Trug und Schein: Ein Briefwechsel

29. März 1942

[420329–2‑1]

47.

Palm­sonn­tag, am 29. März 1942.

Her­zens­schät­ze­lein! Du mein herz­lie­bes Mannerli!

End­lich kann ich zu Dir kom­men! Du!!! Ich konn­te Dir doch ges­tern gar­nicht schrei­ben Herz­lieb, weil mein Pro­gramm über den Hau­fen gewor­fen wur­de. Laß Dir nur gleich ein­mal erzäh­len. Sonn­abend früh­mor­gens bin ich erst um 8 [Uhr] auf­ge­stan­den. Es war mir gar­nicht gut. Bei der Wäsche hab ich mir einen tüch­ti­gen Schnup­fen geholt, der sitzt mir wie­der im Kopf und macht Beschwer­den. Gleich trank ich Tee und nahm das einst vom Arzt ver­ord­ne­te Nasen­öl. Es ist heu­te schon ein wenig bes­ser. Die fri­sche Luft tut mir gut, des­halb habe ich auch ges­tern gleich den Außen­dienst über­nom­men. Außer mei­nen (son­sit)  sons­ti­gen Wegen ging ich zu den Kon­fir­man­den gra­tu­lie­ren. 3 waren es heu­er, wo ich mich abfin­den muß­te. Und dann erfuhr ich noch am Sonn­abend durch Tan­te Gret­chen, daß auch Andre­as aus der Schu­le kommt. Da bin ich auch noch gelau­fen und habe ein Buch gekauft und gleich noch weg­ge­schickt. Es ist ein zeit­ge­schicht­li­ches Buch mit cha­rak­te­ris­ti­schen Illus­tra­tio­nen – für einen Jun­gen wie Andre­as ganz gut – für mich ist es weni­ger inter­es­sant. Es wird ul ihm schon gefallen.

Die Mut­ter hat ges­tern noch die Bet­ten über­zo­gen und erst gelüf­tet, sie hat den gan­zen Nach­mit­tag damit zuge­bracht. Ich bin im Zim­mer geblie­ben, damit ich nicht im Gegen­zug stand. Als ich fer­tig war mit allem Zurich­ten für den Sonn­tag, klin­gel­te es: Tan­te Her­ta mit den Jun­gen! Ach ja! Ich war ganz erschro­cken – das ging ja ganz gegen mein Pro­gramm. Ihr Mann hat­te Nacht­wa­che im Geschäft und heu­te früh um 7 [Uhr] muß­te er in H. sein in der Staat­li­chen Kraft­wa­gen­hal­le zur Rei­fen­auf­nah­me. Er will heu­te Mit­tag nach M. kom­men und sei­ne Fami­lie wie­der mit heim­neh­men. Weil Her­ta unver­hofft kam mit den Buben, und fürch­te­te, Oma sei nicht vor­be­rei­tet mit Schlaf­ge­le­gen­heit, blie­ben sie bei uns über Nacht. Was blieb mir wei­ter übrig, als gute Mie­ne machen zum Spiel? ½ 8 [Uhr] gin­gen die Kin­der schla­fen. Wir muß­ten ja auch noch baden! So gings eben hin­ter die spa­ni­sche Wand. Spät ward es, ehe wir zu Bett kamen und ich fand nicht mehr Zeit, an Dich zu schrei­ben, Herz­lieb. Heu­te früh sind wir um ½ 5 [Uhr] auf­ge­stan­den. Die Oma hat­te mei­ne Eltern gebe­ten mal zu hel­fen, im Fall es wird bis­sel Sonn­tags­be­trieb, weil Tan­te Frie­del in Chem­nitz bei ihrer Schwes­ter Pate ist heu­te. So sind die Eltern heu­te früh mit M.s nach M. und ich bin in die Kir­che zum Dienst.

Sag? Wann kommt denn Dein Patchen aus der Schu­le? Ver­giß das nur nicht, mein [Roland]!

Ich hat­te vom Roten Kreuz aus eben­falls (außer dem Sin­gen) Dienst in der Kir­che. Zwei Ver­pflich­tun­gen stan­den uns offen: am Tag der Wehr­macht, also ges­tern und heu­te, auf der Stra­ße zu sam­meln für’s WHW, oder wäh­rend der Kon­fir­ma­ti­on Ord­nungs­dienst zu tun. Weil ich ein­mal in die Kir­che muß­te, habe ich mich mit gemel­det. Noch zwei waren dabei, ein älte­rer Sani­tä­ter und eine Hel­fe­rin. Ich konn­te mit dem Chohr  Chor sit­zen blei­ben vom Pfar­rer aus, die bei­den ande­ren saßen unten auf den Sei­ten­bän­ken. Die Kir­che war heu­te bis zum letz­ten Platz gefüllt. Auf den Empo­ren stan­den sogar die Leu­te. Über 100 Kon­fir­man­den wur­den ein­ge­seg­net. Zwei sind umge­fal­len unten, sie erhol­ten sich aber wie­der. Bei mir im Revier blieb alles ohne Zwischenfall.

Fah­ne der Deut­schen Chris­ten, 1932. Autor: Maerklinfan13, 03/2018. Unter CC BY-SA 4.0, her­un­ter­ge­la­den 07/2020.

Die Dora lieh mir ihr Häub­chen (Dora P.; sie hat mit­ge­sam­melt ges­tern und brauch­te es heu­te nicht). Sonst trug ich ein­fach mei­nen Man­tel, mit der Rot Kreuz-Arm­bin­de. Sonst war die Kon­fir­ma­ti­on sehr schön, die Ein­seg­nung erfolg­te genau so wie immer, trotz­dem B. ein Deut­scher Christ ist. Was soll­ten die auch anstel­le der alten Form neu­es brin­gen? Anschlie­ßend fand noch eine Abend­mahls­fei­er statt für die Väter, die nächs­ten Don­ners­tag schon wie­der im Fel­de sind – es waren ihrer vie­le. Ich bin aber hin­ein­ge­gan­gen, für uns hat­te es sich erle­digt. ½ 11 [Uhr] war es. Und das schöns­te Wet­ter emp­fing uns drau­ßen, Früh­ling will’s nun wer­den! Zwar ist es noch stür­misch und kalt, doch die Son­ne scheint warm.

Deut­sche Chris­ten setz­ten sich ein für die “Ent­ju­dung” des Chris­ten­tums. Gedenk­akt zur Ent­hül­lung des Mahn­mals zum „Ent­ju­dungs­in­sti­tut“ am 6. Mai 2019. Bild von Alex­an­dra Huse­mey­er — Archiv der Stif­tung Luther­haus Eisen­ach, 05/2019, unter CC BY-SA 4.0, her­un­ter­ge­la­den 07/2020.

Unse­re Kan­to­rei sang aus den Fest­glo­cken: „Der Frie­de Got­tes, wel­cher höher ist denn alle Ver­nunft, bewah­re eure Her­zen ….“ Es klang in den Män­ner­stim­men recht dünn! Und den­ke, Herr F. (Maler­meis­ter) der ein­zi­ge außer S. im Tenor, hat Bereit­schafts­or­der seit ges­tern. Ab 1. April muß er damit rech­nen. Einer nach dem andern kommt weg. Viel­leicht müs­sen wir auch eines Tages uns[e]re Kan­to­rei auf­lö­sen. Ich bin neu­gie­rig, wie lan­ge der Pfar­rer noch Gal­gen­frist hat. Ostern möch­te er ger­ne noch da sein.

Mein Her­ze­lein! Als ich heim­kam heu­te Vor­mit­tag, da war­te­te doch schon mein Herz­lieb im Kas­ten! Du!!! Und die Ger­trud G. und der Schul­rat T.! Ja ja! Du! Eine Freu­de über die ande­re! Gelieb­ter! Laß mich Dir zuerst von Her­zen Dank sagen für alle Dei­ne treue Lie­be! Oh Du! Mein Her­zens­schatz! Wie lieb, innig lieb hast Du mich doch! Du!!

Und nach­her will ich Dir auch Ant­wort geben, jetzt aber muß ich Dir erst mal von der Dienst­sa­che spre­chen. Her­ze­lein! Wäh­rend Du im Vor­jah­re bei mir weil­test in Urlaub, im Sep­tem­ber, hat es sich schon ent­schie­den! Dein neu­er Dienst­be­fehl ist am 20. Sep­tem­ber geschrie­ben. Du wirst ab 1. Sep­tem­ber 41 nach K. ver­setzt. Du! Damals wuß­ten wir noch nichts, gelt? Dei­ne alte Anschrift ist noch zu sehen: Kiel-Fried­rich­s­ort. Lan­ge hat’s gedau­ert! ‚Der außer­plan­mä­ßi­ge Leh­rer‘, soll ich dar­un­ter ver­ste­hen, daß Du so genannt wirst, weil Du momen­tan in Hee­res­diens­ten stehst? Ich will Dir alle zwei Schrift­stü­cke bei­le­gen, damit Du alles lesen kannst und mir erklä­ren, gelt? Ich kann mich doch noch gar­nicht recht freu­en, weil ich mit dem Schrei­ben vom Minis­te­ri­um noch gar­nichts Rech­tes anzu­fan­gen weiß, Du! Dein dum­mes Frauchen!

Jeden­falls ist das nun in uns[e]ren Hän­den, wor­auf Du schon lang war­test: die Ant­wort auf die Fra­ge über das Reichs­be­sol­dungs­recht. Wie Du nun ein­ge­stuft wirst und wie Dei­ne Dienst­jah­re ange­rech­net wer­den. Wenn Du das Schrift­stück in die Hän­de nimmst, dann wirst Du sofort wis­sen, was gemeint ist, ja? Und ich hof­fe nur von Her­zen, daß ich Dir mit die­ser Nach­richt eine rech­te Oster­freu­de machen kann! Du!!!

Schreib mir nur dann gleich, wie ich das alles ver­ste­hen muß und wie­viel Gutes oder Nach­tei­li­ges uns dadurch ent­steht! Ich den­ke auch, daß es bes­ser ist, wenn ich die Schrift­stü­cken bei mir daheim auf­be­wah­re dann, gelt?

Mein gelieb­tes Her­ze­lein! Du! Es ist nun um 3 Uhr durch, ich sit­ze ganz allein am Tische und bin so ganz bei Dir. Du mein aller­liebs­tes Man­ner­li! Heu­te Mit­tag muß­te ich allein essen, ich hab soo Dein gedacht! Du! Ein Schnit­zel briet ich mir, Blu­men­kohl­ge­mü­se mit Kar­tof­feln und Zitro­nen­creme dazu. Das hät­te Dir sicher auch geschmeckt! Anschlie­ßend habe ich alles sau­ber gemacht.

Nun, da ich so allein mit Dir bin, habe ich einen ganz gro­ßen Appe­tit auf etwas Süßes, Du!! Du!!!!! Her­ze­lein! Weißt [Du] wie ich mir gehol­fen habe, Liebs­ter? Ein Schüs­sel­chen mit zucker­sü­ßen, herr­li­chen Rosi­nen und fei­nen Man­deln steht vor mir – von mei­nem guten Man­ner­li sind sie!!! da lan­ge ich immer mal hin­ein und den­ke an Dich! Und weiß doch genau, daß ein Kuß vom Man­ner­li die Süßig­keit und den Wohl­ge­schmack die­ses Lecker­li noch bei Wei­tem über­trifft! Oja!!! Bei aller Fer­ne kann ich mich dar­auf noch ganz genau besin­nen! Du! Und ich muß doch heu­te noch ganz artig sein, bin ja noch krank, Herz­lieb! Aber nur noch ganz klein wenig und Schmer­zen habe ich nicht mehr. Ach Du! Gewiß spü­re ich es, wie Du über die Fer­ne hin­weg so lieb an mich denkst und mir tra­gen hel­fen möch­test in den bösen Tagen! Du! Mein guter lie­ber, liebs­ter Kame­rad! Gewiß kommt mir daher alle Kraft und inne­re Fröh­lich­keit, Du Allerliebster!

Ach, Du hältst mich so ganz fest, Du mein Gelieb­ter! Hal­te mich immer so fest – ich will Dich auch ganz lieb fest­hal­ten, mein Gelieb­ter! Sooo glück­lich macht das Gebor­gen­sein! Sooo sehr glück­lich! Oh Du!!!!! Ach, wir möch­ten doch sooo ger­ne für immer bei­sam­men sein, immer umein­an­der sein und ein­an­der ganz fest­hal­ten! Wir seh­nen uns sooo sehr nach des ande­ren Nähe – sooo sehr! Sie ist uns doch das Kost­bars­te! Dei­ne Nähe ist mir kost­ba­rer als alles and[e]re. Wir müs­sen uns gedul­den noch, Her­ze­lein! Und wüß­ten wir nicht, daß wir ein­an­der doch der Aller­nächs­te sind, des Her­zens Ver­trau­tes­ter – mein Her­zens­man­ner­li – ach, wir könn­ten trau­rig dar­über wer­den. Oh Gelieb­ter! Wüß­ten wir das nicht, so fest und so gewiß, wir müß­ten ban­gen umein­an­der. Aber so wis­sen wir mit unum­stöß­li­cher tie­fer Gewiß­heit: wir sind ein­an­der ans Herz gege­ben, zu Eigen gewor­den bis in den Tod! Oh köst­li­che, herr­li­che Gewiß­heit! Ich lie­be Dich! Du liebst mich! Gelieb­ter! Oh welch beglü­cken­des, bese­li­gen­des Wis­sen: Du bist mein! Du bist so ganz mein – mein! Du!

Ach, Du magst mei­nen Jubel kaum ermes­sen, Gelieb­ter, der dar­um in mei­nem Her­zen ist! Ich kann Dir mein Glück doch nur nie­der­schrei­ben – Kann Dir’s nicht bezei­gen, kann Dir’s nicht leben, Du! Aber Du mußt es trotz­dem füh­len und wis­sen! Mußt es spü­ren, wie so mäch­tig Dei­ne Lie­be mich erfüllt hat und zutiefst ange­rührt im Innern, Du! Du bist mein Schick­sal, bist mei­ne Welt, bist mein Ein und Alles, Mit­tel­punkt mei­nes Lebens! Du!

Her­ze­lein! Rei­ne, gro­ße Her­zens­lie­be strahlt in uns und um uns, wir sind ganz glück­lich mit­ein­an­der. Und zu uns­res Glü­ckes Voll­kom­men­heit fehlt uns nur: daß wir ein­an­der nahe sein könn­ten! Daß wir für­ein­an­der leben könn­ten, schaf­fen könn­ten. Du! Ach Du!

Ich muß noch ein­mal von dem reden, was Dich zu mei­nem Dienst im Roten Kreuz bewegt. Mein Her­ze­lein, Du! In Dei­nem Sonn­abend­bo­ten ant­wor­test Du mir auf mein Fra­gen und Du bit­test mich um Nach­sicht und Geduld. Gelieb­ter! Ich weiß doch, alles was Du mir sagst, es geschieht aus tiefs­ter Lie­be her­aus und aus dem Wil­len, mir volls­tes Ver­ständ­nis ent­ge­gen­zu­brin­gen. Und das dan­ke ich Dir. Mein Ein­sprin­gen am Sonn­tag zum Trans­port ver­stehst Du. Und nun meinst Du aber, daß in die­sem Gan­ge eine Zwangs­läu­fig­keit liegt; indem man immer akti­ver in Beschlag genom­men wird. Das ist nicht der Fall. Wenn ich mei­nen Kur­sus mit der Prü­fung abge­schlos­sen habe, dann bin ich eine „Hel­fe­rin“, inso­fern ich mich zur Bereit­schaft erklä­re. Das besagt, daß ich nur ganz gerin­ge Kennt­nis­se besit­ze und nicht an jeden Platz gestellt wer­den kann. Für einen Dienst im Laza­rett kom­me ich nicht in Fra­ge, wie ich von zustän­di­ger Stel­le weiß; dann muß ich erst den zwei­ten Kur­sus abge­legt haben als „Schwes­tern-Hel­fe­rin“. Den wer­de ich nicht absol­vie­ren. Wir Bereit­schafts­hel­fe­rin­nen sind nur zum „Außen­dienst“ sozu­sa­gen bestimmt.

Herz­lieb! Ich ver­ste­he Dei­ne Bit­te ganz recht, mich nicht als Schwes­ter in einem Laza­rett zu mel­den. Ich will das ja auch nicht. Und dar­über brau­chen wir gar kein Wort mehr zu ver­lie­ren. Das kommt nicht in Betracht. Selbst wenn in Zukunft die Laza­ret­te so über­füllt und der Bedarf an Schwes­tern so hoch wäre, daß man die Kur­sus­teil­neh­me­rin­nen angin­ge ein­zu­sprin­gen, ich tät[‘] es nicht, aus dem einen Grund: ich bin ver­hei­ra­tet und habe ande­re Pflich­ten, es gibt dazu genug ledi­ge Mäd­chen, die ihren Dienst zu bes­se­rer Zufrie­den­heit aus­füh­ren wer­den. Als rich­ti­ge Schwes­ter muß man frei sein.

Und ich bin dabei ganz ver­stän­dig, Herz­lieb! Bin nicht im Inners­ten voll Unmut oder Groll – nein. Ich sehe ein, das ist unmöglich.

Ach, alles wäre doch über­haupt nicht, wenn Du bei mir sein könn­test, wenn kein Krieg gekom­men wäre! Und in Frie­dens­zei­ten hät­te ich mich auch nicht um die Bereit­schaft des DRK geküm­mert; denn da waren genug Leu­te vor­han­den, alte erfah­re­ne Leu­te, die jetzt zumeist aktiv betä­tigt sind. Und dar­um muß der Bestand auf­ge­füllt werden.

Herz­lieb! Von mei­nem Stand­punkt aus gese­hen kann ich es auf mich neh­men, der Pflicht der Bereit­schaft nach zu kom­men. Wenn es wirk­lich dabei bleibt, daß nur aller paar Wochen eini­ge Stun­den Dienst ver­langt wer­den. Und ich glau­be auch nicht, daß es anders wird. Weil wir so vie­le sind in den Orts­tei­len um O. Ich habe mal gezählt, wenn Dr. H. Vor­trag hält und die R.er, B.er und N.er mit da sind: über 50 Mädel, es fehl­ten noch wel­che. Da kommt auf jeden nicht viel.

Herz­lieb! Weißt Du was mir kei­ne Ruhe gibt? Mein Ehr­ge­fühl. Was ande­re, voll berufs­tä­ti­ge Mädel kön­nen, das kann ich auch. Ich will nicht, daß eine sagen kann sie sei mir in Leis­tung und Ein­satz vor­aus. [Du] Mußt mich recht ver­ste­hen, Her­ze­lein! Das natür­lich in Gren­zen und mit Unter­schied! Ich bin ver­hei­ra­tet. Ich leis­te dies und jenes oben­drein. Kan­to­rei, das ist kei­ne schwe­re Arbeit, das Sin­gen ist eine Ent­span­nung und Freu­de. Der Dienst geschieht mehr aus der Lie­be zur Musik – bei mir – als der Ver­pflich­tung dem Ver­ein und dem Pfar­rer gegen­über. Kin­der­schar – ich habe sie nicht frei­wil­lig erwor­ben. Aber sie ist mir lieb gewor­den schon – bei allem Undank manch­mal – weil ich die Kin­der gern habe und weil es mir Freu­de macht; nicht wie mei­ner Nach­ba­rin: Kopf­schmer­zen. Frau­en­werk. Herz­lieb, Du! Das mußt Du Dir nicht so dras­tisch vor­stel­len. Hier han­delt es sich nur um mei­ne Bei­trä­ge, glaub mir! Um das äuße­re Schild. Ich gehe nicht zu den Zusam­men­künf­ten, Du weißt wie ich schon von jeher dage­gen war. Und der Haus­halt. Du! Es ist ja nicht mein Eigen! Ich will damit nur sagen, daß ich kei­ne vol­le Ver­ant­wor­tung tra­ge, ich unter­ste­he der Mut­ter. Und wie sie will wird es gemacht. Ich bin nicht undank­bar, oh nein! Aber schön ist es nicht für mich, die ich doch nun ein Eige­nes dar­stel­le mit Dir und mei­ne Plä­ne und Wün­sche habe und es ist ja das Eltern­haus, wo ich mich befin­de. Weißt, eine Auf­ga­be die mich erfüllt ist es nicht, weil immer der Wunsch und der Wil­le in mir lebt: so wür­dest Du es für den Aller­liebs­ten rich­ten und nicht anders. Es ist mein, mei­ne Hei­mat, wo ich mich bewe­ge und doch auch nicht. Weil Du mir fehlst dar­in­nen! Du! Ich bin doch nur das Kind noch, das füh­le ich.

Ach Du! Glaub[‘] mir, es ist nur die Unrast, die Unru­he in mir, die mich umher­treibt. Und ich kann nicht still sit­zen solang und alles an mich her­an­kom­men las­sen, auch den Frie­den und Dei­ne Heim­kehr. Ach Du! Ver­stehst Du das denn, Du?!

An der Schwel­le zum gemein­sa­men Leben riß uns die­ser Krieg aus­ein­an­der, ach es ist trau­rig dar­an zu den­ken. Und es bleibt uns kei­ne ande­re Mög­lich­keit, als den rech­ten Weg zu erken­nen, den bes­ten für uns.

Gelieb­ter! Du meinst, ich sei drauf und dran die Frei­heit, die ich noch habe auf­zu­ge­ben. Viel­leicht hast Du recht. Ich ermes­se nur die Trag­wei­te mei­nes Begin­nens noch nicht. Die­sen Anspruch auf Frei­heit wird uns die Öffent­lich­keit oder der Staat nie zubil­li­gen – o ich weiß – den müs­sen wir sel­ber ver­tre­ten. Da lebe ich und ste­he nun mit­ten in einer Welt, die nichts kennt als Arbeit und Pflicht, es ist kein Wun­der, daß ich mich noch reich an Frei­heit dün­ke und mich mehr und mehr ver­aus­ga­be. In uns[e]rer Fami­lie schon kennt man nichts als Arbeit und Pflicht, den bes­se­ren Teil des Lebens habe ich erst durch Dich, mit Dir erle­ben gelernt. Und nun, wo Du nicht bei mir bist, da will sich mir das eiser­ne Muß wie­der auf­drän­gen. Manch­mal schä­me ich mich sogar im Her­zen vor der Mut­ter, daß ich sie arbei­ten las­se und aus ihrem Reich ver­drän­ge. Aber – tu ich denn das? Mut­ter hat schon immer gear­bei­tet und ich frü­her mit, und jetzt ist sie froh, daß ich ihr die Las­ten des Haus­haltfüh­rens abnehme.

Ach Du! So set­ze ich mich nun manch­mal mit mir sel­ber inner­lich aus­ein­an­der. Und kom­me zu kei­ner Lösung. Alle Schuld hat der unse­li­ge Krieg, er warf alles Pla­nen über­ein­an­der. Und ich weiß, je mehr ich Ämter anneh­me, umso weni­ger Zeit bleibt mir. Es ist eben ein undank­ba­res Ding, vie­ler Her­ren Die­ner zu sein. Die ein­zel­ne Leis­tung fällt nie­man­dem recht ins Auge und wird sicher ver­kannt. Und ich mei­ne, mich noch mehr ein­set­zen zu müs­sen. Wenn ich doch nicht so emp­find­lich wäre. Ich füh­le so bedrü­ckend, wie man mir aller­wärts miß­gönnt, daß ich zuhau­se sein darf. Und es ist mir immer, als müs­se ich mich vor den for­dern­den Bli­cken all recht­fer­ti­gen. Das ist nicht Feig­heit, nein. Es ist – es kränkt mei­nen Ehr­geiz. Und ich kann nicht stolz sein, wenn and[e]re sich abra­ckern. Gewiß ich bin ein­fäl­tig, es lau­fen neben mir noch hun­der­te her­um, die heu­te noch kei­nen Fin­ger rüh­ren und dabei nicht rot wer­den vor Scham. Ich brau­che da gar­nicht weit zu gehen im Orte. Aber ich bin nun mal so. Und dar­um bin ich auch der Bit­te des Pfar­rers nach­ge­kom­men, Herzlieb!

Es ist mein Feh­ler, ich weiß es: ich bin viel zu gut. Und ich weiß auch: all­zu gut ist dumm und lie­der­lich. Und ich las­se mich so ger­ne von Dir eines Bes­se­ren beleh­ren, ich neh­me Dei­nen Rat an, Du bist erfah­ren und rei­fer dem Leben gegen­über. Ach, ich erge­be mich so ganz in Dei­ne Lie­be, Dei­nen Schutz, Dei­ne Für­sor­ge und Ein­sicht. Ach Her­ze­lein! Und wenn Du ganz bei mir bist, für immer, dann kannst Du Dich gleich immer bei­zei­ten ein­schal­ten wenn ich ein­mal in Kon­flikt kom­me mit mir und der Welt. Du gutes, lie­bes Man­ner­li! Du!

Ach Du! Ich ver­ste­he all Dei­ne Gedan­ken so gut, die Du mir zu all mei­nen Fra­gen sagst! Und am aller­meis­ten erken­ne ich doch, daß nur Lie­be, inni­ge Lie­be allein es ist, die Dich treibt, mir zu hel­fen. Ach Gelieb­ter! Wenn Du bei mir wärest heu­te und wir könn­ten uns ein­mal ganz in Ruhe aus­spre­chen. Ach – wenn Du doch nim­mer fort müß­test von mir! Du! Ach Du! Wir müs­sen es uns so schwer machen das Leben, weil wir es eben nicht unbe­se­hen hin­neh­men kön­nen. Und Du bist noch gründ­li­cher und auch miß­traui­scher als ich allen Din­gen gegen­über. Ich bin oft zu gut, das ist mein Feh­ler. Du, Gelieb­ter wirst ihn über­wa­chen hel­fen und ich aus mei­ner gro­ßen Lie­be zu Dir, hel­fe Dir dabei! Ich möch­te Dich doch nicht betrü­ben! Oh mein [Roland]! Du weißt ja, wie unend­lich ich Dich lie­be! Über alles! Und ich will Dich nie, nie, oh nim­mer­mehr ver­lie­ren. Du! Hast Du mir denn zuge­hört, Her­ze­lein? Ach Du! Wie schwach sind wir Men­schen doch, daß wir nicht bedin­gungs­los Gott ver­trau­en kön­nen, daß wir uns sor­gen! Wie unvoll­kom­men auch, daß wir uns bei aller Lie­be Schmerz zufü­gen müs­sen. Ach, Herz­lieb mein! Weil wir ein­an­der zu sehr lieb­ha­ben, dar­um spü­ren wir die Här­te des Lebens so sehr. Die Här­te uns[e]rer Zeit und die Stei­ne, die über­all lie­gen wie gro­ße Hin­der­nis­se. Die Lie­be ist so groß, ist zu groß in uns. Das kann bei allem Glück auch zum Schmerz führen.

Oh Du! [Roland], mein [Roland]! Ich woll­te die Lie­be nicht anders! Ich will sie so tief, so schmerz­lich, auch so ganz und ent­schie­den. Oh ich bin glück­lich mit Dir uns[e]rer Liebe!

Für heu­te leb wohl! Du! Gott sei mit Dir!

Ich blei­be in alle Ewig­keit Dei­ne [Hil­de], Dein.

Plea­se fol­low and like us:
29. März 1942

Ein Gedanke zu „29. März 1942

  1. Zusam­men­fas­sung des Briefes:
    • [Hil­de] ent­schei­det sich gegen die Teil­nah­me am Spen­den­sam­meln für das Win­ter­hilfs­werk anläß­lich des Tages der Wehr­macht (28.–29.3.1942) um ihren Dienst in der Kir­che zu tun.
    • [Hil­de] stellt fest, dass immer mehr Män­ner die sog. Bereit­schafts­or­der bekommen.
    • [Hil­de] ver­si­chert [Roland], dass sie für das Rote Kreuz nie­mals mehr als nur Bereit­schafts­dienst als „Hel­fe­rin“ machen werde.
    • [Hil­de] stellt ihre Betei­li­gung am Frau­en­werk (DFW) als „äuße­res Schild“ dar, d.h. als for­mal und ohne poli­ti­sche Überzeugung.

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