11. Mai 1942

[420511–1-1]

[Salo­ni­ki,] Mon­tag, den 11. Mai 1942

Her­ze­lein! Gelieb­te! Mei­ne lie­be aller­liebs­te [Hil­de], Du!

[Ich] Sitz[‘] doch schon wie­der bei Dir! Schnell ist der Tag her­um von einem Hän­de­fas­sen und Lieb­ge­den­ken zum ander[e]n. Und der Mai erscheint schon wie­der zwei­stel­lig. Her­ze­lein! [Du] Hast doch schon wie­der eine Urlaubs­hoff­nung ein­ge­pflanzt, Du, Herz­al­ler­liebs­te! Weil Du mich gern wie­der ein­mal bei Dir haben willst, weil Du mich so lieb­hast! Du! Du!!! Was man im lie­ben Mai­en pflanzt, das wächst doch fein schnell. Und dein Man­ner­li ist doch so glück­lich, daß Du Lie­bes so auf mich war­test – und es wird doch das zar­te Pflänz­chen ganz fein und lieb mit in acht­neh­men und hegen und pfle­gen. Glaubst Du mir das? Du! Du!!! Du!!!!! Wo ich Dich doch so sooooooooooooo lieb habe! Und doch sooo gern, ach Du, am aller­liebs­ten und gleich auf der Stel­le für immer bei Dir ein­kehr­te, um nim­mer von Dei­ner Sei­te zu wei­chen. Du! Da sind im Juni mal noch ein paar Tage mit Frost­ge­fahr, [das] ist eine Klip­pe, um die wir erst her­um­se­geln müs­sen – dann wäre der Weg frei. Im Juni beginnt wie­der ein mili­tä­ri­scher Lehr­gang, Ende Juni. Nun heißt es zwar, erst müs­se der Fach­lehr­gang besucht sein, ehe der milit.[ärische] Lehr­gang dran­kä­me – aber wer kann wis­sen, wie alles läuft. Aber Du, lie­bes Her­ze­lein! Ich hof­fe und war­te doch mit Dir – oh, Du weißt es, gelieb­tes Herz.

Her­ze­lein! Über der Tür zu unse­rem Zim­mer, innen, hängt ein ver­sil­ber­tes Huf­ei­sen. Besinnst [Du] dich noch auf die vom L.hainer Glücks­häu­sel? Du!!!

HMS Kipling (F91) IWM FL 012464
Bri­tish bri­ti­scher Zer­stö­rer der K-Klas­se HMS Kipling, 1942. Quel­le: Impe­ri­al War Muse­um, collec­tion 8308–29, FL 12464, Lizenz­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2018. Am 11. Mai 1942 wur­de die Kipling vor Mar­sa Matruh durch die deut­sche Luft­waf­fe ver­senkt.
Und denk[‘] nur: in unse­rem Hau­se nis­ten die Schwal­ben. Im ers­ten zwei­ten [sic] Stock hat­ten sie schon ein Nest auf einem Sims im Flur. Jetzt haben sie auch in unse­rem, dem ers­ten Stock, ein Nest gebaut. Ich habe es doch beob­ach­tet. Du! Du!!! Wie­viel Freu­de haben die Tier­chen dabei gehabt. Du! Du!!! [Sie] Haben so sooo ver­liebt mit­ein­an­der gezwit­schert und sich bera­ten. Und schnell war das run­de Körb­chen gemau­ert. Und früh und abends ertönt doch das lie­be Gezwit­scher. Von wei­tem klingt es so einer­lei, drau­ßen im Frei­en. Aber hier, im Flur, da klingt es so süß, so ver­liebt, Du! Du!!! Was mögen sich die Schwälb­chen nur zu sagen haben? Du! Des Abends? Ich kann‘s natür­lich nur vom Man­ner­li sagen. Ich denk[‘]: „Hol­de mein, lässt Du mich ein?“ Und des Mor­gens? „Guten Mor­gen, herz­lie­bes Schät­ze­lein! Laß mich doch recht lieb zu Dir sein mit einem fei­nen Küs­se­lein!“ Und sonst noch? „Da wird es aber höchs­te Zeit, daß wir ein lie­bes, war­mes Nes­tel bau­en!“ Du! Du!!! Sind doch bei­na­he die­sel­ben Sor­gen, die wir haben, gelt? Und denk[‘] nur. Tret[‘] ich des mor­gens aus der Schreib­stu­be, ist eben einer dabei, mit einem Lei­tungs­rohr das Nest aus purer Zer­stö­rungs­lust abzu­sto­ßen, er gehör­te gar nicht zu uns. Ich habe ihm gewehrt [sic]. Und es war noch nicht zu spät. Die Schwälb­chen sind wieder[ge]kommen, sie brü­ten schon. Das bis­sel Dreck, das sie da machen ist ja gar­nichts gegen das Gekot­ze, das da manch­mal früh im Gang zu sehen ist.

Her­ze­lein! Es wohnt sich ganz schön auch im neu­en Haus. Es lässt sich leich­ter sau­ber hal­ten, weil über­all in den Flu­ren Flie­sen lie­gen. Dar­um wird es auch küh­ler sein. Mein Arbeits­platz ist freund­li­cher. Und weil ich doch hier mit Dir auch ganz allein sein kann – dar­um bin ich doch nun ganz aus­ge­söhnt wie­der.

Oh Du! Du!!! Her­ze­lein! [Ich] Muss Dich doch gleich erst mal ganz lieb küs­sen und an mich drü­cken – Du! Du!!! Ich habe Dich so, [sic] lieb, sooo lieb!!!!! Du, wenn zwei immer mit sich allein sein wol­len, die müs­sen sich aber gut sein, die müs­sen aber reich sein! Oh Her­ze­lein! Gelieb­te!! Mit Dir bin ich doch sooo reich und glück­lich, Du!!!!! !!!!! !!!

Bis hier­hin schrieb ich in der Mit­tags­stun­de. Nun ist wie­der Abend. Alle sind aus­ge­flo­gen. Das Man­ner­li ist ganz allein zu Hau­se, [es] hütet die Stu­be mit den sechs Bett­lein und wünsch­te sich doch gleich, daß das lie­be Schnee­witt­chen oder Dorn­rös­chen oder Herz­lieb auf Besuch käme. [Es] Ist auch noch etwas vom Abend­brot übrig, ein paar Gackeier [sic] ein bis­serl Schwei­zer­käs[‘] zum Brot und kal­ter Kaf­fee, das ist ja bei Sol­da­tens [sic] schon ein rich­ti­ges Diner.

Heu­te dürf­te das Man­ner­li auch gar nicht aus­ge­hen, weil es von elf Uhr an Läu­fer ist. Ja, Herz­lieb! Mit der Urlaubs­kar­te in der Tasche kann man sich wohl ein wenig frei füh­len – aber noch frei­er, noch wei­ter ist mir doch, wenn ich zu Dir kom­men kann. Die Stadt mit ihrem Getrie­be macht die Freu­de nur immer leb­haf­ter bewusst – die Gedan­ken allein machen frei. Oh Her­ze­lein! Und ein­mal sol­len wir ganz wirk­lich frei sein.

Heu­te Nach­mit­tag besuch­te ich einen für uns Sol­da­ten ange­setz­ten Vor­trag des Diri­gen­ten Dr[.] Hart­mann: „Ein Spa­zierganz durch Salo­ni­ki.“ Mir ging es vor allem dar­um, die­sen Mann ein klein wenig ken­nen zu ler­nen. Er kan­ne Ende fünf­zig, Anfang sech­zig sein, ergraut schon. Als Diri­gent wirkt er noch so elas­tisch und jugend­lich. Und so ist auch sein Herz noch. Es ist ein Herz voll Güte, Edel­mut, und hohem Emp­fin­den. Dr. Hart­mann ist His­to­ri­ker, und so ging er in sei­nem Vor­trag über­all den his­to­ri­schen Erin­ne­run­gen nach, die hier so ganz und gar ver­nach­läs­sigt wer­den. Es war ein inter­es­san­ter Vor­trag, der uns all­zu­viel Neu­es nicht brach­te. Denn die Sehens­wür­dig­kei­ten haben wir alle auch schon beau­gen­schei­nigt [sic]. Unter den Kame­ra­den war zuletzt wenig Auf­merk­sam­keit. Sehens­wür­dig­kei­ten sind ihnen nicht die Kir­chen und Tore und Brun­nen, son­dern ganz ande­re Din­ge.

Heu­te erhielt ich Post von Hell­muths [sic]. Der Mann hat Urlaub, die Frau hat Urlau­ber­ur­laub – wir freu­en uns doch mit ihnen, gelt, Her­ze­lein? Urlaub ist doch was Fei­nes. Und mein Her­ze­lein hat sich doch auch schon längst wie­der einen ver­dient, Du!!!

Nun will ich aber die lie­ben Boten her­zu­su­chen, daß ich Dir Ant­wort gebe.

Sonn­tag der 3. Mai. Oh, so ein lan­ger, lie­ber Bote, ist doch ein rich­ti­ges Buch – und das noch geschrie­ben am hei­ßen Wasch­tag. Ach Du! Her­ze­lein! [Du] Hast mich so lieb, sooo lieb – das lie­be Schät­ze­lein geht so flink und lieb und gewandt, ach Du! Du!!! Und soviel Lie­bes bringt es mir – solan­ge ließ ich Dich doch gar nicht allein reden, wenn ich bei Dir wäre, da gin­ge mir doch mein Schnäb­lein über vor Unge­duld. Und wenn zwei zugleich reden wol­len und zugleich es ein­an­der weh­ren: da gibt es doch – ein Küß­chen. Ich glaub[‘], es gibt erst ein­mal nur lau­ter Küß­chen, wenn wir wie­der bei­ein­an­der sind – Du! Du!!! Und nun hast Du doch vom Man­ner­li geträumt so lieb, sooo lieb! Du!!! Ist es doch zu Dir gekom­men, in der Nacht, auf den Flü­geln der Sehn­sucht, den schnel­len, mit den Strah­len der Lie­be, den all­ge­gen­wär­ti­gen. Ich habe doch auch von Dir geträumt von Dir in der ver­gan­ge­nen Nacht; aber der Traum ist nur undeut­lich gewe­sen. Ich weiß doch bald nim­mer, wie mein Schät­ze­lein drein­schaut, trotz der vie­len Bil­der, die ich bei mir habe. Ach Du! Sie las­sen ja alle Leben­dig­keit nur ahnen, alle Güte und Lie­be Dei­nes Wesens. Und viel deut­li­cher, als Dein äuße­res Bild, lebt in mir das Bild Dei­nes Wesens, oh Her­ze­lein! Und mit jedem lie­ben Boten wird es doch wie­der ganz leben­dig – oh Du! Du!!! – und weckt in mir alle gro­ße tie­fe Sehn­sucht – nach Dir! nach Dei­nem gelieb­ten Wesen – oh Her­ze­lein! nach mei­ner Hei­mat!

Du hast nun wie­der so rüs­tig geschafft den gan­zen Tag. – für den Haus­halt der Eltern, nicht für uns – und doch für uns. Her­ze­lein, so wie ich noch weni­ger für uns schaf­fe hier, und noch ent­fern­ter doch für uns. Wenn Du jetzt schon in unse­rem Heim sein könn­test – ich weiß, öfter und schmerz­li­cher wür­de Dir dann das Allein­sein bewußt wer­den, lie­ber wür­dest Du schaf­fen, aber das Man­ner­li nur mehr ver­mis­sen, daß ihm all Dei­ne schaf­fen­de Lie­be zuteil wür­de. Oh Her­ze­lein! Gelieb­te! Ein tie­fes, her­zin­ni­ges Dan­ken möch­ten all mei­ne Boten auch sein, täg­lich, für all Dein lie­bes Schaf­fen, und War­ten, und Gedul­den – Du armes, lie­bes, lie­bes, treu­es Weib!!! Und es ist doch mei­ne größ­te Freu­de, daß Du froh durch den Tag gehst in mei­ner Lie­be. Oh Her­ze­lein! Täg­lich, immer möch­te ich Dich so froh und glück­lich machen!!! Oh Du! Du!!! Gelieb­te! Wie seh­ne ich mich doch danach, recht lieb und zärt­lich zu Dir zu sein, Dein lie­bes Köpf­chen in mei­nen Hän­den zu hal­ten und Dir die Stirn zu küs­sen, ganz lieb und lind und leis[‘] – und wenn Du müde bist, ganz lieb Dich in mei­nen Armen zu bet­ten – oh Her­ze­lein! Gelieb­te! Ich glau­be, es ist der Lie­be köst­lichs­te Stun­de, wenn wir zuein­an­der kom­men im liebs­tem Ver­trau­en, die Gebor­gen­heit der Lie­be suchend. Oh Her­ze­lein! Gelieb­te! Komm immer zu mir! Komm, komm! Und wenn ich in der tiefs­ten Arbeit steck­te, und wenn ich es ganz eilig hät­te – es ist nichts wich­tig und ist nichts eilig – für Dich bin ich immer da zuerst und zuliebst – Dir Hei­mat zu sein, Gebor­gen­heit – oh Her­ze­lein! Nim­mer sollst Du war­ten, sollst Du dich ein­sam und ver­las­sen füh­len. [Du] Sollst Dich in mein Leben drän­gen – Gelieb­te, es ist mei­ner Lie­be höchs­tes Ent­zü­cken! Wir wer­den immer bereit sein, ein­an­der ganz ein­zu­las­sen. Oh Du! Du!!! Ich weiß den Ort, den lie­ben, lie­ben Ort, der mir immer offen­steht, der mich birgt sooo lieb und tief und traut – Du! Du!!! mei­ne Hei­mat, mei­ne Zuflucht – Dein lie­bes, treu­es Herz!

Und Du, Gelieb­te! Du weißt, daß Dir ein Herz offen­steht, ein Thron berei­tet ist, offen­steht, solan­ge ich lebe, Dir allein! Dir allein! – bei dei­nem [Roland]. Und nichts bese­li­gen­der, als wenn ich Dich dar­in­nen füh­le so hei­misch und froh und glück­lich!!!!! Oh Her­ze­lein! Und ich füh­le es doch zutiefst beglückt, wie Du zu mir kommst, täg­lich, mit allem, mit Dei­nem gan­zen Her­zen, wie Du Dich mir so lieb anver­traust, wie kein and[e]res Weib es sei­nem Mann tun mag. Her­ze­lein! Und Du weißt es: Du lebst in mir, zu Dir hin drängt es mich unwi­der­steh­lich, Dei­ner Lie­be tut sich mein Herz auf – Du sollst mich ganz ken­nen, sollst mich ganz besit­zen, in Dei­nem Her­zen will sich mein Wesen spie­geln – weil Du mich liebst. Es ist in allem Lie­ben Eigen­lie­be, in aller Sym­pa­thie schon und allem Ange­zo­gen­füh­len. Nur ver­wand­te See­len kön­nen ein­an­der ver­ste­hen und ganz nahe kom­men und aus­tau­schen.

Ach Her­ze­lein! Wie beglückt es mich immer mehr, zu erken­nen und zu füh­len, daß wir ein­an­der so lieb ver­ste­hen kön­nen. Oh Gelieb­te! Wie Dein Wesen dem mei­nen doch so ver­wandt ist, oh Du!!! wie es ein ganz[,] ganz sel­te­nes Glück ist, daß wir ein­an­der fan­den. Fühlst Du es auch so deut­lich und beglückt?

Gelieb­te! Wie freue ich mich dar­auf, mit Dir durch die­ses Leben zu schrei­ten, daß es uns immer enger ver­bin­det und zusam­men­wach­sen läßt – ich neh­me Dich doch immer mit, mag kei­nen Schritt mehr allein tun, kei­ne Freu­de mehr allein haben, kei­nen Gewinn mehr für mich – und Du Liebs­tes, Her­zigs­tes sollst mich doch auch bei­sei­te­neh­men, mich still­ste­hen hei­ßen und teil­neh­men las­sen an Dei­nem Freu­en und Emp­fin­den – ich will Dir doch so lieb fol­gen immer. Und ich weiß doch: das brau­chen wir uns gar nicht vor­zu­neh­men, das kommt so von ganz allein beim Zuein­an­der­n­ei­gen in tiefs­ter, innigs­ter Lie­be.

Oh Her­ze­lein! Wenn ich das beden­ke, dann mag mich doch auch der Unter­schied uns[e]rer Lebens­al­ter gar nicht ban­ge machen. So lieb und fein wer­den uns[e]re Leben auf­ein­an­der abge­stimmt sein – daß ich so jung blei­be wie Du – und Du mein liebs­ter, treu­es­ter Lebens­ge­fähr­te, tau­send Ban­de wer­den uns inni­ger ver­bin­den als Jah­re uns ein­an­der ent­frem­den­den u.[nd] ent­fer­nen könn­ten. Oh Her­ze­lein! Gelieb­te! Ich glau­be an den fes­ten Grund uns[e]rer Lie­be. Ich füh­le sie in mir, so mäch­tig, kraft- u.[nd] leben­spen­dend. Du, Gelieb­te, bist des­sen Zeu­ge, ach, bist des­sen ganz inne, wie sie so aus­schließ­lich und ent­schie­den auf Dich gerich­tet ist, wie sie Dein Man­ner­li bewegt und wan­delt und aus­füllt.

Oh Gelieb­te! Mein gan­zes Sein und Leben und Lie­ben ist Dir zuge­wandt – ganz an Dich bin ich ver­lo­ren – Du hast mich ganz – ob ich es will oder nicht – Lie­be! Lie­be! Ich lie­be Dich!!!!! Ich weiß nicht, ob noch ein ande­res Man­ner­li Dich so lie­ben kann – aber das weiß ich, daß Du kei­nes rei­cher beglü­cken, kei­nes mehr erfül­len, kei­nem mehr bedeu­ten kannst mit Dei­ner Lie­be als Dei­nem Man­ner­li – Du! Mein Alles! Mein Leben! Oh blei­be Gott uns gnä­dig! Seg­ne er uns[e]re Lie­be! Behü­te er Dich auf allen Wegen! Du! Mein lie­bes Weib! Mei­ne [Hil­de]!

Ich hal­te Dich ganz fest und lieb umfan­gen – Du! Mein!!!

Ich küs­se Dich her­zin­nig! Und blei­be Dein! Ewig Dein!

Dein [Roland]!

Du! Du!!! Du!!!!! !!!!! !!! Mein!!!

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