25. Mai 1942

Vik­tor de Kowa und Lau­ra Sola­ri in “Die Sache mit Styx”, deut­sche Spiel­film, 1942. Foto: Eugen Kla­ge­mann — © Tobis Film­kunst. Über IMDb, 09.2018.

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Am 2. Pfingst­fei­er­tag 1942.

Mein lie­bes gutes Her­ze­lein! Du!! Gelieb­ter!! Mein [Roland]!

[Du] Wirst Dich wun­dern, daß das Geschrie­be­ne aus Blei­stift ist? Ich sit­ze unten im Gar­ten im Lie­ge­stuhl, die Bei­ne hoch­ge­zo­gen und auf mei­nen Kni­en liegt der Schrei­be­block, auf den ich mein Brief­lein an Dich schrei­ben will. Ob ich es am Abend noch­mal mit Tin­te abschrei­be? Ach Du! [Du] wirst es schon auch so lesen kön­nen, gelt? Und ich will doch lie­ber die Zeit, die ich zum Abschrei­ben brauch­te, ver­wen­den, um noch ein bis­sel län­ger mit mei­nem Her­ze­lein zu reden. Du!!!

Ach Her­ze­lein! So ganz lieb möch­te ich [D]ich doch haben, sooo ganz sehr lieb! Schätz­lein Du! Ich bin doch heu­te wie­der ganz gesund, Du!! Du!!! Und nun ist mei­ne Sehn­sucht soo groß nach Dir, Gelieb­ter! Im Gar­ten sit­ze ich, zu mei­nen Füßen die Mut­ter, sie strickt. Der Vater hat ja heu­te schon wie­der Dienst.

So ganz schön ist es heu­te nicht drau­ßen. Oft wird die Son­ne von Wol­ken bedeckt, die der Wind unauf­halt­sam von West nach Ost fegt. Ja, wir haben kei­ne gute Luft, sie kommt aus dem Wet­ter­win­kel. Wer weiß wie lan­ge noch, dann reg­net es wie­der. Aber wir nüt­zen die Zeit, wochen­tags kann ich mir’s hier unten im Gar­ten sowie­so nicht so bequem machen, ohne den Neid der ander[e]n zu erwe­cken. Und das will ich um jeden Preis ver­mei­den. Am Mor­gen haben wir doch wahr­haf­tig bis um 9 [Uhr] geschla­fen! Mutsch hat sich noch­mal hin­ge­legt, als Papa fort­ging. Gan­ze 12 Stun­den habe ich somit in die­ser Nacht geschla­fen, Herz­lieb! Und so tief und fest! Ich habe heu­te ganz fein aus­ge­schla­fen. [Ich] Bin doch immer noch Dein Mur­mel­tier­chen! Die Post hält heu­te auch [ein]mal Fei­er­tag, es ist nichts ange­kom­men. Nun haben wir zwei Frau­ens­leu­te unse­re Häus­lich­keit instand gerich­tet, haben das Essen gekocht und [he]rumgekramt. Mut­ter hat neue Ver­dun­ke­lun­gen ange­macht im Haus und in der klei­nen Küche. Ich setz­te für die Giro­kas­se in Bad S. ein Schrei­ben auf, damit sie nach den Fei­er­ta­gen gleich hören von mir.

Und dann haben wir Mit­tag gehal­ten, die Mutsch brach­te dem Vater das Essen hin. Das ist unser 2. Fei­er­tag, heu­te abend kommt viel­leicht Ilse S. [ein]mal zu uns. Und wenn Papa nicht zu müde ist, dann wol­len wir noch ein Rin­gel [hier: eine Run­de] gehen. Ach Her­ze­lein! Nun höre erst [ein]mal, wie unser ers­ter Fei­er­tag ver­lief. Mor­gens ½ 9 [Uhr] gemein­sa­mer Kaf­fee bei Kriegsasch­ku­chen und Radio­mu­sik. Frei­lich war unser Hubo auch mit dabei!! Auf dem Radio stand er und schau­te aus sei­nem lie­ben Gesich­tel [:Gesicht­chen] zu uns her. Ach, ich hab[‘] ihm vie­le­mals [sic] so lieb zuge­nickt und mit den Augen zu ihm gere­det, Du! Und fast war es doch, als wärest Du rich­tig bei mir gewe­sen, mein Schätz­lein, Du! Dann muß­te ich zur Kir­che gehen, auf dem Wege begeg­ne­te ich der Brief­trä­ge­rin und sie gab mir mei­ne Post. Einen Brief vom Herz­lieb, einen von Elfrie­de und eine Kar­te von Ger­trud G. Sie läßt auch Dich schön grü­ßen! In Wan­de­r­up [b. Flens­burg] ist sie jetzt, in einem neu­en [Reichsarbeitsdienst-]Lager und es gefällt ihr gar­nicht gut. Ach glaubst, die G.s haben Sor­gen jetzt: Er ist in Ruß­land, das Mädel weit fort. Sie ist zuhaus[‘], und eben ist sie im Begriff, sich ope­rie­ren zu las­sen. Ich habe es von Trudi’s [sic] Freun­din erfah­ren. Sie will ihren Ange­hö­ri­gen gar­nichts davon sagen. Eine böse Darm­sa­che hat Frau G. Und Tru­di hat ihrer Freun­din geschrie­ben, daß sie ihre Mut­ter an ihrem Geburts­tag, am 6. Juni mit ihrem Urlaubs­be­such über­ra­schen will, sie soll es aber ihrer Mut­ter nicht ver­ra­ten. Und Frau G. bat wie­der die Freun­din, nichts von der Ope­ra­ti­on zu schrei­ben. Ich sehe schon kom­men, wenn Frau G. im Kran­ken­haus liegt, wird Tru­di heim­kom­men. Wie wird sie da erschre­cken, die Ärms­te. Das ist unrecht von Frau G., wenn sie so etwas ver­heim­licht; den­ke nur Her­ze­lein! Wenn die Ope­ra­ti­on miß­lingt! Nicht aus­zu­den­ken, die­ses Unheil, bei­de – der Mann und die Toch­ter ahnungs­los. Ja – was kön­nen wir dazu sagen. –

Her­ze­lein! Auch Elfrie­de schrieb mir. Eine lie­be Kar­te und erzähl­te mir vom schö­nen Urlau­ber­ur­laub. Und am liebs­ten war mir doch der Brief vom Her­ze­lein! Von mei­nem, lie­ben guten Her­ze­lein, Du!!! Ach Schät­ze­lein! Du bist doch das aller­liebs­te Man­ner­li auf der Welt! Ach Du!! Du!!! Gelieb­ter!!! Wenn Du so lieb zu mir kommst in Dei­nen Boten, dann emp­fin­de ich doch soo tief beglückt unser trau­tes Glück. Oh Du! Unser kost­ba­res Glück innigs­ten Ver­ste­hens und Eins­seins. Es gleicht kei­nem mehr, kei­nem ande­ren, das ich ken­ne. So ein­ma­lig ist unser Glück, unser Lie­ben, Her­ze­lein! Wie eben uns[e]re Lie­be zuein­an­der nur ein­mal bestehen kann. Oh Du!!! Laß es uns hüten, unser Klein­od, wie unser Leben! Her­ze­lein!! Es ist das Herz­liebs­te, was uns in die­sem Leben beschie­den sein kann. Rei­ne, treue Lie­be, Du!!!

Ach Gelieb­ter mein! Du weißt: nim­mer­mehr kann ich Dir untreu wer­den! Nim­mer­mehr! Mein Herz ist Dein, solang ein Atem in mir ist. Dir gehö­re ich mit allem, was ich bin und habe. Oh Du! Ich lebe nur noch in Dei­ner Lie­be!

Her­ze­lein! Ich habe es ges­tern wie­der so deut­lich gespürt, wie eng ich Dir ver­bun­den bin, Gelieb­ter! Ja, laß Dir erzäh­len. Als wir über dem Mit­tag­essen saßen, über­leg­ten wir, wie der Tag wohl ver­lau­fen soll­te. Präch­tig war das Wet­ter nicht, aber es ver­sprach, durch­zu­hal­ten. Und der Vater woll­te schon ger­ne [ein]mal unter Men­schen, mal and[e]re Bil­der sehen, weil er nur den einen Fei­er­tag hat­te. Und ich moch­te nicht dage­gen sein, wenn ich auch viel lie­ber den Tag mit Dir ver­bracht hät­te zuhaus[‘], Liebs­ter. So wur­de denn beschlos­sen, nach Chem­nitz zu fah­ren mit dem Zug […] . Die Schir­me, die wir mit­nah­men zur Vor­sicht, sie tra­ten auch bald in Tätig­keit. Es reg­ne­te, als wir in der Stadt anka­men. Vie­le Men­schen waren unter­wegs und zeig­ten fro­he Gesich­ter. In der Mehr­zahl sind es Frau­en und Mäd­chen, denen man begeg­net. Män­ner gibt es weni­ge hier, sie sind sicher alle im Krie­ge. Zu M.s führ­te uns der Weg. Und als wir hin­ka­men, fan­den wir ver­schlos­se­ne Türen! Tja – wer unan­ge­mel­det kommt, der muß damit rech­nen! Im Hau­se erfuh­ren wir, daß sie schon am Mor­gen nach Burk­hardts­dorf gefah­ren sind. Onkel’s [sic] Bekann­ter hat dort ein Land­haus. Er ist Flei­scher von Beruf! Was nun? Wir setz­ten uns wie­der in Bewe­gung stadt­wärts. Wir woll­ten ein wenig durch die Stra­ßen bum­meln, die Schau­fens­ter bese­hen und ein­mal ein­keh­ren. Das Wet­ter war nicht schön zum umherlaufen[sic], in ein Lokal zu set­zen war[‘]s uns zu früh am Tage; so gin­gen wir dar­auf aus einen Film uns anzuschau[e]n. Vater hat­te Lust dazu, wir Frau­en hat­ten ja erst am Sonn­abend einen gese­hen! Gut, gin­gen wir ins Kino „Ritt­meis­ter Stix“ [genau­er: „Die Sache mit Styx”]. Es war ein guter Kri­mi­nal­film.

Gast­spiel des Ber­li­ner Schil­ler-Thea­ters im besetz­ten Frank­reich. Nach einer Auf­füh­rung im Gespräch v.l.n.r.: der NS — Reichs­or­ga­ni­sa­ti­ons­lei­ter Dr. Ley, Schil­ler-Thea­ter-Inten­dant Hein­rich Geor­ge und Schau­spie­le­rin Gise­la Uhlen. Janu­ar 1941. All­ge­mei­ner Deut­scher Nach­rich­ten­dienst — Zen­tral­bild, DBa, Bild 183-R1213-0502 / CC-BY-SA 3.0. Über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2018.

Doch der Film „Schick­sal“ mit Hein­rich Geor­ge war mir lie­ber gewe­sen. Er war voll Tie­fe und voll Sinn. Her­ze­lein! Magst [Du] ihn Dir anschau­en, wenn er zu Euch kommt. Er ist es wert. Die­ser Geor­ge spielt groß­ar­tig, er kann den Zuschau­er fes­seln. Dar­aus, wie unser 1. Fei­er­tag ver­lief kannst Du sehen, Her­ze­lein, daß es ein wenig schief aus­ging! Na, wir trös­te­ten ein­an­der auf einen gemüt­li­chen Abend daheim. Denn daheim ist’s doch immer wie­der am schöns­ten, man sieht es erst recht ein, wenn man drau­ßen irgend­wo sitzt. Das Dum­me war, daß kein Zug nach­hau­se fuhr, am gan­zen Nach­mit­tag kei­ner. Bis […]  muß­ten wir war­ten. Das ist der ers­te und letz­te sonn­tags. So sind wir noch ein­mal in die Erz­ge­birgs­schän­ke ein­ge­kehrt, in der Nähe des Haupt­bahn­ho­fes. Es war viel Betrieb da, Musik und Spaß.

Aber ich wur­de doch gar­nicht warm da, Her­ze­lein, ich mag das Her­um­sit­zen in sol­chen Loka­len nicht. Und mei­ne Gedan­ken gin­gen so oft zu Dir! Ach Her­ze­lein! Wenn man mit den Eltern aus­geht als Mäd­chen, dann fliegt man­cher Blick zu einem hin von Män­nern, abwä­gend und abschät­zend, so emp­fin­de ich. Und sie mögen doch mei­net­hal­ben alle­samt den­ken, daß ich von den Eltern aus­ge­führt wer­de, um einen Mann zu bekom­men. Ach Du!! Du!!! Mein Herz ist doch längst nicht mehr frei!! Längst nicht mehr frei!!! Du!!! Und ich bin sooo über­glück­lich, daß es doch nur dem einen gehört, den ich von Her­zen lie­be! Ach Her­ze­lein! Ich bin so ganz glück­lich in Dei­ner Lie­be! Und ich weiß bese­ligt, daß sie mich aus­füllt bis auf mei­nes Her­zens Grund! Du!!! Du!!!!!

Als wir heim­kehr­ten aus Chem­nitz, hiel­ten wir noch ein gemüt­li­ches Abend­brot zu drei­en, saßen ein Weil­chen noch bei­sam­men und such­ten alle [Nord­hoffs] zusam­men in Gedan­ken. Dann sind wir zu Bett. Es ging schon auf Mit­ter­nacht, ich habe doch erst noch ein Weil­chen in Dei­nen lie­ben Boten gele­sen, mein Gold­her­ze­lein! Ach Du! Soo froh bin ich mit Dir uns[e]res gro­ßen Glü­ckes! Du! Her­ze­lein!

Ach lie­ber [Roland]! Jetzt hat uns gleich die Ilse S. über­fal­len, nun muß ich erst [ein]mal Schluß machen, Du! Sonst guckt sie mir womög­lich über die Schul­ter, Du!!! Sie braucht doch nicht zu sehen, wie sooo lieb ich Dich habe, gelt?

Nur Du mußt es sehen, Her­ze­lein! Du!!!

So sei denn für heu­te von gan­zem Her­zen lieb geküßt und gegrüßt mein Her­zens­man­ner­li! Du! Ich habe Dich doch ganz sehr lieb! Ich bin Dir sooo nahe, Du! Von allen bei­den Frau­en vie­le herz­li­che Grü­ße! Beson­ders innig aber grüßt Dich Dei­ne glück­li­che [Hil­de].

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