22. März 1942

[420322–1‑1]

[Salo­ni­ki] Sonn­tag, den 22. März 1942

Her­zens­schät­ze­lein! Gelieb­tes, teu­res Weib!

Sonn­tag­abend ist. Viel­leicht sitzt Du um die­se Stun­de am ande­ren Ende und denkst mein, Gelieb­te! Ach Du! Du!!! Soviel Unge­duld und Unru­he habe ich doch über­haupt noch nicht in mir gespürt wie gera­de nach die­sem Urlaub. Sind es die Hoff­nun­gen, die wir uns machen und auf deren Erfül­lung ich so unge­dul­dig war­te? – oder ist es die lan­ge Span­ne Zeit mit dem gewis­sen Unge­wis­sen [sic] bis zum nächst­mög­li­chen Urlaub?

Und ich mer­ke es doch, daß auch in Dir die­se Unru­he ist, die Dich zu einer gera­de­zu beängs­ti­gen­den Geschäf­tig­keit treibt. Oh Gelieb­te! Wann wird die­ses War­ten ein­mal ein Ende neh­men? Wann wer­den uns[e]re Her­zen zur Ruhe kom­men ein­mal? Schen­ke Gott uns Kraft und Geduld zu treu­em Aus­har­ren.

Wir haben den gan­zen Nach­mit­tag zu Hau­se gehockt. Es war heu­te sehr kühl, gegen Mor­gen 3 Grad, um Mit­tag nur zehn Grad. Am Vor­mit­tag war es hell und son­nig, am Nach­mit­tag trüb­te es ein. Heu­te end­lich konn­te ich mich mal frei­ma­chen zum Kirch­gang. Zehn Minu­ten zu spät kam ich zum Got­tes­dienst. Ich fühl­te mich wie­der recht zu Hau­se dar­in. Der Pre­di­ger hat­te eine fei­ne Art, in sei­ne Gedan­ken­gän­ge tief und über­zeu­gend zu füh­ren, eine ganz unmi­li­tä­ri­sche, rein christ­li­che Pre­digt war es, ohne auch den kleins­ten Sei­ten­blick auf das Poli­ti­sche, und das umso ver­wun­der­li­cher, als er vom Tode pre­dig­te und dem ewi­gen Leben. Wir sind nur Gäs­te auf Erden, wir haben hier kei­ne blei­ben­de Statt; Frem­de, Aus­land, Elend ist die­se Erde – uns[e]re Hei­mat sei bei Gott.

Wenn wir noch län­ger hier­blei­ben, soll­ten, will ich es durch­set­zen, daß ich wenigs­tens aller [sic] 14 Tage ein­mal den Got­tes­dienst besu­che. Am Nach­mit­tag haben wir bei­de ein paar Päck­chen ver­sand­fer­tig gemacht, haben ein wenig Schach gespielt – und dann war der Abend wie­der her­an. Mor­gen abend wird Kame­rad H. uns[e]re Run­de wie­der fül­len – schon wie­der – vor­über, vor­über.

Her­ze­lein! Dein lie­ber Bote vom Mon­tag ist zu mir gekom­men. Ich war froh, daß er so fein pünkt­lich kam – ich habe ihn sehn­lich erwar­tet. Ich dan­ke Dir für Dei­ne lie­be Bericht­erstat­tung

Nun will ich Dir Ant­wort geben. Du erwar­test von mir eine Ent­schei­dung, lie­bes Weib! Du fragst mich als Dei­nen Beschüt­zer.

Du weißt, wie lieb ich Dich beschüt­zen möch­te, weißt, wie lieb und wert ich Dich hal­te. Ich dan­ke Dir von Her­zen für Dei­ne Lie­be und Dein Ver­trau­en  und Ver­ste­hen.

Ich kann nicht anders: so wie es nun ist, muß ich Dein Han­deln ganz bil­li­gen – ich hät­te an Dei­ner Stel­le wohl nicht anders han­deln kön­nen. Ich kann Dir auch nicht weh­ren, Dei­ne Bereit­schaft für künf­ti­ge Fäl­le in Aus­sicht zu stel­len. War­um es nun wie­der gleich ein Dienst sein muß (Bahn­hofs­dienst), das ver­ste­he ich nicht, kann ich von hier aus auch nicht beur­tei­len. Du weißt, daß ich Dir ganz ver­traue. Du machst mir auch kei­nen Kum­mer damit. Und mit dem klei­nen Schmerz, den mir es berei­tet, daß ich etwas abtre­ten muß von Dei­ner Lie­be, muß ich schon sel­ber fer­tig wer­den. Er ver­schwin­det neben dem grö­ße­ren, den es mir berei­tet, daß ich Dir fer­ne sein muß.

Als Dein Beschüt­zer aber kann ich nicht anders, als dich noch ein­mal [zu] ermah­nen: Denk an Dei­ne Gesund­heit! Den­ke an Dei­ne Frei­heit! Den­ke dar­an, daß Tage kom­men, an denen Du die frei­en Stun­den brauchst! Den­ke dar­an, daß Du Dir in Dei­ner Güte eher zuviel auf­lädt­st als zu wenig! Ich erschre­cke immer gelin­de, wenn ich, wie heu­te, lese, wie voll, prop­pen­voll, Dein Tag ist. Das wäre mir schon viel zu eng, da bekä­me ich Beklem­mun­gen. Ich ken­ne das und weiß, daß die­ser Tages­lauf zuletzt unzu­frie­den macht.

Her­ze­lein! Und ich bit­te Dich, den­ke nicht zuletzt an unse­ren Anspruch, an unser beson­de­res Recht – an unse­re beson­de­re Pflicht! – um die beküm­mern sich die ande­ren nicht, sie fra­gen nicht danach; dar­um fra­gen auch wir die ande­ren nicht ängst­lich nach ihrer Mei­nung, wir brau­chen uns vor ande­ren nicht zu schä­men, wir wis­sen selbst, ob wir uns[e]re Pflicht tun.

Recht des Vol­kes, Pflicht gegen­über dem Vol­ke – Recht der Per­sön­lich­keit, Pflicht gegen­über der Per­sön­lich­keit. Es ist ein Wider­streit auch zwi­schen die­sen bei­den. Und die­ser Krieg, der alles in sei­ne Gewalt zwingt, er ruft uns[e]re Per­sön­lich­keit zu dop­pel­ter Wach­sam­keit auf. „Höchs­tes Glück der Erdenkin­der ist doch die Per­sön­lich­keit“ sagt [J. W.] Goe­the [in “Buch Sulei­ka”, West-öst­li­cher Diwan, 1819]. Und wie recht er damit hat, mag dar­aus erhel­len [sic], daß kein Mensch groß nach dem Volk fragt um 1600 oder 1700, daß aber alle Welt die Namen uns[e]rer Größ­ten nennt, die damals schaff­ten – Per­sön­lich­kei­ten. Volk, das ist die gro­ße Uni­form, unter der alles Per­sön­li­che ver­schwin­det – im Krie­ge ist das wohl nicht anders mög­lich. Aber ein­mal soll die­ser Krieg doch auf­hö­ren – und dann soll die Per­sön­lich­keit auch schon dasein, des­halb muß sie schon vor­her wach­sein, dop­pelt wach­sein. Ver­ges­sen wir auch nicht, daß man im Namen des Vol­kes auch schon Unbil­li­ges von uns ver­langt hat und wie­der ver­lan­gen wird: es sind nicht nur ein­zel­ne, die da hin­tre­ten mit der The­se, daß wir mit dem Christen­glau­ben kein Volk sein kön­nen, daß wir die­sen Glau­ben unse­rem Vol­ke zulie­be auf­ge­ben müß­ten. Die Geschich­te wird spä­ter ein­mal dar­über urtei­len, wie man per­sön­li­che Macht­an­sprü­che und ‑gelüs­te tarn­te mit dem „im Namen des Vol­kes“. Her­ze­lein, es ist erschüt­ternd zu sehen, wie de unter der gro­ßen Uni­form Volk, die jetzt im Krie­ge ganz sicht­bar in Erschei­nung tritt, soviel per­sön­lich­keit [sic] zusam­men­bricht für immer, weil sie nicht stark genug war, weil sie zer­mürbt wur­de, weil mit der Nicht­ver­ant­wort­lich­keit auch ihr Halt dahin­schwand, und zu aller­meist des­halb, weil sie eines star­ken, gewis­sen Glau­bens ent­behr­te. Wel­chen Scha­den der Krieg damit anrich­tet oder zuta­ge tre­ten läßt, das ist viel­leicht noch furcht­ba­rer und erschre­cken­der – und vor allem fol­gen­rei­cher als alle Wun­den und Lücken, die die­ser Krieg schlägt. Wir kön­nen nur mit Sor­gen und hei­ßer Bit­te zu Gott in die Zukunft unse­res Vol­kes sehen.

Und wir müs­sen uns rüs­ten mit viel Kraft des Glau­bens und Wil­len zur Treue.

Ich bin so glück­lich, dass ich an Dir ein so lie­bes Weib gewann, das mir zu fol­gen bereit ist ohne Besin­nen, in lie­ben­dem Ver­trau­en und Ver­ste­hen. Gelieb­te! Uns[e]re Lie­be und unser Glau­be bewah­ren uns vor dem Abglei­ten in den gro­ßen Stru­del. Uns[e]re Lie­be und unser Glau­be stel­len uns auf uns selbst, machen uns selbst­ver­ant­wort­lich und damit erhe­ben sie uns zum Wert, zur Wür­de, zur Frei­heit der Per­sön­lich­keit. Wir wol­len unse­rem Vol­ke die­nen, aber als Per­sön­lich­keit. Ein Volk ist nur soviel wert, als in ihm Per­sön­lich­keit ist. Volk ist kein Wert an sich. Es ist nicht eines so wich­tig wie das ande­re: daß ein Volk lebt – und wie ein Volk lebt!

Her­ze­lein! In all die­sen Gedan­ken und Stre­bun­gen weiß ich mich glück­lich eins mit Dir. Ganz lieb und fest gehen wir Seit’ an Seit’, auch wenn wir ein­an­der fern sein müs­sen. Du wirst mit mir uns[e]re Lie­be und unse­ren Glau­ben treu bewah­ren! Wir kön­nen ohne sie nicht mehr leben! Gelieb­te! Laß Dir aus tiefs­tem Her­zen, aus tief­glück­li­chem Her­zen dan­ken für Dei­ne Lie­be und Dei­ne Kame­rad­schaft. Mein Leben hängt an dem Dei­nen, es hängt an Dei­ner Lie­be. Ich glau­be an Dei­ne Lie­be! Ich glau­be an Dei­ne Lie­be! [sic] Du mein Ein und Alles auf die­ser Welt! Ich lie­be Dich! Ich lie­be Dich allein!  Ich drü­cke Dich an mein Herz! Du! Du!!! Gelieb­te! Mein Leben !!!!! !!!!! !!!

Gott behü­te Dich!

Dein [Roland]!

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Eine Antwort auf „22. März 1942“

  1. Roland warnt Hil­de in der Rol­le als ihr Beschüt­zer, sich in ihrer Güte nicht zu vie­le Pflich­ten und Diens­te ‘am Volk’ auf­zu­la­den, sie soll an ihre Gesund­heit den­ken und an die Pflicht gegen­über ihrer eige­nen Per­sön­lich­keit, der Wah­rung ‘ihrer per­sön­li­chen Frei­heit’. Refle­xio­nen zum Wider­streit zwi­schen Frei­heit der Per­sön­lich­keit, Eigen­ver­ant­wort­lich­keit und Gehor­sam gegen­über dem Staat, der Pflicht gegen­über dem ‘Volk’ und der Abga­be der Ver­ant­wort­lich­keit an ein Kollektiv.‘an das gro­ße Gan­ze’, an die ‘Uni­form Volk’. Fürch­tet, dass die Zer­stö­rung der Per­sön­lich­keit bei den Über­le­ben­den des Krie­ges mehr Scha­den anrich­ten und fol­ge­wirk­sa­mer sein wird als die ‘Wun­den und Lücken’, die der Krieg hin­ter­lässt.

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