10. Mai 1942

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87.

Son­ntag, am 10. Mai 1942.

Herzenss­chätzelein! Mein geliebtes Herzelein! Mein [Roland], Du!

Nun ist der Mai schon wieder zweis­tel­lig, die Tage eilen pfeilgeschwind dahin, so empfinde ich [es]. Und sie sollen auch schnell verge­hen, mein Herzelein! Was soll uns all die lange Zeit, die wir ein­sam, jedes für sich zubrin­gen müssen? Die Zeit mag eilen, eilen! Bis wir uns wieder­haben, Geliebter! Bis wird endlich Frieden sein! Und nun rückt auch der Tag immer näher, der Dich von Deinem neuen Wohnort ent­führt. Kaum hast Du Dich da eingewöh­nt mußt Du schon wieder Dein Bün­del schnüren. Wie wirst Du es nun tre­f­fen? Die Frage bewegt mich so sehr! Sag? Wie wirst Du denn eigentlich umziehen? So, als ob es ein Abschied für immer wäre, vom alten Orte? Oder so, als ob Du nur einige Wochen weggehst und wiederkehrst? Mußt Du alle Deine Hab­seligkeit­en mit­nehmen? Den See­sack, den Kof­fer, alle Sachen? Alle Briefe! Alles, auch Dein Kopf­bet­tlein! Und die Stiefel [maßge­fer­tigte Fell­stiefel für Hilde]? Wo wer­den denn die bleiben? Wenn sie nun weg kom­men, die teuren Stiefel! Deine ganze Löh­nung hängt daran Du liebes, gutes Man­ner­li! Ach, ich habe doch ein gar liebes, gescheites und umsichtiges  Man­ner­li! Ich will mich nur nicht so sehr sor­gen um alle die Dinge. Du wirst schon alles recht machen, gelt Herzelein?

Son­ntag ist heute und mein Herzelein hält doch auch Son­ntag, den let­zten in Saloni­ki! Du! Ich habe doch heute schon oft an Dich gedacht! An Euch 3 Buben!!

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Spit­fire Mk Vc bere­it von USS Wasp im Oper­a­tion Bow­ery (Mit­telmeer) zu starten. Quelle: Nav­Source Online: Air­craft Car­ri­er Pho­to Archive, Lizen­zfrei über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2018.

Nun werdet Ihr nochmal euren Lieblingss­pazier­gang machen und Abschied nehmen, für unbekan­nte Zeit. Auf die Berge werdet Ihr steigen, damit Euch alles noch ein­mal zu Füßen aus­ge­bre­it­et liegt, was Ihr in dem ver­flosse­nen Jahre doch auch ein wenig lieb gewon­nen habt in sein­er frem­den Schön­heit. Die Stadt, die auch Euch beherbergte; Euer lieber Nach­bar, der stolze Olymp! (wie wer­den die Göt­tin­nen trauern, wenn sie nicht mehr die drei Matrosen ent­deck­en, die immer so inter­essiert nach ihrem Wohn­sitz schaut­en!! Sie wer­den wohl [nun] in tiefen Schlaf ver­fall­en!) Und die Meeres­bucht, das Herz, an das sich die Stadt schmiegte. Ach ja, Herzelein! Ich weiß doch auch schon ganz genau Bescheid da, wo Du Dich bewegtest. Und nun, da Du Abschied nehmen mußt ist mir doch, als gin­ge es mich eben­so viel an. [Ich] Bin ja Dein Wan­derge­sell[‘], Du! Der immer mit Dir ging in Gedanken! Darum bin ich auch von allem bewegt, was Dich ange­ht, Geliebter!

Ich halte auch Son­ntag mit den Eltern. Wir hat­ten uns gestern vorgenom­men, einen feinen Spazier­gang zu machen, weil der Mari­en­tag gar zu schön war. Aber heute reg­net es lei­der. Ach, gut ist der Regen und schon längst ersehnt vom Bauer! Nur den Spaziergängern schadet er und ihren Som­mer­hüten!

So bleiben wir halt daheim und machen[‘]s uns gemütlich. Es ist so schön bei uns! Die frischen Gar­di­nen hän­gen über­all nun, wie Hochzeitsvor­bere­itung, so kommt‘s mir vor, Du! Wie eine Pup­pen­stube sieht uns[e]re Woh­nung aus. Der Papa hat aus­geschlafen! Er will dann mal ins Kino gehen. Die Mutsch macht ihr Som­merkleid kürz­er, damit alles in Schuß ist, wenn die Som­merzeit los­ge­ht. Und ich hätte auch so aller­lei zu tun, doch ich will immer zuerst meinem Man­ner­li schreiben, ehe ich was and[e]res anfasse und dann habe ich zu lange geschrieben und es lohnt sich gar­nicht erst! Ach Du! Ich bin aber auch am aller­lieb­sten nur bei Dir, wenn ich frei bin von der Hausar­beit. Heute gegen Abend wollen wir trotz­dem mal ein Stück in den Gemein­de­wald gehen. Weißt? Es duftet immer [so] wun­der­bar nach frischem Grün nach solchem war­men Regen und ein wenig an die Luft möchte ich doch heute auch gerne.

Herzelein! Mor­gen habe ich aller­lei vor! Zuerst hat­te mich Tante H. gebeten, mal reinzukom­men nach Chem­nitz, um einen Schnitt für ein Kostüm mit ihr auszuwählen. Onkel H. war bei uns auf der Durch­fahrt, das Lud­er ist schon wieder frei von Sol­datens [sic]!! [Ich] Möchte wis­sen, wie der das fer­tig bringt! Und ich habe für nach­mit­tags zuge­sagt. Nun bekomme ich doch eine Dien­st­mel­dung: am Mon­tag ist wieder Arbeit­sta­gung in Chem­nitz von der Kinder­schar aus. Da muß ich hin. Also habe ich gle­ich eine Freifahrt und kann das mit Tante auch erledi­gen. Für den Abend, um 8 Uhr habe ich Frau L. mit ihrem lieben Mann ein­ge­laden! Sie hat uns doch auch so nett emp­fan­gen. Ich habe die bei­den getrof­fen und sie gefragt, ob sie wohl ein Stünd­chen von ihrer kost­baren Zeit opfern mögen für einen Besuch bei mir zuhaus [sic]. Ei gewiß, zu mir und meinen Eltern kämen sie schon gern. Ein net­ter Mann, der Herr L. Und weißt, Herzelein? Was ich sofort her­aus­ge­fun­den habe? Daß die bei­den ganz glück­lich sind, daß sie sich min­destens eben­so lieb­haben wie Du und ich. Ges­trahlt haben sie bei­de, daß sie beisam­men waren. Ich habe mich richtig mit­ge­freut an ihrem Glück. Ich gönne es ihnen von Herzen, sie haben sich doch auch soo lange nacheinan­der sehnen müssen. Viel zu kurz sei die Zeit, meinte Herr L., ab Bel­grad 21 Tage hat er Urlaub. Am 18. muß er wieder in Bel­grad sein. Und Du mußt in Sofia sein. So eine Reis­erei! Und immer müssen Eure Weibel zuhause bleiben! Wir wer­den bald mal protestieren, Du! Na warte nur! Wenn wird erst Frieden sein, dann mußt Du aber auch mal mit mir reisen bis ich‘s satt habe und nur noch daheim sein mag. Oh Du! Ich glaube, wenn wird erst Frieden sein, dann mögen wir weit­er nichts und ersehnen weit­er nichts, als ein trautes Heim und ein Allein­sein, Du!! Für die ersten Jahre brauchen wir gar­nichts, als das, Herzelein, das glaube ich gewiß. Wir haben doch sooo vieles nachzu­holen! Die Tage wer­den dann gar­nim­mer [sic] zulan­gen [sic]. Du! Du!!! Ach, wie freue ich mich darauf, endlich mit Dir für immer zusam­men zu sein, Du! Möge uns der Her­rgott gnädig sein und uns diesen, unseren höch­sten Wun­sch erfüllen! Möge er mir Dich behüten vor aller Not und Gefahr, mein [Roland]! Möchte er Dich gesund wieder heim­führen zu mir!

Mein Herzelein! Ach Du! Heute sind doch auch 3 ganz, ganz liebe Boten von Dir gekom­men. Ach Du! Wie soo lieb kommst Du zu mir! Eit­el Freude und Son­nen­schein ist darob in mir. Oh, siehst Du das Strahlen, das Leucht­en auf meinem Angesicht? Spürst Du meine Seligkeit? Geliebter! Mein Geliebter! Ich muß erst all das Glück bewälti­gen in meinem Inner[e]n. Ich kann Dir ja noch gar­nicht auf alles antworten, Du !!!! Nur danken kann ich Dir jet­zt! Aus tief­stem Herzen danken, mein [Roland]! Du!!! Mit mein­er ganzen Liebe und Treue danke ich Dir ewiglich! Du! Schätzelein! Ich bin ganz sehr glück­lich mit Dir! Oh sooo glück­lich, Du!

Und ich möchte, daß auch Du so sehr glück­lich bist wie ich. Du! Bist Du es? O ja, ja, ja! Ich weiß es doch, zu meinem höch­sten Glücke!

Geliebter! Nun scheint doch auch die liebe Sonne am Him­mel draußen und ich will nicht säu­men, will hin­aus­ge­hen mit der Mut­ter in den Früh­lingstag. Spazierenge­hen in Deinen feinen Schuhen, Du! den schwarzen. Komm Herzelein! Ich nehme Dich doch gle­ich mit! Du!!!

Ich liebe Doch sooo herzin­nig, soooo sehr!

Ich küsse Dich mein Herzens­man­ner­li voll tiefer Dankbarkeit und Glück­seligkeit!

Gott behüte Dich! Du mein Ein und Alles!

In unwan­del­bar­er Liebe und Treue

ewig Dein, Deine [Hilde]

Dein glück­lich­es Weib, Du!

Eine Antwort auf „10. Mai 1942“

  1. Rolands Zeit in Saloni­ki geht seinem Ende zu und Hilde macht sich Gedanken über den Umzug; die ersten Früh­lingstage laden zum Spazier­gang ein; ein Besuch bei der Tante in Chem­nitz; der Besuch von Frau und Her­rn L. und Sehn­sucht die daraus resul­tiert nach Roland

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