27. März 1942

Aus­zug aus dem Brief mit Brief­num­mer

[420327–2-1]

46.

Herz­al­ler­liebs­ter! Mein lie­ber, liebs­ter [Roland]! Schät­ze­lein, Du!

Du! Abend ist, da ich zu Dir kom­me, wir haben schon das Licht ange­zün­det; 8 Uhr zeigt unser Wecker. Oh Her­ze­lein! Das war ein lan­ger, hei­ßer Tag heu­te – und eine gar kur­ze Nacht, für Dein Mur­mel­tier­chen!! Wir hat­ten doch ges­tern Jah­res­es­sen und vor­her 1 Stun­de Sing­pro­be für Ostern. Ich bin kurz nach 12 Uhr ins Bett und schon um 6 [Uhr] wie­der raus mor­gens. Die Wäsche ließ mir kei­ne Ruhe! Es lag Reif heu­te früh und der Tag hielt, was er mor­gens ver­sprach: es war ein herr­li­cher Früh­lings­tag; mit Son­nen­schein und Wind! März­en­son­ne ist sehr gut für die Wäsche! Sie macht sie blü­ten­weiß.

Ich habe mich gleich in die Arbeit gestürzt früh. Zuerst mei­ne Wirt­schaft ver­sorgt und als ich um 8 [Uhr] ins Wasch­haus gehen woll­te, da kam mir Mut­ter ent­ge­gen auf der Trep­pe. Sie hat­te sich beur­lau­ben las­sen, um mir beim Auf­hän­gen zu hel­fen. Ich habe mich so gefreut. Ich hät­te es allein unmög­lich geschafft bis Mit­tag. Zwei gro­ße Kör­be voll Wäsche spül­ten wir heiß durch und häng­ten sie auf; eine Men­ge Stärk­wä­sche war dabei. Mit­tags um ½ 1 [Uhr] waren wir fer­tig! Ja, solang[‘] dau­ert das alles – viel län­ger, als hinter[‘]m Wasch­faß ste­hen und waschen – ges­tern waren wir schnel­ler fer­tig. Nun haben wir erst­mal noch Mit­tag geges­sen; Mut­ter ging dafür nach­mit­tags ins Geschäft. Ich bin gleich wie­der in den Gar­ten, ohne auf­zu­wa­schen. Und bis um ½ 5 [Uhr] konn­te ich lau­fend Wäsche abneh­men. Ach es war viel Arbeit, viel. Doch ich bin so glück­lich, daß ich alle Wäsche an der schö­nen kal­ten Luft trock­nen konn­te! Das wirst Du kaum ver­ste­hen, Du Matro­sen­man­ner­li! Das ist eben Haus­frau­en­glück! Aber dan­ken tu´ ich Dir, für Dein Brav­sein! Das Wet­ter, das schö­ne hat es mir ja bewie­sen wie artig Du warst! Oh Du! Heut[‘] hät­te ja das Frau­chen ganz wenig Zeit für sein Man­ner­li gehabt, nur zu den Mahl­zei­ten hät­te sich’s bli­cken las­sen! Wärest Du es zufrie­den [sic] gewe­sen? Dei­ne Nacht­hemdl sehen blü­ten­weiß aus, Du! Nun kannst Du gleich wie­der zu mir kom­men, [sie] sind alle frisch. 6 Wochen wür­dest Du aus­rei­chen damit! Du! Du!!!

Ja und dann? Habe ich mei­ne vol­len Wäsche­kör­be zuge­deckt im Gar­ten und bin vor ins Wasch­haus, habe alle Wan­nen gescheu­ert, alle Gerä­te gesäu­bert, den Kes­sel gerei­nigt und die Fens­ter, den Fuß­bo­den. Auf ein­mal war[‘]s um 6 [Uhr] und Mutsch war da. Sie freu­te sich tüch­tig, daß ich so flei­ßig war. Wenn ich Papa nicht zum Wegelau­fen [sic] gehabt hät­te, dann wäre ich nicht so fein fer­tig gewor­den. Man ver­läuft sich immer gleich 1–2 Stun­den, wenn man Ein­ho­len [dh: ein­kau­fen] geht. Einen Blu­men­kohl hat Vater erwischt, den ers­ten dies[es] Jahr! Ja – heu­te beka­men wir auch neue Lebens­mit­tel­mar­ken, dies­mal in ver­jüng­tem Maß­sta­be! Ei ei — ich wer­de wohl noch das Zau­bern ler­nen müs­sen in mei­ner Frei­zeit, um was Rech­tes auch den Tisch zu brin­gen. [Ich] Bin gespannt, wie wir aus­kom­men die nächs­te Zeit. Es ist von allem ein Teil gestri­chen. Und mit dem Backen ist’s auch vor­bei nun, es gibt kei­ne Mehl­mar­ken mehr. Nur 3 Brot [Pfund] für jeden in einer Woche. Unser Vater wird damit nicht rei­chen, aber ich kann ihm von mir abge­ben. Wir müs­sen halt auch aus­kom­men.

Die Kuchen­kar­te, etwas ver­kürzt, [sie] kann man zum Mehl kau­fen benut­zen; das sind aber nur [ein] paar hun­dert Gramm.

12 Bröt­chen im Monat pro Kopf und 400 g[ramm] Kuchen­mar­ken. Nun hab[‘] ich Back­zu­ta­ten und kein Mehl – es muß doch immer an etwas feh­len. Na – wenn wir nur gesund blei­ben, dann ist mir alles gleich. Man spürt den Krieg mit jedem Jah­re här­ter, das ist logisch.

Ges­tern abend zu unse­rem Jah­res­es­sen gab es noch ein­mal reich­lich! Wir konn­ten uns soo sat­tes­sen und es war wirk­lich gut ange­rich­tet. Eine pri­ma Sup­pe, Karp­fen –wenn Du die Por­ti­on gese­hen hät­test wäre Dir Angst gewor­den! – mit 4 Kar­tof­feln und Rot­kraut nach Wunsch und Apfel­mus. 1 Schop­pen Weiß­wein; nach einer Stun­de unge­fähr noch­mal Kaf­fee und Tor­te, Sag? Ist das nicht wie im Frie­den! Alle waren ganz erstaunt. Sonst war die Stim­mung wie immer in der Kan­to­rei: die Jun­gen aus­ge­las­sen, die Alten stil­ler. Und wozu rech­nest Du mich? Schät­ze­lein?!

Ein paar Laza­rett­sol­da­ten waren neben­an im Gast­zim­mer, zu denen gesell­te sich uns[e]re Jugend dann. Wir hat­ten dadurch uns[e]re Ruhe. Ich saß neben Dora P. und deren Schwä­ge­rin, gegen­über Ilse S. und Frau B. (Pfar­rer). Es war sehr nett in all deren Gesell­schaft. So erfuhr ich auch das Neu­es­te!

Unser Pfar­rer kommt zum Mili­tär. Er war am Nach­mit­tag auf dem Wehr­kreis­kom­man­do, um Herrn H.s Bit­te, für ihn um Arbeits­ur­laub anzu­su­chen, nach­zu­kom­men. H. (der ehe­ma­li­ge Kanz­lei­be­am­te.) [sic] Man hat ihm gesagt, das sei ganz unmög­lich jetzt. Aber etwas and[e]res könn­ten sie ihm, den [sic] Herrn Pfar­rer sagen, sei­ne Order läge bereit. „Vor der Kon­fir­ma­ti­on noch?“ hat er gefragt. „Nein – doch bald danach.“ Frau B. ist ganz ent­täuscht. Er hat sein Töch­ter­chen ja auch noch nicht getauft. Erst, wo er sich frei­wil­lig gemel­det hät­te, da haben sie ihn nicht genom­men und nun[,] [wo] er die Kri­se in sei­ner Gemein­de über­wun­den hat, und auf­ge­baut hat – so sag­te sie – da kommt womög­lich an sei­ne Stel­le ein and[e]rer Pfar­rer. Daß ein Pfar­rer her muß, das ist wohl gar­nicht [sic] anders mög­lich, daß [sic] steht fest, mei­nes Erach­tens. Oder glaubst Du, daß man sei­ne Ein­be­ru­fung als will­kom­me­ne Ver­drän­gung aus sei­nem Amte nimmt? Und uns auch kei­nen Ersatz stellt? In die­ser Hin­sicht muß man auf alles gefaßt sein jetzt. Ist das nicht eine när­ri­sche Welt? När­risch ist noch viel zu gelin­de aus­ge­drückt.

Und ich bin ja nun auch gespannt wie das wird, weil ich ja jetzt im Pfarr­hau­se aus[-] und ein­ge­he.

Uns[e]re jun­gen Mädel waren auch so auf­ge­regt ges­tern. Die­ser Tage haben meh­re­re Betriebs­füh­rer die amt­li­che Auf­for­de­rung bekom­men, daß der Betrieb still­ge­legt wird. Es wird noch auf­ge­ar­bei­tet, dann ist Schluß. Das Arbeits­amt ver­fügt ein­fach über die Leu­te, kei­ner darf sich etwa frei­wil­lig wohin mel­den. Zum Roten Kreuz oder zur N[ational]S[ozialistische]V[olkswohlfahrt]-Orga­ni­sa­ti­on, oder einen gewünsch­ten Beru­fe nach [sic]. Die ledi­gen Frau­en müs­sen alle in die Rüs­tung. Etli­che müs­sen schon am 1.April anfan­gen bei H.´s, Juli­us K. und Ernst H. Die Stim­mung ist denk­bar bedrückt unter allen. Ich bin gespannt, was aus Mut­ter wird. Ihr Betrieb wird in 4 Wochen schlie­ßen, unge­fähr. Dora P. ist, [sic] bei H., wird auch geschlos­sen. Von Hil­de K., mei­ner eins­ti­gen Kol­le­gin, erfuhr ich, daß W.s auch schlie­ßen wer­den am 1.April. Nicht 20 Betrie­be, son­dern 70 sind es im Kreis Chem­nitz.

Ja, die Rüs­tung geht vor und Garn gibt es kei­nes.

Das Früh­jahr macht sich wie­der mal ganz und gar stür­misch bemerk­bar bei uns. Es rüt­telt alle Träu­mer auch auf. Alle wer­den unbarm­her­zig vor die nack­te Tat­sa­che gestellt.

Wohin sol­len wir denn noch gera­ten mit uns[e]rer Zeit?

Ach Du! Ich mag doch im Brie­fe hier gar­nicht [sic] davon spre­chen, Her­ze­lein! Das Dasein wäre ja so freud­los, so fürch­ter­lich hart zu ertra­gen, hät­ten wir der Lie­be nicht. Und hät­ten wir unse­re Lie­be nicht! Sie rich­tet unse­re Gedan­ken aus, immer wie­der, nach der guten Sei­te hin. Kei­ne Sor­ge [ist] so groß, daß sie nicht vom Schein uns[e]rer Lie­be über­glänzt wäre; kei­ne Not, daß sie nicht durch­glüht ist vom hei­ßen Feu­er uns[e]rer inni­gen Lie­be – es kann uns nichts nie­der­wer­fen, was nicht im Berei­che uns[e]res Her­zens­glü­ckes liegt.

Ach Gelieb­ter! Du!! Manch­mal den­ke ich, so auf’s Gan­ze gese­hen: was ist das für ein sinn­lo­ses Leben? Einer hier, der and[e]re da und doch gehör­ten wir zusam­men. Hin­ein­ge­preßt in eine Scha­blo­ne jeder, Du und ich und vie­le neben uns. Und es scheint, als woll­ten die Räder des Schick­sals gar­nicht [sic] wei­ter, als sei­en sie ver­sun­ken in einem rie­fen Morast – Krieg – Krieg, grau­sa­mer.

Aus­zug aus dem Brief mit Rand­be­mer­kung

Und ein­mal mer­ken wir doch plötz­lich: es war alles gar­nicht [sic] sinn­los, was wir taten und was uns auf­leh­nen mach­te inner­lich. Es war ein höhe­rer Wil­le, der uns bezwang, ein hei­li­ges Erfül­len war das, was wir nicht begrei­fen woll­ten erst. Kei­ne Stun­de, kei­ne Minu­te in unse­rem Dasein, die nicht ein­be­zo­gen wäre in den Lauf uns[e]res Schick­sals. Das Leben ist manch­mal für uns Men­schen wie ein unbe­greif­li­ches Wun­der in sei­nem Hoch und Tief. Und unwill­kür­lich trei­ben wir doch in dem unend­li­chen Strom alles [sic] Lebens und Schaf­fens dahin, wo ein Höhe­rer uns den Platz gewie­sen hat in güti­ger, wei­ser Vor­aus­sicht. Und wenn sich alle Kräf­te auf­bäu­men gegen ein anfäng­li­ches Wider[-] und Unbe­grei­fen [sic] – wir kom­men dahin, wohin wir müs­sen. Und das ist des Men­schen­le­bens Erfül­lung: wohl dem, des­sen Wil­len mit dem Got­tes in Ein­klang kommt. Mein [Roland]! Unser Herz steht Gott offen, er hat Zutritt in unser Inne­res, genau so wie wir ein­an­der bis in die letz­te Herz­kam­mer bli­cken las­sen, in Ver­trau­en und gläu­bi­ger Lie­be! Und ich m[u]ß dar­um fest glau­ben: Gott wird Erbar­men mit uns haben, er wird unse­ren Weg gut hin­aus­füh­ren. Durch alle Not des Her­zens und des Lei­bes wird uns Erlö­sung beschie­den sein. Und weil ich dar­an so fest glau­be, dar­um kann mich auch nichts ban­ge machen im Grun­de mei­ner See­le. Ich bin so ruhig, zuver­sicht­lich. Und das kommt mir von innen her.

Oh Gelieb­ter! Was erzäh­le ich Dir hier? Ich woll­te Dich doch recht froh machen! Du! Du!!! Ich muß Dich sooo lieb­ha­ben! Und Lie­be ist es auch, die mich bewegt zu die­sen Wor­ten! Oh, blei­be mein! Behalt[‘] mich lieb! Ich kann ohne Dich nicht mehr leben! Ich lie­be Dich! Du!!! Mein [Roland]! Halt[‘] mich fest, ganz fest! Ich blei­be Dei­ne [Hil­de].

[an den lin­ken Rand geschrie­ben:]

Mein Her­ze­lein! Laß mich nun schlafe[n]gehen, ich bin so sehr müde. Und Schmer­zen hab[‘] ich heu­te, ich muß erst ruhen. Du!

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