahren hat. Ist ein lieber Kerl der Siegfried; Gott gebe, daß ihm nichts zustößt.

Kennst Du Deinen Brud­er von dieser Seite? Ich kann mir gut das Gau­di vorstellen, als ihr 3 Buben zuhaus[‘] wart! Es ist wohl zu schön, wenn Geschwis­ter [da] sind, die sich gut versteh[e]n.

Ach Herzelein! Ich kenne nun alle 3 Buben – der aller­lieb­ste aber davon ist doch mein [Roland]! Ihn habe ich soo fest in mein Herz geschlossen, sooo fest, wie keinen son­st auf Erden! Du!

Heute ist Siegfried nach B. wegen seinem Grund­stück. Er will bei Elfriede über­nacht­en, weil sie da ist; denn Hell­muth wird heute Nacht kom­men. Mor­gen früh wollen sie zu dreien her­fahren zu uns.

Porträt des deutschen Autors Her­mann Sud­er­mann zwis­chen 1925 und 1930, kurz vor sein­er Tod, von Nico­la Per­scheid. Aus: Theodor und Jacob Hils­dorf, August Sander. Der rhein­land-pfälzis­che Beitrag zur Geschichte der Pho­togra­phie. Kat­a­log Lan­desmu­se­um Mainz 1989. Lizen­zfrei über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2018.

Ja, Schätzelein! Daran, daß ich mal ohne Anhängsel bin merkst du auch, daß ich viel Zeit hab[‘] für Dich? Ach Du! Schätzelein! Du! Hab[‘] doch all meine lieb­sten, heim­lich­sten Gedanken immer bei Dir, Du! Die Eltern hat­ten mich heute mit ins Kino genom­men und da war[‘]s so när­risch, der Film hink­te nach und der Ton war voraus! Das gab ein ganz när­risches Spiel! Ein dick­er alter Mann auf dem Bilde redete mit ein­er zarten Stimme ein­er Frau! Zum Schreien war[‘]s eine ganze Weile. Es mußte abge­brochen wer­den. Der Besitzer war außer sich, so etwas sei noch nie passiert. Er muß einen neuen Film bestellen. Wir beka­men das Geld zurück und gin­gen heim. „Hochzeit auf Bären­hof“ [Jolan­thes Hochzeit, 1892] nach ein­er Nov­el­le von [Her­mann] Sud­er­mann. Ein guter Film.

Und nun ist das Abend­brot vor­bei und ich sitze am Fen­ster und schreibe Deinen Brief im let­zten Abend­son­nen­schein. Wir baden der Rei­he nach und dann gehts‘ [sic] ins Bet­tlein! Kommst [Du] zu mir? [Ich] Bin ganz allein heute, Du! Ach Du! Geliebter mein! Ich hab[‘] dich soo lieb, lieb! Und gar viel Sehn­sucht hab[‘] ich im Herzen nach Dir, Dir! Du! Ganz tapfer will ich sein – mit Dir warten, Geliebter! Ach, wie mag es Dir erge­hen? Bist Du gesund? Ob Du [d]en Dienst aushältst? Ich warte auf Deinen Brief! Ach Du! Ich bin richtig froh, daß ich die Wartezeit hier ver­brin­gen kann, wo ich nicht über[‘]s Grü­beln komme, Herzelein! Hal­tet nur gut zusam­men Ihr bei­den Män­ner!

Du! Bis zum Mittwoch wollen mich die Eltern noch dabehal­ten. Vater hat 2 Tage Urlaub und am Mon­tag wollen wir mal alle nach K. fahren, uns umse­hen über­all – im Reiche uns[e]rer Zukun­ft! – auch nach ein­er Woh­nung wollen wir uns umschauen!! Ich bin mit dem Plan ein­ver­standen. Es kann sein, daß ich Frau H. mit besuche! Herzelein! Und Du wirst ganz eng mir ver­bun­den sein auf Schritt und Tritt.

Mor­gen und Son­ntag wird viel Leben sein im Hause! Besuch! Ach, wenn Du auch dabei wärest! Mein [Roland]!

Du! Und nun will ich den Brief noch zum Kas­ten tra­gen dann ins Wän­nel [sic] steigen und in mein Bet­tlein!

Oh – ich will voll Liebe Dein denken, Du!!! Geliebter! Gott sei mit Dir! Ich küsse Dich! Ich bleibe in Ewigkeit

ganz Deine glück­liche [Hilde].

Eine Antwort auf „26. Juni 1942“

  1. Hilde berichtet Roland über die Zeit, die sie mit ihrem Schwa­ger Siegfried ver­bringt. Sie sorgt sich um ihn (eventuell wegen eines zukün­fti­gen Fron­tein­satzes). Sie berichtet Roland von einem Besuch im Kino.

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