15. Mai 1942

Gewölbe im Chorumgang
Gewölbe im Cho­rum­gang, Stadtkirche St. Jako­bi, Chem­nitz, 28 Sep­tem­ber 2010. Foto: StefThiele. Lizenz CCA-SA 3.0 Unport­ed de, über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2018.
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[Saloni­ki] Fre­itag, den 15. Mai 1942

Herzenss­chätzelein! Geliebte! Meine liebe lieb­ste [Hilde]!

Wie regt sich die Lust da zu sin­gen – – “, ja Herzelein! Sin­gen möchte ich wieder ein­mal, ach Du! wieder ein­mal musizieren – für gar keinen beson­deren Zweck als nur eben aus Lust daran und nur für Dich, Geliebte! Kein Lied kann ich richtig auswendig mit Text und Melodie – es ist ein Jam­mer! Das soll doch mal ganz anders wer­den. Und das wird schon dann [a]nders, wenn man nicht nur so vor sich selb­st hin­mu­siziert, son­dern jeman­dem sich ver­ständlich machen will. Beim Sin­gen und Musizieren kann sich doch das Herze noch bess­er aussprechen als im Wort. Ganz anders noch machen die Töne das Herz mitschwin­gen, bess­er lösen und befreien sie als Worte. Oh Herzelein! Du weißt, was sich lösen und befreien möchte. Ich habe kein Geheim­nis vor Dir. Kein Kum­mer drückt mich, kein Anliegen – ich hätte sie Dir längst vor­ge­tra­gen. Oh Geliebte! Geliebte! Die Liebe allein ist es in ihrem Jubeln, in ihrem Sehnen. Die befre­it sein möchte, die mich drängt, Dir mich kundzu­tun! Oh, das ist doch wohl das Härteste an der Geduld­sprobe jet­zt, daß wir uns so verzwin­gen müssen, daß unser Herz zu kurz kommt – und das Herz wird doch erst froh in der Heimat unter lieben Men­schen, es zieht seine Nahrung und Kräfte aus dem Mut­ter­bo­den der Heimat – und jet­zt muß das Herz dar­ben, hier in der Fremde, im Aus­land. Oh Geliebte! Es mögen das nicht alle so empfind­en wie wir.

Wenn ich nun noch ganz allein stünde, wenn ich Dich nicht hätte, meine lieb­ste, tief­ste Heimat – oh Herzelein! Deine lieben Boten sind doch die Nahrung des Herzens – oh Du! Du!!! Sie brin­gen mir die Heimat – Herza­ller­lieb­ste, das kann nur recht ermessen, wer draußen in der Fremde sein muß und daheim eine sooo liebe Heimat, die aller­lieb­ste Heimat hat wie Dein Man­ner­li, Du! Du!!!

Geliebte! Wenn wir ein­mal die unpassenden Worte brauchen wollen: Dein lieber Bote ver­sieht einen ganz wichti­gen Dienst, er bringt mir Herzen­snahrung und Stärkung.

Ach Du! Wie soll ich Dir recht danken für Dein treues Liebge­denken, daßs doch noch viel mehr ist als Dienst? – Liebe, tiefe, wun­der­same Liebe!!! Herzelein! Du hil­f­st doch Deinem Man­ner­li – Du stehst doch neben ihm wie ver­bor­gen, mit der Tarnkappe und hil­f­st mir aushal­ten, aushal­ten, Geduld üben, umsichtig und wach­sam sei[n]. Du! Du!!! Mein lieb­ster, bester Kam­er­ad! Und wenn Gott mich in Gnaden Dir heimkehren läßt: was wir dazu­tun kon­nten, Du hast Dein reich­lich Teil daran, Du hast wie schon immer um uns[e]re Liebe, unser Glück gerun­gen und geduldet, gekämpft – Du! Du!!! Liebes, tapferes Weib! Ewig will ich es Dir danken mit mein­er ganzen Liebe und Treue! Herzelein! Ich muß an das Gewölbe eines Domes denken.  Him­me­lan streben die Pfeil­er und neigen sich zueinan­der, zum spitzen Gewölbe, zum über­wölbten Raum – neigen sich zueinan­der, ein­er dem anderen Halt und Wider­lager – kein­er denkbar ohne den anderen – so ist gutes, tiefes Lieben – so ist unser Lieben. So wie die Säulen neigen sich uns[e]re Wesen in Liebe einan­der zu – eine find­et an der anderen Halt, eine ist der anderen Sinn und Bestand – allein stürzte jede zusam­men – oh Herzelein, so sind wir in Liebe und fes­tem Ver­trauen aneinan­dergegeben, ein­er hält und trägt das and[e]re, in höch­ster Glück­seligkeit die süße Last der Liebe – der Dom uns[e]rer Liebe! Und unser Find­en und Prüfen galt doch dieser Sorge allein: daß wir in solch guter, tiefer, ganz­er Liebe zueinan­der neigen kön­nten – es war ein Ein­spie­len aller Sinne und Kräfte, ein Bauen an diesem Dom – ja, gewiß Her­zlieb! Und nun sind wir solch ein Säu­len­paar – ein glück­lich[‘] Paar, ich weiß kein glück­licheres, – zusam­mengegeben für dieses Leben, vor Gott dem Her­rn und dieser Welt, zusam­mengeket­tet uns[e]re Schick­sale für dieses Leben, oh, wieviel Glück!!!, miteinan­der nur ein sin­nvolles Ganzes! Oh Herzelein! Vere­int, zusam­mengeschlossen so innig und fest zu einem neuen Ganzen – ein Kindlein wird es doch ganz offen­bar! Darum ist es auch die Krö­nung des Glück­es der Liebe!

Herzelein! Zwei liebe Boten sind heute wieder zu mir gekom­men. Sie gehen ja so schnell, sie brin­gen mir ja zu viel Liebe – und ich werde nun wieder ein paar Tage warten müssen. Herza­ller­lieb­ste! Sie kün­den mir so beglück­end davon, wie Du mit mir leb­st, wie Du teil­nimmst an meinem Leben und mich im Herzen trägst über­all und allezeit – oh Du! Du!!! Lieb­stes, treuestes Weib!

Ich will doch Dein lieb­stes und treuestes Man­ner­li sein! Herzelein! Wenn es so bleibt – und es kann doch gar nim­mer anders wer­den zwis­chen uns, – dann kön­nen wir einan­der nicht ver­lieren, dann kön­nen wir einan­der nicht fremd wer­den. Oh Geliebte! Du bewahrst mit mir unser Glück sooo lieb und treu! Ich weiß keinen anderen Men­schen als Dich, ich wer­den nie einen and[e]ren find­en, den ich sooo lieben kann, zu dem es so mich drängt, ihm mich mitzuteilen, mit ihm zu leben so ganz innig ver­mählt, Herz an Herz! Oh Schätzelein! Die süße Gewalt tiefer Liebe, innig­sten Liebens, hat uns in ihren Bann geschla­gen. Ich kann doch immer nur zu Dir kom­men, an Dein Herz mich flücht­en, und Dir meine Liebe brin­gen – ich kann nicht anders – und bin doch sooo glück­lich in dieser Gefan­gen­schaft, und füh­le die Bande solch­er Liebe nur ganz beseligt! Und [ich] werde nur immer zu Dir kom­men – oh Herzelein! Dich bedrän­gen mit mein­er Liebe – wird[‘] doch nie und nim­mer von Dir lassen – Du hast doch mein Herz und ohne Dich kann ich nicht leben!

Oh Geliebte! Nun wird es auch Früh­ling daheim! Und ich kann die Strahlen der Sonne Dein­er Liebe nicht sehen, kann sie nicht sehen und auf­fan­gen und spiegeln – und möchte doch keinen aus­lassen! – [Ich] Kann sie nur fühlen – und kann Dir meine Sonne nicht zeigen und brin­gen als nur im Boten – aber wir glauben trotz­dem an uns[e]re Liebe! [Wir] Ver­trauen einan­der bis ins Let­zte! Leben miteinan­der, als ob gar keine Ferne zwis­chen uns wäre! Du! Du!!!!!

Ich sehne mich doch sooo sehr nach meinem Herzblümelein! Mit Dir den Früh­ling zu erleben! Herzelein! Mit dem Zweige­sang uns[e]res Lebens und Liebens einzus­tim­men in den Jubel und das Licht und das wWer­den des Früh­lings – Gott zu Dienst und Lob und Preis!

Oh schenke uns Gott die Erfül­lung dieses Wun­sches!

Bei mir herrscht heute wieder som­mer­liche Wärme. Ganz weiß und far­b­los wird alles unter dem grellen Son­nen­licht – und das Meer erblaut immer tiefer. Bald wer­den wir uns mal wieder nach ein­er Wolke sehnen.

Herzelein! Wieder [geht] ein Tag zur Neige. Er brachte mir soviel Liebe  und Glück von daheim, von Dir!, und darum war er so reich und voll Son­nen­schein! Laß Dir aus tief­stem Herzen danken! Oh Geliebte! Sei Du ganz froh und glück­lich mit inne [sic] uns[e]rer Liebe! Behalte Du mich lieb – oh, laß Dich beglück­en von mein­er Liebe! – so wie Du mich zutief­st beglückst!

Mor­gen, bald schon, komme ich doch wieder zu Dir – oh Herzelein! Sooo gern, am aller­lieb­sten doch! Ich küsse Dich ganz lieb! Sooo lieb!

Ich habe Dich von ganzem Herzen lieb!

Ewig Dein [Roland].

Dein glück­lich­es Man­ner­li!

Eine Antwort auf „15. Mai 1942“

  1. Musik als die befreien­dere Sprache der Liebe gegenüber dem Wort: Musik entspricht der Sprache des Herzens. Roland ver­wen­det ungewöhn­liche Bilder aus dem Bere­ich der Architek­tur zur Beschrei­bung ihrer gegen­seit­i­gen Liebe: Liebende als ‘Pfeil­er’ ‘Säulen’, die einan­der zuneigen und stützen und ein ‘spitzes Gewölbe’ einen ‘gewölbten Raum’ bilden, aufeinan­der angewiesen sind, ver­gle­icht das Liebe­spaar mit einem ‘Säu­len­paar’, spricht von einem ‘Dom der Liebe’ , der gebaut wer­den soll, bzw, gebaut wird. Auf­fal­l­end wieder, dass die Außen­welt – Besatzung, Krieg — völ­lig aus­ge­blendet wird, nur die Natur wird wahrgenom­men: die Wärme, der Früh­ling, das grelle, far­blose Licht, das ‘erblaute Meer’.

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