05. Mai 1942

Hans Sachs - Wittembergisch Nachtigall 1525
Hans Sachs, Die Wit­tem­ber­gisch Nach­ti­gall, Die man yetz höret uber­all, Bam­berg, 1523. Bild­un­ter­schrift: “Ich sage ewch/ wo dise sweygen/ so wer­den die stein schrey­en. luce. xix.” Abbil­dung: 05.03.2014. Lizenz­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2018.
[420505–1‑1]

[Salo­ni­ki] Diens­tag, den 5. Mai 1942

Her­zens­schät­ze­lein! Mein lie­bes, teu­res Weib! Mei­ne [Hil­de]!

Pfeil­ge­schwind flie­gen die Tage. Und schon wie­der ist Abend, sit­ze ich wie­der vor dem wei­ßen Bogen, um Dein zu den­ken. Bald wird es hei­ßen, alles packen. In den nächs­ten Tagen muß ich mei­ne Dienst­ge­schäf­te noch abschlie­ßen und über­ge­ben, und dann berei­ten wir recht­zei­tig uns[e]re Abrei­se vor, damit wir in aller Ruhe zie­hen kön­nen. Die Papie­re schrei­ben wir uns ja sel­ber. Fein, daß wir zu dritt sein kön­nen, daß wir ein­an­der hel­fend bei­sprin­gen kön­nen. Da den­ke ich eben auch an die neue Feld­post­num­mer: […]. Ab Mitt­woch, den 13. Mai, den­ke ich, schreibst Du unter der neu­en Num­mer, wenn ich inzwi­schen nichts ande­res schrei­be. Es kann ja nichts wei­ter gesche­hen, als daß ein paar Boten ein­mal falsch gelei­tet wür­den. Die kämen dann zu Dir zurück. Dar­um wird es gut sein, den Absen­der recht deut­lich zu schrei­ben – ach, da denk[‘] ich eben dran: mein Frau­chen hat doch einen Stem­pel, der macht es allen fein leser­lich außen. Und innen braucht es ja nur das Man­ner­li lesen zu kön­nen, gelt? Und das kann alles, alles fein deut­lich lesen, auch wenn mein Frau­chen [ein]mal schmiert, wie das Man­ner­li zual­ler­meist. Und frü­her schrieb er sooo fein – hat schon nach­ge­las­sen – aber nicht in der Lie­be – Du! Du!!! Du!!!!! !!!!! !!!

Böhme Philosophische Kugel
Jakob Böh­me, Dar­stel­lung sei­ner Kosmo­go­nie in Form einer Zeich­nung, aus: Viert­zig Fra­gen von der See­len Urstand, Ess­entz… (ver­fasst 1620). Ams­ter­dam 1682. Quel­le: Ried­berg­mu­se­um, Mys­tik − Die Sehn­sucht nach dem Abso­lu­ten 2011-12. Foto: von Schnäg­gli. Lizenz­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2018.
Heu­te in der Mit­tags­stun­de habe ich unse­ren Schus­ter wie­der besucht, um mich vom Fort­schritt der Arbeit zu über­zeu­gen. Fein schau­en die Stie­fel­ein schon aus. [Sie] Sind schon fer­tig bis auf die Soh­len. [Ich] Habe auch schon die Maße geprüft – bis jetzt stimmt alles. Du! Fein fein warm wer­den sie sein! Wenn sie nur pas­sen. [Ich] Habe über eine hal­be Stun­de mit auf einem Sche­mel geses­sen – den flei­ßi­gen Hän­den zuge­schaut und mich unter­hal­ten, zu dem einen hin auf Fran­zö­sisch, zu dem ander[e]n in Deutsch – wir haben uns gegen­sei­tig gehol­fen und ver­stan­den. Die Schus­ter sind nicht die dümms­ten Leu­te; die­se Erfah­rung habe ich schon oft gemacht. Sie haben ja auch ein paar berühm­te Ahnen vor­zu­wei­sen: den Schuh­ma­cher­poe­ten Hans Sachs, und den Schus­ter­phi­lo­so­phen Jakob Böh­me.

Her­ze­lein! [Es] Sind doch schon wie­der zwei lie­be Boten zu mir gekom­men, die vom Mitt­woch und Don­ners­tag. Der Diens­tag­bo­te steht noch aus. Und nun habe ich doch noch alle Hän­de voll zu tun, um Dir alle Lie­be zu erwi­dern aus den Boten von den Tagen vor­her. Ach Her­ze­lein! Ich den­ke doch mit ein wenig Ban­gen dar­an, daß ich nun eine Zeit­lang viel­leicht nicht soviel Muße und Zeit wer­de erüb­ri­gen kön­nen, um so lieb und lan­ge und allein bei Dir zu sein wie bis­her. Erst ein­mal die Tage der Rei­se. Und dann die Umstän­de des Neu­ein­rich­tens. Her­ze­lein! Du wirst all das lieb ver­ste­hen und berück­sich­ti­gen – und Du weißt, wenn ich nur irgend kann, wer­de ich Dir schrei­ben – und Dein den­ken, ganz lieb, wer­de ich immer­zu – un[d] lieb­ha­ben, von tiefs­tem Her­zen Dich lieb­ha­ben ewig­lich!!! Oh Gelieb­te! Und Du wirst mir all­zeit zur Sei­te sein – Du wirst mich gelei­ten, wohin auch die Fahrt geht – und Du wirst Dich mit mir lieb gedul­den! Geglie­dert sind die nächs­ten Mona­te, die nächs­te Zeit. Erst ein­mal 4 Wochen, dann ein­mal 8 Wochen – und dann kann es nicht mehr weit sein bis zum Wie­der­se­hen – oh Du! Du!!! Mein lie­bes, treu­es, tap­fe­res Weib!!! Wir ver­trau­en Gott, dem Herrn und hal­ten ein­an­der ganz lieb fest – sooo fest – sooooooooooooo lieb! Du!!! Wir wer­den ein­an­der nicht fremd wer­den, nim­mer­mehr! Wir wer­den ein­an­der ganz lieb­be­hal­ten, alle Lie­be eifer­süch­tig und treu bewah­ren – oh Her­ze­lein! Wie könn­te es anders sein?!!!

Corregidor Landings May 1942
Japa­ni­sche Ein­grif­fen auf Cor­re­gi­dor, 5–6 Mai 1942. Quel­le: Lou­is Mor­ton, The War in the Paci­fic – The Fall of the Phil­ip­pi­nes, 1953, ursprüng­lich: United Sta­tes Army Cen­ter of Mili­ta­ry Histo­ry. Lizenz­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2018.
Oh Gelieb­te! Du bist sooo lieb, sooo lieb zu mir! [Du] Denkst dar­an, daß ich Dir nicht ganz heil zurück­keh­ren könn­te! Oh Her­ze­lein! Wie lieb denkst Du dazu! Du wür­dest mich doch ganz lieb behal­ten, Gelieb­te! Mei­ne [Hil­de]! Ich weiß es: Du könn­test nicht anders als ich. Uns[e]re Lie­be! Uns[e]re Freu­de! Unser Leid! Unser Schick­sal! „Dein Mein Leben schließ[‘] ich um Dei­nes her­um.” Oh Her­ze­lein! Ein Paar, so ste­hen wir vor Gott, eines! Und unlös­lich, unzer­trenn­lich sind dar­um auch uns[e]re Schick­sa­le ver­bun­den. Oh Her­ze­lein! Ich muß Dich auch immer ganz lieb behal­ten! „Alles tun für Dich! Nie­mand dürf­te her­an außer mir! Wie eine böse Löwin wür­de ich Dich bewa­chen!” Oh Schät­ze­lein! Ich weiß: Du kannst es, Du bist so stark, Du hast mich so lieb – ich glau­be Dei­nen Wor­ten. Und bin doch so beglückt davon! Oh Gelieb­te! Nie­mand außer Dir hat auch ein grö­ße­res Recht und Anrecht dar­auf, mir der nächs­te zu sein, als Du! Du!!! gelieb­tes Weib! Dein bin ich doch ganz!

Und auch ich woll­te immer Dir am nächs­ten sein – oh Her­ze­lein! Und ich bin und blei­be es doch auch!!! Dein Herz­lieb! Dein Man­ner­li! Oh Her­ze­lein! Denkst Du noch an die eigen­sin­ni­ge Lie­be Dei­nes Man­ner­li? So eigen­sin­nig ist sie wie die Dei­ne, so ent­schie­den, so auf[‘]s Gan­ze gerich­tet! „Ich will Dich und Dein Leben ganz durch­drin­gen. In allen Din­gen, zu allen Stun­den sollst Du an mich gemahnt sein, an Dein See­elen­ge­schwis­ter, an Dein ande­res Ich.” Her­ze­lein! Ich kann es doch nicht bes­ser sagen als mit die­sen Dei­nen Wor­ten. Oh Du! Unser Lie­ben ist kein lau­ni­sches Kind, das man erst bet­teln, dem man erst gut zure­den muß – oh Her­ze­lein! – [es] ist ein stür­mi­sches Bedrän­gen und Drän­gen, ein hei­ßes, inbrüns­ti­ges Wol­len zuein­an­der, ist nicht ein Abwar­ten, son­dern ein kraft­vol­les Tätig­sein! Oh Her­ze­lein! Kei­ne Lan­ge­wei­le, kei­ne Lee­re kann zwi­schen uns sein – nur ein lie­be­vol­les Umein­an­der und Für­ein­an­der. Oh Her­ze­lein! So ist es jetzt über alle Fer­ne – so wird es blei­ben in unse­rem gan­zen Leben! Ein jubeln­der, jauch­zen­der, inni­ger Zwie­ge­sang unser gan­zes Leben! Oh Her­ze­lein! Nie­mand kann ihn stö­ren. Denn er ist von Gott und geht zu Gott!

Oh Du, Gelieb­te!!! Lie­be macht blind. Die­ses Wort kann ver­schie­den betont wer­den und damit ver­schie­den ver­stan­den. Ein­mal meint man damit, daß die Lie­be an allen Schwä­chen vor­bei­se­hen läßt. Ein ander­mal, und so möch­te ich es anfüh­ren, daß die Lie­be uns ganz erfüllt, daß wir alles um uns her ver­ges­sen, daß alles um uns her ver­sinkt vor dem rei­chen Erle­ben der Lie­be[.] Oh Gelieb­te! Wie sicher, gebor­gen, unan­ge­foch­ten gehen wir mit uns[e]rer Lie­be! Wer kennt auch noch alle uns[e]re gehei­men, lie­ben Wege und Stei­ge, die Wege und Stei­ge uns[e]rer Lie­be? Wer ver­möch­te uns zu fol­gen in unser Reich der Lie­be? Wo fän­den wir grö­ße­res Glück als in der Trau­te uns[e]rer Her­zen? Wel­ches Ver­lan­gen könn­te seli­ger und glück­li­cher machen als dies, ein­an­der ganz zu Eigen, zu Urei­gen zu sein? Ein­an­der ganz zu durch­drin­gen? Einem gelieb­ten Men­schen alles zu sein? Uner­setz­lich? Oh Gelie[b]te! Ich schaue immer nur Dich, bin ganz erfüllt von Dei­nem gelieb­ten Wesen, ganz gebannt von Dei­ner Lie­be! Oh Du! Du!!! Tie­fe, rei­ne Her­zens­lie­be ist zwi­schen uns – Urge­walt der Lie­be, Wun­der, Geheim­nis – Geschenk Got­tes! Du! Mein See­len­ge­schwis­ter! Mein Lebens­ge­fähr­te! Mein lie­bes Weib! Mein Reich­tum! Mein Alles! Mein Leben !!!!! !!!!! !!!

Oh Her­ze­lein! Behü­te Dich Gott! Er seg­ne uns[e]re Lie­be und rüs­te uns aus mit Kraft und Geduld zu treu­em Aus­har­ren!

Ich habe Dich doch sooo soooooooooooooooooo lieb! Oh Du! Du!!! Ich seh­ne mich nach Dir! Ich bin ganz Dein!

Ich küs­se Dich ganz lieb!!! Ewig Dein glück­li­cher [Roland]! Du! Du!!!!! !!!!! !!!

Plea­se fol­low and like us:
error

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.