03. Mai 1942

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Offi­zie­re und Unter­of­fi­zie­re der 3. Kure Spe­zi­al-Lan­dungs­kräf­te, wel­che Tula­gi im Mai 1942 besetz­te und wäh­rend der alli­ier­ten Rück­erobe­rung bei­na­he voll­kom­men auf­ge­rie­ben wur­de. Foto vom 17. Febru­ar 1942, Kure, Japan. Lizenz­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2018.

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Sonn­tag­abend, am 3. Mai 1942.

Her­zens­schät­ze­lein! Mein gelieb­ter, guter [Roland]! Herz­lieb mein!

Nun ist es so weit! Ich kann mich zu Dir set­zen, kann Dei­ne lie­ben Hän­de fas­sen – ach, Gelieb­ter! Ich bin doch so glück­lich! Bin so von Her­zen froh! Weil ich Dich sooo lieb­ha­ben kann, Du! Sooo lieb­ha­ben muß! Oh Her­ze­lein! Könn­test Du mei­ne gro­ße, her­zin­ni­ge Freu­de sehen! Ich glau­be Du wür­dest ganz sehr froh und glück­lich sein, weil Du soviel Macht über mich hast durch Dei­ne Lie­be!!! Du!! Ich bin doch ganz Dein! Her­ze­lein! Heu­te Nacht habe ich doch von Dir geträumt, so ganz deut­lich warst Du bei mir, ich habe mich doch gegen Mor­gen beim Erwa­chen besin­nen müs­sen: war es Traum, oder war es Wirk­lich­keit? Du gingst neben mir im Son­nen­schein, nicht in Uni­form, ganz hell geklei­det; die H.straße ent­lang lie­fen wir Hand in Hand und waren so glück­lich, daß wir ein­an­der hat­ten! Ich spür­te es ganz genau, Du! Sogar das, was Du sag­test weiß ich noch, Du! Von uns[e]rer Woh­nung sprachst Du und woll­test das Wohn­zim­mer nach der Süd­sei­te ein­rich­ten! Wo aber die Woh­nung war, weiß ich nicht. Jeden­falls hat­test Du gro­ßen Drasch! Und ich lausch­te ganz still und glück­lich, was Du für Plä­ne ent­wi­ckel­test. Und ich hat­te eine Not, Du! Von einer jun­gen Frau woll­te ich mir den Kin­der­wa­gen abkau­fen, einen schö­nen Korb­wa­gen und sie kam eben auch auf der Stra­ße gelau­fen, als wir da gin­gen, da sah ich, daß sie wie­der ein Kind­chen trug und ich war ganz ent­täuscht; [ich] mach­te Dich auf­merk­sam, als sie vor­über war. Du trös­te­test mich, [Du] woll­test mir schon auch einen schö­nen Wagen besor­gen. Du!! Du!! Und dann lie­fen wir auf dem Weg, der am hohen H.hain lang führt, weißt? Die Fich­ten und Lär­chen waren aber gar­nicht mehr zu bei­den Sei­ten, son­dern lau­ter blü­hen­de Tul­pen­bäu­me. Und es war eine Pracht, sie zu schau­en, so zart weiß und rosen­rot! Einen Sten­gel brachst Du mir und ich war so froh und glück­lich! So glück­lich!! Als dann der Weg nach links abbog und Bäu­me dich­ter stan­den, Her­ze­lein! Da warst Du mir doch plötz­lich ganz nahe. Ich sah Dei­ne lie­ben Augen­ster­ne ganz nahe vor mir leuch­ten, [ich] sah Dich! Dein gelieb­tes Bild – oh Du! Ganz deut­lich habe ich doch Dei­nen Kuß gespürt, Gelieb­ter! Mein Gelieb­ter, Du!!!! Ich habe Dich doch ganz sehr lieb­ha­ben müs­sen. Oh Du!! Es war so süß!! Du!! Ach Her­ze­lein! Wenn man so lieb träumt, dann will doch beim Erwa­chen die Sehn­sucht schier in[‘]s Unend­li­che wach­sen, Du!!! Und ich muß ganz lieb an Dich den­ken, ganz lieb! Und bin doch dann auch ganz ver­nünf­tig, weil ich weiß: es kann noch nicht sein, daß wir bei­ein­an­der sind. Du!!!!!

Oh Her­ze­lein! Das unend­li­che Glücks­ge­fühl, daß unse­re Her­zen erfüllt, es kann uns doch trös­ten und schenkt uns Geduld und schenkt uns auch Hoff­nung, blü­hen­de Hoff­nung! Gelieb­ter! Daß wir uns sooo lieb­ha­ben kön­nen, das ist ein so gro­ßes, glück­haf­tes Geschenk! Oh Du!!!!! Mein Her­zens­schät­ze­lein! Wie bin ich glück­lich, so glück­lich, daß mich die Lie­be zu Dir so ganz aus­füllt!! Gelieb­ter!! Du! Den 80. Brief schrei­be ich Dir schon wie­der. Wie­vie­le wer­de ich [Di]r denn noch schrei­ben müs­sen, bis wir uns wie­der ein­mal alles münd­lich sagen kön­nen? Vom letz­ten Som­mer­ur­laub bis zum Urlaub im Janu­ar habe ich Dir wohl 120 Brie­fe geschrie­ben. Du Schät­ze­lein! Da hat­ten wir doch schon die Hälf­te der War­te­zeit wie­der über­stan­den! Viel­leicht! Ach – war­um soll­ten wir uns[e]re Hoff­nung schmä­lern auf sol­ches Glück? Du!!! Und wenn Kame­rad K. schon lang­sam bohrt und rüs­tet, na – dann dür­fen ja Hubo und [Hil­de] auch lang­sam, lei­se das Hoff­nungs­licht­lein auf­sto­cken! Du!

Ach! Uns[e]re gan­ze Selig­keit hängt doch an einem Wie­der­se­hen, gelt? Und wenn es erst ein Heim­keh­ren für immer sein wird, dann kennt ja unser Glück kei­ne Gren­zen mehr, Du!!! Oh Her­ze­lein! Wir müs­sen und [sic] doch zu sehr lieb­ha­ben! Schät­ze­lein! Wie wird es sein, wenn wir ein­mal an Abschied nicht mehr zu den­ken brau­chen?! Frei­lich, es wird auch die über­quel­len­de Freu­de des Wie­der­se­hens dann fort­fal­len. Aber an ihre Stel­le rückt die Freu­de des Schen­kens, Beglü­ckens des gemein­sa­men Erle­bens und Schaf­fens und das ist die tie­fe­re, bestän­di­ge­re! Oh – wie freue ich mich auf die­ses gemein­sa­me Leben! Oh Gelieb­ter! Ich ahne doch auch Dei­ne gro­ße Freu­de auf unser Leben! Du! Wie will ich Dich [do]ch glück­lich machen! Immer ganz glück­lich, mit allen mei­nen Kräf­ten Dich beschen­ken. Ach Her­ze­lein! Mein lie­bes Her­ze­lein! Schen­ke uns Gott in Gna­den sol­ches hohe Glück!

Heu­te, als wir nun glück­lich unse­re Wäsche unter Dach und Fach hat­ten, da dach­te ich doch wie­der, wie so oft und wie ich den gan­zen Tag den­ke: wenn es erst für uns bei­de geschieht, das gan­ze fro­he Wer­ken und Schaf­fen! Ach, dop­pelt glück­lich wer­de ich dann sein! Gelieb­ter! Wenn ich dann mit Dir Fei­er­abend hal­te! Wenn Du mich dann erfreust mit einem schö­nen Spiel – Du kannst das soo lieb, soo gut, Dich in mein Herz hin­ein spie­len – ach, [d]as wird mir doch der schöns­te Lohn und Dank sein, ganz still und froh wer­de ich dann in einer trau­li­chen Ecke sit­zen und mich in unser[e]m Glü­cke son­nen, mich an Dei­ner Lie­be wär­men, Du! Wie heu­te abend, nach­dem ich alle Arbeit been­det habe und mit Dir, mei­nem Aller­liebs­ten zusam­men­sit­ze, so wird es immer sein, Du! Nun laß Dir nur mal erzäh­len, wie alles der Rei­he nach ver­lief.

Also am Frei­tag­abend wur­de ein­ge­weicht. Anschlie­ßend bin ich doch zur Prü­fung [als Rot­kreuz­hel­fe­rin]! Ach Du! War das eine Auf­re­gung vor­weg und dann war[‘]s gar­nicht so wild. 50 Prüf­lin­ge (Scho­laren) waren wir, [wir] saßen in der Mit­te des gro­ßen Saa­les im J.haus. Im Rücken saßen sämt­li­che Anwär­te­rin­nen der Bereit­schaft! Alle männ­li­chen auch und die Füh­rung dazu! Die Prü­fungs­kom­mis­si­on bestand aus 4 Per­so­nen. Dr.R.K [sic] Ober­füh­rer Dr. P. (Chem­nitz), Poli­zei­prä­si­dent W., Stabs­arzt Dr. H. und ein ält­li­ches Frau­en­zim­mer. Dr. P. frag­te uns aus! Es ging zögernd los, kam aber dann schön in Gang. Ich muß­te über die Funk­ti­on der Nie­re reden, das ist mir gelun­gen und hat mir ein Lob ein­ge­tra­gen. Ich bin auch nicht noch­mal gefragt wor­den. Man­che hat­ten Dr. P. dau­ernd beim Kant­ha­ken! Den­ke nur! bis nach Mit­ter­nacht dau­er­te die Prü­fung!! Ich bin bald ver­rückt gewor­den. Eine Käl­te war im Saal, wir hüll­ten uns in uns[e]re Män­tel. Naja, dann war noch das Prak­ti­sche [dran]. Wir hat­ten einen kom­pli­zier­ten Unter­schen­kel­bruch zu vie­ren wie­der zu repa­rie­ren, d.h. den Not­ver­band anzu­le­gen. [Das] Ging auch in Ord­nung. Und dann das Prü­fungs­er­geb­nis: Von 50 Prüf­lin­gen hat­ten 48 bestan­den, 2 sind durch­ge­fal­len. Die Toch­ter vom Kom­mis­sar Sch. und eine B.dorfer Es ging ziem­lich streng alles. Weil eben Krieg ist und even­tu­ell Ein­satz­mög­lich­keit besteht. Man hat an uns appel­liert! Es wird Nach­schub gebraucht nach Osten in die Feld­latz­a­ret­te [sic], Sol­da­ten­hei­me, Nach­rich­ten­hel­fe­rin­nen u.s.w. Das alles läßt mich unbe­rührt. Jetzt ist alles noch frei­wil­lig. Es kann pas­sie­ren – wenn die Aus­ma­ße noch tol­ler wer­den – daß Ein­be­ru­fun­gen erfol­gen, aber dann kom­men zuerst die Ledi­gen dran, dann Ver­hei­ra­te­te ohne Kin­der, soweit sie abkom­men kön­nen und gesund sind, und so wei­ter, bis eben alle ver­tan sind! Es möge Gott ver­hü­ten, daß der Krieg so schlim­me Aus­ma­ße annimmt! Aber man kann noch nicht abse­hen, wie es noch kommt. Der Poli­zei­mensch sag­te das uns und vor allem sol­len wir uns gut bewäh­ren hier zuhaus[‘], wenn ein­mal solch schlim­mer Fall ein­tritt, wie in Lübeck und Ros­tock, wo Tau­sen­de hel­fen­der Hän­de gebraucht wur­den. Ach, für eine Frau ist es nie­mals fehl am Plat­ze, wenn sie Bescheid weiß in sol­chen Hil­fe­stel­lun­gen. Daß ich mich nicht frei­wil­lig mel­de zum akti­ven Dienst, ist klar. Und ehe sie so kraß ein­grei­fen, gibt es sicher genug Frei­wil­li­ge.

Wir wol­len ruhig die Din­ge an uns her­an­kom­men las­sen, dann wird auch noch Rat.

Ich bin nun froh, daß ich’s hin­ter mir habe! Aber dann und wann fin­den wir uns noch zu Übungs­aben­den zusam­men.

Am Sonn­abend­früh, dem Natio­na­len Fei­er­tag, war bei [Lau­bes] Wasch­fest. Mut­ter ging schon um 6 [Uhr] früh in[‘]s Wasch­haus. Die gute hat mich schla­fen las­sen! Um 8 [Uhr] war ich aber auch start­be­reit, Du! Nun ging es leb­haft bis abends um 9 Uhr. Aber alles wur­de fer­tig! Von der Blei­che weg spül­ten wir sie noch­mal heiß in der Wasch­ma­schi­ne durch. Heu­te früh haben wir alles noch­mal kalt gespült, gestärkt, durch die Wring­ma­schi­ne gedreht und auf­ge­hängt. 2 Lei­nen muß­ten wir noch von Groß­mutter [Lau­be] holen, uns[e]re lang­ten nicht! Schö­nes Wet­ter hat­ten wir!! Arti­ges, gutes Man­ner­li! Ein wah­res Glück war’s! Ich habe den gan­zen Nach­mit­tag abge­nom­men und umge­hängt, es trock­ne­te pri­ma. [Ich] Bin ganz rot im Gesicht und an den Armen, von der lie­ben Son­ne, die es so gut mein­te. In weni­gen Tagen wird unser Kirsch­baum im Gar­ten blü­hen! Dann ist es rich­ti­ger Mai, Du! Die Eltern haben der­weil vorn im Wasch­haus rum­ge­wirt­schaf­tet, alle Kör­be gescheu­ert – auch eine Arbeit, die wir ein­mal im Jahr machen, den Koh­len­kas­ten – dann mach­ten sie noch das Wasch­haus sau­ber, scheu­er­ten die Wan­nen, damit sie trock­nen an der Luft. Wenn U.s heim­kom­men, ist alles wie­der in Ord­nung und sie haben gar­nichts gemerkt von uns[e]rer Wäsche. Heu­te früh muß­te ich doch auch erst in die Kir­che, [es] war doch Kan­ta­te heu­te! ½ 11 [Uhr] kam ich heim, da war Besuch im Wasch­haus. Eine jun­ge Kol­le­gin von Mutsch, die nach Rains­dorf b. Wit­ten­berg in eine Muni­ti­ons­fa­brik [wohl: WASAG] gekom­men ist. Ihr ers­ter Wochen­end­ur­laub. Ganz schlech­te Hän­de hat­te sie! Sonst hält sie es aus, sie muß. Ich erzäh­le Dir mal davon. Das hat uns bis­sel auf­ge­hal­ten, sonst wären wir schon am frü­hen Nach­mit­tag fer­tig gewor­den. So aber kam 400 [Uhr] her­an. Dann muß­ten wir ja wohl baden! Und mit­tags hat­ten wir gefrüh­stückt, weil die Wäsche auf die Lei­ne soll­te, ich konn­te nicht weg­lau­fen und Essen kochen. Papa ver­stand es nicht: Hen­nen­bra­ten und Rot­kraut! So aßen wir um 6 [Uhr] abends Mit­tag! Aber herr­lich hat’s geschmeckt! Wir haben nun so an Dich gedacht, Herz­lieb! Hast Du es wohl gemerkt? Einen Kuchen habe ich auch noch geba­cken! zur Beloh­nung für die Wasch­frau­en und –män­ner. Ein neu­es Kriegs­re­zept: 2 ℔ [Pfund] gepreß­te hei­ße Kar­tof­fel­mas­se mit 2 Eigelb, 1 Tas­se Zucker und Rum[,] Zitro­nen­scha­le ver­rüh­ren, zuletzt Eischnee und [ein] paar Rosi­nen unter­mi­schen. Alles 1 Stun­de bei guter Hit­ze backen. Ich sage Dir: fein ist das gera­ten! Wir haben schon die Kost­pro­be abge­legt. Das ist ein bil­li­ger Kuchen ohne Fett! Aber lan­ge kann man den nicht auf­he­ben, sonst wer­den die Kar­tof­feln sau­er.

Ach Her­ze­lein! Nun bin ich eigent­lich recht­schaf­fen müde. Alle Glie­der tun mir weh. Ich muß mich mal schön aus­ru­hen, aus­schla­fen. Aber für mein Her­ze­lein habe ich schon noch Kraft zum schrei­ben! Wenn[‘]s auch mise­ra­bel aus­fällt – [das] macht heu­te mal nichts gelt? Wenn Du es nur erken­nen kannst. Du!

Und von mei­nenr gro­ßen Freu­de muß ich Dir noch sagen, ehe ich in[‘]s Bett­lein krie­che. Heu­te bekam ich doch 2 lie­be, so lie­be dicke Boten!! Schät­ze­lein!!! Und ein lecke­res Päck­chen! Mit Scho­ko­la­de, Keks, Rosi­nen! Oh Du gutes Her­zens­man­ner­li! Wie habe ich mich gefreut! Gera­de am Wasch­tag!!! Du!!! Fein hast Du das doch ein­ge­rich­tet Gold­her­ze­lein! Geliebt[er]! Wie süß! Wie gut hat alles geschmeckt! Dei­nem Lecker­mäul­chen. Auch die Eltern ließ ich kos­ten! Viel[e] lie­be Grü­ße von ihnen!!

Ach, auf all Dei­ne Lie­be muß  ich doch mor­gen ant­wor­ten, Du! Heu­te fal­len mir doch bald die Augen zu. Her­ze­lein! Ich habe Dich ganz sehr lieb! Immer – immer! Du! Du!!!!!! Gott behü­te Dich! Es küßt Dich innig Dei­ne treue [Hil­de].

Komm Her­ze­lein! Nun neh­me ich Dich mit in mein Bett­lein, Du!!!!!

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