21. Mai 1942

[420521–1‑1]

[Salo­ni­ki] Mitt­woch, den 20. Mai 1942

Her­ze­lein! Gelieb­te! Mein lie­bes, teu­res Weib!

Heu­te ist es doch schon spät, da ich zu Dir kom­me. Die Kame­ra­den K. und H. sind im Varie­té. Mit den Kame­ra­den He. und Schr. habe ich noch lan­ge am Tische geses­sen und mich mit ihnen unter­hal­ten über die Stel­lung des Chris­ten­tums zum neu­en Staat. Wir kom­men in unse­ren Ansich­ten und Mei­nun­gen ganz über­ein und sind auch alle der Hoff­nung, daß es nach die­sem Krie­ge auch zu einer Befrie­dung im Inner[e]n kom­men wird. Du kannst Dir den­ken, daß ich mich gern ein­mal so unter­hal­te – mit K. und H. konn­te ich das nicht, sie haben zu die­sen Fra­gen kei­ne Stel­lung, sie ken­nen die­se Fra­gen gar nicht.

Ein hei­ßer Tag war heu­te, und noch als Nackt­frö­scheln [sic] haben wir bei der Gesund­heits­be­sich­ti­gung geschwitzt. Puh – wenn das erst Juli-August wird – muß ich gleich mal auf Urlaub kom­men, daheim ist’s nicht so heiß.

Heu­te muß­te der klei­ne Z. mit noch einem ande­ren Kame­ra­den abrei­sen. Er tat mir leid. So ein Jun­gel­chen, hier in der Frem­de so allein umher­ge­scho­ben. Er ist doch fast noch ein Jun­ge, auch noch unver­dor­ben, zum Eltern­hau­se hal­tend. Es ist schlimm.

[Du] Fragst in einem Dei­ner Boten, wie ich hät­te zie­hen müs­sen.

Mit Sack und Pack wie zum Abschied für immer. See­sack, Kof­fer, Brie­fe, Stie­fel­ein, [es] muß­te alles mit. Ein[e] ganz schö­ne Packe­rei, vor der einem grau­en kann. Ja, und auch die Stie­fel­ein [maß­an­ge­fer­tig­te Stie­fel für Hil­de] sind trotz­dem Stie­fel­ein, sooo zier­lich gegen Man­ner­lis Kno­bel­be­cher, wie die Land­ser sagen.

So, wie Du Dir es aus­malst, so hät­ten wir doch Abschied genom­men von der Stadt, die uns immer­hin über ein Jahr­lang [sic] her­berg­te. Auf die Ber­ge wären wir gestie­gen wie schon so oft, um das groß­ar­ti­ge Bild noch ein­mal uns ein­zu­prä­gen. Her­ze­lein! Wenn wir dann spä­ter ein­mal in König­stein woh­nen, und der Schnell­zug kommt gebraust, dann wird das Man­ner­li aus­schau­en nach dem Athe­ner Wagen wie schon frü­her und wird sagen, ich ken­ne sei­nen Weg. Ja, ich habe ihm wohl zu oft nach­ge­schaut und ihn in Gedan­ken ver­folgt – und nun weiß ich den Weg, den er neh­men muß. Oh Her­ze­lein! Es ist so gut und tröst­lich, sich an einem Weg woh­nen zu wis­sen [sic]. Wir haben es hier so gut.

Nun berich­ten die Zei­tun­gen wie­der von Schlach­ten und Sie­gen, von neu­en furcht­ba­ren Waf­fen auch – nicht von den eige­nen Opfern. Oh möch­te doch all das wenigs­tens zu einem guten Ende, zu einem guten Frie­den füh­ren!

Wenn Dich die­ser Bote erreicht, ist das lie­be Pfingst­fest schon wie­der vor­bei. Zu Hau­se ist ein Ban­gen um die­se Tage, in der Frau­en­welt nicht zuletzt dar­um, ob man denn die Som­mer­klei­der schon aus­füh­ren kann. So lan­ge und zögernd der Früh­ling auch hier kam, nun ist für hei­mat­li­che Begrif­fe schon wie­der Som­mer – kaum ein Über­gang, nichts von dem beglü­cken­den Wer­den. Zu den Fei­er­ta­gen tun sich wie­der die Frei­luft­ki­nos auf. Nun ist es für 4  Mona­te rich­ti­ger Som­mer.

Man­che Kame­ra­den haben schon flei­ßig son­nen­ge­ba­det. Dein Man­ner­li ist noch ganz weiß. Ich mag mich der Son­ne nicht aus­set­zen. Die grie­chi­schen Frau­ens­leu­te weh­ren die Son­ne auch ab, mit der Hand­ta­sche, mit dem Schirm, mit einem Schlei­er vorm Gesicht – viel­leicht nur aus Eitel­keit.

Nun heißt es auch, sich wie­der in Acht neh­men vor der Erkäl­tung des Magens. Ich lege nachts die Leib­bin­de an. Bald wer­den wir auch die Mos­ki­to­net­ze wie­der über die Kojen span­nen. Man kann schon sagen, daß die Mari­ne für ihre Sol­da­ten gut vor­sorgt. Wir haben ja die Augen auf­ge­ris­sen, als die Land­ser uns[e]re Vil­la am Meer bezo­gen. Wie gering war deren Aus­stat­tung! Stei­fe Holzprit­schen ohne Matrat­zen. Bett­wä­sche ken­nen die nicht. Was hat man in unser neu­es Haus gesteckt, um es wohn­lich zu machen! Und noch wird täg­lich dar­an gear­bei­tet.

Guten Mor­gen! Her­ze­lein! Hier hat­te ich doch ges­tern am Abend auf­ge­hört, weil ich so müde war! Nun bin ich aber fein aus­ge­schla­fen. Ich glau­be, Du hast Dein Man­ner­li fein aus­ge­schla­fen noch gar nicht gese­hen, Du!!! Und ich mein lie­bes Frau­chen auch nicht. Wie das nur kom­men mag? Ja, ja – wir haben man­ches von­ein­an­der noch gar nicht gese­hen. Wart[‘] nur, wenn wir ein­an­der erst recht ken­nen ler­nen! Du! Du!!! Ich glaub[‘], ich gewinn[‘] Dich dabei doch immer noch lie­ber. Aber dann weiß ich doch nicht mehr, wo sich alle Lie­be ber­gen soll – das Her­ze [sic] ist doch schon sooo über­voll davon – Du! Du!!! Liebs­tes! Herz­al­ler­liebs­tes! Ob Du wohl auch schon mun­ter bist und auf den [B]einen? Um 7 Uhr? Wohl noch bei der Mor­gen­toi­let­te? Kann das Man­ner­li gleich sich ein bis­sel unnütz machen, gelt? Wenn es recht lieb ist, dann magst [Du] doch auch Dei­nen Unnütz gern, ja? Du!!! Ach Her­ze­lein! Wie gern, wie sooo ger­ne möcht[‘] ich bei Dir sein! Denk[‘] es nur ganz glück­lich! Oh Du weißt es. Und [Du] weißt, daß ich nicht nur mich beschen­ken las­sen mag – daß ich nicht nur die Freu­den­stun­den mit Dir leben mag – oh Her­ze­lein! immer! immer und alles will ich mit Dir erle­ben! Mei­ne lie­be [Hil­de] sooo ganz ein­neh­men mit ihrem Wesen – in alle Herz­win­kel­chen hin­ein sie lieb­ge­win­nen, über­all eins sein mit ihr, sie ganz ein­hül­len und umfan­gen in Lie­be, kein nack­tes Fle­ckel soll mehr her­aus­gu­cken!

Ach Du! Du!!! Ich habe Dich doch so lieb! Sooooooo lieb!!! Freust Du Dich wohl auch so dar­auf wie Dein Man­ner­li? Ach Du, zu den­ken, daß auch Du so nach Dei­nem Man­ner­li ver­langst, daß auch Du mich so ein­neh­men willst – Her­ze­lein, Gelieb­te! – das ist doch aller Lie­be höchs­tes Gefühl!

Oh Du! Wo wäre noch eine Stra­ße in die­ser Welt glück­li­cher zu wan­deln als die uns[e]rer Lie­be! Wo wäre noch ein Platz köst­li­cher? Oh Du! Du!!! Mein liebs­ter Wan­der­ge­sell! Meine lie­bes, liebs­tes Weib! Mei­ne [Hil­de]! Her­ze­lein! Ich bin sooo froh und glück­lich uns[e]rer Lie­be! Nichts Lie­be­res, oh tau­send­mal nichts Lie­be­res könn­te ich gewin­nen auf die­ser Welt! Sie ist immer mit mir, ver­gol­det mir den Tag, Her­ze­lein, ist das Gefäß aller liebs­ten und heim­lichs­ten Gedan­ken – alle Her­zens­kraft, alles gute Stre­ben fließt ihr zu. Gelieb­te! Es ist ein tie­fes mäch­ti­ges Strö­men von mir zu Dir, von Dir zu mir – wer woll­te es auf­hal­ten, wer es unter­bin­den? Oh Her­ze­lein! Soviel habe ich schon auf­ge­nom­men von Dei­ner Lie­be – nun ist das Man­ner­li ver­zau­bert – nun kreist sie in mir – nun bin ich ewig Dein! Du Her­ze­lein!

Ganz Dein!

Ach Du! Vor mir klap­pert die Maschi­ne. Rings um mich her lie­gen Stö­ße von Akten und Büchern – Schlacht­feld der Büro­ar­beit. Aber Dein [Roland] ist ganz in einer ande­ren Welt – ist ganz wo anders – Du! Du!!! Die Arbeit hier nimmt wohl die meis­ten Stun­den ein vom Tage. Aber bei wei­tem nicht die meis­te Kraft. Oh, mein lie­bes Wei­berl braucht gar nicht eifer­süch­tig zu sein dar­auf: mit dem Her­zen bin ich allein bei Dir! Und am aller­al­ler­al­ler­liebs­ten komm[‘] ich doch zu Dir – oh Gelieb­te! zu Dir! zu Dir! „An Dei­nem Her­zen ist der liebs­te Ort“ – oh Her­ze­lein! Das beken­ne ich Dir aus vol­lem tie­fem Her­zen!

Was gilt die Welt mit all ihrem lau­ten Markt vor die­sem liebs­ten Ort des Gebor­gen­seins, der Hei­mat, des Liebumfan[g]enseins?

Oh Du! Du!!! Ich bin doch ein sooo glück­li­ches Man­ner­li, daß ich die­sen liebs­ten Ort gefun­den habe! Das aller­glück­lichs­te – durch Dich! Durch Dich!!!!!

Oh seg­ne Gott unse­ren Bund!

Behü­te er dich auf allen Wegen! Füh­re er uns recht bald zusam­men zu gemein­sa­mer Wan­der­schaft!

Oh Herz­lieb! Ich war­te dar­auf mit tie­fer Sehn­sucht im Her­zen, mit unver­sieg­li­cher Lie­be und star­kem Treu­sein!

Du kannst mich nim­mer­mehr ver­lie­ren! Her­ze­lein!

Dei­ne Lie­be ist in mir, sie kreist in mir – mein Herz­blut, mein Leben, Du! Mein lie­bes, ein­zi­ges Weib! Mei­ne [Hil­de]!

Ich küs­se Dich so lieb! Ich hal­te Dich ganz lieb umfan­gen!

Dein [Roland]! Dein glück­li­ches Man­ner­li!

Du! Du!!! Du!!!!! !!!!! !!!

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