21. März 1942

Das Herz der Königin, Deutschland 1939/1940
Das Herz der Köni­gin, Deutsch­land 1939/1940, Spiel­film, Bild: Zarah Lean­der. Quel­le: Zarahleander.de, 02.2018.

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[Salo­ni­ki] Sonn­abend, den 21. März 1942

Herz­al­ler­liebs­te mein! Mein lie­bes, teu­res Herz!

Sonn­abend­abend ist. Ganz allein sit­ze ich im Zim­mer bei der Steh­lam­pe – Kame­rad K. ging ins Kino – eine Stu­be ganz allein, einen Ofen, eine Lam­pe, es ist doch wie im Frie­den, nicht schlech­ter als in mei­ner Jung­ge­sel­len­zeit. Wie gut haben wir es! Das wol­len wir immer beden­ken. Dein lie­ber Sonn­tag­bo­te ist gekom­men. Ich woll­te anfäng­lich mit­ge­hen ins Kino, aber ich will doch lie­ber allein sein mit Dir heu­te. Ich gehe dafür mal in der Woche. Ab Mon­tag spielt man [sie­he Abbil­dung] „das Herz der Köni­gin“, den Film habe ich mir schon vor­ge­merkt.

Aus­zug aus dem Brief

Her­ze­lein! Bera­ten soll ich mit Dir. Es ist so schwer über die Fer­ne und wäre soviel leich­ter, wenn wir ein­an­der dazu nahe wären. Aber es geschieht nun so nicht min­der lieb, und mit dem Wil­len zu liebs­tem, innigs­tem Ver­ste­hen. Und wir sind damit bis­her noch immer zurecht­ge­kom­men. Herz­lieb! Ich weiß nicht, ob ich nun heu­te schon die rech­ten, pas­sen­den Wor­te fin­de. Es bewegt mich alles zu sehr, und Du weißt es, daß einem ein bes­se­rer und kla­re­rer Gedan­ke oft erst nach­träg­lich ein­fällt. Dar­um bit­te ich Dich um Nach­sicht und Geduld.

So ganz fern unse­ren Gedan­ken und Erwä­gun­gen liegt all das nicht. Ich habe Dir erst vor ein paar Tagen, als hät­te ich es geahnt, davon geschrie­ben.

Zunächst: Was Dein Ein­sprin­gen am Sonn­tag bei Ankunft des Trans­por­tes betrifft, so konn­test Du nicht anders han­deln – und ich hät­te es an Dei­ner Stel­le nicht anders gekonnt. – Und viel­leicht kannst Du nun auch nicht anders, als Dich zum Bereit­schafts­dienst mel­den, so wie Du mir das schil­derst und nahe­legst. Und viel­leicht kannst Du eines Tages nicht mehr anders, als Dich zur stän­di­gen Hil­fe im Laza­rett bereit­erklä­ren. Du bewährst Dich beim Dienst, es wer­den Kräf­te drin­gend gebraucht, man appel­liert an Opfer­sinn und Gewis­sen, an das Pflicht­ge­fühl – und Du kannst nicht mehr anders. Ich will damit sagen, daß in die­sem Gan­ge eine Zwangs­läu­fig­keit liegt, so wie auf A – B folgt. Weil Du Dich bewährt hast im Kur­sus – und wie hät­test Du anders gekonnt? – wirst Du nun her­an­ge­zo­gen: Es ist wie bei Dei­nem Man­ner­li! Weil es sich bewährt hat, wird es zum Uffz.[Unteroffizier] vor­ge­schla­gen – und, Iro­nie des Schick­sals, muß so viel­leicht län­ger bei­blei­ben und Dir fer­ne sein. Zwangs­läu­fig­keit auch inso­fern, als Du nun eigent­lich selbst ent­schei­den mußt. Du kannst nicht hin­tre­ten und sagen: „mein Mann wünscht nicht, daß ich mich aktiv betä­ti­ge“! Her­ze­lein! Mein Rat käme und kommt zu spät. Er wäre zurecht gekom­men, bevor Du Dich zu dem Kur­sus mel­de­test. Und ich weiß, ich hät­te Dich damals dar­auf­hin­ge­wie­sen [sic], daß Du in die­serm [sic] Zeit um eine Ver­pflich­tung nicht her­um­kommst. Hat man mich doch sei­ner­zeit schon schief ange­se­hen dar­um, daß ich nur Gast sein woll­te und mei­ne Kennt­nis­se erwei­tern. Du selbst mußt nun für Dei­ne Ent­schei­dung ein­tre­ten in der Fra­ge des Bereit­schafts­diens­tes. Und unser Raten und Bera­ten kann sich nur dar­auf beschrän­ken, Klar­heit und rech­tes Ver­ste­hen zwi­schen uns zu schaf­fen. Und die­ses Klä­ren und Ver­ste­hen geht um die Her­zenspein, die uns das Rin­gen zwei­er ent­ge­gen­ge­setz­ter Pflicht­ge­füh­le ver­ur­sacht. Unser Leben­lang [sic] gera­ten wir ein­mal tie­fer, ein­mal weni­ger tief in sol­chen Kon­flikt. Es ist ein ste­tes Rin­gen in uns und um uns zwi­schen Pflicht und ande­rer Pflicht; Pflicht und Nei­gung, zwi­schen Eigen­nutz und All­ge­mein­nutz, Eigen­lie­be und Nächs­ten­lie­be, Recht der Per­sön­lich­keit und Recht des Staa­tes, des Vol­kes.

Her­ze­lein! Ers­te, hei­ße Lie­be brennt in uns, alles über­strö­mend, alles ein­schmel­zend in ihr Feu­er – ent­schie­den, eigen­sin­nig, eigen­nüt­zig. Und wir haben schon eini­ge­ma­le [sic] erkannt und emp­fun­den, daß sie uns in Gegen­satz und Wider­spruch bringt zu dem Gebot der groß­her­zi­gen Nächs­ten­lie­be. Aber wir wer­den des­halb nicht ban­ge und wir wis­sen, ers­te, hei­ße, tie­fe Lie­be ist so, sie wird sich wan­deln – im Gegen­teil, wir sind beglückt davon, weil wir so spü­ren, daß wir ein­an­der ganz sehr lieb­ha­ben – und gut ist es so, weil wir bewahrt blei­ben vor aller Ver­su­chung.

Herz­lieb! Alles hat die­se Lie­be über­tönt.

Zwei Ju 88 der Aufklärungsgruppe 33
Zwei Ju 88 der Auf­klä­rungs­grup­pe 33, am 21. März 1942 über Aigues Mor­tes an der fran­zö­si­schen Mit­tel­meer­küs­te. Quel­le: DBa Bild 1011–371-2569–15, über Wiki­wand, 05.2017

Das gro­ße poli­ti­sche Gesche­hen, wir sehen es nur, konn­ten es nur [s]ehen in Bezug auf uns[e]re Lie­be. Und die­ser Krieg, die­ses schreck­li­che Unglück, ließ uns doch zuerst an uns den­ken, an unser Glück. „Muß nicht ein jeder sich ein­set­zen mit sei­nen bes­ten Kräf­ten? Wenn alle so zögern woll­ten wie ich, wohin kämen wir da? Bin ich nicht ein eng­her­zi­ger Mensch?“ Das sind Dei­ne Wor­te, Her­ze­lein. Paß­ten sie nicht, und noch viel gewich­ti­ger und dras­ti­scher, auf den Augen­blick, da Dein Man­ner­li vor der Wahl stand, vor die Wahl sich hät­te stel­len müs­sen, ob er sich frei­wil­lig zum Kriegs­dienst mel­de­te oder nicht? Und wie habe ich gehan­delt? Ach, ich habe gar nicht gewählt. Damit will ich nur sagen und zei­gen, daß die Lie­be dar­in uns alles ande­re sein läßt als tugend­haft. Wenn wir mit den Tugen­den des Opfer­sin­nes und des Ein­sat­zes für das Vater­land ernst machen woll­ten – ja, dann müß­ten wir letzt­lich die Lie­be in uns aus­lö­schen und ertö­ten.

Also: es bleibt ein Rin­gen zwi­schen Pflicht und Pflicht, und Eigen­lie­be, Eigen­nutz, per­sön­li­cher Anspruch wer­den sich immer her­vor­tun und behaup­ten wol­len. Und es gilt nun zu wägen, abzu­stim­men – viel­mehr, es ist in mir ein immer­wäh­rend[‘] Abstim­men und Wägen, so, wie wenn wir über­schla­gen, wie­viel Pfen­ni­ge zur Win­ter­hil­fe uns eine ange­mes­se­ne Spen­de erschei­nen.

Her­ze­lein! Und die­ses Ermes­sen liegt bei jedem von uns selbst. Und unser bei­der Ermes­sen wird sich ganz ähn­lich sein, weil uns bei­de gro­ße, hei­ße Lie­be mit ihrem Anspruch erfüllt.

Du sagst: „es ist wenig, was ver­langt wird, aller paar Wochen mal einen hal­ben Tag (!), ist es nicht erbärm­lich, wer da noch zögern kann? Ich will gei­zen mit einem gerin­gen Teil nur mei­ner Zeit?“ Wenn Du es so siehst, wenn es Dir so vor­kommt, wenn Du so unaus­weich­lich Dich vor eine Pflicht gestellt siehst, dann wäre ich nicht Dein gutes Man­ner­li, wenn ich Dich dar­an hin­der­te, die­ser Pflicht nach­zu­kom­men – dann wür­de ich Dich ja bloß­stel­len mit mei­ner Wei­ge­rung.

Nur – ich sehe es ein wenig anders. Häus­lich­keit, Kin­der­schar, Kan­to­rei, Rotes Kreuz, Frau­en­dienst, Frau­en­schaft. Du schriebst jetzt: „mit der Über­nah­me die­ses Amtes füh­le ich mein Gewis­sen ent­las­tet.“ Es ist wohl so, daß Du Dich ein wenig in die Enge getrie­ben fühlst mit der Über­nah­me des Bereit­schafts­diens­tes. Her­ze­lein! Ich möch­te Dich ganz lieb ermah­nen: über­nimm Dich nicht! „Gei­zen mit einem gerin­gen Teil nur mei­ner Zeit“, ich glau­be, so viel Zeit gehört Dir sel­ber gar nicht mehr. Du bist drauf und dran, die Frei­heit, die Du noch hast und die Du brauchst, zu ver­spie­len. Wie unglück­lich wäre ich, wenn ich von mei­ner frei­en Zeit auch nur eine Stun­de abtre­ten müß­te! Her­ze­lein! Beden­ke, daß Du und ich ein beson­de­res Recht und beson­de­ren Anspruch dar­auf haben : An der Schwel­le zum gemein­sa­men Leben riß uns der Krieg aus­ein­an­der.

Gelieb­te! Und laß Dich wei­ter­bli­ckend ganz ganz lieb dar­an ermah­nen, daß wir uns[e]re Lie­be um kei­nen Preis gefähr­den möch­ten. Her­ze­lein! Du weißt, wie ich Dich lie­be! Du weißt, wie mir Dei­ne Lie­be alles bedeu­tet, alles! Und ich weiß, ich kann die­ser Lie­be auch Opfer brin­gen, ich kann auch Schmer­zen lei­den um

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[Anmer­kung am Ende der Sei­te] x die­sen Anspruch wird uns die Öffent­lich­keit oder gar der Staat nie zubil­li­gen, den müs­sen wir sel­ber ver­tre­ten]:

sie – ich kann nicht mehr von Dir mich schei­den, ich kann von die­ser Lie­be nicht las­sen, und wenn sie mich noch so schmerz­te – [.] Ich habe Dir von mei­ner Bit­te geschrie­ben vor weni­gen Tagen. Ich tue sie nicht aus Miß­trau­en gegen Dich – ich tue sie für mich und Dich, aus Eigen­nutz uns[e]rer Lie­be also. Her­ze­lein! Wer kann sagen, wie­lan­ge [sic] die­ser Krieg noch währt? Gebe Gott, daß er bald, recht bald ein Ende nimmt! Daß wir damit auch erlöst wer­den von dem Schmerz der Sehn­sucht, erlöst auch von die­sem Kon­flikt, die­ser Her­zenspein. Rück­sichts­los heischt die­ser Krieg Men­schen­op­fer – der Mensch wird zur Zahl, zur Num­mer, aller per­sön­li­chen Rech­te geht er ver­lus­tig, aller per­sön­li­chen Frei­heit – nur weni­gen gibt er dafür die Gele­gen­heit zu leuch­ten­dem Hel­den­tum – den meis­ten aber raubt er noch viel mehr als nur ihre per­sön­li­che Frei­heit.

Oh Gott im Him­mel, hilf uns und nimm die­ses schreck­li­che Gericht von uns! Schen­ke uns Kraft und Geduld zu rech­ter Treue und Lie­be! Erhal­te uns uns[e]re Lie­be!

Ach Gelieb­te! Wie schwach sind wir Men­schen doch, daß wir nicht bedin­gungs­los Gott ver­trau­en kön­nen, daß wir uns sor­gen! Wie unvoll­kom­men auch, daß wir bei aller Lie­be doch auch ein­an­der Schmerz zufü­gen müs­sen.

Es ist schon spät, Her­ze­lein! Ich will jetzt auf­hö­ren. Ich bin müde – und bin es auch nicht. Ich wer­de nicht gleich kön­nen ein­schla­fen. Mor­gen will ich wie­der zu Dir kom­men und mit Dir reden, Her­ze­lein!

Ach Du! Was läßt mich so grü­beln und raten? War­um sor­ge ich mich: „ja, Du tust recht dar­an, daß Du hilfst, es freut mich, es ist Dei­ne Pflicht sogar, ich mag Dich kei­nen Augen­blick dar­an hin­dern, am liebs­ten fol­ge Dei­nem Wun­sche, mel­de Dich als Schwes­ter! – – – “. Wäre das nicht gut und tap­fer und gera­de und eben­so, nein, erst recht lieb gespro­chen und gera­ten?

Was hemmt mich, was hin­dert mich dar­an? Oh Gelieb­te! Es ist wohl der Lie­be Eigen­sinn, Eigen­nutz, das Fest­hal­ten, das Fest­klam­mern. Ist mei­ne Lie­be so? Ist sie dar­in anders als die Dei­ne? Daß wir ein­an­der dar­in nicht ver­ste­hen könn­ten?

Nun fra­ge ich sel­ber, und woll­te Dir doch Ant­wort geben.

Her­ze­lein! Ich will Dir hel­fen, Klar­heit schaf­fen. Wir wol­len ein­an­der hel­fen. Wir wol­len ganz klar und unge­trübt sehen.

Laß es heu­te genug sein.

Ach, daß ich Dir näher sein könn­te mit mei­nem Rat! Daß ich Dir zei­gen könn­te, wie lieb ich es mei­ne! Daß Du mich sehen könn­test und hören und ver­ste­hen!

Gott behü­te Dich mir! Er erhal­te Dich mir froh und gesund. Ich behal­te Dich lieb! Ganz lieb!

Ich bin Dein! Ganz Dein! Und blei­be ewig Dein – bis kein Atem mehr in mir ist –

Ich lie­be Dich! Ich hal­te Dich ganz fest, sooooooooooooo fest.

Dein [Roland].

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