02. Juni 1942

[420602–2‑1]

Mein herz­al­ler­liebs­tes Schät­ze­lein! Mein gelieb­ter, guter [Roland]!

Du! Heu­te drängt sich wie­der [ein]mal alles zusam­men. Dein Wei­bel [: Weib­chen] hat viel Arbeit, Her­ze­lein! Laß Dir erzäh­len.

Mor­gens ½ 7 [Uhr] sind wir auf­ge­stan­den, Mutsch und ich. Und weil die Son­ne schien, lock­te es uns, auf den Wochen­markt zu gehen. Und wir stie­fel­ten los, gleich nach dem Kaf­fee­trin­ken. Wie Du weißt, sind jetzt die Grün­wa­ren­be­zugs­kar­ten aus­ge­ge­ben, die Tage des Wochen­mark­tes sind gezählt. Wir sind ohne Mar­ken los­ge­zo­gen – ist ja teils uns[e]re Ver­wandt­schaft, die oben ver­sam­melt ist! Du ahnst nicht, wie die Poli­zei spe­ku­lier­te! Paar­mal bin ich zurück­ge­gan­gen, weil ich kei­ne Mar­ken vor­wei­sen konn­te. Es war ein tol­ler Kauf, wie ein Ver­bre­cher kam ich mir vor. Dann hat[‘]s geklappt. Ein Netz voll Spi­nat, Por­ree, Radies­chen, Rapünz­chen. Ich kauf­te bei W.s, weißt [Du] von Oma F. die Schwä­ge­rin, wir waren schon dort. Mama kauf­te bei K.s. Wir machen uns schon straf­bar, wenn wir so hams­tern! Aber wir sind ja 2 Fami­li­en, gelt? Eine Frau [Lau­be] kauft – eine Frau [Nord­hoff] kauft. Solan­ge noch Markt ist, wird das aus­ge­nützt. Nun kamen wir erst um 1000 heim! Unse­re Spin­at­men­ge erhöh­te sich über 20 Pfund! Und es galt jetzt als ers­tes, den Spi­nat in die Glä­ser zu brin­gen. Ach, das war eine Arbeit von einem ½ Tag, zu Zwei­en! Put­zen, waschen, düns­ten, wie­gen, ein­fül­len, ste­ri­li­sie­ren. 9 Glä­ser haben wir voll. Ich freue mich mit Mutsch sehr! Mit­tags gab es auch Spi­nat mit Eiern. Anschlie­ßend hat­te ich eini­ge Wege zu besor­gen, Lau­fe­rei auch wegen der Kin­der­schar. 2 mal [sic] mei­nen Lebens­lauf muß­te ich schrei­ben. Für die Grup­pen­füh­re­rin des DRK. Für den Gau nach Chem­nitz wegen dem Pos­ten als Schar­lei­te­rin, die wol­len wis­sen, wen sich [sic] vor sich haben. Nach K. an die lie­ben Eltern schrieb ich auch ein Brief­chen. Dann lief ich noch[ein]mal zum Gärt­ner, wir hat­ten ver­spro­chen Mut­ters Bekann­te zu besu­chen, die von einer Base­dow-Ope­ra­ti­on zurück war. Ja, schon war es um 6 [Uhr], wir ver­sorg­ten Vater zum Nacht­dienst. [Wir] Aßen selbst Abend­brot und gin­gen dann zu dem Kran­ken­be­such. Ich konn­te nicht lan­ge blei­ben, denn abends im D.R.K. hielt Dr. H. Vor­trag über Ver­ab­rei­chung von Medi­ka­men­ten. Das war als sehr inter­es­sant uns vom Ober­wacht­füh­rer H. emp­foh­len wor­den! Das war so. Dr. H. führ­te uns näher ein, wie man Medi­zin dosie­ren muß, damit sie im mensch­li­chen Kör­per nicht als Gift wirkt. Wie ein Rezept zu ver­ste­hen ist lern­ten wir, wie es zu lesen ist. Das war ein Abend, wo wir in die Geheim­nis­se des Latein und der Dezi­mal­re­chen­kunst zugleich ein­ge­führt wur­den. Für sol­che, die Apo­the­ken­schwes­ter wer­den wol­len, ist das wohl sehr emp­feh­lens­wert – wohl auch für die ande­ren Schwes­tern, aber ich hat­te das Emp­fin­den, des Dok­tors Aus­füh­run­gen wur­den nur von einem Vier­tel der Ver­sam­mel­ten kapiert. Ich kam auch erst nach und nach dahin­ter. Na schön – man hat wenigs­tens eine blas­se Ahnung und kann künf­tig auch sei­ne eige­nen Rezep­te ver­ste­hen.

In der Haupt­sa­che ging es dar­um, daß die Vor­schrif­ten eines Arz­tes bei der Ver­ab­rei­chung von Medi­ka­men­ten pein­lich beach­tet wer­den, um den Kran­ken nicht zu gefähr­den.

Ach Her­ze­lein! Wenn man den Schwestern­be­ruf bis in alle Fein­hei­ten und bis in alle Pflich­ten hin­ein bedenkt, dann wird man doch tief beein­druckt von der unge­heu­ren Ver­ant­wor­tung, die eine Schwes­ter trägt. Und ich prü­fe mich dann in sol­chen Augen­bli­cken heim­lich, fra­ge mich: könn­test Du das alles zu volls­ter Zufrie­den­heit erfül­len? Es ist kein leich­ter Beruf. Aber man arbei­tet sich wohl in jede Auf­ga­be hin­ein. Wer von Grund auf gewis­sen­haft und sau­ber ist, dem muß es leich­ter fal­len alles, als einem Men­schen[,] der Gewis­sen­haf­tig­keit und Ord­nung schon an sich selbst man­geln läßt. Und dar­um den­ke ich immer wie­der, wie bit­ter­scha­de es ist, wenn Men­schen­kin­der die­sen Beruf ergrei­fen und kön­nen ihn kaum erfül­len, weil sie nicht befä­higt sind dazu. Was treibt heu­te die Mäd­chen dazu, Schwes­ter zu sein? Ehr­lich doch nur das Ver­lan­gen um Män­ner her­um sein zu kön­nen. Und nur weil der Man­gel in die­sem Beruf groß ist, wer­den auch sol­che weni­ger befä­hig­te [sic] ange­nom­men. Der Krieg über­sieht eine man­che Lücke jetzt. Ich möch­te nicht wis­sen, wie gründ­lich in Frie­dens­zei­ten eine sol­che Auf­nah­me­prü­fung aus­fällt!

Ach Her­ze­lein! Man muß alles beden­ken, wenn man zu die­sem Beruf über­wech­seln will. Und ich kann immer wie­der sagen: ich wäre kei­ne idea­le Schwes­ter, weil ich viel zu innig an unse­rem Leben [h]änge, an unser bei­der Geschick, Du! Und einer Sache, die alles for­dert nur mit hal­ben Kräf­ten ent­ge­gen­tre­ten kön­nen, das liegt mir nicht. Das kann auch nicht befrie­di­gen. Den­ke nur an ein Bei­spiel: Hei­di.

Oh Her­ze­lein! Solan­ge ich Dich habe, gehö­re ich Dir ganz, so ganz und mit allen Kräf­ten! Du!!! Was ich jetzt dane­ben an and[e]re abge­be, es ist ja nur Stück­werk, ein Bruch­teil mei­nes Wesens. Der Kern, die Glut mei­nes Wesens, sie ruhen in Dir! So ganz tief in Dei­nem Her­zen, Gelieb­ter! Du!!! Oh! Du hast mich unver­lier­bar fest an Dich gebun­den! Dein bin ich mit Leib und See­le bis in den Tod! Gelieb­ter!! Und ich kann nicht anders, als Dich lie­ben, lie­ben, Du! Mein [Roland]! Ich will Dir immer wie­der sagen, wie glück­lich ich in Dei­ner Lie­be bin! Wie sie mich erfüllt, so ganz! Ach Du mußt es ja spü­ren! Du mußt es wis­sen, Du! Gelieb­ter! Ich bin Dein in Ewig­keit!

An Dir hängt mein gan­zes Leben! Du!! Du!!!

Ich las­se Dich nicht!! Nie nim­mer­mehr! Du!!!!!

Oh – ich fol­ge Dir nach bis ans Ende der Welt! Ich las­se Dich nie mehr allein gehen! Und wenn ich Dir auch nicht leib­lich fol­gen kann – mei­ne Gedan­ken, sie beglei­ten Dich tag­aus tag­ein, wie die Vögel mit mäch­ti­gen Schwin­gen, mit nim­mer­mü­der Kraft fol­ge ich Dir! Du! Oh Herr­gott dro­ben! Behü­te mir mein Liebs­tes!

Mei­nen Schatz in die­ser Welt! Amen.

Gelieb­ter! Ich küs­se Dich soo heiß! Gut[‘] Nacht! In Lie­be alle­zeit Dei­ne [Hil­de].

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Eine Antwort auf „02. Juni 1942“

  1. Gemü­se­wa­ren­mar­ken sind aus. Hil­de und ihre Mut­ter hams­tern auf dem Wochen­markt. Hil­de besucht einen Vor­trag über Medi­ka­men­ten­do­sie­rung.

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