Trug und Schein: Ein Briefwechsel

31. Mai 1942

[420531–1‑1]

Sonn­tag, den 31. Mai 1942

Her­ze­lein! Gelieb­te! Mein herz­lie­bes Schätzelein!

Huch! Ist das eine Hit­ze heu­te! Schla­fen kann man gar nicht zu einem Mit­tags­stünd­chen, die Stie­gen sind zu hoch, wir haben unse­re Net­ze noch nicht gespannt. Ich komm[‘] gleich ein bis­sel zu Dir, da ist es nicht so warm – und wenn es so warm wäre, wür­den wir es uns fein kühl machen! Ach, das ist schon lan­ge her, daß es mir bei mei­nem Wei­berl zu warm gewor­den ist, gelt? Und ich glau­be, damals konn­ten wir es uns noch gar nicht so fein kühl machen wie wir es heu­te könn­ten, Du!!! [Wir] Müss­ten es doch gleich [ein]mal pro­bie­ren – [ich] müss­te gleich mal einen Urlaub dran­wen­den – Du!!! Denkst [Du] auch fein an den Urlaub?! Das Man­ner­li denkt an wei­ter gar­nichts, aber fein behut­sam und lei­se noch!!!

Wo wirst [Du] denn jetzt eben ste­cken? Daß ich Dich fin­den könn­te? Beim Mit­tags­schläf­chen? – Ich glaub[‘], das hält mein lie­bes Frau­chen nur im Urlaub. Beim Schrei­ben? Das schon eher. Jetzt kann es sich doch nun wie­der in jedes Stüb­chen dazu zurück­zie­hen – bei Tage – [es] ist schon bes­ser im Som­mer. Aber wenn wir bei­sam­men sind, mag es auch getrost Win­ter wer­den – dann mag es immer bunt wwech­seln [sic] – des­to bes­ser wird sich uns[e]re treue, bestän­di­ge Lie­be warm abhe­ben! Der Son­nen­schein der Lie­be ist doch auch im Win­ter mäch­tig – und er fin­det das lie­be Her­ze­lein, auch wenn es unterm Pelz steckt. Ob wir ein­an­der doch noch recht sehr lieb­ha­ben müs­sen, wenn wir immer umein­an­der sind? Du! Du!!! Ich denk[‘] schon! Du! Du!!! Ich denk[‘], dann wird das Lie­ben erst recht anhe­ben, wenn wir dann ganz für­ein­an­der ste­hen. Wenn das Man­ner­li ganz allein dann von Dir umsorgt wird, und mein Her­ze­lein ganz in den Schutz des Man­ner­li gege­ben ist – dann hebt doch erst recht die täti­ge Lie­be an. Oh Her­ze­lein! Mit Freu­den den­ke ich an die Zeit. Und Freu­de und Glück­lich­sein wird all unser Schaf­fen ver­gol­den. Dein Man­ner­li lässt sich nicht ver­drie­ßen – ist ein bestän­di­ges, kein lau­ni­sches Man­ner­li, [es] läßt sich so leicht nicht aus dem Gleich­ge­wicht brin­gen – so war es schon frü­her – und nun mit mei­nem Schät­ze­lein? – [es] ist doch nur lau­ter Her­zens­son­nen­schein und Her­zens­ju­bel und ‑selig­keit hin­zu­ge­kom­men – und daß sie aus mei­nen Augen leuch­ten immer zu, dafür bürgt Dei­ne gro­ße, tie­fe Liebe!

Oh Her­ze­lein! Ich glau­be, uns[e]re Sehn­sucht wäre noch schmerz­haf­ter, wenn wir schon hät­ten eine Wei­le mit­ein­an­der leben dür­fen. Noch war unser Lie­ben ein ein­zi­ger Sonn­tag – Fest­tag – ein Besu­chen – und die Zeit uns[e]rer Tren­nung ohne Sonn- u. Fest­ta­ge – daß sie manch­mal ganz unwirk­lich nur erscheint, wie ein Traum, daß es uns manch­mal schwer fällt, sie in uns[e]re Erin­ne­rung her­auf­zu­be­schwö­ren. Ganz anders dann, Her­ze­lein, wenn wir es gar nicht mehr anders ken­nen, als immer­zu umein­an­der zu sein, alles mit­ein­an­der zu erle­ben und zu tei­len – oh Du! wie schwer wäre uns das gewor­den! Wo ich Dich doch ganz ein­neh­men will mit Dei­nem lie­ben Wesen – ach Du! wo ich doch ganz an Dich gewie­sen bin und sein will, ganz in Dei­nem Her­zen mich nur spie­geln will – oh Du! wie wür­dest Du dann mir feh­len. Her­ze­lein, Du! Ein ganz, ganz neu­es Leben fängt doch für mich an – jeden Tag kann ich dann mein Her­ze Dir aus­schüt­ten – oh Du! jeden Tag dann ein­keh­ren bei einem lie­ben Men­schen – [ich] kann zu jeder Stun­de kom­men mit allem was mich bewegt – ach Her­ze­lein! [Ich] kann auch kom­men mit mei­ner Lie­be und Sehn­sucht und Zärt­lich­keit – so wie jetzt in den Boten, dann aber in Wirk­lich­keit! Und so ist auch für Dich der Beginn eines ganz neu­en Lebens. Ich bin doch nun Dei­nes Her­zens Ver­trau­ter. Ein Neu­es, Gan­zes sind wir bei­de, ganz zuein­an­der gewandt in hei­ßer Lie­be, Lie­be, die inni­ger und fes­ter ver­bin­det als zu den Eltern, die ein Neu­es will. Und so war­test auch Du sehn­süch­tig auf den Tag, da Du bei mir Dei­nes Her­zens Ruhe und Hei­mat fin­dest. Ja, Her­ze­lein! Du Lie­be, fei­ne [sic], Herz­al­ler­liebs­te war­test eben­so sehn­süch­tig mein – Du! Du!!! Das zu wis­sen und zu füh­len ist doch mein größ­tes Glück. Gelieb­te! Du sollst ganz glück­lich es beden­ken: Dein [Roland] sucht in unse­rem Bun­de sein Liebs­tes, sein Tiefs­tes, sein Ein­zigs­tes [sic], sei­ne Hei­mat und den Frie­den des Her­zens – Du allein kannst mir Erfül­lung die­ses Seh­nens sein – dar­um lie­be ich Dich solan­ge ich lebe. Und Du, Her­ze­lein? Oh Du! Ich weiß und füh­le es, daß ich Dich glück­lich machen kann, daß Du wie ich nach tie­fem, ech­tem Glü­cke suchst – ach Her­ze­lein, daß Du ganz lieb und traut einem Men­schen Hei­mat sein willst, Erfül­lung, gan­ze Erfül­lung, daß Du so ganz Dich in Lie­be [ver]schenken und ver­schwen­den willst – daß Du ganz auf­ge­hen willst in Dei­nem Gelieb­ten – Kind­lein willst Du mir schen­ken! – die­ser Wunsch, ein­mal hat er mich ver­wun­dert und befrem­det – nun, weiß ich, daß Du nicht lie­ber, nicht deut­li­cher mir Dei­ne tie­fe unend­li­che Lie­be beken­nen konn­test!!! – oh Her­ze­lein! Du liebst mich! Du liebst so tief und dun­kel und schwer wie ich – und dar­um kann ich Dich nicht ver­lie­ren!!! Her­ze­lein! Ich kann Dir Hei­mat sein – ich kann Dich ganz glück­lich machen! Bei mir sollst Du sie fin­den – Du, herz­al­ler­liebs­tes Schät­ze­lein!!! Ich lie­be Dich so sehr! Ich seh­ne mich so sehr, Dein gelieb­tes Wesen so ganz in mich auf­zu­neh­men, Dich ganz gefan­gen zu neh­men, Dich ganz glück­lich zu machen – oh Her­ze­lein! Dich ganz glück­lich zu machen – und unser Glück zu krö­nen mit Dir! Gelieb­te! mit Dir!!! in unse­rem Kind­lein! Seg­ne Gott im Him­mel die­ses Wol­len! Füh­re er uns recht bald zuein­an­der! Schen­ke er mir Kraft und Geduld zu treu­em Ausharren!

Die Uhr geht auf 6 8 . Jetzt wird es zu einem Spa­zier­gang erst ange­nehm. Und wir wol­len uns die Gele­gen­heit nicht ent­ge­hen las­sen. HeutA­bend und oder [sic] mor­gen früh kom­me ich gleich wie­der zu Dir. Der­weil ein ganz lie­bes lan­ges Küß­chen! Du! Du!!!!! !!!!! !!!

Es ist gleich noch heu­te Abend gewor­den – kann ich doch mit dir ganz unge­stört allein­sein [sic]. Spät ist es schon. Gegen ½ 9 Uhr sind wir vom Spa­zier­gang zurück­ge­kehrt. Dann gleich erst noch ein­mal auf den Dach­gar­ten gestie­gen, das Schau­spiel des Wet­ter­leuch­tens zu bewun­dern. Es zie­hen Gewit­ter seit den Abend­stun­den, aber zu uns ist noch kei­nes gekom­men. Zum Spa­zier­gang wähl­ten wir uns die beque­me staub­freie Stra­ße nach Arhe­ki [unle­ser­li­cher Orts­na­me]. Berg­an war es uns zu heiß, ganz lang­sam schlen­dernd sind wir gegan­gen. Die Natur dürs­tet nach Regen – und die­ses Ver­lan­gen wird nie ganz gestillt wer­den. Das ist auch die Trau­rig­keit die­ser Land­schaft. Kame­rad H. blieb daheim. Er woll­te abends ins Kino gehen. [Ich] Weiß nicht recht, war­um er manch­mal so aus der Rei­he tanzt. Viel­leicht hat er auch Sor­gen um das Kind­lein, das nun wohl im Juni kom­men soll. Aber ich kann ihm die Sor­gen nicht recht anse­hen. Ich glau­be, er will zu dem Ereig­nis auch sel­ber gar nicht heim­fah­ren, lie­ber nach­her. Du! Her­ze­lein! Das könn­te ich nicht! Oh Du! Ich müß­te bei Dir sein, Dir ganz nahe in den schwers­ten Stun­den! Oh Her­ze­lein! Du soll­test nicht ver­geb­lich nach Dei­nem Man­ner­li aus­schau­en oder rufen müs­sen – [Du] soll­test mich Dir ganz nahe wis­sen, Dir ganz eins – [Du] soll­test so nah mich füh­lend als Dei­ne Gedan­ken und Dei­ne Kraft auf die Stun­de wen­den kön­nen! Oh Gelieb­te! Bist Du noch immer mit mir eins in dem Wunsch, daß unser Kind­lein im Schoß uns[e]res Nes­tes und des Frie­dens gebo­ren wer­den möch­te? Oh Du! Lie­bes, liebs­tes Weib! Ich habe Dich sooo lieb! Ich hän­ge sooo an Dir!!! Ich möch­te Dich über­all­hin sooo lieb begleiten!

Nun will ich mich schla­fen legen. Es ist noch furcht­bar schwül in allen Zim­mern. Her­ze­lein, ich bin noch nicht dazu gekom­men, den Brief an die lie­ben Eltern zu schrei­ben. In Vaters Päck­chen, das ich ges­tern abschick­te, habe ich Sieg­frieds Kis­sen gelegt. [Du] Magst es ihm schen­ken oder schi­cken in sei­nem Urlaub von uns.
Behüt[‘] Dich Gott! Her­ze­lein! Er sei mit Dir auf allen Wegen! Du! Her­ze­lein! Ich glau­be an Dei­ne Lie­be, an unser Glück! Wir wer­den es hegen und treu bewah­ren! Oh Du! Ich hal­te Dich ganz fest! Ich ber­ge mich ganz tief in Dei­nem lie­ben Her­zen! Ich las­se Dich nicht!!! Ich küße Dich her­zin­nig – Du!!! Ich lie­be Dich über alles! Du! Du!!! In ewi­ger Lie­be und Treue Dein [Roland]. Dein glück­li­ches Mannerli

Plea­se fol­low and like us:
31. Mai 1942

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Nach oben scrollen