08. Mai 1942

Joseph Marx 1903.jpg
Joseph Rupert Rudolf Marx, öster­rei­chi­scher Kom­po­nist, Pia­nist, Musik­päd­ago­ge und Kri­ti­ker, 1903. Lizenz­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2018.

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85.

Frei­tag, am 8. Mai 1942.

Her­zens­schät­ze­lein! Mein gelieb­tes, aller­liebs­tes Her­ze­lein! Du!!

Es ist Abend gewor­den über den Pflich­ten des Tages. Nun rückt der Zei­ger der Uhr auf 900, ich kann nun Fei­er­abend hal­ten, Herz­lieb! Mit Dir!! Mit Dir allein ist es doch erst rech­ter Fei­er­abend, Du! Im Rund­funk erklingt ein schö­nes Sym­pho­nie­kon­zert aus Wien, ich mag nicht abschal­ten, ehe es zu Ende ist. Die­se Musik ist dem Ohr eine rich­ti­ge Labe nach dem Gedu­del tags­über, seit nahe­zu einer vol­len Woche hört man nichts als Früh­lings­mu­sik, was für wel­che! Das ein­zi­ge, was mir heu­te ange­nehm in[‘]s Ohr klang und mich so leb­haft an Dich erin­ner­te – an uns[e]re Zeit in L. – es war der [H]uldigungsmarsch von [Edvard] Grieg [wohl: Sigurd Jor­sal­far, Op.56, 1872, 3. Satz], weißt? Du pfeifst ihn so gern! Das Kon­zert aus Wien ist zu Ende, es wur­de anläß­lich des 60. Geburts­tags von einem Wie­ner Kom­po­nis­ten, Joseph Marx , auf­ge­führt.

Her­ze­lein! Nun will ich Stil­le um mich, tie­fe Stil­le. Ich möch­te doch jetzt mit Dir allein sein, Schät­ze­lein! Ganz allein. Die Mutsch sitzt mir gegen­über und schreibt an die Eltern nach K. Sie stört mich zwar nicht, aber Du weißt schon, Her­ze­lein! Wir bei­den sind doch am aller­liebs­ten ganz allei­ne, wenne wir anein­an­der schrei­ben! Wir haben uns ja soo vie­les zu erzäh­len! So viel Heim­li­ches auch und Lie­bes, so kein Mensch – auch der ver­trau­tes­te – unse­re Mie­nen belau­schen soll. Ach Du! Es soll ja ganz aus­schließ­lich nur von mir zu Dir drin­gen, das Strah­len und Leuch­ten mei­nes Glü­ckes und mei­ner Sehn­sucht und mei­ner Lie­be. Du!!!!!! Wie es wirk­lich in mir aus­sieht, wie es leuch­tet und glänzt und strahlt vor Selig­keit, Du! das sollst und darfst ja nur Du allein sehen, Her­ze­lein! [Du] Bist mei­nes Her­zens Ver­trau­tes­ter, bist mein Man­ner­li, mein aller­al­ler­ein­zigs­tes [sic] gelieb­tes Her­zens­schät­ze­lein!!! Oh [Roland]! Mein [Roland]! Wie lie­be ich Dich!! Du!!! Her­ze­lein! Heu­te ist wie­der Post von Dir gekom­men. Und auch ein lie­bes süßes Rosi­nen­pä­ckel [d.h.: Rosi­nen­päck­chen]! Dafür sei von Her­zen bedankt!

Ach Du! – Sieg­fried schrieb auch. – Gelieb­ter! Nun bin ich doch schon den gan­zen Tag, schon seit ich Dei­ne bei­den lie­ben Boten bekam, mit allen mei­nen Gedan­ken bei Dir. Vom Frei­tag und Sonn­abend sind Dei­ne lie­ben Boten. Und dar­in steht nun davon, was uns bei­de angeht, von Dei­ner künf­ti­gen Ver­wen­dung. Her­ze­lein! Ich bin gar nicht so sehr erschro­cken, als ich es las, daß die Zeit für Euren Kur­sus nun fest­liegt. Ein ganz klein wenig spür­te ich für einen Moment einen [Sc]hmerz am Her­zen und ich muß wohl blaß gewor­den sein, denn es über­lief mich so kalt. Ach Du!! Du!!! Du bist mein Liebs­tes! Mein Aller­liebs­tes auf Erden, und ich ban­ge um Dich, sor­ge mich, es ist ja nur zu ver­ständ­lich. Und Du wirst mir auch nicht böse sein, wenn ich einen Moment lang mei­ne Fas­sung ver­lor. Her­ze­lein! Mein Lieb! Ich bedau[e]re Dich so, weil Du nun, kaum wie­der warm gewor­den, schon wie­der zie­hen mußt. Und alles ande­re, [m]ein Wün­schen und Hof­fen, das tritt ja so selbst­ver­ständ­lich zurück bei dem Gedan­ken an Dein Wohl­erge­hen, Gelieb­ter! All mei­ne Sor­ge und Lie­be, die gilt nun Dir und Dei­nem Weg. Ich wer­de nun an nichts wei­ter den­ken müs­sen, als an Dich, mein [Roland]. Mehr und inni­ger denn je. Du wirst mich brau­chen, Du! Daß ich Dir lie­bend zur Sei­te bin in Gedan­ken und Dir die böse Frem­de ver­win­den hel­fe, den Dienst, den öden. Oh Gelieb­ter!! Du weißt es ja schon! Und [Du] sollst Dirs’ [sic] immer und immer wie­der gegen­wär­tig sein las­sen: wohin Du Dei­ne Schrit­te auch len­ken magst, ich wei­che nie und nim­mer von Dir! Ich gehe mit Dir, Du! Bis an[‘]s Ende der Welt! Über­all­hin fol­ge ich Dir nach, Du mein aller­liebs­tes Man­ner­li! Ich ver­las­se Dich nie und nim­mer­mehr! Ich gehö­re doch zu Dir! Ich bin ja ganz, sooo ganz Dein! Oh, ich lie­be Dich, lie­be Dich! Her­ze­lein! Es kam uns die­se Bot­schaft nicht unver­mu­tet. Es stand fest: frü­her oder spä­ter müß­tet ihr die­sen Lehr­gang ableis­ten. Und auf unser Wie­der­se­hen bli­ckend da ist es wohl bes­ser, daß Du alles hin­ter Dir hast, je eher, je lie­ber! Schau! Ein Vier­tel­jahr zieht sich allein das Gan­ze hin, dann am Schlus­se kannst Du auch nicht gleich auf Urlaub pochen. Was nützt es, wenn Du jetzt noch wochen­lang rum­sitzt, die schö­ne Zeit ver­rinnt, so oder so müs­sen wir war­ten. Und in die­sem Fal­le nun dür­fen wir hof­fen, daß Du im Früh­herbst mit allem fer­tig bist, gelt? Und am Ende zur Beloh­nung als neu­ba­cke­ner Unter­of­fi­zier auf Urlaub kommst?! Du! Ich erken­ne Dich viel­leicht dann gar­nim­mer [sic] vor lau­ter gol­de­nen Schnü­ren!

Ach Her­ze­lein! Siehst Du! Ich kann schon wie­der scher­zen! Ich will es doch auch nicht schwär­zer sehen als es ist. [V]om gan­zen Her­zen froh macht mich, daß Du nun doch noch mit Dei­nem lie­ben Kame­ra­den fort­kommst! Wenn ich Dich ganz mut­ter­see­len­al­lein von eurer Kom­pa­nie zum Kur­sus wüß­te, da müß­te ich mich noch viel mehr sor­gen. Denn ich müss­te mir sagen, Du bist stets ein­sam, weil Du Dich so leicht kei­nem anschließt. Über­haupt, es ist schö­ner, mit Alters­ge­nos­sen zusam­men­zu­sein. Das ein­zi­ge ist nun, was mir als schlimms­tes Übel vor[sch]webt: die Hit­ze, die gera­de herrscht wäh­rend eurer sol­da­ti­schen Aus­bil­dung. Ach Du! [Du] Wirst Dein bis­sel Fett noch zuset­zen, armes lie­bes Man­ner­li! Und die kör­per­li­chen Annehm­lich­kei­ten? Ob Du baden kannst, Dich säu­bern nach dem anstren­gen­den Dienst? Ach, ich weiß, Ihr wer­det Euch schon küm­mern, Ihr 3 Raben! Aber man macht sich zuhaus[‘] die tolls­ten Gedan­ken. Hof­fent­lich habt Ihr ver­nünf­ti­ge Vor­ge­setz­te! Her­ze­lein! Um eines bit­te ich Dich von gan­zen [sic] Her­zen: sei vor­sich­tig über­all! Den­ke an mich! Ich wür­de nie mehr froh im Leben, wenn Dir etwas zustößt! Her­ze­lein! Ich will es Dir nicht schwer machen – im Gegen­teil ganz leicht, Her­ze­lein! Und ich mag Dich auch nicht mit Vor­sichts­maß­re­geln quä­len. Aber das eine mußt Du mir ver­spre­chen, Her­ze­lein!

Daß Du ganz wach­sam bist!

Ach, ich weiß doch, Du! Du!!! Daß Du eben­so sehr an unser Glück des Eins­seins denkst wie ich! Ja mehr noch mußt Du es täg­lich, weil Du in der Frem­de bist. Und schon bis auf den heu­ti­gen Tag ein wach­sa­mes Auge hat­test auf alle Din­ge umher. Gelieb­ter! Ich bin ganz ruhig, wenn ich an Dich den­ke: so lieb, soo ver­stän­dig und umsich­tig wie mein Her­zens­man­ner­li ist kei­nes wie­der! Das weiß ich genau! Du wirst wie oft schon, noch die ande­ren bei­den mit­be­wa­chen. Du! Ach, wenn Du nur alles gesund über­stehst[,] Her­ze­lein! Das ist ja die Haupt­sa­che. Unmensch­li­ches kann man ja nicht von euch ver­lan­gen, den­ke ich. Ihr seid ja kei­ne 20 Jah­re mehr! Und wenn Du spürst: hier ist es zu Ende mit mei­ner Kraft, ach Liebs­ter! Du!

Quä­le Dich nicht! Ich bitt[‘] Dich! Du!

Du ringst Dirs’ [sic] von Dei­ner Gesund­heit ab.

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Der Japa­ni­sche Flug­zeug­trä­ger Shō­ka­ku ange­grif­fen von Sturz­kampf­bom­ber des USS Yorktowns, 8 May 1942. Quel­le: U.S. Naval Histo­ry and Heri­ta­ge Com­mand pho­to 80-G-17031Lizenz­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2018. Die Schlacht im Koral­len­meer ist tak­tisch unent­schie­den, aber stra­te­gisch wur­de den japa­ni­sche Vor­marsch durch die Alli­ier­ten auf­ge­hal­ten.

Ich weiß, daß Du zäh sein kannst, ver­bis­sen – daß [D]u durch­hal­ten kannst bis zum Letz­ten. Aber es ist unver­ant­wort­lich, wenn man in die­sem Krieg so gewalt­sam mit sei­nen Kräf­ten wüs­tet. Ich habe das ein­ge­se­hen. Man muß beden­ken, es ist immer­hin nur ein Kur­sus. Wenn man der har­ten Wirk­lich­keit gegen­über­steht, – wie in Ruß­land die Sol­da­ten kämp­fen müs­sen, dann weiß man: sie müs­sen, es geht um ihr Leben. Ach Du! Was sage ich da alles! Nie­mand ist doch ver­nünf­ti­ger [a]ls mein [Roland]! Hat es mich nicht schon so oft zur Ein­sicht ermahnt, die ich drauf­los­steu­er­te? Und ich woll­te jetzt ermah­nen? Ach Du! Du!! Liebs­ter! Aus Lie­be! Aus sor­gen­der Lie­be nur! Du!!!!! Wenn Dich nur der Herr­gott behü­tet und wei­ter­hin mit Dir ist, auf allen Dei­nen Wegen, Du! Dann kann Dir ja nichts gesche­hen, mein [Roland]! Ich will immer für Dich beten, wie jeden Abend. Gott wird Dir gnä­dig sein, und wird Dich gesund wie­der heim­füh­ren. Ich glau­be ganz fest dar­an! Her­ze­lein! Unser Schick­sal ist beschlos­sen bei Gott. Wir soll­ten nicht zwei­feln, zagen, ban­gen! Tap­fer vor­aus­ge­se­hen! Kopf hoch! Und mutig vor­an! Dann wird uns a[ll]es noch ein­mal so leicht wer­den. Ich bin ganz bei Dir alle­zeit mit mei­nen gan­zen Gedan­ken und allen Kräf­ten. Du! Und mei­ne Sehn­sucht? Mein Hof­fen und War­ten auf Dich? Oh Du Her­ze­lein! Ich will sie ganz tief zurück­schlie­ßen in mein Herz­käm­mer­lein! Noch ist es nicht soweit! Es muß ja nicht für immer ein­ge­schlos­sen blei­ben, alles Seh­nen! Ein­mal wird wie­der der Tag kom­men, da die Sehn­sucht befreit wird und leuch­tend empor­steigt aus [de]s Her­zens Grun­de, geweckt vom Son­nen­strahl! Von Dir!!! Oh Gelieb­ter! Dies leuch­ten­de Bild der Erfül­lung soll uns vor­schwe­ben alle­zeit, und wenn’s ein­mal schwer wird, möge es uns Kraft und Geduld schen­ken. Ver­giß nie: ich lie­be Dich! Du! Sooo treu! Sooo wahr! So von gan­zem Her­zen, Du!!!!! Gott sei mit Dir! Ich blei­be in Ewig­keit Dei­ne treue [Hil­de].

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