Trug und Schein: Ein Briefwechsel

24. April 1942

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Pro­pa­gan­da­pla­ka­te jugo­s­la­vi­schen Par­ti­sa­nen, 1941–1945. Quel­le: Behance.net, Lizenz­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 11.2018

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72.

Frei­tag, am 24. April 1942.

Her­zens­schät­ze­lein! Mein aller­liebs­ter, guter [Roland]! Du!!!

Früh­mor­gens kurz nach 8 Uhr! Mein Her­ze­lein steckt gewiß auch schon bis über bei­de Ohren in der Schreib­ar­beit. Aber nicht so lie­be Schrei­be­rei kann es ver­rich­ten wie ich, alte öde Akten muß es bear­bei­ten. Na – über ein Weil­chen ist Abend, dann bist Du erlöst! Du!! Ob Du denn nun wahr­haf­tig im neu­en Bau steckst? Es ist heu­te wie­der Frei­tag. Dein lie­ber Bote vom vori­gen Frei­tag kam ges­tern zu mir, es steht nichts vom Umzug drin­nen. Ach, wenn sich‘s nur gleich für ganz auf­schö­be!

Her­ze­lein! Es ist bei uns kalt, heu­te mor­gen. Ich habe gleich erst eine war­me Hafer­flo­cken­sup­pe geges­sen. [Ich] Habe Feu­er gemacht, Schu­he geputzt, auf­ge­räumt in der Küche und ehe ich nun ans Mit­tag­essen gehe – Kar­tof­fel­sa­lat mit Eiern – will ich mich erst zu Dir set­zen. Es wird heu­te nicht mehr so fein pas­sen, denn ich habe ges­tern begon­nen zusam­men mit Mut­ter, mit dem Groß­rei­ne­ma­chen; in mei­nem Stü­bel und im Wohn­stü­bel. Wir machen das im Jah­re nur ein­mal so gründ­lich, immer, wenn der Früh­ling kommt. Die Win­ter­fens­ter kom­men nun raus. Ich wäre schon viel wei­ter damit, doch ges­tern mit­tag ½ 12 [Uhr] war ich zur Bett­fe­dern­rei­ni­gung bestellt (wir woll­ten 2 alte Kopf­kis­sen rei­ni­gen las­sen) und bin davon erst nach 2 [Uhr] nach­mit­tags wie­der­ge­kom­men. Die­se Zeit hat mir mäch­tig gefehlt. Mein gan­zes Pro­gramm ver­schob sich dadurch. Beim Grün­wa­ren­mann stand ich dann auch ver­ge­bens, er hat­te nur Kar­tof­feln. Sch.s hat­ten auch nichts zu ver­kau­fen – und doch meint man, daß man etwas ver­säumt, geht man nicht täg­lich ein­ho­len. Einen Zent­ner Kar­tof­feln haben wir noch bekom­men, nun kom­men wir fein aus.

Der Pau­li­ne B. hob ich 100 RM [Reichs­mark] ab und sand­te sie ihr.

Und abends war ich in der Sing­stun­de[,] am Sonn­tag ist Hel­den­eh­rung, wir übten dafür. Auch wur­de Herrn S. und mir das bekann­te Geburts­tags­ständ­chen gesun­gen!! 96 Jah­re alt sind wir zusam­men! Und in 2 Jah­ren 100! Das wird im Frie­den gefei­ert, Du! Hell­mut W. war da, er ist bei der Poli­zei in Jugo­sla­wi­en als Grenz­schutz; sie haben mäch­ti­ge Schie­ße­rei­en da. Er gehört zur Gebirgs­jä­ger­trup­pe, bis in paartau­send [sic] Meter Höhe jagen sie nach Ban­den. Einen schwe­ren Pos­ten besetzt er und kann stünd­lich mit dem Tode rech­nen. Dabei erwar­tet sei­ne Frau ein Kind­chen, das zwei­te schon. Er mag ungern wie­der weg. Auch W. E. hat­te geschrie­ben. Er besteht har­te Kämp­fe in der Ukrai­ne. Bei einer Flie­ger­ein­heit befin­det er sich und hat die Auf­ga­be, als Fun­ker, das Nach­rich­ten­netz für die Trup­pe auf­recht zu erhal­ten. Bei die­sem furcht­ba­ren Win­ter sei das unbe­schreib­lich schwer. Weil nun jetzt vor Morast kein Wagen fah­ren kann, muß­ten sie alle rei­ten ler­nen. Sein hin­te­rer Teil habe zwar tüch­tig gelit­ten, meint er, doch man [h]ielte alles aus beim Mili­tär. So kämen sie wenigs­tens vor­wärts. Über­all lau­fen mal wie­der die Fäden zusam­men, alle die Kan­to­r­ei­mit­glie­der leben noch. Man freut sich dar­über. Und obwohl ich nicht so tief ver­wur­zelt bin mit allen, bedau­re ich doch, daß die­ser Ver­ein nun ein­ge­hen soll. Bis Pfings­ten will Herr S. noch Kan­tor sein, dann legt er sein Amt nie­der. Aus gesund­heit­li­chen Grün­den. Die Mit­glie­der wis­sen das noch nicht, der Pfar­rer sag­te es mir. Na, wenn er selbst dann noch ein­ge­zo­gen wird[,] ändert sich s[ow]ieso das Gan­ze. Wir wol­len mal ruhig abwar­ten.

Mein Her­ze­lein! Den­ke nur an! Ges­tern kam noch ein Bote an vom 27. Febru­ar!!! Ein Säum­ling!! Gelt? Ein Frei­tags­brief, den ich längst ver­lo­ren gab. Nun freue ich mich umso mehr. Sind doch die schö­nen Bil­der drin­nen auch, von Euren Aus­flü­gen nach dem Kapel­len­berg und dem Chor­tia­tis. Fein, daß ich sie nun wie­der habe! Es kam noch ein Frei­tags­brief, vom 17. April und einer vom Don­ners­tag den 16. April. Und 3 Päck­chen mit fei­nen bit­te­ren Man­deln! Oh fein! Du!! Gutes Herz­lein! Sei für alle Dei­ne Lie­be von gan­zem Her­zen bedankt, Gelieb­ter! Ach! Du!! Es ist mir so eigen zumu­te, wenn Du zu mir kommst mit all Dei­nem Ver­trau­en, mit all Dei­ner Lie­be. Du mein Her­zens­man­ner­li! Wie glück­lich, wie selig machst Du mich doch! Ich bin so ganz Dein glück­li­ches Weib, Du!!! An die Jah­re Dei­ner Ein­sam­keit denkst Du in einem Dei­ner lie­ben Boten. Oh Her­ze­lein! Allein in einem frem­den Orte, zum größ­ten Teil allein – in einem unge­lieb­ten Beruf. Her­ze­lein! Ich glau­be, daß ich es Dir nach­füh­len kann, wie bit­ter, wie so schmerz­lich das ist. In Dir war so gro­ßes Ver­lan­gen nach Grö­ße­rem, nach Höhe­rem, das Dich so ganz aus­fül­len konn­te. Du warst gebun­den an dein Schick­sal, die Ver­hält­nis­se mach­ten aus, daß sich dein Weg so gestal­te­te und nicht anders. Ach Liebs­ter! Das kann so bedrü­cken und weh­tun, wenn man in einem Joche geht. Ich ersehn­te auch mehr, als ich das Kin­der­land ver­ließ. Auch mei­ne Eltern konn­ten es mir nicht ermög­li­chen, obwohl ich die Ein­zi­ge war. Damals waren schlech­te Zei­ten für Vater. Ich muß­te mich mit dem beschei­den was nur eben war. Und ich hät­te es auch nicht fer­tig gebracht, mei­nen Eltern einen Vor­wurf zu machen, mich so zu beneh­men, als sei ich tod­un­glück­lich, daß ich nun arbei­ten ging wie die ande­ren. Es ist kein schö­nes Leben, trotz der klei­nen Freu­den die einem wider­fah­ren auch im unge­lieb­ten Beru­fe. [D]as Bedrück­te, Dump­fe bleibt: Zu man­chen Zei­ten ist es uner­träg­lich hart. Dabei den­ke ich an Dich, Her­ze­lein! Wenn Du wie­der ein­mal zie­hen muß­test und Dich abfin­den muß­test mit der neu­en Umge­bung. Das macht den Men­schen ver­schlos­sen, herb – ja, auch ver­bit­tert, wenn der Schmerz so tief ist, daß er auch das Seh­nen über­tönt, das Seh­nen nach dem bes­se­ren Teil. Du warst einst eben­so jung wie ich jetzt bin und hät­test viel lie­ber den eige­nen Wis­sens­drang befrie­digt, als den betre­te­nen Bah­nen gefolgt. Ach Liebs­ter! Ich füh­le es Dir nach: wie hast Du Dich ver­zwin­gen [sic] müs­sen, inner­lich so schmerz­lich beschei­den müs­sen. Und wenn Du hät­test rein äußer­lich wenigs­tens nach Dei­nem frei­en Wil­len heb leben kön­nen! Es ist doch kein ver­mes­se­ner Wunsch, in der Umge­bung, da man nun lebt und atmet und schafft, sich so ein­zu­rich­ten wie man sich‘s wünscht. Selbst das war Dir nicht ver­gönnt. Oh Liebs­ter! Wenn ich Dir schon damals hät­te zur Sei­te sein kön­nen! Oh Her­ze­lein! So jung ich noch war, als ich Dich in O. ken­nen lern­te, ich habe es doch gefühlt, geahnt und auch gese­hen, wie ein­sam Du warst, wie unfroh, gedrückt, ver­zwun­gen [sic]. Und noch sehe ich sie manch­mal in den Augen, Dei­nen lie­ben, auf­leuch­ten, die hel­le Freu­de, wenn Du selbst­ver­ges­sen am Instru­ment saßst, Dich unbe­ob­ach­tet fühl­test. Da wuß­te ich: in Dir sc[hl]ägt ein Herz, so heiß, so voll Ver­lan­gen auch nach Gutem und Schö­nem. Die Sehn­sucht nach Wei­te, nach Frei­heit schwang in Dei­nem Spiel. Und manch­mal, wenn Du die Orgel spiel­test, da hat es mich so berührt, das [sic] ich hät­te wei­nen mögen, weil ich Dich wort­los ver­stand, weil das, was Dei­ne See­le durch­leb­te auch die mei­ne beweg­te. Die Sehn­sucht nach Befrei­ung und die Sehn­sucht nach Erfül­lung. Heu­te weiß ich es so klar, was es war, das mich zu Dir hin­zog so mit Urge­walt, so mit Macht: die Wesens­ver­wandt­schaft.

Das glei­che Seh­nen und Stre­ben nach den Köst­lich­kei­ten die­ses Lebens. Du warst mir der Mensch, von dem ich alles erwar­ten durf­te, was ich mir von die­sem Leben wünsch­te. Du warst der Ein­zi­ge! Ach Her­ze­lein! Damals war ich noch so jung und unge­schickt und unreif, bes­ser unfer­tig. Ich war hilf­los in mei­ner Lie­be. Und wenn ich nur ein paar Jah­re älter gewe­sen wäre, glau­be mir, wir hät­ten eher zuein­an­der gefun­den. Du hast Dich nicht in mei­nem Jahr­gang umge­se­hen nach einem Men­schen­kind, mit dem Du Dich unter­hal­ten könn­test über dies und jenes. Und ich konn­te Dich anfangs nicht anschau­en vor Scheu.

Und doch war ich sooo glück­lich, wenn ich nur in dei­ner Nähe sein durf­te. Ein­mal Dei­ne Stim­me hören, Dich sehen! Oh Du!!!

Her­ze­lein! So muß­ten wir nun schick­sal­haft unse­ren Weg gehen. Vor­her jedes den sei­nen, auf­ge­zwun­ge­nen, unge­lieb­ten. Und eine höhe­re Macht füg­te es, daß uns[e]re Wege sich kreuz­ten! Du!! Du!!! Als Du am unglück­lichs­ten warst, als Dir am wehes­ten ums Her­ze war, da war Dir doch das Glück am nächs­ten, Dein Glück! Unser Glück! Oh Gelieb­ter!! Nun ist alles so klar zwi­schen uns!

Mit unaus­weich­li­cher Schick­sal­haf­tig­keit lie­fen unse­re Wege neben­ein­an­der her, von uns noch uner­kannt in ihrer Bedeu­tung – und so unaus­weich­lich steu­er­te ich auch mein Lebens­schiff­lein bis zu dem Punkt, wo ich glaub­te, nicht mehr wei­ter­zu­kön­nen. Ach Du!! Du! Ich rief Dich! Rief nach Dir in mei­ner Qual, in mei­ner Sehn­sucht.

Und du hast mich erhört! Oh Her­ze­lein! Mein Her­ze­lein! Uns bei­den ist dadurch Erlö­sung gewor­den! Du !!!!!!!!!!!!! Nun hast Du mir so ganz Dein Her­ze erschlos­sen, mir allein. Und Dich mir, als der ers­ten, so ganz anver­traut, nicht nur in Dei­ner Lie­be, auch in Dei­nem Schmerz um Dei­ne ein­sa­me Jugend­zeit. Oh Du mein gelieb­ter [Roland]! Nur noch hei­ßer und inni­ger brennt in mir der Wunsch, Dich sooo ganz warm ein­zu­hül­len in mei­ne Lie­be, Dich an mein Herz zu bet­ten[.] Dich will ich in die­sem Leben mit aller Lie­be beschen­ken, deren ich nur fähig bin! Mein Gold­her­ze­lein! Mein heiß­ge­lieb­tes, ein­zigs­tes [sic]!!! Oh mein [Roland]! Wenn ich ein­mal unge­dul­dig wer­den will, weil nun Krieg ist und weil wir noch immer war­ten müs­sen. Ich will nur an mein Man­ner­li den­ken, an sei­ne Unge­duld, die noch viel tie­fer ist, noch viel wei­ter zurück­liegt! Oh Du!!! Ganz leicht machen will ich Dir die Zeit bis zu uns[e]rer Erlö­sung, mein aller­liebs­tes Her­ze­lein! Dein Leben war doch bis­her ein ein­zi­ges War­ten und Gedul­den. Oh mein Gelieb­ter! Nimm mei­ne Lie­be! Nimm mich so ganz! Ich bin Dein! Sei glück­lich, sei froh, den­ke an mich ganz beglückt – so wie ich nur vol­ler Jubel und Selig­keit Dein den­ke! Oh Du!!! Wie lie­be ich Dich! Ich lie­be, lie­be Dich! Her­zens­man­ner­li! Gott schüt­ze Dich! Er seg­ne unser[e]n Bund! Ewig Dei­ne [Hil­de], Dei­ne Hol­de, Du!!!!!

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24. April 1942

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