12. Mai 1942

Hoffmann von Fallersleben
Hoff­mann von Fal­lers­le­ben, Por­trait und Unter­schrift, vor 1874. Quel­le: Post­kar­te um 1910/20. Ver­lag Albert Frisch, Ber­lin. Lizenz­frei über Wiki­me­dia Com­mons 09.2018.
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Diens­tag, den 12. Mai 42

Mei­ne Lie­be, liebs­te [Hil­de]! Gold­her­ze­lein, Gelieb­te mein!

Abend ist es wie­der über Wald und Feld säu­selt Frie­den nie­der, und es ruht die Welt.“ [Volks­lied] [Du] Kennst doch auch das inni­ge Lied­lein. [Es] Stammt noch aus einer Zeit, da die Welt des nachts wirk­lich ruh­te, nicht nur in den ent­le­ge­nen Nes­tern wie heu­te. Da die Men­schen wohl auch schon ihre Müh­sal hat­ten, aber doch wenigs­tens einen Abend­frie­den ohne grel­le Lich­ter und Schein­wer­fer, ohne das Krei­schen von Rädern und Knir­schen von Brem­sen. Sol­len wir uns die­se Zei­ten zurück­wün­schen? Soviel wir sie wünsch­ten, sie keh­ren nie wie­der. Und es liegt in die­sem Nie­wie­der eine Tra­gik, ein ent­schwun­de­nes Glück, eine ver­sperr­te Mög­lich­keit – und wir sehen, wie die Zeit, die Ver­gäng­lich­keit bru­ta­ler, uner­bitt­li­cher sich zeigt in der Hast, in der Atem­lo­sig­keit, Ner­vo­si­tät und Über­reizt­heit moder­nen Lebens. Und ein­mal wer­den ver­nünf­ti­ge Men­schen in ihrem Pri­vat­le­ben, ein­mal viel­leicht auch ein gan­zes Staats­we­sen vor der Not­we­nig­keit ste­hen, die­sen gefähr­li­chen Schoß [sic] zurück­zu­schnei­den, den Lärm [z]u dros­seln, die Hatz zu mil­dern, weil die Men­schen in der Ner­vo­si­tät zugrun­de gehen, weil sie zer­rie­ben wer­den in die­sem über­or­ga­ni­sier­ten Getrie­be von Arbeit, Ver­gnü­gung.

Laut­spre­cher krei­schen durch­ein­an­der, recht hin­hö­ren tut kei­ner, sonst müß­te ihm zuerst auf­fal­len, wie­viel zu laut ein­ge­stellt ist. Es ist doch etwas Furcht­ba­res eigent­lich, sich so voll­stop­fen zu las­sen und tau­sen­der­lei unver­daut her­ein­zu­schlin­gen mit Auge und Ohr. Über­füt­tert wird die Mensch­heit, trä­ge wird sie davon, dazu urteils­los und beschei­den und immer schwer­hö­ri­ger und ver­ständ­nis­lo­ser, denn man musi­ziert und schafft nicht mehr selbst.

Siehst, eben bin ich auf­ge­stan­den, und habe den schlimms­ten Schrei­hals unter den Laut­spre­chern abge­stellt – es war über­haupt nie­mand im Zim­mer. Um 8 Uhr wird es fins­ter bei uns. Und jetzt, kurz vor 9 Uhr, ist eben erst der Kin­der­lärm ver­stummt auf dem gro­ßen Platz vor unse­rem Hau­se. In Deutsch­land sperrt man die Kin­der frü­her in[‘]s Bett­lein. Diens­tag ist heu­te. Der Kur­sus ist vor­erst ein­mal zu Ende, und ich den­ke mir, mein Her­ze­lein wird eben zur sel­ben Stun­de mein den­ken. Hof­fent­lich erreicht Dich der Bote bald, der Dir sagt, daß Du wei­ter­hin an die alte Num­mer [Feld­post­num­mer] schrei­ben sollst. Her­ze­lein! Ich muß so lieb und sehn­süch­tig Dein den­ken! Mei­ne Lie­be ist doch nun erlöst und befreit durch Dich, sie hat ein Bett, sie mün­det in Dei­nem Her­zen – und nun ist sie doch nicht ganz frei, weil wir ein­an­der fern sein müs­sen. Her­ze­lein! Du!!! Ich muß mich seh­nen nach Dir, nach Dei­ner Nähe. Und ich weiß es, Du sehnst Dich, wie ich mich seh­ne. Und ist doch nichts, daßs  die­ses Seh­nen stil­len könn­te, das uns[e]re Her­zen befrie­den könn­te als unser Nahe­sein und Eins­sein – Du und ich, Gelieb­te! Gelieb­te!!!

Wenn es auch ein wenig bedrückt, das uner­füll­te Seh­nen, viel mehr noch macht es uns doch glück­lich bewußt der Kost­bar­keit und Innig­keit uns[e]rer Lie­be! Oh Gelieb­te! Die­ses glück­haf­te Bewußt­sein, die­ses Ein­an­der-ganz-Besit­zen [sic] und -Inne­sein läßt in uns auch nicht einen Gedan­ken an Abwe­ge auf­kom­men. Du! Her­ze­lein! Jedes ein­zel­ne der tau­send lie­ben Ban­de müß­te uns zurück­rei­ßen! Oh Du! Der Glanz, die Son­ne uns[e]res wah­ren, rei­nen Glü­ckes ent­larvt alle Vor­spie­ge­lun­gen und Gespens­ter, als küm­mer­li­che Schat­ten, als ärm­li­che Dürf­tig­keit. Oh Her­ze­lein! Der Gedan­ke an Dich, er ruft in mir allen Son­nen­schein, alles Glück, alles ech­te, wah­re Glücks­emp­fin­den, Du! Du!!!

Herz­lieb! Ich glau­be ich habe Dir noch nicht ein­mal gedankt für die lie­ben Päck­chen, die zu mir gekom­men sind, schon am Sonn­tag. [Sie] Haben doch fein geschmeckt, die Plätz­chen – und noch immer so süß, weil ein viel­lie­ber Gruß dabei lag! Ihr sollt euch daheim doch nichts mehr abknap­sen. Aber wenn Du mir eben mal etwas schi­cken willst und mußt, dann lie­ber sol­che Plätz­chen als auf­ge­schnit­te­nen Kuchen, der wird zu tro­cken. Ich freue mich doch, daß auch mei­ne Päck­chen ange­kom­men sind, just am Wasch­ta­ge zu einer klei­nen Atzung. Ich weiß doch nun auch, wo bei mei­nem lie­ben Frau­chen das Lin­den­blätt­lein sitzt, die schwa­che Sei­te, Du! [Es] Ist ein Lecker­mäul­chen! Aber das Man­ner­li hat gar kei­ne schwa­che Sei­te – [es] ist unbe­stech­lich, gelt?!!! Natür­lich nicht[,] gelt. Mein Frau­chen sieht gewiß eine, die das Man­ner­li sel­ber gar nicht sehen kann, so wie es sei­nen wei­ßen Haar­fleck nicht sehen kann. Ach Du! Du!!! Schät­ze­lein! Zu einer beken­ne ich mich doch: „Solang ich leb auf Erden, muß ich Dein Trim­pe­le – Tram­pe­le sein“ [Husa­ren­lied] – muß ich Dich lieb­ha­ben – sooo lieb­ha­ben! Und wenn Du mir böse bist? Dann bist Du mir doch bald wie­der gut, Du!!! Weil wir uns doch gar nicht böse sein kön­nen – weil wir uns doch immer gut­sein müs­sen! Ach Her­ze­lein! Wenn ich jetzt bei Dir wäre, dann trie­be es mich doch, mit Dir noch ein Stück zu gehen. Ganz fins­ter ist es, kei­ne Mon­de­gu­ckel [sic] scheint drau­ßen – und ich müß­te mein Schät­ze­lein doch ganz lieb und fest umfas­sen, damit ich es nicht ver­lie­re – und so im Dun­kel der Welt, der Nacht, da wür­den wir doch ganz tief inne [sic], daß wir zwei Wel­ten­wan­de­rer sind, ein­an­der die nächs­ten auf der gan­zen wei­ten Welt – ein­an­der die liebs­ten, Halt, Hei­mat, – ein Paar wie dro­ben die Ster­nen­paa­re, Gott im Him­mel muß uns sehen und ken­nen!

Her­ze­lein! Du! Ich möch­te doch heu­te bei Dir sein! Möch­te Dir all mei­ne Lie­be brin­gen – gar nicht mit der Feder – zu Dir drängt mein Herz, daß es zusam­men­schla­ge mit dem Dei­nen vor Glück und Freu­de! Oh Du! Du!!! Gelieb­te! Mein Weib! Mei­ne [Hil­de]! Wo bist Du denn? Daß ich Dich glück­lich umfas­se – Dich küs­se – dich ganz lieb habe – ach Du! Du!!! Daß wir ein­an­der haben und hal­ten, so wie es sein muß zwi­schen uns!

Heu­te ist kein Bote zu mir gekom­men. Aber mor­gen wird mich wie­der einer beglü­cken, Du!

Schät­ze­lein! Laß mich heut[‘] abend schla­fen gehen. Ich bin noch ein bis­sel über­näch­tig von ges­tern. Mor­gen früh kom­me ich gleich zu Dir noch ein­mal und erzähl[‘] Dir den Traum, wenn ich einen hat­te. Von wem ich träu­men möch­te? Vom lie­ben Dorn­rös­chen dro­ben im Turm­stüb­chen, dort wo es ganz still ist und ein­sam ist. Dort war­tet es so schön und lieb – eine Sehn­sucht im Her­zen – war­tet auf den Prin­zen, auf den rech­ten – oh Du! [Es] Hält ihm sooo­viel Lie­be bereit – sooooooooooooo­viel Lie­be! – Und nun kommt er doch auch – Gelieb­te! – oh Her­ze­lein! Wie drängt es ihn zu dem Schloß zum Turm­stüb­chen, zu sei­nem Dorn­rös­chen, zu [Dir], zu Dir! Ganz nahe zu Dir! Oh Gelieb­te, und was ihn bedrängt: Lie­be, Lie­be, sooooooooooooo­viel Lie­be!

[Hil­de], Du! [Hil­de]! Gelieb­te! Ich habe Dich so lieb, sooooooooooooo lieb!

Du! Du!!! Gut[‘] Nacht! Behüt[‘] Dich Gott! Und träu­me süß! Und laß mich in Dei­nem Traum sein! Was ich am liebs­ten wäre? – Du! Dein Prinz! Dein Gelieb­ter, Dein Man­ner­li! Dein! Dein!!! Ganz Dein! Dein Gefan­ge­ner! Dein Glück und Son­nen­schein! Dein Son­nen­strahl! Oh Du! Du!!! Lie­bes, lie­bes Weib! Ich durf­te es doch schon sein! Und darf es wie­der, wenn ich zu Dir kom­me, Dir heim keh­re! Oh Her­ze­lein! Ich weiß einen ganz lie­ben Ort! Eine ganz lie­be Hei­mat! Weiß ein trau­tes Herz voll hei­ßer Lie­be! Oh Du! Du!!! Mei­ne Hei­mat! Mein Herz! Mein Leben!!! Du! Du!!! Du allein! Immer und ewig!!!!!

Oh Gelieb­te! War­te mein! Ich will Dir doch heim keh­ren!

Gott wal­te es in Gna­den! Er seg­ne unse­ren Bund! Er behü­te mich Dir auf allen Wegen! Und Dich mir auch, Du!

Her­ze­lein! Gelieb­te! Mei­ne [Hil­de]! Ich küs­se Dich! Sooo lieb! Du!!!

Ich bin Dir immer ganz nahe und behal­te Dich ewig lieb!

Dein [Roland]

Dein glück­li­ches Man­ner­li!

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