Trug und Schein: Ein Briefwechsel

26. Mai 1942

[420526–1‑1]

Diens­tag, den 26. Mai 1942

Her­ze­lein! Gelieb­te! Mei­ne lie­be, liebs­te [Hil­di]!

Hältst Du wohl heu­te die­sen Fei­er­tag? Bei uns gibt es das wohl ein­mal, gelt? Kuchen ist noch übrig – Feri­en sind noch, die Fest­gäs­te womög­lich abge­zo­gen – dann ist drit­ter Fei­er­tag ganz beson­de­rer Art, gelt?

Du! Scheu­ern laß ich Dich da nicht schon wie­der – oder häkeln, oder stri­cken. Ob wir einen Tag auch mal rich­tig fau­len­zen kön­nen? Ich trau es mei­nem Wei­berl schon zu! Du weißt, dem trau ich doch über­haupt aller­lei zu – alles, was d man dem herz­al­ler­liebs­ten Wei­berl zutrau­en kann. Wie so ein ganz fau­ler Tag aus­se­hen wird? Im Bett­lein lie­gen bis um 9 Uhr oder län­ger — und dann Auf­ste­hen – und dann alles fein gemeinsam gelt? Kaf­fee­trin­ken – ein Spa­zier­gang, oder gemein­sa­mes Klar­vier­spiel [sic] od. Lesen – Küchen­dienst – Mit­tags­stun­de – Kaf­fee­stun­de – Aus­gang oder Aus­fahrt – Däm­mer­stun­de usw. Gefällt Dir das Pro­gramm? Kann auch mein lie­bes Frau­chen sei­ne Wün­sche mit drauf­set­zen – aber muß alles fein gemein­sein sein – Du! Magst Du das wohl gern?

Man­che Frau­en kön­nen doch mit ihren Män­nern gar nicht rich­tig Feri­en hal­ten, weil sie nicht fau­len­zen kön­nen ein­mal, und wenn sie mit dem Man­ner­li kei­ne gemein­sa­men Inter­es­sen haben. Ach Du! Dar­um bin ich gar nicht ban­ge! Ich gehe Dir dann eben nicht mehr von der Pel­le – und wenn ich mit Dir scheu­ern und häkeln muß – so ein paar ganz gemein­sa­me Tage wol­len wir doch haben im Jah­re. — Du! Du!!! Du!!!!!

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Film-Pos­ter 1941, Autor und Rech­te unbe­kannt; hoch­ge­la­den über wikipedia.com (05/2020) als Fair-use-Nut­ze­rin.
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Das Pfingt­fest beschloß das Man­ner­li mit einem klei­nen Abend­bum­mel und einem Kino­be­such. Viel­leicht kennst Du den Film? “Kla­ris­sa“, mit Syibil­le Schmitz und Gus­tav Fröh­lich. Umwelt: Bank­haus Feh­ren­bach in Ber­lin. Kla­ris­sa, aus bes­se­ren Krei­sen stam­mend, Che­fin eines Depots, Herr Lutz Bräu­ners­dorf Ange­stell­ter. Der Film schil­dert nun die Lie­be des Herrn Bräu­ners­dorf zu Kla­ris­sa von Reck­witz, das Ent­ste­hen die­ser Lie­be, die Wider­stän­de, Men­schen­schick­sa­le, die sich kreu­zen, Schick­sals­li­ni­en, die sich über­schnei­den und dar­aus her­vor­ge­hend doch die Lie­be der bei­den und deren ers­te Erpro­bung. Die Film­hand­lung ein schö­ner Vor­wurf zu einem tie­fen, fein­sin­ni­gen Film: die her­be, sprö­de, stren­ge Kla­ris­sa erlebt den Son­nen­schein der Lie­be. Aber die Durch­füh­rung und Gestal­tung läßt doch Wün­sche offen, ja, ich emp­fand etwas wie einen Bruch, eine Unmög­lich­keit in die­sem Film. Die lag ein­mal im Spiel der Dar­stel­ler: Sybil­le Schmitz schaut zu ernst und trau­rig drein, den Son­nen­schein der Lie­be glaub­te ich ihr nicht. Sie ist wohl schon etwas alt – sie hat auch einen häß­lich brei­ten Mund — und Gus­tav Fröh­lich zeig­te sich in sei­nem Lie­ben nur polt­rig, zudring­lich ^auf­ge­räumt, kein biß­chen schwär­me­risch – ich glau­be auch ihm nicht, daß er die­se Schat­ten­blu­me Kla­ris­sa recht lieb­te ^und gewann. Also, die­se bei­den Dar­stel­ler ver­kör­per­ten nicht ganz glück­lich die Rol­le, die ihnen zuge­dacht war – und das Film­buch sel­ber war nicht fein­sin­nig genug; denn ein recht fein adli­ges Fräu­lein von der Hal­tung der Kla­ris­sa hät­te sich von der plum­pen Zudring­lich­keit des Lutz wohl eben­so viel ver­letzt gefühlt wie ange­zo­gen. Ja, gelt Her­ze­lein, davon ver­ste­hen wir nun bei­de auch etwas – oder ver­ste­hen davon erst nun recht nichts mehr – weil wir nur wis­sen, wie uns ums Her­ze war, als wir lie­ben lern­ten. Anders war doch die Geschich­te uns­rer Lie­be. Das zu beden­ken, reg­te mich der Film an, und des­halb war er doch kei­ne Nie­te. Ach Gelieb­te! Dar­über sich Rechen­schaft zu geben ist doch so schwer und ist sich-sel­ber-quä­len. Nur eines beweg­te mich tie­fer: ob Du denn auch recht glück­lich der Zeit uns­rer wer­den­den Lie­be den­ken kannst? Ob Du Dein Man­ner­li recht ver­stan­den hast? Ob Du gefühlt hast von Anbe­ginn, daß in Dei­nen [Roland] auch ein Feu­er loder­te?

Oh Gelieb­te! Gelieb­te! Du hast Dein Man­ner­li nur an den Tagen gese­hen, den sel­te­nen, da wir ein­an­der begeg­ne­ten. Du hast mich nicht in mei­nem All­tag gese­hen.

Oh Her­ze­lein! Du hast es höchs­tens füh­len kön­nen, wie in mir auch das Her­ze schlug. Oh Du! Oh Du!!!

Her­ze­lein, Du! Du!!! Du kennst mich und weißt, daß es dem tiefs­ten Emp­fin­den, dem Her­zens­ju­bel an Aus­druck gebricht. Aber so, wie Du mei­ne Lie­be fühlst jetzt, so mußt Du auch mein Ver­liebt­sein gefühlt haben.

Du! Du!!! Ein ganz ver­lieb­tes Man­ner­li hat­test Du doch an Dei­ner Sei­te — und hast es noch! – ganz sinn­lich ver­liebt, mußt ihm nur recht tief in die Augen schau­en, ins Her­ze – Du!!! Oh Gelieb­te! Was braus­te und wog­te in mir, als ich Dir nach R. ent­ge­gen­kam – Her­ze­lein, Du!!!!! Oh Du! Soviel Lie­bes­be­reit­schaft – Auf­stand und Auf­ruhr des Her­zens! Und dann bei all uns­ren Begeg­nun­gen! Du weißt es noch, wie das Man­ner­li sei­ne Bewe­gung hin­ter Wor­te ver­steckt, in Wor­ten bald erstickt hat. Und wie es in Dei­nem Her­zen aus­schau­te – ach, das Man­ner­li konn­te es doch auch nur ahnen und unmög­lich ganz ver­ste­hen – es lieb­te doch zum ers­ten­mal. Und soviel drän­gen­de Lie­be auf ein­mal – sie konn­te erst nach und nach einen Weg, ein Bett fin­den – und dazu konn­ten wir uns nur so sel­ten sehen!

Ach ja, Gelieb­te – soviel Lie­bes­be­reit­schaft – soviel Lie­bes­sehn­sucht – so viel Lie­ben­wol­len bei Dir und mir – und doch muß­ten wir ein­an­der erst die Her­zen ent­de­cken und aus­brei­ten, die Herz­käm­mer­lein alle auf­tun, der Lie­bes­glut die Bah­nen und Adern öff­nen; denn lie­ben woll­te ich und konn­te ich nur aus der Tie­fe des Her­zens – in Dei­nem Her­zen, in Dei­nem Wesen muß­te ich mei­ne Lie­be ver­an­kern, oh Du! Ganz tief ganz tief hin­ein soll­ten die Wür­zel­chen trei­ben in Dein Herz, ^soll­te ganz tief hin­ein sich ergie­ßen der Lie­be Glut. Oh Herz­lein! Mit Leib und See­le woll­te ich Dich, woll­te Dich ganz, woll­te Dir ver­eint sein mit Leib und See­le, ganz tief und innig – oh Gelieb­te! Gelieb­te! Weißt Du es noch, wie wir damals um Kraft und Geduld gebe­tet haben – daß wir ein­an­der treu still hiel­ten?

Oh Du! Wenn ich es beden­ke – es hat nicht anders gehen kön­nen, es hat so gehen müs­sen. Und es war eine so rei­che Zeit – oh ja, Gelieb­te – eine sooo rei­che Zeit, die reichs­te mei­nes Lebens ist damals ange­bro­chen. Oh Herz­lein! Und wenn sie äußer­lich nicht dra­ma­tisch war – so hat sie mich inner­lich doch lei­den­schaft­lich bewegt – Gelieb­te! Als ich das ers­te­mal an dei­ner Sei­te schrei­ten durf­te! Als Du das ers­te­mal in mei­ner Woh­nung weil­test! Herz­lein! Als wir das ers­te­mal uns lie­bend umfaingen und uns­re Nähe fühl­ten! Oh Her­ze­lein! Das wird ewig im Her­zen leben – das fand nie den Weg über die Lip­pen und wird ihn nie fin­den wie alles tie­fe Erle­ben – aber es brennt in unse­ren Her­zen, der Lie­be Glut!!!

Oh Her­ze­lein! Und wenn ich Dir manch­mal mit tie­fer Scheu begeg­ne­te – es war lau­ter Zärt­lich­keit und Ver­eh­rung und Lie­be auch. Oh, Du hast mich ganz lieb ver­stan­den! Du hast so viel Geduld gehabt mit Dei­nem Man­ner­li! Hast ihm Dein Herz ganz auf­ge­tan und es Woh­nung neh­men las­sen dar­in! Und bist mir so lieb, sooo leis gefolgt in die ver­zweig­ten Wege mei­nes älte­ren, kom­pli­zier­te­ren Her­zens bis zum letz­ten Herz­käm­mer­lein, in dem die Lie­be wohnt – Du!!! Du!!!!! Mei­ne [Hil­de]! Du hast mich so unend­lich lieb gehabt – hast Dir mei­ne Lie­be erobert – hast sie nun ganz – und hast mich sooooooooooooo glück­lich gemacht – hast mei­ne Lie­be befreit, hast sie ent­bun­den!!! – Her­ze­lein, nun ist ein Wogen and Strö­men der Lie­be von Dir zu mir, von mir zu Dir, ist ein Ver­bun­den­sein über alles Ver­ste­hen, Ver­bun­den­sein der Her­zen – Lie­be!!!

Her­ze­lein! Mei­ne [Hil­de]! Ich lie­be Dich! oh Gelieb­te! Habe ich es Dir schon recht aus tiefs­tem, beweg­tem, dank­ba­rem Her­zen bekannt?

Ich kann mich in mei­nen Wor­ten und Gedan­ken dazu nur wie­der­ho­len. Herz­lieb! Du kennst das Lied, das bes­ser als Wor­te es ver­mö­gen, dem Her­zens­dran­ge Aus­druck zu geben. Ich kann­te es schon, ehe ich Dich kann­te – kann­te all die Lie­der und lieb­te sie, weil sie allem tiefs­ten Lie­bes­seh­nen Aus­druck ver­lei­hen – erfüllt ist all dies Seh­nen, da ward der Traum zur Wirk­lich­keit – durch Dich! durch Dich! Gelieb­te!

Und ich weiß auch Dich ganz glück­lich – und hal­te mit Dir die Hän­de zur Bit­te: Gott, im Him­mel! Seg­ne Du und erhal­te uns die­se Lie­be!

Zwei lie­be, lie­be Boten sind zu mir gekom­men vom Mitt­woch und Don­ners­tag. Soviel Freu­de ist auch bei Dir ein­ge­kehrt wie bei mir. Die gute Bot­schaft von Sieg­frieds Heim­kehr! Das Bild­ge­schenk der lie­ben Eltern. Oh Herz­lein! Wie­viel Freu­de wider­fährt uns immer wie­der täg­lich! Ganz dank­bar wol­len wir dar­um sein! Und all mei­ne Freu­de hier bist Du doch – Her­zens­schät­ze­lein! Und glück­lich bin ich dar­um, daß ich Dir Freu­de brin­gen kann! Ach, daß ich Dein lie­bes Leben erhel­len und durch­son­nen kann! Du! Wie sooo glück­lich macht mich das! Dein Son­nen­schein möch­te ich sein und blei­ben! Dein Her­zens­son­nen­schein! Du! Er kann sich doch am innigs­ten und liebs­ten an Dich schmie­gen, Dich ganz lieb umfan­gen – und Du mußt ihm Dein Her­ze öff­nen.

Oh ja, Gelieb­te! Dein ist mei­ne See­le, Dir in Lie­be und Treue erge­ben! Und Du, mein Her­zens­son­nen­schein? Mein Glück, Du? Mein lie­bes, treu­es Weib! Ob ich auch recht erken­ne, wie Dein gan­zes Sein und Leben und Lie­ben sich mir zuneigt? Ob ich Dein Lie­ben recht ermes­se? Oh! Laß Dir jeden mei­ner Boten Zeu­gen sein und Dank! Her­ze­lein! Mein Leben­lang bin ich in Dei­ner Schuld! Oh Gelieb­te! Wäre ich doch so reich wie Du!, könn­te ich so, wie Du es kannst, beschen­ken, mich so ganz hin­ge­ben! – so tief Dich auf­neh­men! – so sicht­bar Dir mein Leben wei­hen! – oh Her­ze­lein! hät­te ich so hohe Gunst! könn­te ich so Dich ber­gen, so müt­ter­lich, wie Du es kannst! Du bist mein Weib! Mein liebs­tes, bes­tes, ein­zi­ger Weib! Oh Gelieb­te! Gott sei immer mit Dir! Er beschüt­ze Dich mir! Er schen­ke mir die rech­te Her­zens­kraft – Dich recht innig zu lie­ben – Dir zu dan­ken mit mei­ner Lie­be!

Ich will nun schla­fen gehen, Her­ze­lein! Es ist spät gewor­den. Und die Nacht ist kurz. Mor­gen ist die Woche schon wie­der halb. Wie schnell die Zeit ver­rinnt. Und soviel Gutes hat sie gebracht! Was sie uns denn in ihrem Scho­ße auf­be­wahrt? Oh Du! Du!! Solan­ge ich lebe und lie­be, glau­be und hof­fe ich mit Dir – blei­be Dir treu! Es wird alles zu unse­rem Bes­ten wer­den! Oh Herz­lein! Wir wol­len ein­an­der nur ganz lieb fest­hal­ten in Lie­be und Glau­ben – dann wird Got­tes Segen mit uns sein!

Ich bin so froh und glück­lich in Dei­ner Lie­be!

Ich den­ke immer Dein! Ich habe Dich so lieb, sooooo lieb!

Ich küs­se Dich her­zin­nig­lich! Ich hal­te Dich ganz fest; sooo fest!

Ewig Dein [Roland]! Ganz Dein!!!

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26. Mai 1942

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